Heute in den Feuilletons

So verzweifelte Düsternis

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2010. Die FAZ greift  Peter Nadas' scharfe Kritik am Berliner Holocaust-Mahnmal auf. Der Freitag begrüßt die Archivierung sämtlicher Tweets in der Library of congress. Die SZ fragt: Wer steckt eigentlich hinter Wikileaks? Und ist das Journalismus? Die Zeit hat einen Text, der eventuell von Helene Hegemann ist. Die taz fragt nach dem richtigen Gebrauch des Begriffs Missbrauch. In Perlentaucher, taz, Tagesspiegel und einigen Blogs hallt außerdem ein lautstarker Abend im Berliner Centrum Judaicum nach.

Welt, 29.04.2010

Hanns-Georg Rodek hat sich in der Deutscher Oper durch die sechsstündige Aufführung von Fritz Langs "Nibelungen" gekämpft. Erschöpft, aber glücklich kann er melden: "Bis die Nibelungen sterben, dauert es lang. Wer gedacht hatte, John Waynes Endkampf im 'Alamo' sei heroisch, hat die 'Nibelungen' nicht gesehen. Nie vorher und selten nachher herrschte so verzweifelte Düsternis auf der Kinoleinwand."

Der Designer Rick Owens spricht im Interview mit Jan Kedves über seine Hirschgeweih-Möbel, Sex und Tod und die Frage, warum Kunst für ihn an Reiz verloren hat: "Die Mode hat die Kunst inzwischen intellektuell überholt. Was Selbstreferenzialität und das Einbauen subtiler Codierungen angeht, bewegt sie sich heute auf einem mindestens so hohen Niveau wie die Kunst - nur dass sich Mode dabei häufig noch ein mysteriöses Element bewahrt hat, während die intellektuellen Spielchen der Kunst allzu oft durchschaubar sind. Sie wissen schon, ich meine all diese ironischen Künstler, die in ihre Werke Witzchen darüber einbauen, dass ihre Kunst so teuer ist."

Weiteres: Sven Felix Kellerhoff würde gern wissen, warum die Birthler-Behörde sechs Regalkilometer Akten vernichtet hat. Besprochen werden auf der Filmseite Jim Carreys Film "I love you, Philip Morris" und Uwe Bolls Drama "Darfur".
Stichwörter: Fritz Lang, Oper, Sex

NZZ, 29.04.2010

Geri Krebs berichtet vom Filmfestival Bafici in Buenos Aires, das um des Niveaus willen auf Glamour, Stars und rote Teppiche verzichte. Und auch auf Pressekonferenzen, wie der Leiter Sergio Wolf erklärt: "Die dümmsten Fragen an die Filmschaffenden kommen meist von Journalisten."

Weitere Artikel: Gegen Tendenzen, den aggressiven Antisemitismus des Wiener Fin-de-Siecle-Bürgermeister Karl Lueger zu verharmlosen, liest Evelyn Polt-Heinzl als Gegengift Arthur Schnitzler. Sieglinde Geisel berichtet vom deutsch-französischen Autorentreffen, das am Wochenende in Berlin stattfand. Alfred Zimmerlin war auf den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Besprochen werden Anne Enrights Erzählungen "Alles, was du wünschst" und Anna Mitgutschs Roman "Wenn du wiederkommst" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

Aus den Blogs, 29.04.2010

Big Brother Steve Jobs hat wieder zugeschlagen, berichtet Ryan Tate in Valleywag: "Apple has just rejected, for the second time, the app 'Gay New York: 101 Can't-Miss Places,' created in conjunction with San Francisco-based Sutro Media. The company objected to images that show too much skin, and to a caricature of former vice presidential candidate Sarah Palin."
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Stichwörter: Steve Jobs, San Francisco, Vice

Perlentaucher, 29.04.2010

Am Dienstagabend kam es zu einer denkwürdigen Diskussion im Centrum Judaicum Berlin - beziehungsweise gerade nicht. Anlass war ein taz-Artikel der israelischen Israelkritikerin Iris Hefets, die die Ausladung des für seine "Israel = Nazis"-Rhetorik bekannten Antizionisten Norman Finkelstein bei der Böll-Stiftung beklagte. Derartige Kritiker würden durch die Inszenierung einer "Schoah-Relion" mundtot gemacht - so der Tenor ihres Artikels. Die Jüdische Gemeinde wollte anlässlich des Artikels mit taz-Chefredakteurin Ines Pohl, Welt-Herausgeber Thomas Schmid und Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff (und Perlentaucher Thierry Chervel als Moderator) über deutsche Medien, Israel und den Antisemitismus diskutieren, aber es kam zum Eklat, weil lauthals brüllende Hefets-Anhänger ein "Tribunal" gegen die Autorin fürchteten. Ines Pohl solidarisierte sich mit ihnen, forderte eine Einladung Hefets aufs Podium und rauschte ab, als die Jüdische Gemeinde da nicht mitmachen wollte. Anja Seeliger schreibt im Perlentaucher: "Es war wie im Theater. Ines Pohl hat es hinbekommen, vor einer Diskussion zu kneifen und dabei als Mutter Courage abzugehen!" In der taz erzählt Ulrich Gutmair die Geschehnisse aus taz-Sicht. Reaktionen gibt es auch im Blog von Clemens Heni (hier), im Wadinet (hier) und im Tagesspiegel (hier).

Die jüdische Gemeinde konstatiert hierzu in einer Pressemitteilung: "Es war vorgesehen, dass sich jeder aus dem Publikum, der es wollte, zu Wort melden konnte. Beim Einlass wurde nicht kontrolliert, wer teilnehmen wollte. Frau Hefets hätte also problemlos im Saal sitzen und sich zu Wort melden können."

Freitag, 29.04.2010

Katrin Schuster verteidigt die jetzt beschlossene Archivierung sämtlicher Tweets in der Library of Congress "Die Klage - die erwartungsgemäß sofort laut wurde -, dass nun die Banalität in die Bücherhallen einziehe, ist also nicht nur arrogant, sondern auch ignorant: Was würden wir heute nicht alles dafür geben, wenn uns noch ein paar mehr Aufzeichnungen über einen früheren Alltag, etwa im Mittelalter, erhalten geblieben wären?"

Außerdem im Freitag: ein Interview mit der Philosophin Herlinde Pauer-Studer über Moral im Dritten Reich. Und Andrea Redigs warenästhetische Betrachtung moderner Drogerien und Parfümierien.

TAZ, 29.04.2010

Auf der Meinungsseite kritisiert Andrea Rödig die gleichermaßen einseitige wie undifferenzierte gegenwärtige Missbrauchs-Debatte. "Der Begriff 'Missbrauchsopfer' hatte immer etwas bedrohlich Schlüpfriges, im Moment jedoch mutiert er zum frisch gewaschenen Haustierchen im heimischen Wortschatz. Bezeichnungen wie 'Missbrauchsbeauftragter' oder 'Missbrauchshotline' gehen mittlerweile so locker über die Lippen, als handele es sich dabei um so etwas wie einen Kundenservice. Warum versucht niemand, eine andere Sprache für die Situation zu finden?"

Im Kulturteil untersucht Barbara Schweizerhof die Veränderung der Filmkultur durch der Digitalisierung, DVDs und Streams: Nach ihrem Befund stößt das gute alte Programmkino zwar an Grenzen, aber von Krise könne keine Rede sein. Simone Kaempf porträtiert Luk Perceval, den Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater, der mit seiner Inszenierung von "Kleiner Mann - was nun?" an den Münchner Kammerspielen jetzt zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist. Ulrich Gutmair resümiert die tumultartige Antisemitismusdiskussion in der Jüdischen Gemeinde (hier ein Kommentar dazu im Perlentaucher). Laura Ewert berichtet über ein Berliner Gespräch von Vertretern der Techno-Branche über Veränderungen ihrer Arbeit durch die Digitalisierung. Cigdem Akiol schreibt über den Islamwissenschaftler Sven Kalisch, der an der Uni Münster als Erster Islamlehrer ausbilden sollte, dann aber aus politischen Gründen seinem Glauben entsagte.

Besprochen werden der Film "I Love You Phillip Morris" von Glenn Ficarra und John Requa, in dem Ewan McGregor und Jim Carrey ein schwules Paar spielen und die DVD von Rüdiger Neumanns fürs ZDF produzierte "Archiv der Blicke".

Auf den Tagesthemenseiten wirft die indische Schriftstellerin Arundhati Roy der Regierung in Delhi Völkermord an Indiens Ureinwohnern vor.

Und Tom.

SZ, 29.04.2010

Johannes Boie und Fabian Heckenberger porträtieren das geheimnisumwitterte Geheimnisverratsportal Wikileaks, nicht ohne Sympathie, aber auch mit Nachfragen: "Nicht immer sind die Motive bei Wikileaks so klar definiert. Die Aktivisten loten die Grenzen der Transparenz aus, sie dehnen rechtliche und ethische Normen. So veröffentlichen sie die Mitgliederliste der British National Party, verletzen Persönlichkeitsrechte und brechen mit Prinzipien des Journalismus. Wikileaks schafft sich ein eigenes Wertesystem, einen Verhaltenskodex, im Zentrum steht die Handlungsmaxime: 'In doubt, we publish' - im Zweifel wird veröffentlicht."

Weitere Artikel: Zur Musiktheaterbiennale sieht Reinhard J. Brembeck das Misserfolgsgeheimnis neuerer Opern darin, dass das Theater gegen zu gut komponierte Musik nicht zu seinem Recht kommt. Andrian Kreye macht sich Gedanken über Romain Gavras' Gewaltvideoclip zu M.I.A.s neuer Single "Born Free" - Youtube hat ihn gesperrt, aber bei Dailymotion zum Beispiel findet man ihn noch. Gustav Seibt erlebt die Erstaufführung der restaurierten Fassung von Fritz Langs "Nibelungen" in der Deutschen Oper Berlin. Robert Kaltenbrunner blickt zurück auf 160 Jahre Weltausstellung. Karl Bruckmaier stellt in der Reihe "Das dreckige Dutzend" neue Alben von Bands mit Tiernamen vor. Rainer Gansera unterhält sich mit dem Regisseur Cary Fukunaga über seinen Film "Sin Nombre". "wms" schreibt zum Tod des französischen Schriftstellers Denis Guedj.

Besprochen werden die Fotoausstellung "Gute Aussichten" in den Hamburger Deichtorhallen, die neuen Filme "I Love You, Philipp Morris" mit Jim Carrey und Ewan McGregor, Giuseppe Tornatores Sizilienfilm "Baaria" und Bücher, darunter Hans-Ulrich Treichels Roman "Grunewaldsee" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 29.04.2010

Im Aufmacher beklagt Harry Nutt das europäische Griechenland-Bashing. Christian Schlüter ist sich in "times mager" sicher, dass die CDU die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan immer mal wieder zu einem "Gesinnungsstriptease" auffordern wird. Christian Thomas geht Gerüchten nach, dass am Berg Ararat Überreste der Arche Noah gefunden worden seien. Auf der Medienseite kündigt Ulrike Simon für Cicero unter dem Elder Statesman Michael Naumann einen Linksruck an ("Für einen Linksruck spricht zudem, dass Cicero schwerlich weiter nach rechts zu bewegen wäre. Dort ließ Naumanns Vorgänger Wolfram Weimer wenig Platz").

Besprochen werden Filme, darunter Cary Joji Fukunagas Film "Sin Nombre", die Komödie "I Love You Phillip Morris" mit Jim Carrey und eine rekonstruierte Fassung der "Nibelungen".

FAZ, 29.04.2010

Hubert Spiegel referiert die scharfe Polemik gegen das Holocaust-Mahnmal, die der ungarische Schriftsteller Peter Nadas im aktuellen Heft der Zeitschrift Cicero veröffentlicht hat - die Opfer würden, so sein zentraler Vorwurf, in der künstlerischen Arbeit "kollektiv zum Objekt des Werks gemacht". Spiegel kommentiert: "Seine radikal subjektive Kritik des Mahnmals spricht nicht allein den Deutschen die Legitimation ab, den Opfern des Nationalsozialismus ein Mahnmal zu errichten, sondern sie verneint die Legitimität jedes institutionalisierten Gedenkens schlechthin. Das Wolfsrudel, so muss man Peter Nadas wohl verstehen, vermag nicht zu trauern. Weder um Lämmer noch um seinesgleichen."

Der Chefplaner der Expo in Shanghai Wu Zhiqiang erklärt das grundsätzliche Ziel der Weltausstellung: "Diese Expo soll ein Beispiel dafür sein, wie sich das, woher man kommt, mit der Zukunft verbinden lässt, also Denkmalschutz mit nachhaltiger Stadtentwicklungstechnologie. Es sind nur 184 Tage, aber wenn unter den siebzig Millionen Besuchern sechshundert chinesische Bürgermeister sind, die verstehen, wie das geht, wäre das ein Wendepunkt in China."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru erkennt in den aktuellen Erziehungsplänen der Regierung Netanjahu die "Rückkehr zur früheren zionistischen Heldenverehrung". Als sich selbst immerzu in die Tasche lügende Kretergemeinschaft analysiert Jürgen Kaube alle Europäer, die nun kollektiv auf Griechenland schimpfen. Ideologiekritisch liest Sandra Kegel das eminent erfolgreiche Elternmagazin Nido als Zentralorgan einer Prenzlauerbergisch geprägten Coolness-Obsession. "Prollig" findet Christian Geyer in der Glosse kirchliche Kritik am Schwur der muslimischen Ministerin Aygül Özkan auf den Gott, den sie für einen den Muslimen und Christen gemeinsamen hält.

Besprochen werden Julie Brochens Straßburger Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten", die Ausstellung "Lucian Freud - L'Atelier" im Centre Pompidou in Paris, zwei neue CDs mit Einspielungen des Chors Cappella Amsterdam unter Leitung von Daniel Reuss, das neue Album "Fantasy. A Night at the Opera" des Soloflötisten Emmanuel Pahud, Cary Fukunagas Spielfilm "Sin Nombre" und Bücher, darunter die erste vollständige deutsche Fassung von Herta Müllers Debüt "Niederungen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 29.04.2010

Der Rauch um "Axolotl Roadkill" hätte sich beinahe verzogen, da antwortet Helene Hegemann ihren Kritikern: "Viele Journalisten, mit denen ich in dieser Zeit kommuniziert habe, weigerten sich, egal ob sich ihre Artikel gegen mich richteten oder mich verteidigen sollten, die eigentlich wichtigste Tatsache mit einzubeziehen: nämlich dass es sich bei der als Plagiat bezeichneten Menge von Stellen um zusammengenommen circa eine einzige von 206 Buchseiten handelt... Mir wurde moralisch falsches Handeln vorgeworfen, in Artikeln, die die Moral selbst diskreditieren - dadurch, dass sie von Menschen geschrieben wurden, denen es augenscheinlich nicht um recherchierte Informationen ging, sondern darum, eimerweise Scheiße über mir auszuschütten." Davor ging noch ein Gruß an "meine zukünftige Ehefrau Nicolette Krebitz, die gleichzeitig superintelligent, superunabhängig und die bestangezogene Frau Deutschlands ist und die ich abgesehen davon über alles liebe".

Volker Hagedorn plaudert mit dem Dirigenten Michael Gielen , der dabei ganz schön über die politische Regression im Musikbetrieb lästert: "Willkommen, wenn einer Charisma hat, herrlich! Aber dass Thielemann Dresden bekommt, ist auch ein politisches Phänomen. Und sind die Münchner nicht wahnsinnig, jetzt Lorin Maazel zu engagieren? Er lächelt wie ein Krokodil und dirigiert wie eins."

Weiteres: Florian Illies fragt sich anlässlich einer großen Kirchner-Schau im Frankfurter Städel, ob er dem Maler wirklich glauben darf: "Stehen nackte Frauen wirklich spontan so klassisch aufgereiht am Weiher herum?" Manfred Schwarz stellt das Museum für Gegenwartskunst in Siegen vor. Tobias Timm besichtigt die Kunstsammlung von Thomas Olbricht.

Besprochen werden eine Ausstellung des Architekten Richard Neutra im Marta Museum von Herford, Giuseppe Tornatores von Berlusconi produzierte Italien-Saga "Baaria", Sophie Hungers Album "1983" und Bücher, darunter Daniyal Mueenuddins Erzählungen "Andere Räume, andere Träume" und Andrea Wüstners Studie über Katja und Thomas Mann "Ich war immer verärgert, wenn ich ein Mädchen bekam" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Im Dossier wirft Gero von Randow einen Blick in die französischen Gefängnisse, in denen es tatsächlich so finster zugeht wie in Jacques Audiards "Prophet".