Heute in den Feuilletons

Es ist der schneidige Ton, der einen packt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.11.2010. In der Jungle World wehrt sich Mina Ahadi gegen Vorwürfe des Irans und der Zeit, sie habe zwei deutsche Journalisten nicht über die Gefahren im Iran aufgeklärt. In der FR erklärt der Politologe Rainer Forst, warum Menschenrechte kein religiöser Wert sind. FAZ und SZ antworten auf Vorwürfe der taz, sie seien einem rechten Pamphlet aufgesessen. Der Welt ist der neue Kult der Salonmalerei suspekt. In der NZZ ruft der irische Autor John Banville: "Ach, bitterer Tag!"

Jungle World, 25.11.2010

Das iranische Fernsehen hat der Menschenrechtlerin Mina Ahadi vorgeworfen, daran Schuld zu sein, dass das iranische Regime zwei deutsche Journalisten kidnappte. Die Zeit argumentierte letzte Woche ähnlich (mehr hier). Ahadi verwahrt sich im Interview mit Daniel Steinmaier gegen die Vorwürfe und betont, dass sie den Journalisten, mit dem sie Kontakt hatte, sehr wohl vor den Risiken warnte. Ahadi war es, die die Kampagne für die von Steinigung bedrohte Sakineh Ashtiani ins Leben rief - zusammen mit Ashtianis Sohn Sajjad, der jetzt auch inhaftiert ist: "Das Datum für die Steinigung stand schon fest, im Juli hätte sie gesteinigt werden sollen. Wir haben mit der Kampagne angefangen, als Sajjad mich angerufen hat und sagte: 'Alles ist vorbei.' Ich habe mit beiden Kindern von Sakineh gesprochen und sie gefragt, ob sie einverstanden seien, dass wir eine internationale Kampagne starten. Ich könnte auch für niemanden eine Kampagne organisieren, der das nicht will. Wenn mir niemand ein Foto schickt, kann ich das nicht. Und die Kampagne hat Erfolg! Dass Sakineh noch lebt, ist ein Verdienst dieser Kampagne."

Johannes Thumfahrts Artikel in der taz zum "Kommenden Aufstand" und seine Kritik an Kollegen in FAZ und SZ hat dort erschrockene Reaktionen augelöst (siehe unten bei SZ und FAZ, alle Links dort). Heute bespricht Thumfahrt das auch als Buch erschienene Manifest in der Jungle World: "Zunächst ist es kurios, dass dem französischen Manifest des Unsichbaren Komitees überhaupt so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Es handelt sich um ein etwa 100seitiges Pamphlet, wie es für das Milieu des Anarchismus typisch ist."

FR, 25.11.2010

In der Reihe über Menschenrechte und Religion erinnert der Politologe Rainer Forst daran, dass die Menschenrechte universal sind, nicht weil sie aus einer Religion - dem Christentum - kamen, sondern weil sie oft genug gegen die Religion erstritten wurden: "Die Menschenrechte sind ihrem Sinn nach auf Herrschaftskritik gepolt, und dies gilt gegenüber jeder Herrschaft, auch der westlicher Staaten."

Besprochen werden Benoit Jacquots Film "Villa Amalia" mit Isabelle Huppert, die Inzestkomödie "Cyrus" von Jay und Mark Duplass, ein Konzert des Black Rebel Motorcycle Club in der Frankfurter Batschkapp, Juraj Herz' Film "Habermann", ein Konzert von Herbie Hancock & Partnern in Frankfurts Alter Oper, Juliane Banses Aufnahme von Lieder Alban Bergs und Karl Amadeus Hartmanns und Günter de Bruyns Buch "Die Zeit der schweren Not" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Freitag, 25.11.2010

Der irische Autor Joseph O'Connor schreibt über das böse Ewachen in seinem Land: "Schuld sind nicht nur die Bauunternehmen und ihre käuflichen Freunde von den Banken - Schuld trägt unsere Gesellschaft an sich und jedes einzelne Glied der Regierung. Das ist es, was Irland so tief verunsichert: Wir haben uns durch Lügen von offizieller Seite katastrophal verführen lassen."
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Stichwörter: Irland, Joseph O`Connor

TAZ, 25.11.2010

David Denk unterhält sich mit der Schauspielerin Nora Tschirner über intelligentes Gucken, fremde Lebenswelten und die Schockzustände der Popularität. Andreas Resch untersucht die Lage des amerikanischen Independentkinos.

Besprochen werden ein Konzert der frisch getauften Nina Hagen in Berlin ("Nach über zwei Stunden Lobpreis des Herrn verneigt sich Hagens Combo vor dem Kreuz und tritt ab: 'Die Liebe siegt immer. Friede sei mit euch!'"), eine Retrospektive des dänischen Künstlers Poul Gernes in den Hamburger Deichtorhallen, Juraj Herz' Film "Habermann", Doug Limans Agentenfilm "Fair Game" und der Film "Cyrus" von Jay und Mark Duplass.

Schließlich Tom.

Welt, 25.11.2010

Hans-Joachim Müller ist die an vielen Orten (etwa hier) zu besichtigende Wiederentdeckung der Salonmalerei verdächtig und legte es in einem lesenwerten kleinen Essay dar: "Keine büßende und keine ekstatische Jungfrau, und mag ihr Verzweiflungsschmerz noch so gut gegeben sein, hat eine Chance gegen das Vergeblichkeitspathos, mit dem Cezanne seine Badenden gegen die Körper- und Körperbild-Verluste der Moderne aufbietet."

Weitere Artikel: Marko Martin mag im Fall Irland schon wegen der vitalen literarischen Szene die Hoffnung nicht aufgeben. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit Florian Gellinger, der mit seiner Firma rise/fx von Kreuzberg aus Spezialeffekte für Hollywoodproduktionen wie "Harry Potter" macht. Gunnar Klack begutachtet das erste von Daniel Libeskind gebaute Eigenehim, das aussieht wie ein Jüdisches Museum en miniature. Gerhard Gnauck unterhält sich mit dem polnischen Historiker Krzysztof Ruchniewicz. Thomas Kielinger schreibt einen Nachruf auf den heute zum letzten Mal erscheinenden Rheinischen Merkur, dessen Chefredakteur er mal war (das Blatt wird jetzt der Kultusredaktion der Zeit angegliedert).

NZZ, 25.11.2010

"Das waren die funkelnden Jahre", schreibt der irische Autor John Banville über den leider zusammengebrochenen Boom der Illusionen in seinem Land. "Rund eine Dekade lang zeigte der keltische Tiger seine Krallen, und wir warfen das härene Hemd der ewig Unterdrückten ab, so wie wir einst das vielzitierte 'Joch der britischen Herrschaft' von uns geworfen hatten. Vergangene Woche nun hat der britische Schatzkanzler George Osborne in Brüssel verkündet, seine Regierung sei bereit, Irland in der Stunde der Not beizustehen. Ach, bitterer Tag."

Jan Keetmann beschreibt eine Szene aus der neuesten Folge der türkischen Filmreihe "Tal der Wölfe", die er als eine Art antisemitischen James Bond vorstellt: "Ein Mädchen, vielleicht 16 Jahre alt, steht mit dem Rücken an der Wand, ein israelischer Soldat kommt, das Gewehr im Anschlag, sieht das Mädchen. Sie versucht, den Soldaten anzulächeln. In diesem Moment schießt der Soldat. Man sieht einen großen Blutfleck an der Stelle ihres Herzens. Sie sinkt zusammen. Ein kurzer Schwenk auf das ungerührte Gesicht des Soldaten."

Besprochen werden neue Stücke von Roland Schimmelpfennig und Marius von Mayenburg in Berlin und Hamburg und Ereignisse des Festivals Wien Modern und Bücher, darunter Tristan Garcias Roman-Erstling "Der beste Teil der Menschen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 25.11.2010

Jörg Scheller von Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft fragt, was die Regeln der Bologna-Reform für das Kunststudium bedeuten: "Es ist ein bisschen wie mit dem Fußballspieler, der unmittelbar nach dem Spiel ebenjenes kommentieren und analysieren muss. Es genügt nicht, den Ball ins Tor zu bolzen. Es sollte sich schon um ein reflektiertes epistemologisch verifizierbares Tor handeln.

Weitere Artikel: Dieter Schlesak erklärt im Interview, warum er den Aussagen in seiner Opferakte über IM Stein Otto (Oskar Pastior) glaubt. Nachdem jetzt sogar die französische Küche zum Weltkulturerbe erklärt wurde, diagnostiziert Ijoma Mangold eine "Unescoisierung der gesamten Welt" und fordert Weltkulturerbeschutz für "deutsche Treuherzigkeit". Evelyn Finger fragt sich, warum der als IM enttarnte Historiker Michael Richter (mehr hier) nach der Wiedervereinigung ausgerechnet als DDR-Forscher arbeitete. Andrea Hanna Hünniger stellt die Schauspielerin Susanne Wolff vor: "In der sogenannten Theaterszene ist sie seit vielen Jahren extrem bekannt." Warum wird in Operninszenierungen - wie jetzt Robert Schwabs "Don Giovanni" an der Deutschen Oper Berlin - eigentlich regelmäßig verhöhnt, was Christen heilig ist, während dem Islam Respekt gezollt wird, fragt der Theologe Wolfgang Huber. Die Kulturtheoretikerin Christina von Braun spricht im Interview über Feminismus, Kopftuch und den Körper in der christlichen Tradition: "Der Islam hat, wie die jüdische Religion, ein positiveres Verhältnis zur Sexualität. Es gilt die strenge Monogamie für die Frau, Sexualität hat aber ihren Raum." Tobias Timm besucht die Zeitungshändlerin Pelagia Petrick in ihrem Kiosk in Berlin-Friedenau. Alexander Cammann stellt Suhrkamps Nachbar, den Verleger Andreas Rötzer von Matthes & Seitz vor.

Besprochen werden Benoit Jacquots Film "Villa Amalia" und Inszenierungen zweier Paarstück in Berlin: Marius von Mayenburgs "Perplex an der Schaubühne und Roland Schimmelpfennigs "Peggy Pickit" am Deutschen Theater. Im Aufmacher des Musikteils porträtiert Volker Hagedorn den "vulkanischen Barockopernstar" Simone Kermes (Webseite). Und es gibt eine Literaturbeilage. Für den Aufmacher besuchte Ulrich Greiner Peter Handke in Paris.

FAZ, 25.11.2010

Mit dem radikalen Manifest "Der kommende Aufstand" (Text im Internet) befassten sich kürzlich Nils Minkmar in der FAZ, Alex Rühle in der SZ, Christian Schlüter in der FR und Thomas Assheuer in der Zeit. taz-Autor Johannes Thumfart warf Rühle und Minkmar nun vorgestern vor, sie seien einem antidemokratischen, von Heidegger und Schmitt inspirierten Machwerk auf den Leim gegangen. Ob das Manifest nun rechts oder links ist, hält Jürgen Kaube für eher nicht zu beantworten - er sieht das ganze vielmehr als nicht recht ernst zu nehmende "Jugendliteratur": "Es ist ziemlich müßig zu diskutieren, ob das eine linke Theorie ist oder eine rechtsradikale, wie gerade aus den antimodernen Affekten des Büchleins geschlossen wurde. Denn einmal haben sich ja schon lange die Motive der Kulturkritik vermischt, und wenn irgendwo Heidegger oder Carl Schmitt zitiert werden - was das 'unsichtbare Komitee' gar nicht tut, sondern nur die taz ins Rorschachbild hineinliest -, lässt das kaum Schlüsse auf politische Positionen zu."

Weitere Artikel: In einer Rundschau zu aktuellen Diskussionen versucht Jordan Mejias zu klären, welcher Begriff von "Freiheit" dazu führt, dass die Mehrzahl der Amerikaner zuletzt die Gegner ihrer eigenen Interessen wählten. Von einer Frankfurter Tagung zu Alfred Anderschs Verhalten im Dritten Reich und danach berichtet Kathleen Hildebrand; die Vorwürfe, die einst W.G. Sebald aufbrachte, sind nicht aus der Welt, ein "Tribunal" war die Veranstaltung dennoch nicht. Joachim Müller-Jung denkt über utopisch grundierte Anti-Klimawandel-Narrative und die dabei eher verschwiegenen knallharten ökonomischen Tatsachen nach. Andreas Rossmann wundert sich, dass Bottrop nicht nur die "Innovation City Ruhr" sein soll, sondern auch noch die männlichste Stadt in Nordrhein-Westfalen. Über Feierlichkeiten zum 400. Jahr der Veröffentlichung der eminent sprachprägenden King James Bible in Großbritannien informiert Gina Thomas. Auf der Kinoseite würdigt Stefan Grissemann den Experimentalfilmer Robert Beavers, dem in Wien gerade eine große Retrospektive gewidmet ist. Hans-Jörg Rother blickt zurück auf eine Reihe mit neuen chilenischen Filmen im Berliner Arsenal. Auf der Medienseite vermeldet Frauke Hinrichsen, dass zwei Blogger, die die aserbaidschanische Regierung verulkt hatten, vorzeitig aus der Haft entlassen worden sind. Ein Land, das die Menschenrechte achtet, sei Aserbaidschan deswegen aber noch lange nicht.

Besprochen werden Peter Brooks an seinem Pariser Theater aufgeführte Version der "Zauberflöte", die Mannheimer Uraufführung von Theresia Walsers und Karl-Heinz Otts Paarstück "Die ganze Welt", Jens Friebes neues Album "Abändern", und Bücher, darunter Hanno Millesis Erzählungsband "Das innere und das äußere Sonnensystem" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 25.11.2010

Den auch an die SZ gerichteten Vorwurf des taz-Autors Johannes Thumfart, das linksliberale Feuilleton gehe mit der Begeisterung für das Pamphlet "Der kommende Aufstand" (Text) einem rechtsradikalen Buch auf den Leim, beantwortet Marc Felix Serrao mit einem Jein. Ja, sagt er, da gibt es Spuren der Konservativen Revolution und eine Nähe zu Ernst Jüngers "Der Waldgang": "So weit, so rechts, so richtig. Trotzdem wäre es falsch, den 'Aufstand' mit Verweis auf seine Vorbilder als antimodernes Pamphlet abzutun. Denn was schert die Kinder, wer ihre geistigen Väter sind? Was vielleicht mal ein genuin rechter Weltekel war, hat sich längst im popkulturellen Mainstream eingebrannt - an den jedes politische Programm, das außerhalb der sozialwissenschaftlichen Proseminare (und Feuilletons) fruchtbar werden will, andocken muss. (...) Es ist der schneidige Ton, der einen packt. Die Beschreibung der Ödnis, die jeder politisch interessierte Mensch empfindet, der ob der Verhältnisse noch nicht ganz zynisch geworden ist."

Weitere Artikel: Was sich an Bekanntem und Neuem in der Formel von der "neuen bürgerlichen Protestkultur" verbirgt, versucht Johan Schloemann zu klären. Alexander Menden freut sich über den nun abgeschlossenen Umbau des Globe Theatre in Stratford-Upon-Avon. Für die Filmseite besucht Tanja Rest das Set von Danny Boyles bei uns im nächsten Februar anlaufendem Film "127 Hours". Den drang vieler Eltern zur Eliteausbildung der Kinder schon in der Grundschule kommentiert Corinna Nohn skeptisch. Camilo Jimenez vermeldet, dass aus dem Nachlass des Autors Robert Bolano ein bislang unbekannter Roman aufgetaucht ist.

Besprochen werden ein Münchner Konzert des Charles Loyd Quartet, ein Münchner Konzert des Klavier-"Profi-Wunderkinds" Kit Armstrong, die neu anlaufenden Filme "Au Revoir Taipeh" (mehr) von Arven Chen, "Suicide Club" (mehr) von Olaf Saumers und "Ein gutes Herz" (mehr) von Dagur Kari und Bücher, darunter Hanns-Josef Ortheils neuer Roman "Die Moselreise" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).