Heute in den Feuilletons

Baukomplexe mit heimelig-prätenziösen Namen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2010. An der Zeitungskrise ist das Internet gar nicht schuld - sie ist nämlich schon viel älter,  meint Google in seinem Policy Blog. Auf Telepolis erklärt Hamed Abdel-Samad den Zusammenhang zwischen Rechtspopulismus und Islamkritik: Der erste kommt, wenn die zweite ausbleibt. In  taz und NZZ sprechen iranische Autoren über die Repression in ihrem Land. Wir verlinken auf die gerade online gestellte letzte Kollektion von Alexander McQueen.

TAZ, 10.03.2010

Beate Seel berichtet über die erneuten Repressalien gegen die iranische Lyrikerin und Menschenrechtlerin Simin Behbahan, die von der Teheraner Führung daran gehindert wurde, zu einem Vortrag über Feminismus nach Paris zu reisen. Die 82-Jährige wurde am Flughafen mehrere Stunden lang verhört und aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen. Damit reagiert das Regime auf Behbahans Engagement für die Opposition nach der Präsidentschaftswahl im August. "Du magst dir wünschen, mich zu verbrennen oder entscheiden, mich zu steinigen" schreibt die "Löwin des Iran" in einem ihrer Gedichte. "Aber in deiner Hand wird das Streichholz oder der Stein die Macht verlieren, mir etwas anzuhaben."

Auf der Meinungsseite kommentiert Matthias Urbach die Geldforderungen von Gemeinden gegen Google: "Es wirkt wie ein mieser Trick, wenn hilflose Kommunen nun versuchen, Google wenigstens eine Art Sondernutzungsgebühr für Street View abzuverlangen. Angesichts der voraussichtlichen Nutzung der Daten wäre das aber nur konsequent."

Auf tazzwei findet Arno Frank das neue Album der Comicfiguren-Band Gorillaz "bemerkenswert, weil es die erste ernsthafte Auseinandersetzung mit einer ökologischen Katastrophe darstellt - ohne zu langweilen".

Besprochen werden Sebastian Baumgartens Premiere von E.T.A. Hoffmanns "Der Goldene Topf" am Staatsschauspiel Dresden, Jacques Audiards "beeindruckender Gefängnisfilm" "Ein Prophet" sowie der Roman "Haus der fünf Sinne" von Nadeem Aslam (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 10.03.2010

Warum müssen wir eigentlich Jahr für Jahr 7,6 Milliarden Euro an die öffentlich-rechtlichen Sender zahlen, und warum gilt der Bestand der Gebühren als automatisch garantiert?, fragt Guido Brinkel in einem interessanten Essay auf Carta: "Die Legitimation der meisten Angebote und der aus ihnen folgenden Kostenlast erfolgt heute faktisch nach dem Prinzip 'es gibt sie'. Das Finanzierungssystem der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland kennt keinen objektiven Legitimationsmechanismus, der auch den Bestand in langfristigen, aber regelmäßigen Abständen zur Debatte bestellt."

FAZ-Blogger Stefan Niggemeier schreibt auf seinem eigenen Blog einen Nachruf auf die einstige Netzeitungsrubik Altpapier, die jetzt auch auf ihrem Asyl Dnews.de eingestellt wird, und das, obwohl "diese schöne Medienkolumne .. jeden Perlentaucher alt aussehen lässt."

(Via hemartin) Diese traurige Grafik über die Zahl der Zeitungen pro Haushalt in den USA findet sich in einem Vortrag des Google "Chief Economist" Hal Varian, auf den er in seinem Blog verweist. Die Aussage der Statistik für Varian: "The news industry's financial problems started well before the web came along. "




Im Interview mit Reinhard Jellen auf Telepolis sagt der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad ("Mein Abschied vom Himmel") zum Thema Islamkritik und Rechtspopulismus: "Erst wenn die etablierten politischen Partien sich ungehemmt kritisch zum Islam und zu jeder anderen Religion äußern können, werden die Rechtspopulisten keine politischen Argumente mehr finden, um Wählerstimmen zu mobilisieren. Der radikale Islam ist der beste Freund dieser Strömungen, denn er bietet ihnen täglich Vorlagen für ihre Kritik. Für mich ist die Islamkritik aber viel zu wichtig, um sie der Polemik zu überlassen. Sie ist viel zu wichtig, um sie in Emotionen zu verwandeln. Diese Kritik darf hart, aber muss ohne Ressentiment daherkommen."

Gestern wurden in Irland sieben Muslime festgenommen, die die Ermordung eines dänischen Karikaturisten geplant haben sollen. Gawker staunt vor allem über die Beteiligung einer gewissen JihadJane, die auf ihrer MySpace-Seite verkündete: "i'm so bored, i want to scream."

(Via BoingBoing) Auf der Website von Alexander McQueen wurden Bilder seiner letzten Kollektion online gestellt:


NZZ, 10.03.2010

Der iranische Autor Shahriar Mandanipur sieht sein Land in einem unaufhörlichen Zirkel aus Revolte und Repression gefangen und den Grund hierfür in der Zensur: "Jedes neue Regime wollte zunächst einmal die Vergangenheit aus der Erinnerung der Menschen tilgen und ließ die an Schulen und Universitäten verwendeten Geschichtsbücher umschreiben. Werke, die eben noch Gültigkeit hatten, wurden mit Druckverbot belegt, und nicht selten wurden auch die Namen von Straßen und Plätzen geändert, die nach bedeutenden Persönlichkeiten oder wichtigen Ereignissen benannt waren."

Sieglinde Geisel sieht die Mittelschichtsidylle vom Prenzlauer Berg in ernster Gentrifizierungsgefahr: "Die großen Investoren bauen keine Wohnungen, sondern Townhouses, Penthouses und Gardenhouses, die in Baukomplexen mit heimelig-prätentiösen Namen stehen: 'Prenzlauer Gärten', 'Choriner Höfe' oder 'Palais Kolle Belle'."

Besprochen werden die Ausstellung der Barockmalerin Judith Leyster im Frans Hals Museum in Haarlem, Heike Görtemakers Eva-Braun-Biografie, die beiden italienischen Bestseller "Die Einsamkeit der Primzahlen" von Paolo Giordano und "Einfach losfahren" von Fabio Volo (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 10.03.2010

Der 65-jährige Künstler Christian Boltanski erzählt im Interview, dass er den Teufel übers Ohr hauen will: "Ja, ich habe einen Mann kennengelernt, der in Spielcasinos ein Vermögen gemacht hat. Er behauptet, dass er nie verliert. Deswegen habe ich ihm eine Arbeit gegen eine monatliche Leibrente verkauft: Wenn ich in den nächsten acht Jahren sterbe, hat er gewonnen. Denn dann hat er die Arbeit unter Wert bekommen. Jemand, der den Zufall überlisten kann, muss der Teufel sein. Ich hoffe, ich kann den Teufel besiegen. Denn ich möchte gern noch 40 Jahre leben."

Castorfs Volksbühne war mal das ganz große Ding - alles vorbei, weiß Matthias Heine, der die Schauspieler in die Provinz wandern sieht. "Die Volksbühne spielt jetzt in Oberhausen, und in der Volksbühne wird Oberhausen gespielt. Während die Stars des Theaters am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz auf der Suche nach Arbeit bis in die Provinzstädte ziehen, herrscht in ihrer Stammbühne mittlerweile ein Niveau, das 'Oberhausen' zu nennen eine Gemeinheit gegenüber der Provinz wäre."

Weitere Artikel: Der russische Präsident hätte gern kyrillische Internetdomains, erzählt Peter Dittmar. Eckhard Fuhr ist froh, dass er in eine normale Schule ging, in der die natürliche Gegnerschaft von Lehrern und Schülern respektiert wurde. Hannes Stein schickt einen Brief aus New York. Wieland Freund verkündet den Fund eines Predigtfragments von Meister Eckhart - genau zum 750. Geburtstag.

Besprochen werden der neue Jerry-Cotton-Film (Links), Sibylle Bergs Revue "Nur nachts" im Wiener Burgtheater, Stefan Herheims Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" in Oslo und die Ausstellung "Aufruhr 1225" im Westfälischen Landesmuseum Herne.

FR, 10.03.2010

Die Autorin Justine Levy, Tochter von BHL, hat gerade ein neues Buch veröffentlicht, und erzählt im Interview von ihrer Amphetaminsucht: "Aber ich hatte damals nicht das Gefühl gehabt, etwas Verbotenes zu tun. Das war schließlich keine Droge, die man unter dem Tisch verkauft hat. Ich hatte Rezepte." Auch ihr Vater habe eine Zeitlang Amphetamine genommen, "aber er hatte das vollständig unter Kontrolle".

In Times Mager träumt Christian Thomas, eine Nackte lächle ihm zu. Felk Helbig erläutert die Vor- und Nachteile der doppelten Buchführung für die Kommunen.

Besprochen werden eine Vermeer-Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien, eine neue CD von Pat Metheny und einige lokale Ereignisse.
Stichwörter: Kommune, Wien

FAZ, 10.03.2010

Mit zweiundvierzig Jahren hat Miriam Meckel schon drei Karrieren hinter sich, außerdem ein Buch über ihren Burnout, und die Vorstellung ihres Buchs über den Burnout. Sandra Kegel hat sie besucht und staunt: "Man kann sich Miriam Meckel nicht vorstellen, wie sie in Jogginghosen und mit einer Decke unter dem Arm durch die Gänge einer Allgäuer Klinik wandelt. Doch genau das hat sie Anfang vorigen Jahres fünf Wochen lang getan, obwohl ihre Vorurteile gegenüber 'Psychokram' groß waren. ... In der Klinik entstanden auch erste Teile ihres Buches, ausgerechnet während eines 'Inaktivitätswochenendes', an dem die Patienten zum absoluten Nichtstun verdammt sind." (Sieht nach einer Minderbegabung zum Nichtstun aus.)

Stundenlang hätte Dirk Schümer nach eigenem Bekunden Markus Lüpertz zuhören können, der bei der Eröffnung einer Retrospektive seiner Werke in der Wiener Albertina vom Leder zog: Berlin etwa sei "eine hysterische kleine Nutte, die im Ödland verzweifelt versucht, auf Kunst zu machen".

Weitere Artikel: Sehr angetan ist Eric Pfeil nach einem Konzert in Köln von der britischen Post-Punk-Band Bicycle Club. Jürgen Kesting besorgt den Nachruf auf den englischen Tenor Philip Langridge. Von neuen Querelen bei der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung berichtet Regina Mönch: Die tschechische Historikerin Kristina Kaiserova hat den wissenschaftlichen Beirat verlassen, Grund dafür sei ein "tendenziöser Bericht der 'Süddeutschen Zeitung'". Holger Noltze wurde Zeuge, wie bei der Bayerischen Akademie der Schönen Künste über den Lieblingsfilm des scheidenden Mitglieds Christian Thielemann diskutiert wurde, Heltmut Käutners Ehedrama "Romanze in Moll" aus dem Jahr 1943 (in dem Akademiepräsident Borchmeyer aber "beim besten Willen nichts Nazimäßiges erkennen" konnte). Von der Debatte über Artur Domoslawskis "apologetische" Kapuscinski-Biografie berichtet Karol Sauerland.

Für die Geisteswissenschaftenseite hat Patrick Bahners einen Vortrag des Schweizer Historikers Jörg Fisch über Hitler und das Selbstbestimmungsrecht der Völker verfolgt. Und der Tübinger Philosoph Manfred Frank nutzt einige historische Ausführungen über die Entstehung der Philosophie, um Sloterdijk zu verdreschen: "Dass Sloterdijk und seine Bücher Erfolg bei deutschen Lesern haben finden können, ist Symptom des Fortbestands der Krise, auf die die Philosophie der Griechen sich einmal als Lösung verstand. Es ist die Krise der Philosophie selbst. Man muss sich Sisyphos als Philosophen vorstellen."

Besprochen werden eine Ausstellung über Vincent van Gogh als Briefeschreiber in der Londoner Royal Academy, Jacques Audiards Film "Ein Prophet" (dessen Hauptdarsteller Tahar Rahim Michael Althen einen Oscar gegönnt hätte). Rezensionen beschäftigen sich mit Steffen Martus' Biografie der Brüder Grimm, Giorgio Agambens unter dem Titel "Signatura rerum" erschienene Ausführungen über Michel Foucaults Methode und Bernd Roecks "Ketzer, Künstler und Dämonen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 10.03.2010

Kia Vahland stellt den Leipziger Maler Michael Triegel (Bilder) vor, der das offizielle Porträt Benedikts XVI. malen darf. Fritz Göttler mokiert sich über eine Kritik Bernard-Henri Levys an den jüngsten Filmen von Tarantino und Scorsese (unser Resümee). Alexander Kissler verfolgte eine Diskussion zwischen Micha Brumlik und Richard Schröder über den Dekalog bei der "Woche der Brüderlichkeit" in München. Michael Frank erinnert an den Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der die Stadt nicht nur als Politiker, sondern besonders durch seinen von Hitler bewunderten Antisemitismus prägte und der vor hundert Jahren gestorben ist. Jörg Häntzschel resümiert amerikanische Kritik an dem Oscar-prämierten Film "Precious", der wenig tue um zu zeigen, dass er auf dem Höhepunkt der längst verebbten Crack-Welle in den Achtzigern spiele und der nicht zeige, "wie viel sich in den letzten 20 Jahren an den katastrophalen Zuständen in Amerikas schwarzen Vierteln gebessert hat. Laut Statistik konsumieren Schwarze zwischen 18 und 25 Jahren tatsächlich weniger Drogen als der Durchschnitt ihrer Altersgenossen." Andrian Kreye gratuliert dem Actionstar Chuck Norris ausführlich zum Siebzigsten.

Besprochen werden Jacques Audiards Gefängnisfilm "Ein Prophet" (mehr hier), die Ausstellung über das ramponierte Kölner Stadtarchiv im Berliner Gropiusbau, das neue Album der Folk-Sängerin Joanna Newsom, die Ausstellung "Painting History - Delaroche & Lady Jane Grey" in London und Bücher darunter Timothy W. Rybacks Untersuchung "Hitlers Bücher - Seine Bibliothek - sein Denken" (Leseprobe auf englisch), besprochen von Hans Mommsen persönlich.