Heute in den Feuilletons

Momente des Vergessens und des Trosts

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2010. Aktualisiert um 14.50 h. Karikaturist Kurt Westergaard ist laut Welt online empört über Absage des ZDFAktualisiert um 10.15 h: Roman Polanski wendet sich in Bernard-Henri Levys Blog an die Öffentlichkeit: "Ich kann nicht länger schweigen." In der taz schreibt Bahman Nirumand über drakonische Strafen gegen Künstler, die im Iran gegen Achmadinedschad demonstrierten. In den Blogs wird weiter über Apple spekuliert. Steve Jobs verbietet Flash auf seinen Geräten, damit  man Medieninhalte, die man bei ihm als App bezahlen soll, nicht anderswo im Netz lesen kann, vermutet paidcontent.org. Matthias Spielkamp wendet sich in einer Rede vor dem Publisher's Forum gegen die Gratismentalität in den Medien. Der FAS ist ein Wunder geschehen: Es heißt Igor Levit und kann  Klavier spielen. Kritiker, die über ihren Bedeutungsverlust klagen, werden trotzdem zitiert.

TAZ, 03.05.2010

Viele iranische Künstler sind nach den Protesten des letzten Jahres ins Gefängnis gesteckt und zu drakonischen Strafen verurteilt worden, berichtet Bahman Nirumand. Am Beispiel des Filmemachers Mohammad Nurisad beschreibt er, wie solche Strafen begründet werden: "Nurisad wurde zu dreieinhalb Jahren Haft plus 50 Peitschenschlägen verurteilt. Wie der Gerichtsvorsitzende erläuterte, setzt sich die Strafe zusammen aus einem Jahr für Propaganda gegen die Staatsordnung und Verunglimpfung der Islamischen Republik, zwei Jahren wegen Beleidigung des Revolutionsführers, 91 Tagen wegen Beleidigung des Justizchefs, 91 Tagen wegen Beleidigung des Staatspräsidenten und 50 Peitschenschlägen wegen Beleidigung des Freitagspredigers der Stadt Maschad. "

Weitere Artikel: Jutta Lietsch schlendert über die Expo in Schanghai. Besprochen wird die Ernst-Ludwig-Kirchner-Retrospektive in Frankfurt.

Und Tom.

Aus den Blogs, 03.05.2010

"Ich kann nicht länger schweigen": Roman Polanski hat sich auf Bernard-Henri Levys Blog La regle du jeu gleich auf drei Sprachen (französisch, englisch und deutsch) an die Weltöffentlichkeit gewandt. Er protestiert gegen den Auslieferungsbeschluss, unter anderem weil er sagt, dass er die in den USA gegen ihn verhängte Strafe bereits verbüßt habe - nur der geltungssüchtige Richter habe ihn damals betrogen. "Im Auslieferungsgesuch heißt es, ich sei geflohen, um mich einer Verurteilung durch die amerikanische Justiz zu entziehen, während ich mich in Wirklichkeit nach dem amerikanischen Strafprozessrecht 'schuldig bekannt' hatte und in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, um die Strafe zu verbüßen. Damals galt es nur noch, diese Übereinkunft vom Gericht bestätigen zu lassen, bevor der Richter sie zurückzog, um sich auf meine Kosten die Aufmerksamkeit der Medien zu sichern."

James McQuivey hat in paidcontent.org herausgefunden, warum Steve Jobs Flash für seine Geräte verbietet: Er will nicht, dass attraktive zahlbare Angebote, die man bei ihm als "App" herunterladen muss, in vergleichbar attraktiven, aber kostenfreien Alternativversionen als Flash-Websites zu lesen sind: "In other words, if we can all watch hulu.com or read an exciting version of Wired.com on our iPad browser using Flash, then we won't buy the apps and advertisers won't fall in love with reaching us again. So despite their grumbles and temporary hysteria, media companies are criticizing Jobs and Apple less and less these days, hoping that this will buy them time to woo customers with splashy paid experiences that will then reset the expectation that good content is worth paying for. Even on an Android device."

Zugleich bringt Gizmodo einen interessanten Hintergrundartikel über die "Apple Gestapo" und die scharfe Überwachung der Mitarbeiter innerhalb des Betriebs.

Matthias Spielkamp (Immateriblog) wendet sich in einer bei Kress abgedruckten Rede vor dem "Publisher's Forum" gegen die Gratismentalität der Verlage, die freien Autoren immer geringere Honorare für den Abkauf sämtlicher Rechte bezahlen: "Wenn man die Verlage darauf anspricht, ob sie nicht ein Problem darin sehen, die Menschen, die eigentlich ihre Geschäftspartner sein sollten, nach Gutsherrenart zu behandeln (manchen würde eher ein Vergleich mit sizilianischem Landadel einfallen), dann antworten sie regelmäßig: wir befinden uns in einem Markt, der regelt das dann schon über Angebot und Nachfrage. Das ist ein interessantes Argument. Vor allem angesichts der Forderung der Presseverlage nach einem Leistungsschutzrecht. Da kann es mit einem Mal nicht mehr der Markt regeln, dass die Verlage ihre Oligopolstellung verlieren, dass sie sich einer Konkurrenz ausgesetzt sehen, die ihr Geschäftsmodell bedroht, und auf die sie bisher eher tölpelhaft als visionär reagiert haben."

FR, 03.05.2010

Christian Schlüter sieht der Entfernung von religiösen Symbolen aus deutschen Klassenzimmern eine "massive Rechtswirklichkeit" entgegenstehen. Matthias Arning meldet, dass Christoph Schlingensief den deutschen Pavillon für die Biennale 2011 in Venedig gestalten soll. Natalie Soondrum sah Inszenierungen aus Israel beim Heidelberger Stückemarkt.

Besprochen werden die Frida-Kahlo-Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau, Choreografien von Rami Be'er und Martin Schläpfer in Wolfsburg und in Düsseldorf, die Stipendiatenausstellung der Jürgen-Ponto-Stiftung im MMK Zollamt in Frankfurt und Rebecca Horns Inszenierung von Strauss' "Elektra".
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Twitterfeed der Verlage

Welt, 03.05.2010

Zum Tag der Pressefreiheit hat das ZDF den eigentlich schon eingeladenen Karikaturisten Kurt Westergaard wieder aus der Markus-Lanz-Show ausgeladen, berichtet Welt online. Gegenüber der Welt äußert sich Kurt Westergaard enttäuscht. Das ZDF weist alles zurück: "'Der (Interview-)Vorschlag wurde mit der Begründung abgelehnt, dass eine Unterhaltungs-Talkshow keine geeignete Plattform für eine Auseinandersetzung mit dem Thema ist', hieß es in einer Stellungnahme des Senders." Bei dem Zweiten sieht man besser weg!

Hans-Joachim Müller besuchte die große Frida-Kahlo-Ausstellung in Berlin und stellte fest: "Vermutlich gibt es auch gar nichts neu zu sehen, nichts wirklich nachzutragen, was man nicht schon immer gewusst hätte".

Weitere Artikel: Tilman Krause berichtet von einem Hamburger Kritiker- und Autorentreffen, bei dem die heute regierende 78er-Generation in scharfen Sottisen ihre Ratlosigkeit geißelte. Friedrich von Borries besucht den von dem Sammler Thomas Olbricht geschaffenen "me Collectors"-Raum, einen ausdruckslosen Betonklotz mitten in Mitte. Dirk Peitz traf sich mit dem stets noch aktiven Rocksänger Meat Loaf.

Besprochen wird außerdem Katrin Henkels Maxim-Gorki-Abend mit den "Sommergästen" und "Nachtasyl" in den Münchner Kammerspielen.

Die Welt am Sonntag hat allerfrüheste Kritiken Marcel Reich-Ranickis wiedergefunden, die er im Warschauer Ghetto schrieb und noch vorher schrieb und interviewt ihn dazu: "Ich war in hohem Maße an Konzerten und Oper interessiert. Als meine Familie und ich dann ins Getto umziehen mussten, wollte ich von Literatur zunächst nichts mehr wissen. Die Musik spendete Momente des Vergessens und damit des Trosts. Das gelingt der Literatur nicht in der gleichen Intensität. Weshalb sollte ich beginnen, einen dicken Roman zu lesen, wenn ich mir nicht sicher sein konnte, ihn zu Ende lesen zu können, weil mich deutsche Soldaten vielleicht morgen schon oder in den nächsten Stunden ermorden würden?"

NZZ, 03.05.2010

Auch Roman Bucheli resümiert eine Veranstaltung in Hamburg, auf der sich Autoren und Literaturkritiker große Sorgen um ihre Zukunft machten: "Richard Kämmerlings konstatierte den dramatischen Bedeutungsverlust der Kritik, dem, so Hubert Winkels, die Entwertung des Romans als Ort der Gesellschafts- und Identitätsstiftung vorausgegangen sei; noch dringlicher aber schien Winkels die Frage, was mit einer literarischen und kritischen Öffentlichkeit geschehe, die mit dem Schwinden der Feuilletons das Medium ihrer Reflexion verliere."

Außerdem: Alfred Zimmerlin beschreibt das Musikleben in der Uhrenmetropole La Chaux-de-Fonds. Barbara Villiger Heilig hofft, dass die Romandie jetzt ein Literaturhaus in Genf erhält. Brigitte Kramer stellt das norwegische Architekturbüro Snohetta vor.

SZ, 03.05.2010

Vor den Toren Potsdams hat Wolfgang Luef den Regisseur Roland Emmerich besucht, der dort gerade einen Film über Shakespeare dreht. (kürzlich hat der Professor James Shapiro Emmerich in der L.A.-Times vorgeworfen, mit seinem Film Verschwörungstheorien über Shakespeare zu bedienen.) Henning Klüver berichtet über einen Streik italienischer Bühnenarbeiter, die sich gegen Einstellungsstopps und Gehaltskürzungen wehren. Kristina Maidt-Zinke hörte beim Hamburger Treffen von Schriftstellern und Literaturkritikern laut und deutlich einen Wunsch formuliert: "Die Literaturkritik möge ihre antrainierte 'Beißhemmung' aufgeben und wieder polemischer werden." Aus aktuellem Anlass - das Hamburger Landgericht hat bei den niederländischen Behörden die Auslieferung inhaftierter somalischer Piraten beantragt - liefert Andreas Zielcke eine kleine Kulturgeschichte des Piratentums.

Besprochen werden die große Frida-Kahlo-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, eine Aufführung von Johann Strauß' "Prinz Methusalem" an der Dresdner Staatsoperette, die Doppelaufführung von "Sommergäste/Nachtasyl" in den Münchner Kammerspielen, ein ganzer Strauß neuer DVDs, ein Konzert von Johannes Moser in München, die Aufführung der "Symphony of Sorrowful Songs" mit dem Berliner Staatsballett (mehr) und Bücher, darunter David Granns Reportage auf den Spuren des Entdeckers Percy Fawcett (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 03.05.2010

In der FAS berichtet Eleonore Büning von einem Wunder. Es ist 23 Jahre alt, heißt Igor Levits und spielt Klavier. Getroffen hat sie ihn ausgerechnet in China, wo er auf einem völlig verstimmten Flügel Liszts transzendentale Etüden spielte. Das Publikum lag auf den Knien und weinte: "Was war geschehen? Die konkrete Kakophonie falscher Töne hatte plötzlich keine Rolle mehr gespielt. Darüber oder dahinter hatte sich ein abstrakter Raum aufgeschlossen, darin Levit die musikalische Poesie entfaltete, die in jedem einzelnen dieser Charakterstücke steckt. Wie oft werden Liszts großartige, rätselhafte 'Etüden' nur bewältigt, nicht gelesen, nicht interpretiert!"

Hier eine Kostprobe:



Weitere Artikel in der heutigen FAZ: Die Vergleichstests bei Zweit- und Drittklässlern machen Regina Mönch nicht gerade geneigt, an die erfolgreiche Integration vor allem von türkischen und arabischen MigrantInnen zu glauben. Zu ernüchternd sind die Zahlen: "49 Prozent der Schüler verstanden gerade einmal die einfachsten Lesetexte. Die Rechenleistungen waren ähnlich desaströs." Kerstin Holm porträtiert den russischen Spirituosenhändler, Talkshowmoderator, Verleger und Bestsellerautor Sergej Minajew (mehr zu Minajew beim br). Von einer recht kontroversefreien Begegnung zwischen Literaten und Literaturkritikern in Hamburg berichtet Richard Kämmerlings: "Zum Nachtisch gibt es bei allen das gleiche, nämlich Kreide". Klaus Englert besichtigt herausragende neue Schulbauten in Kopenhagen. Trotz leiser Skepsis insgesamt durchaus freudig kommentiert Swantje Karich die Berufung von Christof Schlingensief als Künstler, der bei der nächsten Biennale in Venedig den deutschen Pavillon bespielt. Gerhard R. Koch schreibt zum Tod des Komponisten Johannes Fritsch. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an die Journalistin und Schriftstellerin Sibylle Mulot (60), den Heidegger-Kritiker Victor Farias (70), den israelischen Autor Yoram Kaniuk (80) und den Autor Richard Adams (90).

Besprochen werden ein John McLaughlin-Konzert in Darmstadt, Martin Schläpfers Choreografie zu Morton Feldmans Beckett-Oper "Neither", eine Ausstellung über Prinz Eugen im Wiener Belvedere, und Bücher, darunter Marko Martins Erzählungsband "Schlafende Hunde" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).