Heute in den Feuilletons

Die Feigheit vor der Realität

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2011. In der Welt lehnt die ägyptische Frauenrechtlerin Nawal al-Saadawi das Verfassungskomitee ab: Da sitzten nur alte Männer. Die seit Monaten von der Außenwelt abgeschnittene Liu Xia konnte fünf Minuten ins Internet, berichtet die Washington Post. In der NZZ fordert Paul Lendvai die Ungarn auf, endlich die rosarote Brille abzusetzen, wenn sie sich selbst betrachten. Und alle Zeitungen sind sich einig: die Berlinale war schlecht, der Bär für Asghar Farhadis "Nader und Simin" die beste Wahl.

NZZ, 21.02.2011

Der österreichisch-ungarische Publizist Paul Lendvai macht die mangelnde historische Aufarbeitung für die mentale Verwahrlosung in Ungarn verantwortlich: "Die eigentliche Hypothek, die auf Ungarn lastet, sind das Verdrängen, Verschweigen und die Beschönigung der Wahrheit über den Weg nach Trianon, zur Todesurkunde des Stephan-Reiches und zu den verhängnisvollen Umwälzungen zwischen 1920 und 1989. Was Nietzsche 'die Feigheit vor der Realität' nannte, gilt in verschiedener Hinsicht wohl für alle postkommunistischen Staaten und keineswegs nur für Ungarn. Zugleich muss man aber auch an die treffende Beobachtung William M. Johnstons, des amerikanischen Kulturhistorikers, erinnern: 'Die Bereitwilligkeit, die Welt durch eine rosarote Brille anzusehen, verleitete die Ungarn dazu, ihre Größe zu übertreiben, während sie das Elend der unterworfenen Völker nicht zur Kenntnis nahmen.'"

Weiteres: Susanne Ostwald bedauert zwar das dürftige Berlinale-Programm in diesem Jahr, "das verzagter kaum hätte sein können", stellt dann aber überraschend fest: "Ein schwacher Jahrgang darf nicht dazu führen, dass über die Direktion des Festivals geredet wird." Sieglinde Geisel feiert die Ausstellung "Celebrity - The One And The Many" des dänischen Künstlreduos Elmgreen & Dragset im Karlsruher ZKM.
Stichwörter: Paul Lendvai, Ungarn

Welt, 21.02.2011

Die 79-jährige ägyptische Frauenrechtlerin Nawal al-Saadawi erklärt in einem temperamentvollen Interview, warum sie nichts von der Übergangsregierung (alles Mubarak-Männer) und schon garn nichts vom Verfassungskomitee hält (keine einzige Frau!): "Dieser Verfassungsrat wird uns eine Verfassung schneidern, die hauptsächlich islamisch ausgerichtet sein wird. Sie werden zum Beispiel Artikel 2 der Verfassung beibehalten, der festlegt, dass der Islam Staatsreligion ist. ... Alle Artikel, die sich auf die Scharia berufen oder an sie anlehnen, sollten entfernt werden. Die Verfassung sollte 100 Prozent säkular sein. Tarek al-Bischri, Vorsitzender des Verfassungsrats, gilt als islamischer Reformdenker. Mit ihm sind solche Änderungen sicherlich nicht vorstellbar. Deshalb glaube ich, dass die Revolution unterdrückt werden soll. Wir dürfen das nicht stillschweigend hinnehmen."

Hier ein Video mit ihr vom April 2010:



Im Feuilleton freut sich Hanns-Georg Rodek über den goldenen Bären für Asghar Farhadi. Im Interview erklärt der iranische Regisseur, wie man die Zensur umgeht: "Der Trick besteht vor allem darin, dass ich keinerlei Botschaft oder Manifest abgebe, nichts werte und nicht Position beziehe, sondern es völlig dem Zuschauer überlasse, sich eine Meinung zu bilden." Peter Dittmar erklärt, warum Russland keine Kunstwerke mehr an amerikanische Museen ausleiht.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Liederabend am Deutschen Theater und das Videospiel "Dead Space 2".

In der Welt am Sonntag fühlt Henryk M. Broder nach Lektüre der "Panikmacher" besorgt Patrick Bahners den Puls und diagnostiziert Angst vor der Wirklichkeit: "In seiner Welt ist es nicht der militante Islam beziehungsweise der Islamismus, der das friedliche Zusammenleben der Menschen bedroht, es ist die Spezies der 'Islamkritiker' - lauter Panikmacher, Paranoiker und Politkasper, die sich aufgemacht haben, um eine so friedliche, harmlose und tolerante Weltanschauung wie den Islam in Verruf zu bringen. Er nennt viele Namen und zitiert viele Beispiele, nur eine Information verkneift er sich: wie die 'Islamkritik' als Diskursgegenstand in die Welt gekommen ist. Dabei kann man den Zeitpunkt auf die Minute genau festlegen: Es war der 11. September 2001, um 8.46 Uhr New Yorker Zeit. Bis dahin beschränkte sich 'Islamkritik' auf die Frage, ob man als Urlauber in Ägypten oder in Tunesien mehr für sein Geld bekommt."

Perlentaucher, 21.02.2011

Nicht sehr optimistisch analysiert Richard Herzinger die Lage in Ägypten und der Nahostregion nach der Revolution: "Wie weit auch immer sich Ägypten tatsächlich "demokratisieren" wird, und auch wenn die Muslimbrüder sich vorläufig im Hintergrund halten sollten - sicher scheint bereits, dass das Land eine Verfassung haben wird, die noch mehr von islamischen Prinzipien bestimmt sein wird als bisher."
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Stichwörter: Ägypten, Muslimbrüder

Weitere Medien, 21.02.2011

Liu Xia, die Frau des inhaftierten Nobelpreisträger Liu Xiaobo, erwischte am Donnerstag für fünf Minuten einen freien Internetanschluss und konnte mit einem Freund sprechen, berichtet Keith B. Richburg in der Washington Post. "'I don't know how I managed to get online,' Liu Xia wrote to the friend in her post. 'Don't go online. Otherwise my whole family is in danger.' The friend asked, 'Are you at home?' 'Yes,' Liu Xia responded, writing in Pinyin, the Chinese transliteration system. She said she was using an old computer and apparently could not type Chinese characters. 'Can't go out. My whole family are hostages,' Liu Xia said. Later she wrote, 'I only saw him once,' apparently referring to her husband, Liu Xiaobo. 'So miserable,' she wrote. 'Don't talk.' 'I'm crying,' she added. 'Nobody can help me.'"

Thomas Fuller beschreibt in der NYT die Debatten in Tunesien, wo hitzige Debatten über die Zukunft des Landes geführt werden. Mit teilweise ungewöhnlichen Folgen: So musste kürzlich die Polizei ausrücken, um einige Bordelle vor religiösen Demonstranten zu schützen. Am Samstag wiederum demonstrierten Tausende für eine Trennung von Staat und Religion. "Die Tunesier diskutieren die Zukunft ihres Landes buchstäblich auf der Straße. Die Avenue Habib Bourguiba im Zentrum von Tunis erinnert an den Wochenende an ein Forum Romanum, so vollgepackt ist sie mit Menschen aller Altersgruppen, die aufgeregt über Politik diskutieren."

Alle atmen auf. Marcus Hellwig und Jens Koch sind frei. Und Press TV, der iranische Propagandasender fürs Ausland kassiert den Preis, zeigt einen herzlichen Handschlag zwischen Guido Westerwelle und seinem Kollegen Ali Akbar Salehi und textet: "German Foreign Minister Guido Westerwelle has stressed the importance of promoting dialogue and cooperation with Iran, adding that problems will not be resolved through conflicts. 'Germany believes that respecting the rights of countries is the main base for the global system,' IRNA quoted Westerwelle as saying in a joint press conference with his Iranian counterpart Ali Akbar Salehi in the Iranian capital city of Tehran on Saturday."

FR, 21.02.2011

Daniel Kothenschulte ist einverstanden mit den Bären für Asghar Farhadis "Nader und Simin, eine Trennung". Sein Gesamturteil über den Wettbewerb ist allerdings vernichtend: "Qualitativ spielt der Berlinale-Wettbewerb längst nicht mehr in derselben Liga wie Cannes und Venedig."

Weiteres: Christian Schlüter meditiert über den Casus Guttenberg. Besprochen werde Jonathan Lethems großer New-York-Roman "Chronic City" (mehr hier), Hans Werner Henzes "El Cimarron" in Berlin, Katie Mitchells Inszenierung der "Wellen" von Virginia Woolf am Kölner Schauspielhaus und Ereignisse des finnischen Rantakala-Festivals in Hamburg.

Aus den Blogs, 21.02.2011

(Via BoingBoing) Faszinierend. Hierr gibt's ein Real-Time-Tweet-Mapping aus den arabischen Ländern:




Stichwörter: Arabische Länder

TAZ, 21.02.2011

Absolut alternativlos war der Goldene Bär für Asghar Farhadis "Nader und Simin, eine Trennung" in Cristina Nords Augen: "Es gab im diesjährigen Wettbewerbsprogramm schlichtweg nicht viel, was eine Auszeichnung wert gewesen wäre. Der auf 16 Filme verknappte Wettbewerb bewegte sich auf einem Niveau, das das der Vorjahre noch unterbot."

Weiteres: In den Notizen zum Kleist-Jahr schreibt heute der Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters Armin Petras: "Meiner Meinung nach ist Heinrich von Kleist der beste deutsche Dramatiker, den es jemals gab." Brigitte Werneburg besichtigt die Thomas-Scheibitz-Ausstellung "Il fiume e le sue fonti" in der Collezione Maramotti in Reggio Emilia.

Und Tom.

SZ, 21.02.2011

Susan Vahabzadeh resümiert die Berlinale. Sie ist einverstandenen mit den Bären für Asghar Farhadis "Nader und Simin, eine Trennung", aber sie konstatiert auch: "Das Kino ist nicht gut in Form - es war ein kleiner Wettbewerb mit nur sechzehn Filmen, üblich sind mehr als zwanzig, und es ergäbe keinen Sinn, den Wettbewerb klein zu gestalten, hätte man bei der Berlinale den Eindruck gehabt, einen Jahrgang mit lauter Meisterwerken zu sichten."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld betont noch einmal, dass es keine Lappalie ist, in einer Dissertation zu plagiieren. Willi Winkler fürchtet, dass die Walter-A.-Behrendsohn-Forschungsstelle an der Uni Hamburg, die deutschlandweit einzige Forschunsstelle für Exilliteratur, untergehen soll. In den "Nachrichten aus dem Netz" konstatiert Niklas Hofmann die Ohnmacht der italienischen Blogosphäre - nur 52 Prozent der Italiener haben überhaupt Internet. Jörg Häntzschel erzählt von einem nachgerade umweltschädlichen Bibelboom in den USA - jeder fromme Haushalt habe neun Stück davon.

Besprochen werden neue DVDs, die neue CD von Radiohead und Bücher, darunter ein Band mit Erinnerungen an Ruth Berghaus, den wir seinerzeit vorblätterten.)

Auf der Seite 3 unterhält sich Holger Gertz mit dem Autor Uwe Timm über Hamburg (das aber nicht so gut abschneidet wie München).

FAZ, 21.02.2011

Gustav J. Dobos und Sherko Kümmel erklären in einer Kurzfassung der Thesen ihres in dieser Woche erscheinenden Buchs "Gemeinsam gegen den Krebs", warum Schulmedizin und Naturheilkunde Verbündete und nicht Gegner in der Krebsbekämpfung sind. Nach einer sehr mittelmäßigen Berlinale hat wenigstens die Jury, lobt Verena Lueken, die richtigen Entscheidungen gefällt. Die Geschichte des Scheiterns des von Guy und Myriam Ullens ins Leben gerufenen Pekinger Museums für Gegenwartskunst schildert Mark Siemons. Beim Blick in amerikanische Zeitschriften stellt Jordan Mejias fest, dass weiter über die Erziehungsmethoden der Tigermutter Amy Chua debattiert wird. In der Glosse bedauert Gerhard Stadelmaier die Grotte, weil man sie so sehr mit dem Schlechten in Verbindung bringt, obwohl das doch der Krott' - also der Kröte - Sache sein sollte. Von Peter Alexanders Begräbnis in Wien berichtet Martin Lhotzky. Der klarer denkende Rolf Dobelli warnt vor der "Konsensfalle". 

Besprochen werden Martin Schläpfers Ballettabend "b.07" an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, Katie Mitchells Kölner Inszenierung von Virginia Woolfs "Die Wellen" und Bücher, darunter Rose Tremains neuer Roman "Die Farbe der Träume" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).