Heute in den Feuilletons

Kennzeichen restaurativer Epochen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2010. In der NZZ rechnet der Autor Niyi Osundare mit Nigerias betrügerischer Herrscherclique ab. In der taz besteht Washington-Post-Reporterin Dana Priest auf der Trennung zwischen Meinung und Tatsachen. Die Schweiz tut nur liberal, meint Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji in der Welt. Literaturdeutschland ist nur noch eine gediegene Mittelstandsparty, schimpft die Zeit.

NZZ, 07.10.2010

"Dieses Land ist unbewohnbar geworden." Der nigerianische Schriftsteller Niyi Osundare rechnet mit der herrschenden Clique ab, die Nigeria in Korruption, Ineffizienz und Perspektivelosigkeit versinken lasse: "Nigerias Herrscher sind auf mehr denn eine Weise Diebe. Erstens fahren sie fort, unser Geld zu stehlen, jene Gelder, die für die Entwicklung des Landes verwendet werden sollten. Zweitens haben sie uns unser Wahlmandat gestohlen, weil sie weiterhin Wahlen fälschen und uns Leute aufzwingen, die nie gewählt wurden. Der dritte Punkt - und dies ist der wichtigste - ist der, dass sie unsere moralische Essenz gestohlen haben. Nigeria ist zu einem Land geworden, in dem es zunehmend schwerfällt, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden."

Weitere Artikel: Leopold Federmair porträtiert den argentinischen Autor Fabian Casas. Marion Löhndorf geht Teetrinken in Grantchester Gardens.

Besprochen werden auf der Filmseite David Finchers Facebook-Film "The Social Network", Stephen Frears' schwarze Komödie "Tamara Drewe" Bret Easton Ellis' Roman "Imperial Bedrooms" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FR, 07.10.2010

Karin Ceballos Betancur stellt argentinische Bücher über die Militärdiktatur vor. Christian Schlüter zählt auf, welche Probleme E-Bücher verursachen könnten. Thomas Magenheim beschreibt das schwierige Geschäft der Umstellung am Beispiel des Langenscheidt Verlags.

Besprochen werden das Enjoy Jazz Festival im Heidelberger Schloss, zwei Einakter von Peter Maxwell Davies und Salvatore Sciarrino an der Staatsoper Berlin, eine 3-D-Version der "Konferenz der Tiere", Eric-Emmanuel Schmitts Verfilmung seines Buchs "Oskar und die Dame in Rosa", John Hillcoats Endzeitdrama "The Road", Thomas Arslans film noir "Im Schatten" und Amartya Sens Buch "Die Idee der Gerechtigkeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr und hier eine Leseprobe).

TAZ, 07.10.2010

Die zweifache Pulitzerpreis-Gewinnerin und Washington-Post-Reporterin Dana Priest spricht im Interview über die Zeitungskrise und den Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Zeitungen: "Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie Sie hier Kommentare schreiben und trotzdem Journalist sein können. Das sind doch zwei vollkommen verschiedene Dinge, die überhaupt nicht zusammenpassen! Bei uns sind Meinungsredakteure und Reporter zwei Welten. Reporter dürfen zum Beispiel laut Dienstvertrag nicht an Demonstrationen teilnehmen. Und wenn Sie zu einem Vortrag eingeladen werden, und die einladende Organisation vertritt ein bestimmtes Interesse, dann müssen Sie ihre Chefs fragen, ob Sie das machen dürfen."

Thomas Arslan erzählt im Interview, wie er seinen neuen Film "Im Schatten" vorbereitet hat: "Ich habe recherchiert, allerdings nur das Nötigste. Ich habe keine Originalgangster getroffen. Das hatte ich schon bei 'Dealer' probiert. Davon habe ich mir in diesem Fall nicht so viel versprochen, da die zum großen Teil auch nur das Kino nachmachen."

Bruno Ganz, der gerade in zwei Filmen sterbende alte Männer spielt, meint im Interview über den Tod: "Je älter man wird, desto häufiger taucht das vor einem auf. ... Aber man merkt auch immer wieder, wenn der Tod im Blickfeld auftaucht, dass man dazu nichts zu sagen hat, also ich jedenfalls nicht."

Weiteres: Ekkehard Knörer stellt in seiner DVD-Kolumne Harry Kümels Film über die ungarische "Blutgräfin" Elisabeth Bathory von 1971 vor, "Daughters of Darkness", mit Delphine Seyrig - "schwer blondiert und mit roten Lippen im belgischen Nordseebad Oostende" - in der Hauptrolle. Nichts Neues findet Ingo Arends auf der Berliner Kunstmesse Art Forum. Andreas Fanizadeh berichtet gerührt über die Rede der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Besprochen werden Uwe Bolls Max-Schmeling-Biopic mit Henry Maske in der Hauptrolle und John Hillcoats Spielfilm "The Road".

Und Tom.
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Welt, 07.10.2010

Mit Paul Jandl spricht die frischgekürte Buchpreisträgerin Melinda Nadj Abonji über die Arbeit an der Sprache, die Misere der Vojvodina, und zur Schweiz hat sie auch etwas zu sagen: "Mein Verhältnis zur heutigen Schweiz hat eine gewisse Spannung, weil ich der politischen Entwicklung sehr skeptisch gegenüberstehe. Die Errungenschaften der Rassismuskonvention werden von der rechtsbürgerlichen Seite ausgehöhlt. Aber auch bei anderen politischen Gruppierungen ist es nicht viel anders. Man tut liberal, macht bei den Einwanderern aber große Unterschiede."

Weiteres: Die Redaktion trägt Eindrücke von der Buchmesse zusammen. Eckhard Fuhr etwa von der Eröffnung: "Die ganze Veranstaltung wirkt wie eine gigantische Schrankwand voller Schweinsleder-Rhetorik." Autor Alexander Schimmelbusch wirft einen Blick in die Zukunft der Buchbetriebs, auf den Abstieg der literarischen Mittelschicht und den Aufstieg des Unseld-Empfangs zur wichtigsten Party der Buchmesse. Manuel Brug verarbeitet die Personalie Kirill Petrenko, der 2013 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wird. Im Interview erklärt Katharina Wagner den Plan, das Israelische Kammerorchester in Bayreuth Wagner spielen zu lassen, was in Israel erwartungsgemäß zu großem Entsetzen geführt hat. Michael Pilz widmet sich ausführlich dem Hype um die Ukulele und den allerdings schon 1997 gestorbenen Großvirtuosen dieses unterschätzten Instrument, den Hawaianer IZ.

Auf der Filmseite unterhält sich Andreas Rosenfelder mit Drehbuchautor Aaron Sorkin über seinen Facebook-Film und das wahre soziale Leben. Besprochen werden Thomas Arslans Gangsterfilm "Im Schatten" und der Animationsfilm "Konferenz der Tiere".

FAZ, 07.10.2010

Mark Siemons erklärt, warum der inhaftierte chinesische Schriftsteller und Dissident Liu Xiaobo wahrhaftig der perfekte Friedensnobelpreisträger wäre: "Kurz nach dem Massaker von Tiananmen wurde er verhaftet und als ein vermeintlicher Drahtzieher der 'konterrevolutionären Erhebung' zum ersten Mal zu einer Haftstrafe verurteilt. Während andere, denen ihr Eifer von 1989 peinlich wurde, in bloßen Wohlstandserwerb auswichen und die Politik der Regierung überließen, entwickelte Liu Xiaobo das Konzept einer Demokratisierung, die sich von Kriegern, welcher Couleur auch immer, nicht vereinnahmen lässt."

Weitere Artikel: Marcus Jauer zieht nach hundert Tagen Nicht-Präsidentschaft Joachim Gaucks eine betörte und zielsicher gegen den nunmehrigen Amtsinhaber gerichtet Bilanz von Gaucks Feldzug für die Freiheit. Sandra Kegel war auf dem alljährlichen Suhrkamp-Empfang der Buchmesse und kam sich in der fast unveränderten Villa vor wie in einem "Geisterhaus". Das für Betende aller Religionen offene, neu eröffnete "Haus der Stille" der Frankfurter Universität betrachtet wohlwollend Dieter Bartetzko. Über Hintergründe der Vertrags-Nichtverlängerung des Klassik-Stiftung-Weimar-Präsidenten Hellmut Seemann informiert und spekuliert Regina Mönch. Nur staunen kann Felicitas von Lovenberg über die Literaturnobelpreiswettstände bei Ladbrokes - vor allem Wolfgang Holbein kommt ihr auf der Liste wie ein Ufo vor. (Da hat sie sich zwar ins vollends Absurde verlesen - aber auch der dort tatsächlich gelistete Ulrich Holbein nimmt sich auf den vorderen Rängen seltsam aus.)

Daniel Haas glossiert den SMS-Streit zwischen Moritz von Uslar und Welt-Feuilletonchef Cornelius "hässlicher Eierkopf" (Uslar) Tittel, der sich um eine Nachrecherche zu Uslars "Deutschboden"-Reportage dreht. In die nun chemienobelpreisgewürdigten Verfahren der "palladiumkatalysierten Kreuzkupplung" führt Manfred Lindinger ein. Andreas Kilb meldet, dass die Künstlerakademie von Terabaya/Istanbul nun doch wie geplant entstehen soll. Gemeldet wird außerdem erneuter Ärger um ein Wagner-Konzert in Israel - das wird nun wohl stattfinden, aber ohne Schirmherrin Katharina Wagner. Die Kinoseite ist ganz dem fünfzigjährigen Jubiläum von Alfred Hitchcocks Horror-Klassiker "Psycho" gewidmet. Vorgestellt werden neue Bücher und eine neue Blu-Ray zum Thema.

Besprochen werden ein Konzert des Bandoneon-Spielers Rodolfo Mederos zum Buchmessenauftakt in der Alten Oper, von Pierre Boulez dirigierte Einspielungen von Mahlers "Wunderhorn"-Liedern und mit Musik des polnischen Komponisten Karol Szymanowski, eine "aufgedonnerte" Einspielung von Klavierkonzerten von Rachmaninow und Tschaikowsky durch den für Jürgen Kestings Begriffe sehr überschätzten Klavier-Jungstar Nikolai Tokarev, John Hillcoats Cormac-McCarthy-Verfilmung "The Road" (mehr) und Bücher, darunter Vladimir Sorokins neuer Erzählungsband "Zuckerkreml" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 07.10.2010

Gustav Seibt berichtet vom großen Empfang zum 200. Geburtstag der Berliner Humboldt-Universität. Er steht dabei ganz auf der Seite des Festredners Hans-Ulrich Gumbrecht und misst dessen Vorstellungen von gelingender Universität an der dagegen naturgemäß abstinkenden Wirklichkeit. Und ein bisschen Christian-Wulff-Bashing ist auch immer schön: "Nur zum Bundespräsidenten sei noch ein Wort gesagt: Dass er kein großer Rhetor ist, wurde ihm bis zum Überdruss bescheinigt. Sei es. Aber er kann nicht einmal sprechen. Er nuschelte viel zu schnell, unverständlich leise (bei bester Tontechnik) auf sein Manuskript blickend Gutwilliges zur Notwendigkeit von Bildung in seine Krawatte hinein."

Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck porträtiert Kent Naganos Nachfolger als Bayerische-Staatsoper-Chef Kirill Petrenko. Aus Moskau informiert Frank Nienhuysen darüber, dass das Urteil gegen die "Verbotene Kunst"-Kuratoren Andrej Jerofejew und Jurij Samodurow in zweiter Instanz bestätigt wurde und dass nun sogar die Vernichtung der inkriminierten Werke möglich scheint. Gemeldet wird, dass der Bau der Künstlerakademie in Istanbuls Vorort Terabaya nun doch wie geplant zustande kommen soll. Susan Vahabzadeh unterhält sich mit Bruno Ganz über seinen neuen Film "Das Ende ist mein Anfang" (mehr) und den Reporter Tiziano Terzani, den er darin darstellt. (Eine kurze Kritik - "reiner Schauspielerfilm" - steht auch dabei.) Andreas Zielcke sieht "am oberen Ende der sozialen Skala ebenfalls eine offensichtlich nicht integrierte Sphäre", die aber nur global erzogen werden könne. Die ganze Literaturseite ist einem Gespräch mit dem diesjährigen Friedenspreisträger, dem israelischen Autor David Grossman gewidmet, der die Hoffnung nicht aufgibt: "Jeder vernünftige Israeli, jeder vernünftige Palästinenser weiß genau, was getan werden müsste, um den Frieden zu erreichen." 

Besprochen werden Nathalie Djurbergs neue Installation in der Hannoveraner Kestnergesellschaft, die neu anlaufenden Film "The Road" (mehr) von John Hillcoat nach Cormac McCarthy und Burr Steers Drama "Wie durch ein Wunder" (mehr),

Zeit, 07.10.2010

In Teil 2 der Serie zum Zustand der deutschen Literatur fragt Ursula März heute, wann mal wieder jemand über Huren, LKW-Fahrer, Betriebsräte, Botox-Dealer, Millionenerbinnen oder lesbische Anwältinnen schreibt. Ihr gehen all die Schriftsteller, Journalisten, Lektoren und Psychologen, die aus Literaturdeutschland eine einzige "gediegene Mittelstandsparty" machen, auf die Nerven. Und schlimmer noch: "Gestaltet sind die Figuren, ihre Küchen, Alltagsrituale nach den Maßgaben des Jetzt, gefärbt aber in Biedermeiertönen. Nostalgie, jener Historismus, in dem Friedrich Nietzsche ein Kennzeichen restaurativer Epochen sah, dürfte eine Tendenz der Literatur, wie wir sie seit ein, zwei Jahrzehnten kennen."

Weitere Artikel: Regisseur Oliver Stone spricht im Interview mit Katja Nicodemus über seine "Wall-Street"-Fortsetzung, über Gier, Werte und das fiese Gefühl, nichts ausrichten zu können: "Ich habe drei Antivietnamkriegsfilme gedreht, und wir sind trotzdem in den Irak einmarschiert." Peter Kümmel hat sich auf den Landesbühnen von Hamburg und Stuttgart das Stück "Volkszorn" angesehen. Hans-Ulrich Wehler protestiert gegen die seiner Meinung nach vorschnelle Verurteilung Thilo Sarrazins und das gegen diesen verhängte "politische Berufsverbot".

Besprochen werden eine Ausstellung des Malers Bronzino im Palazzo Strozzi in Florenz, Jens Joneleits Oper "Metanoia" in Berlin, die amerikanische Fernsehserie "Breaking Bad" auf DVD, Julia Fischers Aufnahme von Paganinis Capricci, Bücher, darunter Ian McEwans Ökologieroman "Solar", Amartya Sens Schrift "Die Idee der Gerechtigkeit" und Marilyn Monroes Notate "Tapfer lieben" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).