Heute in den Feuilletons

Warum Schlafanzüge?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2011. In der Welt will Cora Stephan angesichts unseres politischen Personals nur noch eins: aus der Postdemokratie auswandern. In der taz erklärt die Historikerin Hanan Hammad: der Scharia-Paragraf in der ägyptischen Verfassung muss weg. Im Tagesspiegel erzählt Regisseur Andres Veiel, wie er die Liebesszenen in seinem RAF-Film inszenierte. Die SZ informiert uns, was auf das Plagiieren in Dissertationen steht: einjährige Haftstrafe oder Geldstrafe. In der FAZ fragt Thilo Sarrazin, warum Patrick Bahners es nötig hat, die Islamkritiker so herabsetzend zu behandeln.

Welt, 19.02.2011

im Aufmacher der Literarischen Welt erklärt Cora Stephan ihre Enttäuschung über Angela Merkel, die in eine weitergehende politische Verzweiflung mündet: "Die Alternative zu Angela Merkel ist nicht rot oder gelb oder grün. Die Alternative heißt: aus der Postdemokratie auswandern. Das Spiel nicht mehr mitspielen. Die Zustimmung verweigern. Ungültig wählen."

In einem kleinen Text macht sich der algerische Autor Boualem Sansal Sorgen um die arabischen Revolutionen: "Nirgendwo in der arabischen Welt gibt es eine Revolution der Ideen, eine Revolution, die die arabischen Völker tatsächlich befreien wird, die sich anschickt, dem Individuum einen Platz in der Gemeinschaft einzuräumen, der Vernunft neben dem Glauben zu ihrem Recht zu verhelfen, die Frau auf eine Stufe mit dem Mann zu stellen, den Zweifel gegenüber den Gewissheiten der Religion zu verteidigen, die von Menschen gewählten Vertreter höher zu schätzen als die Repräsentanten Allahs."

Besprochen werden Jonathan Lethems neuer Roman "Chronic City" und der zweite Band der Memoiren von Joschka Fischer (der in Christian Hacke auf einen recht ungnädigen Rezensenten stößt. Als "Grundmuster" Fischers macht er aus: "Euphorischer Start, mangelhafter Wirklichkeitssinn, schnell erlahmende Kräfte, schließlich Enttäuschung und Erfolglosigkeit").

Im Feuilleton sieht Ulf Poschardt gemäß seiner Theorie des Sampling Karl-Theodor zu Guttenberg als "Jay-Z der Politik", während Tilman Krause einen kulturkonservativen Akzent setzt und die von Guttenberg verschmähte "innerweltliche Askese" des Doktormachens preist. Stefan Keim fragt sich, ob die Intendantin Karin Beier auf dem Weg von Köln nach Hamburg nicht vom Regen in die Traufe kommt. Harriet Köhler geht mit John Irving in einem feinen Restaurant bei Stuttgart essen. Außerdem wird über die Berlinale berichtet.

TAZ, 19.02.2011

Die in den USA lehrende Historikerin Hanan Hammad erklärt im Interview, was sie von einer neuen ägyptischen Regierung erwartet: Der Scharia-Paragraf muss weg und "das ganze System muss sich ändern. Der Präsident sollte nicht mehr, wie seit Nassers Zeiten, eine Art Alleinherrscher sein, dessen Regierung nur aus fantasielosen Technokraten und korrupten Geschäftsleuten besteht. Auch wenn es bisher ein Parlament und eine formal unabhängige Justiz gab - am Ende bestimmte immer der Präsident. Wir brauchen echte Gewaltenteilung und mehr Transparenz. "

Außerdem: Auf den Berlinale-Seiten gibt's u.a. ein Interview mit Jonas Mekas über seinen Film "Sleepless Night Stories". Besprochen werden die 3D-Tanzfilme "Pina" von Wim Wenders und "La Danse" von Frederick Wiseman und Bücher, darunter Joschka Fischers Autobiografie (die Micha Brumlik zu wenig selbstkritisch findet, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Tagesspiegel, 19.02.2011

Christiane Peitz' schönes Interview mit Andres Veiel haben wir übersehen und tragen es nach. Der Regisseur erklärt, wie er in seinem Film "Wer wenn nicht wir" die Zeitmarke setzte: "Die freie Liebe fand 1965 im Ehebett mit Schlafanzügen statt, die Matratzenlager kamen erst später. Die Schauspieler waren erstaunt: Warum nicht auf dem Sofa, warum Schlafanzüge? Nein, es müssen erst brav die Ohrclips abgezogen werden, und neben dem Ehebett tickt der Wecker. Der Ausstatter Christian Goldbeck und ich haben das genau überlegt: Wann verzichten wir zum ersten Mal auf die Tapete?"
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Stichwörter: Andres Veiel

NZZ, 19.02.2011

Andrea Gnam meditiert auf zwei Seiten über "Kulturen des Wartens" auf Fotografien. Bernadette Conrad erzählt von Paula Fox, über die sie gerade eine Biografie verfasst hat. In den Bildansichten widmet sich Martin R. Dean George Stubbs' "Bay Hunter by a Lake". Besprochen werden u.a. zwei Bücher von und über Paula Fox (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton denkt Martin Meyer über den Volksaufstand in Ägypten und die Folgen nach. Alain Claude Sulzer beschreibt seinen digitalen Alltag. Marc Zitzmann würdigt die Arbeit der Pinacotheque de Paris.

Spiegel Online, 19.02.2011

Matthias Matussek macht sich seine Gedanken über Patrick Bahners' "Panikmacher" und Thomas Steinfelds Kollateralmusik im Feuilleton der SZ: "Sagen wir es so: Hirsi Alis Einwände gegen einen radikalen, Einspruch nicht duldenden Islam sind nicht ganz so sehr aus der Luft gegriffen... Für Steinfeld jedoch sind die Exponenten der 'sogenannten Islamkritik die 'schreibende Eingreiftruppe' einer falsch verstandenen Aufklärung', wobei er unter richtiger Aufklärung jetzt nicht die Security am Flughafen versteht, sondern das, was er selber betreibt, und das ist Gott sei dank nicht ganz so lebenswichtig."

FR, 19.02.2011

Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour hofft, dass "der Westen" in Ägypten die Muslimbrüder als Teil einer bunten Regierung akzeptiert und dass Europa die tunesischen Flüchtlinge aufnimmt. Rowohlt will den neuen Roman des ehemaligen Suhrkamp-Autors Mario Vargas Llosa nun doch nicht, meldet Judith von Sternburg, Suhrkamp steht schon bereit. Christian Thomas besucht die schöne Uta auf dem Naumburger Dom. Arno Widmann erzählt von der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ken'ichi Mishima in Berlin.

Besprochen werden Konzerte der Band of Horses und von Iron & Wine, die Choreografie "Schmuck//Stücke" beim Stuttgarter Ballett und Daniel Blatmans Arbeit über "Die Todesmärsche 1944/45" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 19.02.2011

(Via Hemartin) Kevin Kelly spricht auf der TOC-Konferenz über die Zukunft des Buchs:

Stichwörter: Kevin Kelly, Zukunft

SZ, 19.02.2011

Während die Seite 3 Karl-Theodor zu Guttenbergs respektlose Behandlung der Journalisten in seiner Doktoraffäre beklagt (der Sprecher Guttenbergs hatte zur Konferenz eingeladen ohne mitzuteilen, dass Guttenberg selbst zur gleichen Zeit an anderem Ort eine Konferenz gab, mehr hier), wird im Feuilleton Lothar Müller unbehaglich angesichts der "Meute", die in einem Wiki die Plagiate in Guttenbergs Dissertation sucht, und er zitiert Canetti: "Sie ist aufs Töten aus, und sie weiß, wen sie töten will." Rudolf Neumaier macht darauf aufmerksam, dass Plagiieren kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein Vergehen, das "mit einjähriger Haft oder Geldstrafe geahndet" wird. Der Soziologe Richard Münch erklärt im Interview, was man von einer Dissertation heute erwartet: "Grundsätzlich wird gefordert, dass eine Arbeit den Stand der Forschung zu einem Thema in Zitaten und Fußnoten dokumentiert und dann noch etwas Neues hinzufügt."

Hans Ottomeyer zieht im Interview Bilanz seiner Tätigkeit als Direktor des Deutschen Historischen Museums: Sein größter Fehler, sagt er, sei es gewesen, das DHM von einer GmbH in eine Stiftung zu verwandeln. Das Ergebnis sei eine "öffentliche Stiftung ohne Kapital mit hundertprozentiger Einflussnahme durch ein Kuratorium, das politisch besetzt ist".

Weitere Artikel: Jörg Häntzschel ist nicht begeistert von Frank Gehrys total unökologischem Luxuswolkenkratzer in New York (mehr in der NYT hier und hier) im Gegensatz zu Bjarke Ingels' Pyramide (mehr hier und hier). Auf der Berlinale-Seite schreibt Anke Sterneborg über Wolfgang Murnbergers "Mein bester Feind" und Jaume Collet-Serras Film "Unknown". Joachim Käppner schreibt zum Hundertsten des Schriftstellers Hans Scholz ("Am grünen Strand der Spree" hieß ein Besteller aus den 50ern). Auf der Medienseite nimmt Hans Holzhaider Alice Schwarzers Berichterstattung über den Kachelmannprozess aufs Korn.

In der SZ am Wochenende beklagt Burkhard Müller die Verachtung des Mittelmaßes in der heutigen Zeit. Es gibt einen Auszug aus Stefan Kiesbys Roman "Hemmersmoor". Und Colin Firth plaudert im Interview über seine Rolle als George VI. in "The King's Speech".

Besprochen werden eine Ausstellung mit den Zeichnungen Heinrich Kleys in der Münchner Villa Stuck, die Aufführung von Mark-Anthony Turnages Oper "Anna Nicole" an der Royal Opera in London, Danny Boyles Bergfilm "127 Hours" mit James Franco und Bücher, darunter Edward Hollis' "Kurze Geschichte des Abendlandes in zwölf Bauwerken" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 19.02.2011

Thilo Sarrazin antwortet heute auf Patrick Bahners' Kritik an den Islamkritikern. Ihn stößt vor allem Bahners' Versuch ab, die Kritiker zu diffamieren - indem er sie in die Nähe der die Nazizeit vorbereitenden Antisemiten des 19. Jahrhunderts rückt und ihre Qualifikation verächtlich macht. Beispiel Familienministerin Kristina Schröder: "Er kennzeichnet sie als 'die Politologin, die der aus dem Fernsehen bekannte Wahlforscher Jürgen Falter mit einer Untersuchung über die Gerechtigkeitsideale der CDU-Bundestagsabgeordneten promoviert'. Mit diesem völlig sachfremden Hinweis will er wohl seine Meinung zum Ausdruck bringen, dass die amtierende Familienministerin eine Dünnbrett-Dissertation geschrieben habe. Was soll das, und was hat dies mit den Argumenten von Kristina Schröder zu tun, außer man will eine Person diffamieren, um das Gewicht ihrer Meinung zu vermindern?"

Weitere Artikel: Jürgen Dollase isst in Rene Mathieus "La Distillerie" in Luxemburg. Timo John besichtigt Stuttgarts neues Stadtarchiv. Der Verband der privaten Konzertveranstalter hat das Land Hamburg verklagt, berichtet hd.. Der Grund: Die geplante massive Subventionierung des Konzertbetriebs der Elbphilharmonie sei eine Wettbewerbsverzerrung. Bert Rebhandl resümiert die Berlinale-Sektion "Forum Expanded". Marcus Jauer fürchtet das baldige Ende von Westerwelles Guido-Show. Nach der ARD kommt jetzt auch das ZDF mit kostenlosen Apps für iPhone und iPad auf den Markt, ärgert sich Michael Hanfeld auf der Medienseite.

In Bilder und Zeiten hält Alfred Brendel ein leidenschaftliches Plädoyer für Liszt, der einer der ganz Großen sei. Leider ist diese Erkenntnis oft abhängig von dem Pianisten, der ihn spielt: "Für den Pianisten ist Liszt ein Prüfstein. Seine Musik erweckt nicht nur alle Möglichkeiten, die in seinem Instrument schlummern, sondern demonstriert drastisch, wozu es eigentlich da ist, nämlich in allem Technischen und Klavieristischen der Musik untergeordnet zu sein. Transzendental sind nicht nur Liszts Etüden, sondern sein ganzer musikalischer Anspruch."

Weitere Artikel: Sonja Hartwig und Kilian Trotier erzählen die Geschichte eines jungen Amerikaners, der wegen Mordes zum Tode verurteilt und von seiner Schwester, die zum Zwecke seiner Verteidigung den Schulabschluss nachmachte und Jura studierte, nach 18 Jahren herausgehauen wurde (mehr in der NYT, die Geschichte wurde jetzt mit Hilary Swank in der Hauptrolle verfilmt). Oliver Georgi erzählt, wie er von einem Stalker verfolgt wurde. Die Opernsängerin Joyce DiDonato spricht im Interview über ihre Karriere und die Tücken des Koloraturgesangs.

Besprochen werden eine Aufführung von Mark-Anthony Turnages Oper "Anna Nicole" über Anna Nicole Smith in London, die Ausstellung "Matthew Brannon: A question answered with a quote" im Frankfurter Portikus, Jaume Collet-Serras Berlin-Berlinalefilm "Unknown" (mehr hier), die Ausstellung "Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick" im Wienmuseum, einige CDs, darunter vier Klaviersonaten Muzio Clementis mit dem Pianisten Olivier Cave und DVDs zu Iannis Xenakis, und Bücher, darunter Helmut Kraussers Roman "Die letzten schönen Tage" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Ulrich Weinzierl ein Gedicht von Hugo von Hofmannsthal vor:

"Weltgeheimnis

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wußten drum.
Wie Zauberworte, nachgelallt
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.
..."