Heute in den Feuilletons

Gib ihm Leben, Mann, gib ihm Jazz!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2010. Die MRR-Geburtstagsmaschinerie läuft an. Das Geheimnis von Reich-Ranickis Erfolg beim Publikum ist sein Zentrismus, meint Stephan Wackwitz in der taz. In der Berliner Zeitung erklärt der britische Wirtschaftswissenschaftler  Paul Collier, warum Reichtum an Bodenschätzen eher Fluch als Segen ist. Empfindsamen unter den Kunstliebhabern rät die FAZ von einem Besuch der Bruce-Nauman-Austellung in Berlin ab. Auf großes Interesse stößt das Berliner Urteil, das einem muslimischen Schüler ostentatives Beten an der Schule untersagt.

FR, 29.05.2010

Julia Kospach besucht eine Ausstellung nordkoreanischer Kunst in Wien. Viel dummes Zeug, stellt sie fest, haben österreichische Politiker schon dazu gesagt. Die Propaganda-Bilder verblüffen sie dann noch mehr: "In erster Linie aber kann man sich dem Staunen über die dargestellten Szenen und ihrer Verherrlichungsästhetik kaum entziehen: Was da gelacht, gestrebt, satt gegessen, gesorgt und versorgt wird! Zu verdanken ist das alles Vater und Sohn Kim. Was Kim Il Sung an Stunden, Tagen, Wochen seiner wertvollen Diktatoren-Zeit in einfachen, aber blitzsauberen Hütten im angeregten Zwiegespräch mit wohlgenährten, flauschige Küken in Händen haltenden Bauern und Bäuerinnen verbracht haben muss, mit Kinderkopf-Tätscheln, heiteren Park-Picknicks und gerührtem Händchenhalten mit Landarbeitern und Soldaten!"

Weitere Artikel: Christian Schlüter kann den Populismus anlässlich der jüngsten Köhler-Wirtschafts-Krieg-Äußerungen (mehr hier) nicht fassen und stellt lapidar fest, dass der "freie Welthandel" längst ganz offiziell als "nationales Interesse" im Bundeswehr-Weißbuch festgeschrieben ist. Heute Abend ist Song Contest, "Staatsempfang" für Lena Meyer-Landrut und Christian Thomas ordnet die Veranstaltung in unsere Gegenwart ein: "Der Eurovision Song Contest ist eine Entdeckung der Extreme: Glaubensdogma oder Ironiediktat." In einer "Times Mager" muss Daland Segler feststellen, dass nicht nur im Internet über Ipad und Apple viel Quatsch erzählt wird. In ihrer US-Kolumne kommentiert Marcia Pally die Vorreiterrolle Arizonas in rigidester Immigrantenpolitik.

Besprochen werden Lars-Ole Walburgs Premierensaisonabschlussinszenierung einer Theaterversion des Films "Adams Äpfel" und Bücher, darunter Britta Eisenreichs Erinnerungen "Celans Kreidestern" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 29.05.2010

Zum neunzigsten Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki macht sich Stephan Wackwitz Gedanken zu den Gründen für dessen durchschlagenden Erfolg. Letztlich lag es an MRR's Zentrismus, meint er, einer interessanten Mittellage zwischen alter Kunstreligiosität und neuer Zuwendung zum Unterhaltungsanteil der Literatur: "Wer so urteilt und verurteilt, wie es Reich-Ranicki sich traute, spricht als Kritiker nicht nur für sich selbst. Er wusste die Tradition hinter sich, in die er als Berliner Gymnasiast hineingewachsen war. Reich-Ranickis Urteile waren in widersprüchlicher Einheit mit seinen oft sehr ermäßigten Ansprüchen an künstlerische Qualität der Grund für seine Popularität. Paradoxerweise vereinte sich in ihnen der Populismus des gehobenen Unterhaltungskritikers mit der priesterlichen Autorität jenes 'Advokaten für die Literatur', den er zeitlebens verkörpern wollte."

Weitere Artikel: Julian Weber unterhält sich mit dem Malerstar Albert Oehlen über dessen Werdegang. Sebastian Erb besucht die Macher des nicht mehr bzw. gerade noch exisiterenden regierungskritischen Restfernsehens in Venezuela. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne erklärt Doris Akrap, warum Facebook der "Helmut Kohl des Internets" ist und auch den kommenden "quitfacebookday" locker überstehen wird. Der mallorquinische Modedesigner Miguel Adrover erklärt im Interview, warum er lieber für hessnatur als für Chanel entwirft.

Besprochen werden Sachbücher für Kinder (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Berliner Zeitung, 29.05.2010

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier, Leiter des Zentrums zum Studium der afrikanischen Volkswirtschaften in Oxford, erklärt im Interview, warum Wahlen in Entwicklungsländern überschätzt werden und warum es gerade ihr Reichtum an Bodenschätzen ist, der die Afrikaner so oft ins Unglück führt. "Die Existenz von natürlichen Ressourcen führt dazu, dass politische Macht sehr lukrativ wird. Außerdem entfremdet sie die Regierung von ihren Bürgern, weil die Regierung nicht so dringend auf Steuereinnahmen angewiesen ist. Und schließlich sind natürliche Ressourcen eine gut verfügbare Geldquelle für organisierte, gewaltbereite Gruppen, die einen Teil des Landes unter ihre Kontrolle bringen und dann ausplündern." Beispiel Nigeria: "Bei einer Konferenz bin ich einmal General Abacha begegnet, der in seinen sechs Jahren an der Macht in Nigeria die atemberaubende Summe von vier Milliarden Dollar gestohlen hat. Abacha war wirklich ein vielbeschäftigter Mann. Vier Milliarden Dollar - das war mehr als die gesamten nigerianischen Investitionen während dieser Zeit."
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Welt, 29.05.2010

In einem Interview in der Literarischen Welt erklärt der amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Richard Price, dass es bei der Literatur nicht darauf ankommt "Worte aufs Papier zu setzen": "Es geht darum, das Ding bis zum Wahnsinn zu treiben: Gib ihm Leben, Mann, gib ihm Jazz! Als würde man ein Musikinistrument spielen. Es geht nicht darum, das Notizbuch eines Reporters auf den Tisch plumpsen lassen, nach dem Motto: 'Und hier sind die neuesten Nachrichten von der dunklen Seite des amerikanischen Traums, bla bla bla.'"

Mathias Döpfner gratuliert seinem Lehrmeister Marcel Reich-Ranicki zum Neunzigsten: "Gelernt habe ich, dass der beste Gruß eines Journalisten eine gute Frage ist."

Im Feuilleton meldet Hanns-Georg Rodek besorgt, dass der iranische Maler und Filmemacher Daryush Shokof auf dem Weg von Köln nach Paris spurlos verschwunden ist: "Weder seine Frau, die Schauspielerin Taies Farzan, noch seine Freunde haben seit fünf Tagen ein Lebenszeichen von ihm erhalten." Paul Jandl blickt skeptisch auf die Gefühlskino-Werdung der Natascha Kampusch. Jörn Lauterbach ließ sich beim Richtfest der Elbphilharmonie etwas versöhnlicher stimmen. Hans-Jörg Schmidt berichtet aus Prag, dass eine Dokumentation nun erstmals von Tschechen an Deutschen begangege Verbrechen zeigt.

Im Wirtschaftsteil ist ein Schnipsel von Frank Schirrmachers iPad-Testbericht zu lesen: "Das iPad ist das anhänglichste Haustier, das man sich vorstellen kann. Verlässt man ein Zimmer seiner Wohnung, um in das nächste zu gehen, will es mit"

NZZ, 29.05.2010

In Bilder und Zeiten überlegt der Frankfurter Philosophieprofessor Rainer Forst, wie eine "struktur- bzw. verhältnisbezogene" Philosophie der Gerechtigkeit aussehen könnte. Marc Zitzmann stellt das Pariser Architektenduo Jakob + MacFarlane vor, das - laut Unterzeile des Artikels - "zeitgenössische Formen aus dem Kontext heraus erwachsen" lässt. Renate Klett beschreibt ihre Schwierigkeiten, ein Theaterfestival zu konzipieren, das internationales Welttheater präsentiert und damit auch Werke, die in ihrem Heimatland großartig, in Europa dagegen eher unbedeutend aussehen: "Soll/kann man sie durch ein kleines Festival im Festival (wie zum Beispiel 'forum festwochen' bei den Wiener Festwochen) 'schützen' und ihr damit attestieren, dass sie die Konkurrenz nicht aushält? Oder lädt man sie aus lauter Protektionismus gar nicht erst ein?"

Besprochen werden Bücher, darunter Lucien Brauns Band über "Bilder der Philosophie" und der letzte Band der antikapitalistische Saga von Michael Hardt und Antonio Negri (Leseprobe), "Common Wealth" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton denkt Martin Meyer diffenziert über die Burka nach. Eva Clausen berichtet über zwei neue Institutionen für Gegenwartskunst in Rom: das von Zaha Hadid erbaute Maxxi und der neue Flügel der Städtischen Kunsthalle Macro. Besprochen wird die Ausstellung "Richard Neutra in Europa. Bauten und Projekte 1960-1970" im Museum Marta in Herford.

Aus den Blogs, 29.05.2010

Jörg Lau erklärt in seinem Blog, warum das Berliner Urteil gegen einen muslimischen Schüler, der ostentativ beten wollte, richtig ist: "Der Staat ist indes zu unbedingter religiöser Neutralität verpflichtet. Wenn er Kinder schon zwingt, sich für eine bestimmte Zeit jeden Tag in einem bestimmten Gebäude oder auf dem angrenzenden Gelände aufzuhalten, kann er deshalb nicht zulassen, dass sie dort mit einer bestimmten religiösen Betätigung belästigt, mithin auch zu Gunsten einer bestimmten Religion missioniert werden."
Stichwörter: Muslimische Schule

SZ, 29.05.2010

Johan Schloemann unterhält sich mit der in Oxford lehrenden Linguistin Lynda Mugglestone über den gegenwärtigen Zustand des Englischen - und dringt mit sprachpessimistischen Nachfragen dabei ganz und gar nicht durch: "... wie schon Samuel Johnson selbst - der an meinem College hier in Oxford studiert hat - sehr gut wusste: Man kann nicht 'die Wege der Sprache mit Wachen versperren'. Sie können es versuchen, wenn Sie wollen. Aber es funktioniert nicht. Es gibt, wie Dr. Johnson sagt, kein Elixier für die Unsterblichkeit eines Sprachzustandes. Selbst die Academie francaise musste mehrere Auflagen ihres Wörterbuchs produzieren."

Nicht nur mit dem Urteil, in dem das Berliner Oberverwaltungsgericht eine Schule von der Pflicht entband, einem muslimischen Schüler das Mittagsgebet zu ermöglichen, ist Gustav Seibt unzufrieden. Er findet es schon problematisch, dass es überhaupt zum Prozess kam: "Wo gleichgewichtige Ansprüche gegeneinanderstehen - Freiheit zur Religion und Freiheit von der Religion - kann es etwas anderes als pragmatische Lösungen einzelner Fälle nicht geben. Hier haben Schule und Schulverwaltung versagt, und jetzt hat das Gericht den Fall noch größer gemacht: Es gestattet ausdrücklich den Gang zum Bundesverwaltungsgericht. Aus solchen Aufblähungen kleiner Fälle entstanden früher Religionskriege."

Weitere Artikel: Ganzseitig geht es um unser Afrikabild, das "von Klischees bestimmt" wird. Arne Perras betont die große Vielfalt des Kontinents, die von Europäern oft verkannt werde. Judith Raupp weist darauf hin, dass die Mehrzahl der Migranten aus Afrika gar keine Armutsflüchtlinge sind; in einem weiteren Artikel schildert sie den Wandel, den das Handy fürs Leben in Afrika bedeutet hat. Wie wenig der Westen von zeitgenössischer afrikanischer Popmusik weiß und kennt, erklärt Jonathan Fischer. "Orte der Zukunft" stellt Andrian Kreye vor. Jörg Heiser begutachtet die erste Ausstellung im von Zaha Haddid entworfenen römischen Museum für Gegenwartskunst namens Maxxi - und muss feststellen, dass die Gegenwartsarchitektur der in Italien schwer unter Druck geratenen zeitgenössischen Kunst da keinen Gefallen tut. Wie Till Briegleb berichtet, hoffen Stadt und Künstler, dass in Hamburgs Oberhafen-Quartier ein "Williamsburg an der Elbe" entstehen könnte. Catrin Lorch gratuliert dem Maler Robert Ryman zum Achtzigsten. Der Sitarspieler Al Gromer Khan stimmt zum 100. Geburtstag von T-Bone Walker einen "Lob- und Bittgesang" an. Hier spielt er "Don't throw your love on me so strong".




Im Aufmacher der SZ am Wochenende schildert Eva Karcher - vor allem am Beispiel Damien Hirst -, wie sich Auto und Kunst zunehmend gut vertragen. Auf der Historienseite geht es um die Geschichte (und Gegenwart) der Prügelstrafe. Auf der Literaturseite gibt es eine Erzählung von Andreas Merkel mit dem Titel "Der Brief an Dilek". Susan Vahabzadeh spricht im Interview mit John Malkovich über "Exzentrik", der dazu allerdings meint: "Ich glaube, das, was Sie für exzentrische Entscheidungen in meiner Karriere halten, sind eigentlich nur Reflektionen des Chaos."

Besprochen werden ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann, bei dem neben Klassischem von Mozart und Mendelssohn auch die Uraufführung von Detlev Glanerts "Insomnium" zum Vortrag kam, und Bücher, darunter John Irvings neuer Roman "Letzte Nacht in Twisted River" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 29.05.2010

Regina Mönch begrüßt das Berliner Urteil gegen einen muslimischen Schüler, der sich ein Recht auf ein streng rituelles Gebet in der Schule erstreiten wollte: "Die Pflicht zum Ritualgebet in der Schule, worauf auch die extreme Kotku-Sufi-Gemeinde des Klägers besteht, ist eine von vielen eigenmächtigen Auslegungen islamischer Quellen, deren Ziel weniger die Frömmigkeit ist, sondern ein politisches: die Islamisierung des Schulalltages."

Andreas Kilb warnt vor der Bruce-Nauman-Ausstellung in Berlin: "Er quält uns mit seiner Qual, er stößt uns in seinen Abgrund. Dem Betrachter bleibt freigestellt, ob er die Naumansche Höhle betritt oder nicht. Ist er erst einmal drin, sind dem Schrecken und dem Taumel der Erfahrung keine Grenzen gesetzt."

Weitere Artikel: Verena Lueken bringt Clint Eastwood zum Achtzigsten ein Ständchen dar. Michael Althen versucht in der Leitglossen ein weiteres Mal, das Geheimnis der Lena Meyer-Landrut zu ergründen. Jordan Mejias porträtiert den Computerwissenschaftler David Gelernter als den Maler, der er auch ist - zur Zeit stellt er in einer Galerie der Yale University aus (mehr hier). Hubert Spiegel meldet, dass Marcel Reich-Ranicki durch eine Anstecknadel als "Officier in de Orde van Oranje-Nassau" ausgewiesen wurde. Felicitas schreibt ein begeistertes Porträt des Autors Richard Price, dessen New-York-Roman "Cash" für sie als Metapher der Gegenwart gelesen werden kann. Mark Siemons porträtiert den Waldorf-Lehrer und Rudolf Steiner-Übersetzer Eckart Löwe, der sich in China hohes Ansehen erwarb, indem er Kinder von Wanderarbeitern half und der nun zur allgemeinen Empörung sein Blog schließen muss, in dem er unter dem Namen Lu Anke schrieb. Auf der letzten Seite erzählt Marcus Jauer die Geschichte des "Herrn Hennig", eines einstigen DDR-Oppositionellen, der heute in der schicken Friedrichstraße in Berlin betteln geht. Christoph Schmälzle verfolgte eine Berliner Tagung über die Bildhauerkunst im Spannungsfeld von Wissenschaft und Ästhtetik iim 18. und 19. Jahrhundert

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um neue Einspielungen von Chopins "Nocturnes", um alte Mozart-Aufnahmen mit Daniel Barenboim als Pianist, neue Vinyl-Plattre von Jack White.

Für Bilder und Zeiten porträtiert Hannes Hintermeier den Wiener Kabarettisten und Schauspieler Josef Hader. Dirk Schümer berichtet aus der ungarischen Kulturhauptstadt Pecs. Auf der Literaturseite geht's unter anderem um den Roman "Julia" des niederländischen Autors Otto de Kat. Auf der letzten Seite unterhält sich Irene Bazinger mit der Doyenne der deutschen Theaterverleger Maria Sommer.

Für die Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Durs Grünbein vor - "Si me amas:

Ihr geliebten Dinge, die kein Blick mehr stört
In Vitrinen - Terrakotten, Tintenfäßchen, goldne Fibeln. (...)"