Heute in den Feuilletons

Im guten alten Totholzformat

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2010. Der Fall Hegemann treibt die Medien doch noch um: Die FAZ am Sonntag brachte eine flammende Verteidigung der Jungautorin gegen den Hass, der ihr entgegenschlage. Auch die New York Times berichtet jetzt. Und in BoingBoing erklärt ein Leser den Unterschied zwischen Remix und Plagiat. In der taz spricht die  Regisseurin Feo Aladag über ihren Film "Die Fremde", der das Thema Ehrenmord aufgreift. Die FAZ erläutert die Kritik der Chinesen am Universalismus.

TAZ, 15.02.2010

Die Regisseurin Regisseurin Feo Aladag erklärt im Gespräch mit Ines Kappert, wie sie für ihren Film "Die Fremde (Berlinale, Panorama, Termine) das Thema Ehrenmord aufgreift: "Alle Figuren in meinem Film sind in schweren Konflikten befangen. Auch die Männer. Das führt zu Sprachlosigkeit, zu hilflosen Aktionen, zu Gewalt und auch zu vielen Tränen. Ich wollte unbedingt wegkommen von der Stigmatisierung eines Geschlechts oder einer Ethnie. Stattdessen wollte ich zeigen, wie sehr auch der Vater unter dem Zwang zur 'Ehre' leidet."

Außerdem auf der Berlinale-Seite: Diedrich Diederichsen schreibt über Scorseses "Shutter Island" und über Zhang Yimou. Ulrich Gutmair bespricht den israelischen Film "Black Bus".

Im Feuilleton werden Barbara Webers "Bonnie und Clyde" an den Münchner Kammerspielen, Susanne Winterlings Installation Through the Looking Glass" in Karlsruhe, und ein Auftritt der Band The Fall in Berlin besprochen.

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 15.02.2010

Bereits gestern sah Harald Martenstein im Fall Hegemann Anlass zu selbstkritischen Gedanken für den Literaturbetrieb: "Was ich wirklich peinlich finde: Die wachsende Hysterie der Kulturbeobachter, die inflationär vorhandene Bereitschaft, an jeder Straßenecke ein Meisterwerk wahrzunehmen, dieser von sich selbst berauschte, sich selbst schon im Moment des Aussprechens dementierende Jubelton, der, weil er so unrealistisch ist, jederzeit in sein Gegenteil kippen kann. Wir bewegen uns alle in einem breiten Fluss, der schon lange fließt, und es ist, jenseits der Meisterwerke, schwierig genug, überhaupt etwas halbwegs Originelles zustande zu bringen. Warum nicht etwas wahrhaftiger an die Dinge herangehen?"
Stichwörter: Literaturbetrieb

Weitere Medien, 15.02.2010

Nicholas Kulish berichtet in der New York Times über den Casus Hegemann: "Normalerweise dauert es Jahrzehnte, bis ein Autor schmeichlerische Kritiken erhält, auf die Bestsellerliste kommt und ein Kandidat für einen großen Buchpreis wird. Helene Hegemann schaffte mit ihrem ersten Buch innerhalb von ein paar Wochen und trotz Plagiatsvorwürfen..."
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Aus den Blogs, 15.02.2010

Auch BoingBoing greift die Affäre Hegemann auf. Rob Beschizza schreibt in den Nutzerkommentaren zum Unterschied zwischen Remix und Plagiat: "Ein klarer Unterschied liegt in der Lüge, die das Plagiat mit sich bringt - sie bringt andere Leute dazu zu glauben, dass du etwas geschaffen hast, was nicht von dir ist."

Was ist die Killer-Applikation des Ipad?, fragt Robert Andrews in paidcontent und antwortet: Ganz einfach, es sieht ein bisschen aus wie Magazine: "Sie können ihre Ausgaben im guten alten Totholzformat präsentieren, wie früher, vor diesem nervtötenden Html."
Stichwörter: Plagiat, Plagiate, Remix

Spiegel Online, 15.02.2010

Ein "Desaster" ist der auf googlemail basierende soziale Dienst Google Buzz laut Christian Stöcker in Spiegel Online: "Ein zentraler Kritikpunkt, der schon kurz nach dem Buzz-Start für einige Empörung sorgte: Der Dienst entschied erstmal selbst, mit wem seine Nutzer wohl befreundet waren. Google-typisch wurde ein Algorithmus bemüht, um aus einem Datenwust Informationen zu extrahieren - eine krasse Fehlentscheidung, wie sich nun zeigt. Und nicht nur das: Der Dienst teilte diese Einschätzung über den mutmaßlichen Freundeskreis auch jedem mit, der sich dafür interessierte. " Google hat inzwischen mehrfach nachgebessert. (Ganz anders als Stöcker sieht es übrigens Martin Weigert in Netzwertig.)
Stichwörter: Google

NZZ, 15.02.2010

Welche Maßnahmen die chinesische Regierung ergreift, um Schanghai für die im Mai beginnende Expo zu säubern, erzählt Matthias Messmer: "Bankangestellte, so eine befreundete Chinesin, würden aufgefordert, sich einheitlich zu schminken. Auf ausgewählten Busrouten werden hübsche und jüngere Frauen als Billettverkäuferinnen eingesetzt, welche die sonst ziemlich griesgrämig dreinschauenden Schaffnerinnen ersetzen sollen. Marktfrauen, die üblicherweise an zentraler Lage ihr Fleisch, Gemüse oder Obst feilbieten, sind längst von den 'chengguan', dem wenig beliebten Ordnungsdienst, aus 'hygienischen Gründen' in Außenquartiere vertrieben worden. Nichts soll das Bild einer modernen Nation besudeln."

Weitere Artikel: Warum ein Schanghaier Taxifahrer es für einen Glücksfall hält, nicht in Peking geboren zu sein, erkärt die chinesische Publizistin Wei Zhang. Christoph Egger berichtet vom ersten Berlinale-Wochenende. Daniel Ender informiert über die neuesten Ereignisse im Zusammenhang mit den Salzburger-Osterfestspielen.

Besprochen werden die Ausstellung "The Real Van Gogh" in der Royal Academy in London und eine "Richard III"- Inszenierung am Theater Basel.

Welt, 15.02.2010

Wieland Freund unterhält sich mit dem österreichischen Medientheoretiker Konrad Becker ("Deep Search - Politik des Suchens jenseits von Google"), der bei aller Kritik an Google auch kein anderes Modell der Informationsorganisation anbieten kann. Manuel Brug schreibt über das alljährliche Requiemskonzert in Dresden - der designierte Chef der Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, dirigierte zur allgemeinen Zufriedenheit die Missa Solemnis. Marko Martin denkt anlässlich der Bücher von Helene Hegemann und Catherine Millets nochmal über den Begriff der Authentizität nach.

Mehrere Artikel widmen sich der Berlinale. Hanns-Georg Rodek bespricht Martin Scorseses "Shutter Island". Peter Zander interviewt Leonardo DiCaprio zum Film. Thomas Abeltshauser hat Feo Aldags Film "Die Fremde" zum Thema Ehrenmord gesehen.

Besprochen werden "Bonnie & Clyde" an den Münchner Kammerspielen und die Ausstellung "The Real Van Gogh - The Artist and His Letters" in London.

FR, 15.02.2010

"Wir sind stolz", verkündet Hans-Jürgen Linke nach der Wiederaufführung der restaurierten Fassung von "Metropolis". Sylvia Staude weiß in Times mager bei der Partnersuche weiterzuhelfen. Besprochen werden Frederic Flamands Choreografie zu Calvinos "Der Baron auf den Bäumen" mit einem Bühnenbild vom chinesischen Künstler Ai Weiwei, eine Henri-Rousseau-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel sowie eine Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsamen Menschen" am Schauspiel Frankfurt.

FAZ, 15.02.2010

China will nicht mehr mitmachen, berichtet Mark Siemons - und zwar beim Universalismusdiskurs des Westens, der allerdings auch im Westen, wie Siemons konstatiert, seine Grenzen hat. Vor allem bei den Themen Klima und Internet zieht China die Grenze. Mit dem folgenden, immer öfter gehörten Argument: "Die Reaktionen Pekings auf ... Forderungen nach einem einheitlichen Weltdiskurs münden, so unterschiedlich sie im Einzelnen sind, in eine zentrale These: Die Ungleichheit in der Welt sei so groß, dass die Anmahnung von Universalität ein manipulativer Trick sei von denen, die den Status quo der jetzigen politischen und kulturellen Machtverhältnisse erhalten wollen."

Weitere Artikel: Paul Ingendaay erklärt, dass das eigentliche Problem beim heftigen Streit um den spanischen "Starrichter" Baltasar Garzon darin besteht, dass es nur blinden Hass (von den Franquisten) und blinde Verteidigung (auf der Linken) gibt, ohne besonnene Mitte, die Verdienste und mögliches Fehlverhalten abwägt. Aus Italien berichtet Dirk Schümer von einem sehr von ferne an die Hegemann-Affäre erinnernden Roman-Skandal. Verena Lueken, die vor Ort war, hält die Behauptung, 2000 Menschen hätten die "Metropolis"-Übertragung am Pariser Platz gesehen, für einen Witz: Zweihundert waren es, schätzt sie. Der Jurist Christoph Möllers erläutert das Karlsruher Urteil über den Vermittlungsausschuss. Über das Treffen der Bonner Karnevalisten von "Pink Punk Pantheon" berichtet Patrick Bahners. Gerhard Stadelmaier kommentiert die diesjährige Theatertreffenauswahl. Die Geburtstagsglückwünsche der Woche gehen an die Schauspielerin Cybill Shepherd (60), den Künstler Reinhard Mucha (60), den Musiker Walter Becker (60), den Soulmusiker Smokey Robinson (70) und den US-Zeichner Gahan Wilson (80).

Auf der Berlinaleseite preist Verena Lueken Martin Scorseses "Shutter Island" als großartiges Kino. Andreas Kilb schreibt dagegen über Wettbewerbsfilme (anders als der von Scorsese: in Konkurrenz), von denen ihn keiner richtig, Noah Baumbachs "Greenberg" aber am ehesten noch überzeugt. Rüdiger Suchsland begeistert sich für Sabus im Forum gezeigten Film "Kanikosen". Leo Wild hat zwei Dokumentationen über Palästina gesehen. Und Andreas Platthaus zeigt Interesse an Nicolas Philiberts Film über einen Orang-Utan namens "Nenette".

Besprochen werden eine von Christian Thielemann dirigierte "Missa solemnis" in Dresden, Hannah Rudolphs Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" an den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt, die Bernd- und Hilla-Becher-Ausstellung "Bergwerke und Hütten" im Josef Albers-Museum in Bottrop, und Bücher, darunter Gert Heidenreichs Roman "Fest der Fliegen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Verwiesen sei noch auf die leider nicht online stehende flammende Verteidigung Helene Hegemanns durch Volker Weidermann in der FAZ am Sonntag. Hass sei der Autorin entgegengeschlagen, zu Unrecht: "Das Buch ist übrigens voller Stellen, die das Zusammenklauben fremder Stimmen und Texte thematisieren. Die das Zusammenschreiben zu einem konstituierenden Moment dieses Buchs erklären. Als konstituierendes Element auch des Redens dieser unendlich traurigen, verzweifelten, zerrissenen Ich-Erzählerin Mifti."

SZ, 15.02.2010

Tobias Moorstedt erklärt, wie Apps auf dem Google- vor allem aber natürlich auf dem Iphone unser Leben revolutionieren, "wenn etwa mit 'TaxiFinder' binnen Minuten ein Chauffeur zu einem findet, als hätte man eine Leuchtrakete in die Luft abgefeuert". In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Michael Moorstedt die Seite chatroulette.com vor, wo man mit Unbekannten chatten kann. Christine Dössel stellt die Auswahl für das Berliner Theatertreffen vor. Christiane Schlötzer resümiert griechische Diskussionen zur Frage, ob Kinder von Zuwanderern künftig die Staatsbürgerschaft erhalten - bisher scheint die Mentalität der Griechen hier noch kleinmütiger als die deutsche. Wolfgang Schreiber berichtet vom alljährlichen Dresdner "Requiemskonzert" zum Jahrestag der Bombardierung, in dem diesmal Christian Thielemann und die Staatskapelle Beethovens "Missa Solemnis" gaben.

Auf der Berlinaleseite bespricht Fritz Göttler die Berlinale-Filme der ersten Tage: Thomas Vinterbergs "Submarino", Florin Serbans "Wenn ich pfeifen will, pfeife ich" (die beide attraktive, aber herzlose Mütter vorzeigen), den Debütfilm des Künstlers Banksy "Exit Through the Gift Shop" und Zhang Yimous "A Woman, a Gun and a Noodle Shop". Susan Vahabzadeh unterhält sich mit Pierce Brosnan über "Der Ghostwriter" und Roman Polanski. Tobias Kniebe ist einigermaßen befremdet von Scorseses "Shutter Island".

Besprochen werden neue DVDs, die Ausstellung "Pop Life" in Hamburg und Bücher darunter Anna von der Goltz' bisher nur auf englisch erschienene Studie "Hindenburg - Power, Myth, and the Rise of the Nazis" (Leseprobe).