Heute in den Feuilletons

Du weißt doch, dass ich Bedeutung hasse

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2010. In der FR erklärt Karin Beier Köln zur Verbrecherhauptstadt Nummer 1. Carta fragt nach den Chancen einer Open Data-Bewegung in Deutschland. Die SZ fordert Respekt vor den Unvereinbarkeiten mit den Roma. Die NZZ berichtet über einen offenen Brief iranischer Studenten an Barack Obama, den sie auffordern, klarer Stellung zu den Untaten des Regimes zu beziehen. Zugleich reisen eine Menge deutsche Bischöfe und FDP-Politikerinnen in den Iran, um den interkulturellen Dialog zu pflegen.

Aus den Blogs, 26.11.2010

Der ehemalige evangelische Oberbischof Wolfgang Huber ist nach Teheran geeilt, um den Dialog der Religionen noch freundlicher zu gestalten. Unter anderem gab er dem iranischen Staatsradio ein Interview. Oliver M. Piecha kommentiert im Blog Free Iran Now: "Huber verschafft mit seinem Besuch der angeschlagenen Folterrepublik ein wenig Reputation, und man ist bestimmt sehr freundlich zu ihm in Teheran. Bestimmt freundlicher als zu den inhaftierten deutschen Journalisten."

Dazu passt ein Bericht des iranischen Propagandasenders fürs Ausland Press TV über eine Iran-Reise der FDP-Bundestagsabgeordneten Elke Hoff, die auch hohe Repräsentanten des Regimes traf und angeblich Folgendes zum besten gab: "Elke Hoff, for her part, said that issues pertaining to human rights are mainly politically-motivated and added that few countries observe human rights entirely."

Christoph Bieber erkundet in Carta die Chancen einer Open Data-Bewegung, die vor allem Daten der öffentlichen Hand benutzt, in Deutschland. Wirklich vorhanden ist sie noch nicht, aber Steven Johnsons Buch "Where Good Ideas Come From: The Natural History of Innovation" (mehr hier) macht Bieber Mut: "Dabei gewinnen in den letzten Jahrzehnten vor allem solche Innovationsansätze an Bedeutung, die von mehreren Akteuren vorangetrieben werden und dabei innerhalb eines nicht-kommerziell geprägten Umfeldes agieren. Der öffentliche Sektor scheint demnach als Umfeld für künftige Innovationen durchaus gut geeignet."

FR, 26.11.2010

Auferstanden aus Ruinen ist das Kölner Schauspielhaus. Und wem ist das zu verdanken? Karin Beier, die dort 2007 als Intendantin antrat. Jetzt strahlt es "so hell wie in den schönsten Zeit der Ära Jürgen Flimm (1979 bis 1985)", schreibt ein begeisterter Martin Oehlen. Und Karin Beier erklärt einem faszinierten Peter Michalzik, wie es zu ihrem bisher größten Erfolg kam: "'Wir haben hier im Theater für Elfriede Jelinek die Kölner Korruptionsskandale und ähnliche Vorfälle zusammengesammelt, als Material für ihr Stück 'Ein Sturz'. Als sie das auf dem Tisch hatte, sozusagen die gesamte Akte 'Colonia corrupta', war sie baff: Das ist ja die Verbrecherhauptstadt Nummer eins, meinte sie.' Karin Beier macht eine Pause. 'Ich weiß auch noch, was der Satz in mir ausgelöst hat', sagt sie dann: 'Ein klammheimliches Gefühl des Stolzes.' Sie erzählt das, um deutlich zu machen, was der Kölner für ein Verhältnis zu Köln hat. Sie ist selbst Kölnerin, in der vierten Spielzeit leitet sie das Schauspiel. Sie hat die Bühne, die auf Provinzniveau herabgesunken war, in dieser Zeit zum führenden deutschen Stadttheater gemacht."

Weiteres: Christian Schlüter weiß nicht, warum den Äußerungen des Papstes zum Kondom so viel Bedeutung zugemessen wird, widmet ihnen aber trotzdem 200 Zeilen. Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografin Abisag Tüllmann im Historischen Museum Frankfurt und Tilmann Köhlers Inszenierung des "König Ödipus" in Dresden.

TAZ, 26.11.2010

Jürgen Gottschlich informiert darüber, dass Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul, der die Eröffnungsrede für das "Europäische Schriftsteller Parlament" in Istanbul hätte halten sollen, der Veranstaltung wegen einer aufgeregten Debatte über seine angebliche Islamschmähung fern blieb. Der säkulare Verleger Ragip Zarakolu meint: "Wenn das so weitergeht, können wir bald außerhalb der islamischen Welt niemanden mehr einladen."

Besprochen werden Benoit Jacquots Spielfilm "Villa Amalia" mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle ("'Villa Amalia' ist die Geschichte einer Selbstbefreiung, so viel steht fest. Ann wird nicht bestraft für das, was sie tut. Ihre Vergangenheit holt sie ein, in Gestalt eines Vaters, den sie flieht, dem sie sich dann stellt und nicht beugt. Benoit Jacquot und der Film sind, ohne zu erklären und ohne zu urteilen, auf der Seite dieser Figur", schreibt Ekkehard Knörer), das Album "Idiosynkrasia" des Luxemburger Pianisten Francesco Tristano, das in Zusammenarbeit mit dem Detroiter Techno-Pionier Carl Craig entstand, und das Album "Abändern" des Musikers und Musikjournalisten Jens Friebe.

Und Tom.
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NZZ, 26.11.2010

Exilierte Iraner haben einen Offenen Brief an Barack Obama geschickt, in dem sie die verzweifelte Lage inhaftierter Studenten beschreiben und vor Atomwaffen in den Händen eines derart brutalen Regimes warnen, berichtet Saba Farzan: "Gleichzeitig appellieren sie an die Welt - und insbesondere an den amerikanischen Präsidenten -, die Grausamkeiten der Islamischen Republik öffentlich und nachdrücklich zu kritisieren. Von Barack Obama erwarten sie, dass er mit allen nötigen Mitteln diese Verbrechen beendet - nicht nur als US-Präsident, sondern auch als Friedensnobelpreisträger."

Felix Philipp Ingold erinnert sich an seine Begegnungen mit Oskar Pastior. Der saß einmal auf einem Podium neben ihm und flüsterte ihm zu: "'Du weißt doch, dass ich Bedeutung hasse.' Ich weiß, ich wusste auch damals, dass Pastior nach einer bedeutungsfreien Dichtersprache suchte, dass er keinen Bedeutungsraum hinter oder zwischen den Wörtern gelten lassen wollte. Gelten sollte das Wort als solches, als Klangleib - nichts besagend, bloß leichthin an die Sinne rührend."

Besprochen werden die Michelangelo-Ausstellung in der Wiener Albertina ("Es zeigt sich, trotz den nur fragmentarisch erhaltenen Vorarbeiten, dass Inspiration vor allem eines erfordert: sehr viel Arbeit", erkennt Andrea Winklbauer), zwei Ausstellungen in Chicago - im Chicago Cultural Center und im Art Institute of Chicago -, die an das Werk des Architekten Louis Sullivan erinnern, sowie CDs von Alesha Dixon und von Duffy.

SZ, 26.11.2010

Michael Frank stellt sich und uns die ungemütliche Frage, ob zum Respekt vor den Roma nicht gehört, ihr entschiedenes Anderssein zu akzeptieren - und auf unerwünschte Integrationsmaßnahmen deshalb zu verzichten: "Muss Europa, Mehrheitsbevölkerung und Roma gleichermaßen, nicht endlich die eigene Unfähigkeit akzeptieren, einander in breitem Rahmen zu integrieren und Respekt auch vor den Unvereinbarkeiten entwickeln? Ist nicht endlich zu akzeptieren, dass Integration nach landläufigen Vorstellungen das Ende der Kulturidentität dieses Volkes bedeutet, das anders ist und dies bleiben will."

Weitere Artikel: Kai Strittmatter erklärt, wie es zur Absage VS Naipauls bei der Konferenz des European Writers' Parliament in Istanbul kam: Eine "Kampagne zweitklassiger türkischer Dichter und islamistischer Zeitungen", die mit seiner Islamkritik nicht klarkamen, hat ihn "vergrault". Lothar Müller fordert in den rumänischen Securitate-Angelegenheiten nach den Wortmeldungen der Betroffenen die Aufarbeitung durch unbeteiligte Historiker. Michael Moorstedt hat nachgerechnet und muss feststellen, dass das Killerspiel "Call of Duty" das kommerziell erfolgreichste Kulturprodukt unserer Zeit ist. Lewis Gropp lobt das Jazz-Big-Band-Schlaraffenland Deutschland. Das Internet-Gimmick "I Write Like" hat mit den oft schon konstatierten merkwürdigen Resultaten Stephanie Drees ausprobiert.

Besprochen werden Burkhard C. Kosminskis Mannheimer Uraufführung von Theresia Walsers und Karl-Heinz Otts Paarstück "Die ganze Welt", die Berliner Uraufführung von Marius von Meyenburgs neuem Stück "Perplex", Peter Konwitschnys Leipziger Inszenierung von Glucks "Iphigenie auf Aulis" (Helmut Mauro ist so angeödet, dass er gleich die Schließung der ganzen "DDR-Theater-Schule" fordert), die Alberto-Giacometti-Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg, eine Berliner Ausstellung mit den Entwürfen der unter dem Markennamen Sanaa firmierenden japanischen Stararchitekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa und Bücher darunter Reinhard Kleists Comic "Castro" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 26.11.2010

Das Beharren auf tendenziell unzuverlässigen Nacktscannern sieht Constanze Kurz in der "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne als Symptom für eine grundsätzlich problematische Haltung: "Die Vollkaskomentalität, die allenthalben von den Politikern zeternd beklagt wird, wenn es um soziale Mindeststandards geht, scheint in puncto Sicherheit bei denselben Leuten unumstößlicher Konsens zu sein. Jedem noch so theoretischen Risiko muss wenigstens durch öffentlichkeitswirksame, wenn auch weitgehend ineffektive technische Maßnahmen begegnet werden." (Hm, dem Flugkapitän mit Teppichmesser am Hals kommt das Risiko vielleicht nicht ganz so theoretisch vor, oder?)

Weitere Artikel: Peter Schilder kommentiert die nunmehr erfolgte fristlose Entlassung des am Hannah-Arendt-Institut tätigen Historikers Michael Richter, der bei der Stasi nach jetziger Aktenlage aktiver war als bisher behauptet; Schilder sieht allerdings das Institut selbst und alle Beteiligten, die das lange offenbar nicht so genau wissen sollten, in beträchtlichem Zwielicht. Im Konflikt zwischen Nord- und Südkorea scheint sich China, wie Mark Siemons berichtet, für eine originelle Position zu entscheiden: gegen die USA. In der Glosse fragt sich Andreas Platthaus, woher eigentlich die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) das Geld für den nunmehr erfolgten Ankauf von Andreas Gurskys Fotografie "PCF" hat, das im großen Saal des von Oscar Niemeyers entworfenen Gebäudes der Kommunistischen Partei zeigt (und am Ende stellt sich heraus, dass er es stiftet). Gina Thomas hat sich das neue Theater der Royal Shakespeare Company in Stratford-upon-Avon angesehen. Karen Krüger meldet, dass VS Naipaul nach Protesten türkischer Autoren seiner islamkritischen (respektive -beleidigenden) Haltung wegen auf die Anreise zur Konferenz des European Writers' Parliament verzichtet, deren Eröffungsvortrag zu halten er eingeladen war. Fast schon resigniert kommentiert Michael Hanfeld die Qualtiätsverachtung, die aus den ARD-Plänen spricht, den Montags-Dokumentarfilm-Platz für "Hart aber fair" ersatzlos zu streichen.

Besprochen werden Tilmann Köhlers Dresdner Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" (durchaus "eindrucksvoll" findet Irene Bazinger das), eine Ausstellung mit Fotografien von Abisag Tüllmann im Historischen Museum Frankfurt, Benoit Jacquots Film "Villa Amalia" (mehr) mit Isabelle Huppert und Bücher, darunter Martin Pollacks Buch über die große Flucht aus Galizien "Kaiser von Amerika" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).