Heute in den Feuilletons

Was im Netz ist, wird wahrgenommen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2010. Die FAZ fragt: Gäbe es einen Ismael im Google-Zeitalter? Die FR ließ sich von der Buchmesse nach Argentinien einladen und traf dort auf eine "zarte, eine schöne Hexe". Die NZZ stellt Blogs vor, in denen ägyptische Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung in Partnerwahl und Ehe fordern.  In einem Video von den TED-Talks erzählt Sharmeen Obaid-Chinoy, wie Taliban Kinder zu Selbstmord-Attentätern machen. Und Dietrich Fischer-Dieskau singt Hugo Wolfs "Morgenstimmung".

FR, 28.05.2010

Arno Widmann ist mit einer Gruppe von Journalisten auf Einladung der Buchmesse ins Land des nächsten Ehrengastes gereist: Argentinien. Dort traf er Samanta Schweblin, eine "zarte, eine schöne Hexe", deren Erzählband "Die Wahrheit über die Zukunft" in diesem Frühjahr auf Deutsch erschienen ist (hier ihre Homepage). "Sie lacht. Sie lacht wieder. Und wieder. Diese Hexe hat viel Sinn für Komik, fürs Verrückte ihrer und unserer Wirklichkeit. Der Schrecken, den sie dem Leser einjagt, scheint nicht aus ihren Traumata zu stammen. Er scheint ein Spaß, den sie sich mit unserer Fantasie erlaubt. So haben wir als Kinder die Erwachsenen erschreckt, wenn wir plötzlich mit Gebrüll aus dem Gebüsch auftauchten. Schweblin, die 1978 in Buenos Aires geborene Absolventin einer Filmhochschule, hat daraus eine hohe Kunst gemacht. Warum spielt Buenos Aires, warum spielt die Stadt keine Rolle in ihren Erzählungen? Sie mag den Blick von außen, die Distanz, das Fremde. 'Edward Hopper?', frage ich. Sie ist begeistert."

Weiteres: Wolf Kampmann resümiert das Moerser Jazzfestival. Besprochen werden eine Bruce-Naumann-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin und Bücher, darunter Daniyal Mueenuddins Erzählband (Leseprobe) "Andere Räume, andere Träume" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 28.05.2010

(Via BoingBoing) Modedesign ist nicht copyright-geschützt. Dennoch prosperiert die Modeindustrie, erklärt Johanna Blakley bei den Ted-Gesprächen. Und das gilt neben der Modeindustrie (kennt nur Markenschutz, kein Copyright auf Design), auch für andere Wirtschaftszweige ohne Copyright: die Nahrungsmittelindustrie (kein Copyright für Rezepte), die Autoindustrie (kein Copyright für das Design), Möbeldesign, Zaubertricks, Frisuren, Opensource-Software, Tätowierungen, Witze, Feuerwerk, Regeln für Spiele, Parfümdüfte. "Einige dieser Industrien werden Ihnen marginal erscheinen. Aber, hm, dies sind die Bruttoumsätze der Industrien die wenig Copyright-Schutz haben (Nahrung, Autos, Mode, Möbel) und der Industrien, die großen Copyright-Schutz haben (Filme, Bücher, Musik)."



Thomas Knüwer ist in Paris und anderswo einigen Künstlern begegnet, die sich mit den Möglichkeiten des Netzes auseinandersetzen: "Bemerkenswert ist für mich dabei, wie undüster die Projekte sind. Im Gegensatz zu den Journalisten im Feuilleton scheinen sich die Künstler in den neuen Möglichkeiten fröhlich zu tummeln und probieren mit großer Leichtigkeit aus, was möglich ist."

Apple wird sich bei Büchern in Deutschland keine Preiskämpfe mit Amazon liefern können, berichtet Robin Meyer-Lucht in Carta: "Auf Carta-Anfrage teilte der Verband mit, die Buchpreisbindung in Deutschland gelte selbstverständlich auch für Apples Ibooks-Store. Apple dürfe deutschsprachige Ibooks in Deutschland nur zu einem vom Verlag für alle Online-Shops einheitlich festgelegten Preis verkaufen."

(Via Achgut) Sharmeen Obaid-Chinoy erzählt bei den TED-Talks von ihrem Dokumentarfilm, indem sie zeigt, wie die Taliban in ihren Schulen Selbstmordattentäter großziehen. Hier die Website der Filmemacherin.



TAZ, 28.05.2010

Auf den Tagesthemenseiten informiert Sven Hansen über den "wahren Preis" des Ipad, das ab heute in Deutschland verkauft wird: Es wird in einer chinesischen Fabrik produziert, in deren Belegschaft es aufgrund der Arbeitsbedingungen in diesem Jahr zu zehn Selbsttötungen kam. "Foxconn will ... weitere 30 Selbsttötungen vereitelt haben. Da diese aber weitergehen, drängte der Elektronikgigant seine Mitarbeiter, eine entsprechende Erklärung zu unterschreiben, die die Southern Metropolis Daily aus Guangzhou abdruckte. Darin heißt es: 'Ich verspreche, mich oder andere niemals in einer extremen Form zu verletzen.' Mit der Unterschrift erteilten die Beschäftigten ihren Vorgesetzten auch eine Vollmacht, sie 'zum eigenen Schutz oder dem anderer' in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, sollten sie in 'einer anormalen geistigen oder körperlichen Verfassung sein'."

Außerdem: Toni Keppeler stellt Uli Stelzners Dokumentarfilm "La Isla" (Die Insel) über das Archiv der Nationalpolizei von Guatemala vor, das um die 80 Millionen Dokumente aus über 100 Jahren umfasst, darunter die gesamte Zeit des Bürgerkriegs von 1960 bis 1996. Auf der Medienseite berichten Christian Jakob und Steffen Grimberg vom Urteil eines Hamburger Verwaltungsgerichts, wonach es für Journalisten "grundsätzlich zumutbar ist", sich vor Presseterminen mit den Innenministern vom Landeskriminalamt überprüfen zu lassen.

Im Kulturteil berichtet Moira Lenz über die Künstlerkolonie Dafen in der südchinesischen Metropole Shenzen, wo für Hotelketten, Kreuzfahrtschiffe und Unternehmen wie Wal-Mart Ölkopien bekannter europäischer Werke im Akkord produziert werden. Die Performancegruppe geheimagentur hat nun zwei Kopisten nach Deutschland eingeladen, wo sie Einblicke in ihre Tricks und Kniffe geben sollen. Einer von beiden erklärte im Vorfeld bereits: "Je mehr Personen auf einem Bild zu sehen sind, desto teurer wird es" und "Wer meine eigenen Bilder kopiert, den werde ich verklagen."

Weiteres: Jan Feddersen beobachtete Lena Meyer-Landrut in ihrer Vorbereitungswoche auf den Grand Prix in Oslo und stellt fest, was sie alles nicht ist: gestresst, genervt, zickig, verzweifelt, scheinruhig. Besprochen werden das Technoalbum "Chicago" des Produzenten Phillip Sollmann alias Efdemin sowie Jazzalben von V.A., Tribe und Sublime & Jun Miyake.

Und Tom.
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Welt, 28.05.2010

Wieland Freund erzählt die Geschichte des Internet-Comics "Zahra's Paradise", in dem ein iranischer Autor (Amir), ein arabischer Zeichner (Khalil) und ein amerikanisch-jüdischer Redakteur (Mark Siegel) das Mullah-Regime anprangern. Dreimal die Woche erscheint eine neue Seite. Nach Elvis Costellos Ankündigung, Israel zu boykottieren, fragt Jacques Schuster, warum er das nicht auch mit Russland und Iran getan hat. Jörg Zittau vergleicht die Macken verschiedener Ernährungstypen, offenbar hat die Wissenschaft festgestellt, dass Bio-Esser asozial sind und Biertrinker besserwisserisch.

Zu seinem Fünfundachtzigsten spricht Dietrich Fischer-Dieskau im Interview über das Instrument in einem drin, Konsonantenspucken und Pianissimo: "Ich finde schon wichtig, dass man nicht alles brüllt." Hier eine Aufnahme von Hugo Wolfs "Morgenstimmung" mit Gerald Moore:




Besprochen werden die Bruce-Nauman-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin, Kate Nashs Album "My Best Friend is You" und Richard Price' Roman "Cash".

NZZ, 28.05.2010

Mona Sarkis berichtet über zwei Blogs, in denen ägyptische Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung in der Partnerwahl und Ehe fordern. Mahasen Saber (Ich will die Scheidung und -) arbeitet ihre Scheidung auf, die für arabische Frauen bis zu 15 Jahre dauern kann. Ihren Partner selbst wählen will auch Ghada Abdelaal (Ich will heiraten!), stößt aber unter dem Druck auf viele Fragen: "Doch wen? Etwa den Fußballwütigen, der bei ihren Eltern lieber das Match am Bildschirm als sie betrachtete? Oder den Herrn, der vergaß, seine beiden bereits vorhandenen Ehefrauen zu erwähnen? Die wachsende Anspannung schlug sich auch auf die Psyche ihrer Mutter nieder: Sie fing an, mit sich zu sprechen und die Gegenstände im Haus zu befragen. Einmal sah ich sie, wie sie die Milchkanne im Kühlschrank fragte: 'Was, wenn wir einen Antrag bekommen - sollen wir gleich annehmen oder warten, bis ein besserer kommt, und was, wenn wir zu lange warten?'"

Ziemlich bizarr findet Naomi Bubis den Rechtsstreit um den Kafka-Nachlass, der zwischen der Erbin Eva Hoffe und der Jerusalemer Nationalbibliothek eine neue Wende eingegnommen hat. Bei drei Einbrüchen innerhalb der letzten Monate seien Bücher, Briefe und Partituren gestohlen worden, behauptet Hoffe.

Besprochen werden die Lucian-Freud-Ausstellung im Pariser Centre Pompidou, Michael Thalheimers sehr "deutsche" Inszenierung von Bernard-Marie Koltes' Stück "Combat de negre et de chiens" am Pariser Theatre national La Collin, das neue Album "Into The Great Wide Yonder" des dänischen DJs Anders Trentemoller und Christophe Blains Comic "Gus" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 28.05.2010

(Via 3 quarks daily) Christopher Hitchens bespricht im Tablet Magazine Paul Bermans neues Buch "Flight of the intellectual" über Tariq Ramadan und die Kapitulation der westlichen Öffentlichkeit vor islamischen Fundamentalisten seit der Fatwa gegen Rushdie. Dabei fällt Hitchens auf: "Most of the fascist parties of Europe have much in common with their extreme Muslim antagonists. They are generally opposed to the Western resistance to al Qaeda and its allies in Iraq and Afghanistan. And they are without exception grounded in the tradition of European anti-Semitism. I join with Paul Berman in expressing utter astonishment at this phenomenon, or rather at the way that it is not a phenomenon. Anti-Jewish propaganda, paranoia, and even incitement are now commonplace, at events like anti-war demonstrations where one might expect liberals and intellectuals to take notice of them. The dregs of medieval Christian bigotry have been drained and then regurgitated on Muslim websites."

Im Standard erzählt Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, über die Fortschritte bei der Digitalisierung der Bestände: Inkunabeln, historische Zeitungen, Papyri, Gesetzestexte, Fotos, Plakate und Audiokassetten und jetzt die Inhaltsverzeichnisse von Sammelbänden. "Wir haben alle Inhaltsverzeichnisse seit 1992 gescannt und machen laufend weiter. Bisher haben wir die Titel von 800.000 Beiträgen erfasst. Das Projekt IV-Scan - IV steht für Inhaltsverzeichnis - erleichtert die Arbeit der Benutzer sehr. Früher musste man sich ein Buch bestellen und nachschauen, um zu wissen, wer darin welchen Beitrag veröffentlicht hat. Und nun bekommt man die Information gleich am Bildschirm. Wir konnten feststellen, dass die Bücher, deren Inhaltsverzeichnisse digitalisiert sind, weit öfter als früher entlehnt werden. Es hat sich wieder bewahrheitet: Was im Netz ist, wird wahrgenommen."

SZ, 28.05.2010

Thomas Steinfeld versucht, sich und uns das "Phänomen" Lena Meyer-Landrut zu erklären. Kia Vahland kommentiert Gerhard Richters Empörung darüber, dass mit Christoph Schlingensief kein "Künstler", sondern ein "Performer" den Deutschen Pavillon in Venedig bespielen soll. Helmut Mauro berichtet von der Lesereise von Klaus Gallas' Projekt "West Östlicher Diwan Festival Weimar" durch Marokko. Was auf dem Kant-Kongress in Pisa verhandelt wurde, erzählt Johannes Thumfahrt. Aus Mailand meldet Henning Clüver, dass Claudio Abbado seine lange ersehnten Scala-Auftritte verschieben musste - auch die Gagenforderung von 9000 neu zu pflanzenden Bäumen ist bislang unerfüllt.

Besprochen werden die Wiedereröffnungsaufführung von Puccinis "La Boheme" im legendären argentinischen Teatro Colon (dass sie außerordentlich mau geraten ist, findet Harald Eggebrecht in diesem Ambiente nicht so schlimm), die Uraufführung von Oliver Bukowskis Kleist-Stück "Wenn ihr euch totschlagt ist es ein Versehen" bei den Ruhrfestspielen, eine Sebastiano-Ricci-Ausstellung in Venedig, eine Andreas-Slominski-Ausstellung in der Münchner Sammlung Goetz, die Ausstellung mit Werken von Wangechi Mutu in der Deutschen Guggenheim in Berlin und Bücher, darunter Katharina Hackers Novelle "Die Erdbeeren von Antons Mutter" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 28.05.2010

Uwe Ebbinghaus fragt sich unter Herbeiziehung vieler Beispiele vom "Ulysses" bis "Avatar", wie die Literatur und der Film die neuen virtuellen Wirklichkeiten erzählen können. Viel Bedeutendes wäre jedenfalls unter den Bedingungen der Jetztzeit nicht denkbar gewesen: "Man kann es geradezu als Gesellschaftsspiel betreiben - sich ausmalen, welchen großen Romanen und Filmen das Internet stofflich den Boden entzieht. Mag die Behauptung auch oberflächlich klingen: Herman Melvilles Ismael wäre im Zeitalter der Suchmaschinen wahrscheinlich nie auf der 'Pequod' gelandet, weil er zuvor nach einem neuen Arbeitsplatz gegoogelt hätte - und auf Warnungen früherer Besatzungsmitglieder vor Kapitän Ahab gestoßen wäre."

Weitere Artikel: Als erstes Zeichen für die "Kehrtwende weg vom Präventionsstaat" sieht Constanze Kurz in ihrer Kolumne die von der neuen britischen Regierung verkündete Abkehr von der Überwachungsideologie. Ingeborg Harms liest in deutschen Zeitschriften unter anderem Aufsätze zum Thema Unterschiede zwischen der deutschen und der französischen Soziologie und zum Verhältnis der Philosophie zum Mitleid. Auf der Medienseite schildert Hubert Spiegel, wie Google wegen seiner Street-View-Praktiken jetzt auch in den USA unter Druck gerät. Aus Frankreich informiert Jürg Altwegg über die Kaufverhandlungen zur Rettung von Le Monde.

Besprochen werden ein Konzert mit Martha Argerich beim Klavier-Festival Ruhr, Michael Thalheimers Pariser Inszenierung von Bernard-Marie Koltes' "Kampf des Negers und der Hunde", die "Ungeheuer"-Ausstellung von Nikolaus Heidelbach und Norman Junge im Museum für Angewandte Kunst in Köln, Michael Stocks Film "Postcard to Daddy" und Bücher, darunter Vera Tenscherts Bildband "Ekkehard Schall. Von großer Art" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).