Heute in den Feuilletons

Doch dann das große K!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.04.2010. Es ist so weit - das Netz wird privatisiert. Die ersten Opfer heißen Adobe und Google. Denn auf der Website Apple erklärt Steve Jobs höchstpersönlich, warum er auf seinen Geräten niemals mehr das Flash-Programm von Adobe zulassen wird. Und auf CNN erklärt der Blogger Peter Cashmore, warum Google durch den "Like"-Button von Facebook das Netz nicht mehr hierarchisieren kann. Ist aber egal, denn das Internet macht uns sowieso alle blöd, informiert die FAZ. In der NZZ denkt Sibylle Lewitscharoff über Namensgebung in Romanen nach. In der Welt meckert Fritz J. Raddatz über Kollegen. 

NZZ, 30.04.2010

Amin Farzanefar erzählt vom mutigen Protest iranischer Filmemacher nach den gefälschten Wahlen vom letzten Juni. Jüngst wurde ein Festival boykottiert, einige Regisseure sind ins Exil gegangen. Jafar Panahi aber befindet sich immer noch im Gefängnis: "Nach letzten Informationen - vom 31. März - wurde der 49-Jährige in eine kleinere Zelle verbracht und befindet sich in einem gesundheitlich schlechten Zustand, sei aber 'nicht willig zur Kooperation'. Ein öffentliches Bekenntnis ähnlich dem, das der Dokumentarfilmer Maziar Bahari ('Along Came a Spider') nach dreimonatiger Haft abgeben musste, ist Panahi offenkundig nicht so leicht zu entreißen."

Weitere Artikel: Christian Gasser stellt den Comiczeichner Chihoi Lee aus Hongkong vor, der Gast beim Luzerner Comix-Festival Fumetto ist. Besprochen wird die Ausstellung "Henri Matisse: Radical Invention, 1913-1917 in Chicago.

In Literatur und Kunst denkt Sibylle Lewitscharoff nach langen Erwägungen über das Alte Testament über Namensgebung in Romanen nach: "Josef K - auch ein verflucht guter Name! Der Vorname in beiden Testamenten präsent, im Alten Testament ist Joseph der über alles geliebte Sohn, der spätere Wohltäter und Mehrer seines Volkes, im Neuen Testament kehrt der Name zurückgedämmt wieder in der Heiligen Familie und weist auf einen eher geschlechtslosen Vaterersatz. Josef ist aber auch ein weitherum, oft in bäuerlichen Gegenden vergebener Name. Doch dann das große K! Vom vertikalen Stamm zweigen zwei auseinanderstrebende Ärmchen ab, das eine weist in den Himmel, das andere zum Boden."

Außerdem in der Beilage: Jürgen Tietz stellt die Architekten Stefan und Bernhard Marte (dysfunktionale Architekten-Website) vor, die mit ihren kargen Betonbauten die architektonisch besonders ambitionierte österreichische Region Vorarlberg prägen.Und Roman Bucheli unterhält sich mit dem Fotografen und Autor Daniel Schwartz (Bilder).

Besprochen werden Bücher, darunter Neuerscheinungen über Alban Berg.

Aus den Blogs, 30.04.2010

Ganz großer Aufruhr in der Internetwelt. Steve Jobs erläutert in einem 1.671-Word-Essay auf der Website von Apple, warum er auf seinen Iphones, -pads etc. niemals Flash zulassen wird. Und zwar ausgerechnet weil Flash kein offenes System ist! "By almost any definition, Flash is a closed system. Apple has many proprietary products too. Though the operating system for the iPhone, iPod and iPad is proprietary, we strongly believe that all standards pertaining to the web should be open. Rather than use Flash, Apple has adopted HTML5, CSS and JavaScript - all open standards." Adobe-Chef Shantanu Narayen hat in einem Video-Interview im Wall Street Journal bereits geantwortet.

Und eine andere Firma dürfte ebenfalls Albträume bekommen, meint Mashable-Gründer Pete Cashmore in einem Beitrag für CNN - und das ist Google. Der Angreifer ist in diesem Fall Facebook, der externen Websites anbietet, seinen Like-Button einzublenden. Das wäre eine Revolution, die das ganze Netz umstülpen könnte: "If Like buttons take off, that's really bad news for Google, since its algorithm uses links between sites to determine their order in search results. Facebook seeks to replace this open system of links between pages with the 'social links' (or Likes) that it controls. Google and other search engines won't have full access to all these Likes, so the company best positioned to rank the Web will be Facebook." Hier ein Überblick der Electronic Frontier Foundation über "Facebook's Eroding Privacy Policy: A Timeline".

Peter Mühlbauer nimmt in Telepolis Bezug auf die Berichterstattung des Perlentauchers und anderer Medien zu den zensierten South Park-Folgen und findet am Ende die Religion vom geistigen Eigentum noch schlimmer als den Islam. Denn gebe es nicht die Religion vom geistigen Eigentum, dann könnte er auf die verbotenen Folgen verlinken, die im Netz natürlich zirkuliern: "Man würde den armen Printredakteuren selbstverständlich nur allzu gerne helfen - doch so umfangreich, wie Monopolrechte derzeit geschützt sind, wäre sowohl ein Link auf MegaUpload ein rechtliches Risiko, als auch eine simple Anleitung, welche fünf Worte jemand bei Google eingeben muss, um sich die Folgen ansehen zu können. Das alles ist Zensur, die dafür sorgt, dass der deutsche Journalismus tendenziell schlechter wird." (Und doch: wir glauben nicht, dass die Medien auf die Mohammed-Karikaturen verzichteten, weil sie Angst vorm Urheberrecht hatten!)

Welt, 30.04.2010

Kein Feuillton heute, dafür gibt es schon die Literarische Welt: Fritz J. Raddatz hebt zu einer große Klage gegen den allgemeinen Niveauverlust im Feuilleton an, listet dann aber doch nur etwas quengelig einige Schnitzer und unschöne Begebenheiten auf, die ihm in jüngster Zeit untergekommen sind: "Wir befinden uns in einem kulturellen Sinkflug. Es herrscht das Gesetz der Kurzatmigkeit. Wir drohen, in einem Wust von hektischen, ungepflegten E-Mails unterzugehen. Sprache - den heiklen Begriff Stil gilt es eher zu vermeiden - wird zerhackt."

Weiteres: Ulrich Weinzierl hält fest, dass sich Robert Menasse zum Europa-Sympathisanten gewandelt hat, während Hans Magnus Enzensbergers ewige Ablehnung der EU immer verbohrtere Züge annehme. Jacques Schuster erinnert an Theodor Herzl, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Bettina Greiners neues Standardwerk über "Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland", Jan Faktors Roman "Georgs Sorgen um die Vergangenheit..." und Henning Mankells letzter Wallander-Roman "Der Feind im Schatten".
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TAZ, 30.04.2010

Julian Weber unterhält sich mit dem Folksänger Rufus Wainwright, dessen neus Album "Lulu" Anleihen bei Shakespeare und Wedekind macht. Jutta Lietsch spricht mit dem Architekten Cui Tong über die Expo in Schanghai und den Stand des Umweltbewusstseins beim Bauen in China.

Besprochen werden Bücher, darunter Benjamin Steins Roman "Die Leinwand" und Henning Mankells letzter Wallander-Roman.

Und Tom.

FR, 30.04.2010

Lothar Voßmeier erinnert an die Ernennung Karl August Freiherrs von Hardenberg zum preußischen Staatskanzler vor 200 Jahren. Christian Thomas merkt in der Leitglosse an, dass auf Euronoten von Anfang an keine griechischen Symbole abgebildet waren. Ulrich Beck denkt in seiner monatlichen Globalrundschau an den Stillstand durch die Aschewolke zurück, die er als einen Vorgeschmack auf kommende Flugverbote wegen des Klimawandels sieht.

Besprochen werden Philipp Maintz' Oper "Maldoror" und Marton Illes' Oper "Die weiße Fürstin" nach Rilke bei der Münchner Musiktheaterbiennale.
Stichwörter: Beck, Ulrich Beck, Klimawandel, Oper

SZ, 30.04.2010

Zwar sieht der Osteuropa-Experte Richard Swartz das bei den Wahlen weit nach rechts gerückte Ungarn derzeit fest in die Europäische Union eingebunden, das Potenzial einer gefährlichen Entwicklung erkennt er dennoch: "Mit Orbans Sieg scheint Ungarn zu seiner unbewältigten Vergangenheit zurückzukehren. Das politische Spektrum wird nun ganz von einer Rechten beherrscht, mit einer noch radikaleren Rechten an ihrer Seite. Doch ist diese neue extreme Rechte von einer anderen Art als frühere extremistischen Gruppen: Der Ton wird nicht mehr von bizarren Dichtern, obskuren Fanatikern und den ewig Gestrigen angegeben. Jobbik verfügt über eine kleine, gut ausgebildete Elite, Studenten, Intellektuelle, die in der modernen Welt zu Hause sind. Ein solcher Gegner ist schwieriger zu beherrschen als seine Vorläufer."

Weitere Artikel: Henrik Bork schildert die "gemischten Gefühle", mit denen man in der Expo-Stadt Schanghai die Besucher aus aller Welt erwartet. Laura Weissmüller stellt die Expo-Architekten Schmidhuber und Kaindl vor. In gleich drei Artikeln geht es um den 1. Mai in Berlin und die zu erwartenden Unruhen. Stephan Speicher meditiert einerseits eher grundsätzlich über die Lust an der Gewalt und fragt andererseits nach, wie man an Buttersäure und andere Chemikalien kommt. Durch die mutmaßliche Krawallzone von Berlin Neukölln bewegt sich Hans-Peter Kunisch. Henning Klüver informiert über Diskussionen um eine dringend notwendige Opernreform in Italien. Auf der Medienseite referiert Wolfgang Janisch das BGH-Urteil, das Google die Thumbnail-Anzeigen in der Bildersuche weiter erlaubt.

In der SZ am Wochende fordert Heribert Prantl Integration ins neue Deutschland auch von Roland Koch und Markus Söder. Harald Hordych schreibt über die Verfilmung von Roald Dahls Kinderbuch "Fantastic Mr Fox". Und der Architekt Albert Speer spricht im Interview über Größe.

Besprochen werden die Uraufführung von Sidi Larbi Cherkaouis und Damien Jalets Tanzstück "Babel (Words)" in Brüssel, die Uraufführung von Marton Illes Rilke-Oper "Die weiße Gräfin" bei der Biennale in München, die Ausstellung "Was ist schön?" im Dresdener Hygienemuseum, eine Ausstellung über die jüdische Beziehungsgeschichte mit den Alpen im Alpinen Museum in München, das neue Album "Forgiveness Rock Record" von Broken Social Scene (Website) und Bücher, darunter Denis Johnsons Kriminalroman "Keine Bewegung!" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 30.04.2010

In ihrer Internetkolumne beschreibt Constanze Kurz die "Heuchelei" der Politiker im Umgang mit dem Netz. Einige hätten sich zwar durchaus bemüht. "Auf der politischen Führungsebene scheint jedoch der Drang nach Durchsetzung vorgefasster Ansichten ungebrochen - ungetrübt von technischen Fakten. Beim Datenschutz und Fragen der digitalen Privatsphäre, zumindest wenn es um kommerzielle Informationsjäger und -sammler geht, gibt es eine gewisse Einsicht in die Notwendigkeit von modernisierten Regelungen. Das Verbraucherschutzministerium Ilse Aigners prescht hier vor und versucht, noch etwas stolpernd und unbeholfen, den digitalen Konsumentenschutz als politisches Profilierungsfeld zu erschließen. Sobald es jedoch um die Eingriffsbefugnisse des Staates geht, ist Schluss mit dem Kuschelkurs."

Keine guten Nachrichten hat der am Braunschweiger Zoologischen Institut forschende Neurobiologe Martin Korte: Das Internet macht nun erwiesenermaßen blöd. Wir konzentrieren uns, aber nur noch kurz, und die Spiegelneuronen gehen, wenn wir immer nur auf den Bildschirm glotzen, auch gleich hops: "Unsere Internetgewohnheiten drohen also nicht nur unseren Alltag zu verändern, sondern auch unser Denken und möglicherweise unser Mitgefühl sowie unsere Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wir brauchen einen realen Strom an Eingangssignalen von anderen Menschen, um die menschlichste aller Tätigkeiten - zu ergründen, was andere Menschen denken und fühlen - so gut wie möglich auszuführen. Das Internet hat sich hier in vielen Studien nicht als adäquater Ersatz erwiesen."

Weitere Artikel: Edo Reents berichtet von der Tutzinger Tagung "Thomas Mann, die Deutschen und die Politik". Sandra Kegel glossiert der Zeit entsteigende neue Hegemann-"Miasmen". Gerhard Rohde bilanziert die Wittener Tage für neue Kammermusik (Website). Raphael Gross erinnert an die Arbeitserziehungslager der Nazis und sieht sie durchaus als Bezugspunkt heutiger Debatten. Jürgen Richter betrachtet den sanierten Van-de-Velde-Bau in Weimar. Bei Ingeborg Harms' Blick in deutsche Zeitschriften geht es in erster Linie um Haikus. Jürg Altwegg schreibt einen kurzen Nachruf auf den Autor Pierre-Jean Remy.

In Bilder und Zeiten stellt Mark Siemons die Pavillone verschiedener Länder auf der Expo in Schanghai vor (hier kann man sich alle angucken). Gina Thomas beobachtet den Straßenwahlkampf in Großbritannien. Jochen Hieber schreibt über die Billardweltmeisterschaft. Und die Sängerin Melody Gardot spricht im Interview über ihr Schädelhirntrauma und die Musik, die als Folge entstand.

Besprochen werden Sidi Larbi Cherkaouis in Brüssel aufgeführte Tanz-Performance "Babel (Words)" ein Kölner Konzert des australischen Duos Julia & Angus Stone, die Ausstellung "Mittelalterliche Elfenbeinarbeiten im Dialog" im Bayerischen Nationalmuseum in München, neue Filme in Kurzkritiken, darunter Giuseppe Tornatores "Baaria" (mehr), und Bücher, darunter Henning Mankells letzter Wallander "Der Feind im Schatten" und Michael Lentz' Band mit Liebesgedichten "Offene Unruh" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Ruth Klüger stellt ein Gedicht von Kurt Tucholsky vor:

"Media in vita

Die läuft rum, die mir die Augen zudrückt:
eine Krankenpflegerin.
Ordnet noch die Fläschchen auf dem Nachttisch,
wenn ich schon hinüber bin.
..."