Heute in den Feuilletons

Medea kann das!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.12.2010. Der iranische Regisseur Jafar Panahi wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. La regle du jeu und die Welt erzählen, warum das Regime ihn hasst. Der Tagesspiegel bringt ein Gespräch mit Bei Ling, dem Freund und Biografen Liu Xiaobos. Die SZ besucht Julian Assange auf Ellingham Hall. Er klagt über Schweden und den Feminismus. Die Zeit war dabei, als Sophie Rois in einem Restaurant die Weingläser zum Klirren brachte. In der FR feiert Jan Wagner den italienischen Lyriker Mario Luzi.

Welt, 22.12.2010

Hanns-Georg Rodek kommentiert die sechs Jahre Gefängnis und zwanzig Jahre Berufsverbot, zu denen der iranische Regisseur Jafar Panahi von Schergen der Regimes verurteilt wurde: "Der Film, den die Mullahs ihm wohl niemals verzeihen werden, dürfte 'Der Kreis' aus dem Jahr 2000 sein, der das tut, was Irans Männergesellschaft am wenigsten verträgt: Er macht Schicksale von Frauen sichtbar, und diese vier Frauen - drei kommen aus dem Gefängnis, eine von der Geburt im Krankenhaus - weigern sich, die ihnen zugewiesenen unterwürfigen Positionen einzunehmen. Es geht auch um Prostitution und damit um die Männer und ihre Doppelmoral, ihre Grausamkeit und ihre Feigheit."

Weitere Artikel: Vatikan-Spezialist Paul Badde macht auf ein Wunder aufmerksam: "Mysteriöser als das Grabtuch Christi: Von der Welt vergessen, ruht in Assisi der Schal der Mutter Gottes."

Besprochen wird eine von dem Maler Luc Tuysmans kuratierte Ausstellung mit aktueller Kunst aus Mitteleuropa in Brügge.

Aus den Blogs, 22.12.2010

Der iranische Regisseur Jafar Panahi wurde in Teheran zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren Berufsverbot verurteilt. La regle du jeu bringt den Aufruf der französischen Kinobranche zu seiner Freilassung: "Ein weiterer Filmemacher, Mohammed Rassoulov, wurde ebenfalls zu sechs Jahren Haft verurteilt. Jafar Panahi und Mohammed Rassoulov werden nun auf die zahlreichen Gefangenen treffen, die in iranischen Gefängnissen darben, in einem Zustand totaler Hilflosigkeit. Einige sind im Hungerstreik, einige schwer erkrankt. Was werfen die iranischen Machthaber Jafar Panahi vor? Sich gegen sein Land verschworen und eine feindselige Kampagne gegen das Regime gestartet zu haben. Die Warheit ist, dass Jafar Panahi unschuldig ist, sein einziges Verbrechen besteht darin, seinen Beruf als Filmemacher frei ausüben zu wollen. Seit mehreren Monaten haben die iranischen Machthaber eine wahre Kriegsmaschine gegen ihn in Stellung gebracht, die darauf abzielt, ihn zu vernichten, ihn wegzusperren und ihn zum Schweigen zu bringen."

Die Verlegerverbände jammern und zetern über die kostenlose Tagesschau-App für Smartphones. Totaler Quatsch, meint Thomas Lückerath vom Mediendienst dwdl.de: "Jeder der hip sein will, braucht eine App. Die wenigsten denken darüber nach, ob es überhaupt Sinn macht. Und ungläubig fragt man sich, welche Erwartungen wohl so manches Medium an seine App knüpft. Es würde nicht verwundern, wenn die Antwort den Machern selbst noch nicht bekannt ist. Dabei sein ist erstmal alles. Wenn für diese Planlosigkeit und Angebote ohne Mehrwert Geld verlangt wird, dann macht die Tagesschau-App keinen Markt kaputt. Sie öffnet nur die Augen dafür, dass sich mit plumper Abzocke kein stabiler Markt aufbauen lässt."

TAZ, 22.12.2010

Philip Gessler erinnert an den vor 400 Jahren gestorbenen und heute noch in China verehrten Jesuiten Matteo Ricci. Kübra Yücel ärgert sich über die Wehleidigkeit einiger Muslime. Mbr. stellt kurz das Google-Tool Ngram Viewer vor. Auf der Meinungsseite erzählt Ilija Trojanow, wie ihn Wissenschaftler auf einer Kreuzfahrt in die Antarktis von der Realität des Klimawandels überzeugten.

Besprochen werden Armin Petras' Adaption von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" am Berliner Gorki Theater und eine DVD zum Konzert von Anthrax, Metallica, Megadeth und Slayer in Sofia.

Und Tom.
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Tagesspiegel, 22.12.2010

Benedikt Voigt unterhält sich mit Bei Ling, dem Freund und Biografen Liu Xiaobos. Auf die Frage, wie groß die Gemeinschaft der Dissidenten in China sei, antwortet er: "Sie ist groß und klein. Wenn die Regierung sie nicht gerade bedroht, wächst sie sehr schnell. Aber wenn die Regierung die Bewegung stoppen will, ist sie nahezu verschwunden. Wie am 10. Dezember, als der Friedensnobelpreis vergeben wurde. Da hat die Regierung zahlreiche Dissidenten verhaftet und großen Druck ausgeübt, das Internet und Telefone kontrolliert. Die Dissidenten wurden zum Schweigen gebracht, das ist eine Schande. Aber wenn die Regierung eines Tages die Kontrolle verliert, wird die Bewegung der Dissidenten sehr schnell wachsen."

FR, 22.12.2010

Jan Wagner legt uns den italienischen Dichter Mario Luzi ans Herz. Gerade ist ein zweisprachiger Band mit einer Auswahl seiner Gedichte erschienen: "Luzis Gabe, visuelle Akzente zu setzen, bleibt evident, ob er Augen als Hagelkörner betrachtet, ob er übers Schweigen der Fische in der Tiefe nachdenkt oder einer Leichenverbrennung in Indien beiwohnt. Besonders präzise ist die Beobachtungskunst in jenen Gedichten, die sich der Natur zuwenden, den Tieren, einer Schwalbe etwa oder einer Forelle: 'Es kämmt ihr die Gedanken, / es formt ihre Sinne dieses Fließen / des Wassers und der Luft, / bei einem härteren Überfall / schlägt es ihr den Rücken, weckt in ihr / eine wellige / Erinnerung, halb nah, / halb fern', heißt es, und später umhüllt sie der Fluss 'mit einem Mantel / von Raserei und Macht, / treibt sie in ihr Schicksal'."

Außerdem: Christian Schlüter widmet sich ausführlichst dem "Wutbürger", der gerade von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gekürt wurde. Auf der Medienseite berichten Michael Bergius und Peter Steinke über Proteste in Ungarn gegen das am Dienstag verabschiedete neue Mediengesetz.

Besprochen werden Patricio Guzmans Dokumentarfilm "Nostalgie des Lichts", die finnische Fantasy-Filmgroteske "Rare Exports", die Ausstellung "Tänzer.Sein" im Tanzmuseum in Köln und Bücher, darunter Horst Bredekamps Buch "Theorie des Bildakts" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 22.12.2010

Gabriele Detterer besichtigt den zum Museo del Novecento umgebauten Palazzo dell' Arengario am Mailänder Domplatz. Besprochen werden eine Ausstellung über die französische Designerin Andree Putman im Pariser Rathaus, die Aufführung von Lukas Bärfuss' "Parzival" am Stadttheater Bern, Jens Neuberts Verfilmung des "Freischütz", Dietz Berings Panorama "Die Epoche der Intellektuellen 1898-2001", Peer Hultbergs postume Autobiografie sowie die bisher nur auf Englisch erschienene Studie "Zarathushtra and His Antagonists" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 22.12.2010

Für die Seite 3 besucht Stefan Klein den Wikileaks Gründer Julian Assange auf Ellingham Hall nordöstlich von London, wo ein Freund ihn beherbergt. Er redet viel und lange über Schweden und über eine Kolumnistin im Observer, die fragt, warum der Champion der Transparenz nicht nach Schweden fährt, um alle Vorwürfe aufzuklären: "Jetzt wird der Artikel quer über den Küchentisch in Ellingham Hall geschoben, Assange nimmt ihn reichlich angewidert hoch, wirft einen Blick darauf, dann sagt er, und es ist mehr ein Murmeln: 'Erbärmliche Feministin.' Dann noch mal, um ein zweites Adjektiv angereichert: 'Erbärmliche, radikale Feministin.'"

Im Feuilleton meditiert Gerhard Matzig über die Katastrophenbilder aus dem gerade grassierenden Winter. Christine Dössel meldet, dass Thomas Oberender, noch Schauspielchef der Salzburger Festspiele, ab 2012 die Leitung der Berliner Festspiele übernehmen wird. Helmut Mauro hört sich jahreszeitenbedingt verschiedene Aufnahmen von Bachs "Weihnachtsoratorium" an. Renate Meinhof faltet in einem größeren Hintergrundartikel Details der Fälschungsaffäre um die "Sammlung Jägers" auf - nun rückt das Kölner Kunsthaus Lempertz in den Blickpunkt (mehr dazu beim Spiegel und der NZZ).

Besprochen werden Tom Tykwers neuer Film "Drei", Martin Suters Mundart-Musical 'Geri' und ein Edgar-Allan-Poe-Projekt von Barbara Frey und Lukas Bärfuss am Zürcher Schauspielhaus und Bücher, darunter ein Bildband über Albert Camus.

FAZ, 22.12.2010

Mark Siemons erzählt am Beispiel von Herrn Cai, wie man als Kleingewerbetreibender in Peking überlebt. Herr Cai ist 43 Jahre alt und kam vor zwei Jahren aus der Provinz Henan nach Peking. Er arbeitet als Müllhändler und verdient tausend Yuan (etwa 110 Euro) im Monat: "Zusammen mit einem Kollegen wohnt er in einer Baracke ein paar hundert Meter weiter auf dem Parkplatz, doch er müsse zugeben, dass es dort nachts sehr kalt sei. Es gebe keine Heizung, der einzige Strom gehe für eine Lampe drauf. ... Er hat eine Frau und zwei Kinder [in Henan], wenn sie ihn bitten, schickt er ihnen Geld. Sonst spart er alles, was er in Peking verdient. Jedes der Kinder braucht für die Schule jährlich zweitausend Yuan."

Weitere Artikel: Der Geigenhändler Dietmar Machold musste Insolvenz anmelden, berichtet der amerikanische Historiker David Schoenbaum und schildert Hintergründe (mehr hier). Walter Haubrich feiert die Eröffnung des Centro Niemeyer in Asturien ("Der Meister", meldet er, konnte mit seinen 103 Jahren nicht zur Eröffnung kommen, er ist aber "bei guter Gesundheit und hat die leichte Erkrankung vom vorigen Herbst überwunden"). Jürgen Kaube liest eine Studie über die Träume von Behinderten. Uwe Walter schreibt zum Tod von Jacqueline de Romilly.

Auf der Medienseite ärgert sich Michael Hanfeld über die neue kostenlose "Tagesschau"-App. Und Gina Thomas meldet, dass Julian Assange stinksauer ist, weil der Guardian "Einzelheiten aus der Polizeiakte" über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der sexuellen Belästigung" veröffentlicht hat. (Assange ist wegen dieser Vorwürfe bisher nicht angeklagt worden.)

Besprochen werden Tom Tykwers Film "Drei" ("Wie in den klassischen Mythen, in denen Eros seinen Bogen spannt, ist das Begehren in 'Drei' eine Himmelsmacht, es springt als Erreger gewissenloser Lüste von Mund zu Mund", schreibt Andreas Kilb), einige DVDs für Weihnachten, darunter Ernst Lubitschs "Rendezvous nach Ladenschluss" und Arnaud Desplechins "Un Conte de Noel", ein Beethoven-Solo der Tänzerin Sylvie Guillem in Stockholm, Alfred Kirchners Inszenierung von Otto Nicolais Oper "Die Lustigen Weiber von Windsor" an der Wiener Volksoper und Bücher, darunter Ivan Sandors Roman "Spurensuche" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 22.12.2010

Katja Nicodemus porträtiert Sophie Rois, die gerade in Tom Tykwers "Drei" spielt, als Schauspielerin von "funkensprühender Gedankenschärfe und monströser Wahrhaftigkeit". Eine Szene im Restaurant. Rois erzählt von ihrer "Medea" in Leipzig: "Sophie Rois spricht nicht laut, aber mit einer Leidenschaft, der man selten begegnet. 'Dann schlachtet sie ihre Familie weg. Das tut man nicht. Aber Medea kann das! Die Tante mit dem Hackebeil! Was für ne wunderbare Identifikationsfigur auf dem Theater! Wupp! Jetzt mal weg damit! Schluss mit der Scheiße!' Begeistert haut Rois auf die weiße Tischdecke. Die Weingläser klirren mimosenhaft. Am liebsten würde man ihr ein Messer in die Hand geben..."

Weiteres: Abgedruckt wird im Aufmacher eine Rede des Soziologen Hans Joas, der die Debatte, ob die Menschenrechte aus dem Christentum heraus oder gegen die Kirche begründet wurden, für "unfruchtbar" erklärt und als Kompromiss vorschlägt, den sakralisierten Menschen als ihren Ursprung zu betrachten. Hubert Burda, Verleger von Bunte und SuperIllu, hat Hanno Rauterberg in sein Privatatelier eingeladen: "'Ohne die Malerei hätte ich nicht überlebt', sagt er sehr ernst." (Über die Bilder schweigt sich Rauterberg dann aus.) Thomas Groß unterhält sich mit dem Jazzpianisten Wolfgang Dauner über den Stuttgarter Underground und seine Zeit als Trompeter für Zarah Leander. Stefan Koldehoff sieht im Kölner Kunstfälscherskandal auch das Auktionshaus Lempertz in der Verantwortung.

Besprochen werden die Absalon-Retrospektive in den Berliner Kunst-Werken, Peter Esterhazys "Produktionsroman" und eine Reihe von Neuerscheinungen zur freundlichen Natur des Menschen (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Im Politikteil begeben sich Christian Deno und Heinrich Wefing in Berlin ein knappes halbes Jahr nach dem Tod der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig auf Spurensuche, zum Beispiel bei der Justizsenatorin: "Sie wollen wissen, was bleibt?, fragt Gisela von der Aue. 'Kirsten Heisig hat gezeigt, dass durch persönliches Engagement unheimlich viel bewegt werden kann.' So kann man das auch sehen, und es stimmt ja. Kirsten Heisig hat andere mitgerissen, hat sie angesteckt mit ihrem Enthusiasmus, ihrem Veränderungswillen. Aber es ist schon merkwürdig: Warum braucht es eine Jugendrichterin, um so etwas wie das Neuköllner Modell zu erfinden? Warum muss eine Einzelkämpferin der Justiz vorführen, welche Möglichkeiten das Gesetz bietet?"