Heute in den Feuilletons

Kaum verhüllte Kritik am Sonnenkönig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2010. In der FR nimmt Axel Lottel zu der Affäre um Axolotl mutig, wenn auch anonym Stellung. Das Leben selbst liefert die Literatur ohnehin nicht, meint die taz in einem weiteren Nachtrag zur Debatte. Wer seine Vergangenheit unter den Teppich kehrt, bei dem gärt's halt unter dem Teppich, ruft die tschechische Autorin Radka Denemarkova in der Welt an die Adresse ihrer Landsleute. In der SZ besingt Stefan Weidner die reinigende Kraft der Islamdebatte in unseren Medien. Die NZZ sucht nach Vorläufern zur Wikipedia im 18. Jahrhundert.

Welt, 13.02.2010

Die tschechische Autorin Radka Denemarkova ("Ein herrlicher Flecken Erde") schreibt eine heftige Polemik zum Umgang ihres Landes mit der eigenen Vergangenheit (Auch den Umgang mit der Vertreibung der Deutschen kritisiert sie): "Wusste Vaclav Havel denn 1989 nicht, dass seine Vorstellung, bei null anzufangen und einen dicken Strich unter die Vergangenheit zu ziehen, das Gleiche heißt, wie die Vergangenheit unter den Teppich zu kehren, wo sie bis heute weiter gären kann? Der Einmarsch der Panzer von 1968 galt auch den einstigen Parteimitgliedern, von denen viele in den 50er Jahren in Stalins Namen geholfen hatten, die Stricke zu knüpfen. Und die enttäuscht waren, als sich diejenigen vom 'Frühlingserwachen' distanzierten, die die vorangegangenen Jahre im Knast verbracht hatten, während sie selbst ihr Leben leben, ihre Bücher schreiben konnten."

Weitere Artikel in der Literarischen Welt: Der ehemalige Berliner Wissenschaftssenator Christoph Stölzl kritisiert die deutsche Politik gegenüber jüdischen Einwanderen aus der ehemaligen Sowjetunion. Jacques Schuster äußert sich in der Glosse wenig respektvoll über die Leistungen Richard von Weizsäckers, dem demnächst gleich drei Bücher gewidmet werden. Paul Jandl porträtiert den österreichischen Schriftsteller Paulus Hochgatterer. Besprochen werden unter anderem ein Buch des kanadischen Autors John Glassco (mehr hier) über die Wilden Zwanziger in Paris, Iris Hanikas Roman "Das Eigentliche" (mehr hier) und eine große CD-Box mit Gedichten Robert Gernhardts.

Für die Feuilletonseite hat Peter Zander die restaurierte Kopie von "Metropolis" gesehen. Hanns-Georg Rodek schreibt über die ersten Filme der Berlinale. Und Rodek unterhält sich auch mit dem indischen Superstar Shah Rukh Khan. Für die Forumsseite hat Peter Zander außerdem den Berlinale-Jurypräsidenten Werner Herzog porträtiert.

FR, 13.02.2010

Axel Lottel ist das Pseudonym eines "prominenten Literaturkritikers", der es offensichtlich nicht wagt, in der Sache Hegemann zu seiner Kritik am gesamten Literaturkritikbetrieb zu stehen: "Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt." Und noch einmal: "Peinlich, peinlich, peinlich."

Werner Bloch unterhält sich mit dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler über Haiti, landet dabei aber recht schnell bei der empörenden Haltung des Westens gegenüber Afrika: "Zum Beispiel Nigeria. Nigeria ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt - und das siebentärmste Land der Welt! Stellen Sie sich das vor! Seit 1966 folgt eine Militärdiktatur der nächsten. Einer dieser Junatchefs heißt Yar Adoua, ein General, der übrigens in Nordnigeria Christen hingerichtet hat. Seine Wahl wurde von einer Beobachterkommission als betrügerisch und inakzeptabel eingestuft. Und was macht Frau Merkel? Sie lädt genau diesen Yar Adoua als 'Ehrengast' nach Heiligendamm ein, zu den G8. Als Ehrengast! Wole Soyinka sagte, dies sei eine Ohrfeige für den ganzen afrikanischen Kontinent gewesen.,

Weiterer Artikel: Daniel Kothenschulte sichtet die ersten Filme und Ereignisse der Berlinale. Judith von Sternburg liest in einer Times Mager Winterbücher. In Marcia Pallys US-Kolumne geht es diesmal um Jesus Christus und seine Diäten.

Besprochen werden ein Konzert des Faure-Quartetts in Frankfurt und Bücher, darunter Kristof Magnussons Roman "Das war ich nicht" (Leseprobe) und Jeremy Rifkins neues Buch "Die emphatische Zivilisation" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 13.02.2010

Resümierend meint Blogger Marcel Weiss in Netzwertig zur Axolotl-Debatte: "Wann immer es in den nächsten Wochen und Monaten medial um das Leistungsschutzrecht, Google-Snippets, Urheberrecht im Internet und vermeintliche Piraterie geht, sollte man auf diesen Fall verweisen, in dem sich so offensichtlich wie man es selten sieht die Doppelmoral der deutschen Medien bei der Urheberrechtsproblematik offenbart."
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TAZ, 13.02.2010

Jörg Sundermeier erklärt, warum Helene Hegemann auf jeden Fall schon mal schlauer ist als manche ihrer Kritiker im Feuilleton: "Helene Hegemann weiß offensichtlich, was so mancher Feuilletonist nicht wahrhaben will: dass man sich Erfahrungen auch anlesen kann. Literatur ist nicht 'wahr', 'schwarz auf weiß' ist noch kein Beweis. Komisch: Fünfzehn Jahre nach dem Tod von Helmut Heißenbüttel, zwanzig Jahre nach dem Tod von Max Bense, hundert Jahre nach dem Linguistic Turn und in einer Zeit, in der Grundkenntnisse in Strukturalismus und Poststrukturalismus zum Allgemeinwissen gehören, will mancher Feuilletonist am liebsten Bücher, die das Leben selbst spiegeln."

Weitere Artikel: Ulrich Gutmair erinnert sich an die frühen Nachwendejahre im verfallenen Berlin-Mitte mit ihrer Anziehungskraft für eine "internationale Boheme aus Künstlern, DJs, Partyveranstaltern, Ravern, Hausbesetzern, Galeristen, Netzaktivisten, Designern, Anarchisten, Bastlern und umherschweifenden Jüngern des dionysischen Rauschs" - und insbesondere ans Tacheles dieser Zeit. Andreas Fanizadeh findet es angesichts der schreckenerregenden Südafrika-Bücher, die deutsche Verlage publizieren, nicht erstaunlich, dass deutsche Fußballfans keine WM-Flüge und -Tickets kaufen. Herrmannus Pfeiffer spricht mit dem Historiker Rolf Hammel-Kiesow über das Hanse-Buch, das er mit zwei Kollegen vorgelegt hat.

Auf den Berlinale-Seiten feiert ein im Netz nicht genannter Autor die restaurierte "Metropolis"-Fassung. Cristina Nord findet Roman Polanskis "The Ghost Writer" nur zu Beginn recht suspensereich und intelligent. Andreas Resch zeigt sich wenig einverstanden mit Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans Allen-Ginsberg-Film "Howl". Birgit Glombitza unterhält sich mit dem Regisseur Sebastien Lifshitz. Helmut Merker bespricht taiwanesische Filme aus Panorama und Forum. Detlef Kuhlbrodt, der Berlinale-Kolumnist Nummer eins, kann vor Versagensangst und Dallmayr-Trinken nicht einschlafen.

Besprochen werden die neuen Alben der Rapperinnen Uffie und Ke$ha, und Bücher, darunter Arno Geigers neuer Roman "Alles über Sally" und das "Schwarzbuch Deutsche Bahn" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 13.02.2010

In der Beilage Literatur und Kunst sucht Caspar Hirschi nach Vorläufern für den Streit zwischen Wikipedianern und Akademikern und findet sie vor allem im 18. Jahrhundert, als versucht wurde, Gegenmodelle zum autoritären Wörterbuch der Academie francaise zu etablieren. Am weitesten gingen anonyme Jesuiten im ihrem "Dictionnaire de Trevoux" von 1704, als sie schrieben: "Man müsse die Akademie wie einen 'souveränen Gerichtshof' ansehen, der das Recht habe, Urteile zu fällen, ohne Rechenschaft abzulegen, während man die anderen Autoren als Anwälte betrachten müsse, 'die nur soweit glaubwürdig sind, als sie auf gute Gründe oder sichere Zeugenaussagen gestützt sind'. Danach fragten die Jesuiten, welchen Verfassertyp die Leser wohl bevorzugten. Die Antwort war vorhersehbar, nicht aber die Begründung, die in eine kaum verhüllte Kritik am Sonnenkönig mündete."

Außerdem: Andrea Gnam beschreibt Versuche, historische Gemälde - und Perspektiven - nachzustellen. Aynd Rand, Schriftstellerin und beinharte Verfechterin der Marktwirtschaft, erlebt gerade eine Renaissance in Ameria, erzählt Lutz Lichtenberger. Valentin Groebner untersucht aus historischer Perspektive die Wirkung von Gewaltbildern.

Das Feuilleton war heute morgen noch nicht online, darum hier keine Links. Martin Meyer fürchtet, dass die Belohnung von Datendiebstahl, etwa wenn die Bundesregierung geklaute Steuerdaten kauft, in ein "Systeme der Bespitzelung" mündet. Joachim Güntner kommentiert Debatte über sexuellen Missbrauch und Katholische Kirche.

Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von "A Streetcar Named Desire" mit Isabelle Huppert als Blanche du Bois (Barbara Villiger Heilig ist wie entrückt), zwei Ausstellungen zum nachhaltigen Städtebau und Bücher, darunter James Freys Roman "Strahlend schöner Morgen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 13.02.2010

Stefan Weidner findet, dass die Islamkritik-Debatten in Deutschland nicht nur im Vergleich zu angrenzenden Ländern, in denen es Anschläge gibt und populistische Parteien gegründet werden, total harmlos sind. Er sieht in ihnen sogar etwas ausgesprochen Gutes: "Der anti-islamische Protest bedarf der politischen Formierung überhaupt nicht. Er verfügt über ein Ventil, das ein viel geeigneterer Ausdruck seiner Wut ist. Dieses Ventil ist nichts anderes als die Islamdebatte selbst. Die Medien, selbst in einer tiefen Orientierungskrise, geben einen dankbaren Resonanzboden für diese Art von Aufregung ab. Sie haben eine Blitzableiterfunktion übernommen, die uns mit ein bisschen Glück dauerhaft vor einer islamfeindlichen Partei rechts vom existierenden politischen Spektrum bewahrt."

Weitere Artikel: Heute in unserer kleinen Hegemann-Soap: Der Jungstar war bei Harald Schmidt und Thorsten Schmitz besucht den bestohlenen Autor Airen. Franz Kotteder spottet über die Idee einer "Münchner Charta für die Musikszene", die Musikern den Vortrag von Hassmusik verbieten will. Susan Vahabzadeh ist beim bisherigen Berlinale-Wettbewerb eines jedenfalls noch nicht geworden - langweilig nämlich. Nach Ansicht der restaurierten Fassung erkennt Tobias Kniebe Fritz Langs "Metropolis" endgültig als "einen Giganten unter den Filmen". Henning Klüver porträtiert den italienischen Schauspieler Giulio Cavalli, der in Mailand von der Mafia bedroht wird. Michael Frank stellt im Rückblick fest, dass die Jesuiten schon lange um das Missbrauchsproblem in den eigenen Reihen wissen. Zum Auftakt einer Reise in drei Stationen besucht Alex Rühle das von Geldsorgen gebeutelte Wuppertal. Kai Strittmatter meldet, dass die türkische Soziologin und Autorin Pinar Selek ein weiteres Mal vor Gericht soll. Holger Liebs gratuliert dem Maler Ernst Fuchs zum Achtzigsten. Auf der Medienseite porträtiert Dirk Graalmann den Zeitungserben Konstantin Neven DuMont. Camilo Jimenez meldet, dass das von Gabriel Garcia Marquez geprägte Magazin Cambio eingestellt wird.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende muss Willi Winkler feststellen, dass der Verrat doch ziemlich auf den Hund gekommen ist. Auf der Stilseite schreibt Maxim Biller in der "Das war die Gegenwart"-Reihe übers Laminat. Auf der Historienseite geht es um die Gewalttaten der Roten Armee. Johannes Willms unterhält sich mit dem Künstler Christian Boltanski über Erinnerung.

Besprochen werden eine Aufführung von Sergej Prokofjews Oper "The Gambler" am Royal Opera House in Covent Garden, Barbara Webers Theaterversion von "Bonnie and Clyde" an den Münchner Kammerspielen und Bücher, darunter Martin Walsers Novelle "Mein Jenseits" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 13.02.2010

Frank Rieger berichtet von einer Gesetzesinitiative, die Island zu einem Hafen für freies Publizieren - auch für ausländische Medien! - ausbauen will: "Die besten Regelungen verschiedener Jurisdiktionen weltweit dienten als Vorbild. Von umfangreichem Schutz für Whistleblower und Journalisten über hohe Anforderungen für Klagen gegen Veröffentlichungen, einer Präferenz für Gegendarstellungen anstatt nachträglicher Zensur, Immunität für Internetprovider bis zu weitreichenden Informationsfreiheitsrechten gegenüber Behörden reicht die Palette. Um globale Aufmerksamkeit auf das Projekt zu lenken, ist die Stiftung des Isländischen Internationalen Preises für Pressefreiheit Teil des Vorhabens." (Mehr dazu bei der BBC)

Zur Berlinale: Michael Althen berichtet über die Eröffnung der Berlinale. Besprochen werden Polanskis Wettbewerbsfilm "The Ghost Writer" (der Verena Lueken ziemlich kalt gelassen hat), Laura Poitras Dokumentarfilm über Al Qaida, "The Oath" (Forum), und die Shimazu-Retrospektive (ebenfalls im Forum).

Weitere Artikel: Die Glosse widmet dsch. den schwierigen österreichisch-deutschen Beziehungen. Dieter Bartetzko beklagt die "Wegwerfarchitektur", die in Frankfurt schöne alte Bauwerke wie die "Villa Helfmann" ersetzt. Jürgen Dollase speist beim niederländischen Zwei-Sterne-Koch Nico Boreas in Heeze. Oliver Tolmein berichtet vom Prozess gegen einen Mann, der die Patientenverfügung seiner Schwiegermutter mit Gewalt so durchsetzen wollte, wie er sie verstand. Jordan Mejias hat im Southern Literary Journal gelesen, dass William Faulkner in seinen Romanen das Tagebuch eines Freundes ausgewertet hat: "Dass diese Notizen dann nicht im Urzustand, eins zu eins, in seine Romane eingeflossen sind, versteht sich von selbst, muss aber heutzutage vielleicht doch erwähnt werden." Andreas Lesti schickt für die letzte Seite eine Reportage über die Internatsschule für Schisportler im österreichischen Stams.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass der NDR-Rundfunkrat dafür plädiert, "den Onlineauftritt 'tagesschau.de' ohne Einschränkung zu genehmigen". Und es gibt ein langes Interview mit Herbert Kloiber, Kinobetreiber und Inhaber des Fernsehsenders Tele5, über Filmförderung und die Zukunft des Heimkinos.

In Bilder und Zeiten stellt Karen Krüger Istanbul als die - nach Berlin - nächste hippe Stadt für Künstler vor. Werner von Koppenfels beschreibt Patrick Leigh Fermors Fußmarsch durch das Europa der dreißiger Jahre. Bernd Noack hat einen Ortstermin mit der deutschen Königin des Historienromans, Tanja Kinkel, in Schloss Hampton Court. Ben Kingsley erzählt im Interview, wie er sich auf seine Rollen vorbereitet, und lobt seine Hühner: "Ich liebe ihr Gegacker. Was für süße kleine Geschöpfe!"

Besprochen werden die Uraufführung von Dirk Lauckes Stück "Stress! Der Rest ist Leben" im Berliner Grips-Theater, Barbara Webers Inszenierung von "Bonnie und Clyde" in den Münchner Kammerspielen und Bücher, darunter Martin Walsers Novelle "Mein Jenseits" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's um CDs von Yeasayer, von Gil Scott-Heron, RJD2 und den "The Verdi Tenor" Marcelo Alvarez.