Heute in den Feuilletons

Weil ich die Polemik liebe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2009. In der Welt erklärt der Historiker Daniel Jonah Goldhagen, was den Holocaust von anderen Genoziden unterscheidet: Er wurde betrieben von einer internationalen Völkermordkoalition. In der NZZ erzählt Lukas Bärfuss, über welche weißen Flecken er in Zürich diskutieren möchte. In der FR befürchtet Dirigent Ingo Metzmacher eine Aushöhlung der Klassischen Musik. Die taz lauscht der Musik der Narcocorridos. Die SZ macht einen Unterschied zwischen Deutlichkeit und Wehetun. Die FAZ sichtet Herta Müllers Securitate-Akten.

Welt, 24.10.2009

Im Gespräch mit Hannes Stein über sein neues Buch "Schlimmer als Krieg" erklärt Daniel Goldhagen, was für ihn das Gemeinsame an Genoziden ist (Die Täter "lachen, sie verhöhnen ihre Opfer") und was den Holocaust von anderen Genoziden unterscheidet: "Dies war das einzige Mal, dass ein Staat und die Menschen, die ihn unterstützten, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind, das zur Opfergruppe gehörte, töten wollten - nicht nur im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt. Und dies war das einzige Mal, dass sich eine internationale Völkermordkoalition zusammenfand: Nicht nur eine Nation, nicht nur ein Volk verfolgte dieses Ziel, sondern andere Staaten schlossen sich dem an - vollkommen freiwillig."

Uwe Wittstock kommt in seiner Kolumne für die Literarische Welt nochmal auf die Entlassung des Gastland-Koordinators Peter Ripken zurück, die er als ungerecht empfindet: "Allerdings traf nicht Ripken die Entscheidung, China trotz Zensur und Zwangsmaßnahmen gegen missliebige Autoren zum Ehrengastland der Buchmesse 2009 zu machen, sondern Messe-Direktor Juergen Boos. Er schloss den entsprechenden Vertrag nicht mit einem unabhängigen Verlegerverband, sondern mit dem chinesischen Presse- und Propagandaministerium. Damit wurde nüchtern betrachtet nicht China, sondern die Kommunistische Partei Chinas zum Ehrengast gemacht."

Außerdem in der Literarischen Welt: Elmar Krekeler unterhält sich mit dem Wiener Autor Wolf Haas über seinen neuen Brenner Krimi "Der Brenner und der liebe Gott". Und Klaus Goebel freut sich über einen Dachbodenfund in Bayern: Wiederentdeckt wurde der Briefwechsel zwischen dem Dichter Rudolf Alexander Schroeder und dem Herausgeber der ersten Literarischen Welt, Willy Haas, aus den Jahren 1931 bis 33.

Auf der Feuilletonseite bespricht Peter Dittmar die große Markus-Lüpertz-Ausstellung in Bonn. Auf der Forumsseite wird eine Rede von Wolf Lepenies abgedruckt, der Immigranten in Detuschland eine "protestantische Ethik" wünscht.

NZZ, 24.10.2009

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss, seit kurzem Hausautor und Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, spricht im Interview über das Politische in der Kunst. Außerdem erzählt er von einer Diskussionsreihe über die "Grenzen unseres Wissens", die er in Zürich angestoßen hat. "Auslöser dafür war Niklaus Wirth, der auch mein erster Gast sein wird. Eine der wirklich wichtigen Figuren der Informatik des 20. Jahrhunderts. Er hat in Ihrer geschätzten Zeitung vor nicht allzu langer Zeit einen Artikel veröffentlicht. Seine Kernthese war, dass die Informatiker ihre Computer nicht mehr verstehen. Die Maschinen sind zu kompliziert geworden. Was bei der Anwendung immer einfacher wird, wird im Hintergrund immer unübersichtlicher. Das ist eine Gesetzmäßigkeit - und mit jedem Fortschritt öffnet sich diese Schere. Meine zweijährige Tochter bedient bereits das i-Phone, ein modernes Verkehrsflugzeug startet, fliegt und landet beinahe von selbst. Das System im Hintergrund allerdings ist so komplex, dass selbst die Experten es nicht vollständig verstehen. Wir schaffen uns mit der Technologie weiße Flecken."

Besprochen werden ein Band über die Lehre Carl Schmitts, Sebastian Horsleys Autobiografie "Dandy in der Unterwelt", Philippe Claudels Roman "Brodecks Bericht" und Jürgen Heizmanns Buch "Chatterton oder Die Fälschung der Welt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton berichtet Michael Mayer über das Symposium "Anmerkungen zur geistigen Situation unserer Zeit" am Kolleg Friedrich Nietzsche in Weimar. Besprochen werden die Vandalen-Schau im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe, Steven T. Wax' Band "Kafka in Amerika" und eine Studie über die Migration von Westdeutschen und Schweizern in die DDR.

Berliner Zeitung, 24.10.2009

Jörn Jacob Rohwer unterhält sich mit dem fast hundertjährigen Schriftsteller Hans Keilson, einen der letzten, der noch das literarische Leben in Berlin vor 33 erlebt hat (später emigrierte er in die Niederlande): "Döblin sehe ich noch vor mir, wie er zu einer Verlagsversammlung erschien. Er machte nicht den Eindruck eines Literaten, sein Auftritt hatte etwas echt Berlinisches: Klein von Statur, mit der Aura eines jüdischen Proletariers, redete er, glaube ich, Berliner Dialekt."

Im Feuilleton macht sich Harald Jähner Gedanken über die zur Zeit kursierende These, dass die jungschnöselige, aber doch recht schmale Neu-Elite aus Berlin Mitte und Prenzlauer Berg den Umsturz Richtung Schwarzgelb zu verantworten habe.
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Stichwörter: Berlin, Berlin-Mitte

FR, 24.10.2009

Ingo Metzmacher, der scheidende Chefdirigent der Berliner Symphoniker, zeigt sich im Gespräch mit Jürgen Otten besorgt über die Entwicklung der Klassischen Musik: "Ich nehme für mich in Anspruch, Musik in ihrer Botschaft ernst zu nehmen: eine Botschaft, die ich verteidigen will, weil sie mehr Essenz enthält, als man ihr zubilligt. Und ich finde, diesbezüglich findet eine Aushöhlung statt. Eine Aushöhlung des Inhalts, der Bedeutung, der Botschaft von Musik. Es geht im Konzertbetrieb immer mehr darum, dass die Musik glitzern soll, dass sie sauber und perfekt sein soll, und virtuos gespielt. Es sollte aber darum gehen, die Sinnhaftigkeit von Musik zu bewahren. Und dieses Ziel sehe ich in Gefahr."

Weitere Artikel: Sebastian Moll hat ein öffentliches Intellektuellen-Gipfeltreffen in New York besucht, bei dem Judith Butler, Cornel West, Jürgen Habermas und Charles Taylor über die Religion und Grundfragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sprachen. In Bremen, erläutert Alexander Schnackenburg, zeigt sich derzeit, dass man mit Drittliga-Finanzierung kein Erstliga-Theater haben kann. Sebastian Borger kommentiert den Auftritt des britischen Rassisten Nick Griffin in einer BBC-Sendung. Franz Anton Cramer berichtet vom Internationalen Tanzfest in Seoul. Knut Krohn informiert über vorsichtige Annäherungen zwischen Polen und Russland in Beutekunst-Fragen. In einer Times Mager verweigert sich Arno Widmann dem Superlativ. In ihrer US-Kolumne vermisst Marcia Pally die gute alte Zeit. Natalie Soondrum kommt sich beim Versuch, noch einmal in der Angelegenheit der Abschluss-Ausladungen zweier chinesischer Dissidenten bei der Buchmesse nachzufragen, fast wie in China vor.

Besprochen werden ein Konzert mit Musik von George Enescu zum Auftakt der Rumänien gewidmeten Frankfurter EZB-Kulturtage und zwei neue Koranausgaben (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 24.10.2009

Ingolf Kern hält es gar nicht für so ausgemacht, dass Bernd Neumann, immerhin 67, Staatsminister für Kultur bleibt. Leichter wird sein Job angesichts der Krise jedenfalls nicht: "Denkbar ist ein Szenario, bei dem Neumann erst nach der Hälfte der Legislaturperiode in Pension geht. Dann könnte am Schreibtisch im achten Stock des Kanzleramts wieder eine Frau sitzen. Entweder die Berliner Bundestagsabgeordnete, Kulturexpertin und Dauerkandidatin Monika Grütters. Oder, was wahrscheinlicher ist, die scheidende Brandenburger Kulturministerin Johanna Wanka." Heute Abend soll man schon mehr wissen.

Außerdem liest Christoph Schröder einige der in dieser Saison sehr aktuellen Bücher, in denen sich die eine alternde Gesellschaft beim Sterben zusieht, ohne darin ein Symptom zu erkennen.

TAZ, 24.10.2009

Über die mexikanische Drogenmafia-Volksliedkultur der "Narcocorridos" informiert in einer Reportage Wolf-Dieter Vogel: "Narcocorridos sind Volkskultur, sie reflektieren einen Lebensstil, der bei nicht wenigen Mexikanerinnen und Mexikanern auf Akzeptanz stößt. 'Dieses populäre Genre ist das Symbol einer Gegenkultur, die von der politischen Gesellschaft des Landes nicht anerkannt wird', erklärt Miguel Olmos von der NGO 'Colegio de la Frontera Norte'. Oft stehen die Musiker einem der lokalen Capos nahe. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort für die falsche Seite singt, könnte das mit dem Leben bezahlen. Immer wieder werden Bandmitglieder von Killertrupps der Kartelle gefoltert oder ermordet." (Hier ein musikalisches Beispiel bei Youtube)

Weitere Artikel: "Ist Günter Wallraff ein Aufklärer?" lautet die Frage und Daniel Bax meint "Ja", Cristina Nord dagegen "Nein". Tim Caspar Boehme berichtet vom Berliner Turntablisten-Festival "T.I.T.O". In Andreas Fanizadehs "Leuchten der Menschheit"-Kolumne geht es um Richard von Weizsäckers Erinnerungsbuch. Julian Weber unterhält sich mit dem New-Yorker-Redakteur Alex Ross über dessen nun in deutscher Übersetzung erschienene Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts mit dem Titel "The Rest is Noise".

Besprochen werden Ruth Rehmanns neuer Roman "Ferne Schwestern" und Daniel Jonah Goldhagens neue Studie "Schlimmer als Krieg" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 24.10.2009

Falsch und typisch "konservativ" findet Stephan Speicher die Vorstellung, dass die Dinge, die Provokateure wie Sloterdijk und Sarrazin aussprechen, in unserer Gesellschaft nicht gesagt werden dürften: "Zu glauben, Sarrazin spreche aus, was sonst verheimlicht werde, ist einfach falsch... Was die Sarrazin-Verteidiger 'Deutlichkeit' nennen, ist nicht der Durchbruch zur Klarheit, die auf ruhige Weise längst hergestellt wurde. Die 'Deutlichkeit' besteht, wie an dieser Stelle vor einigen Tagen Jacob Burckhardt zitiert wurde, 'im Wehetun gegen andere'. Ihr Reiz besteht darin, das von anderen längst Erarbeitete dank der zugeschalteten Aggressivität als persönliche geistige und moralische Heldentat zu erleben."

Weitere Artikel: Roman Deininger erklärt, wie es kommt, dass in Roland Emmerichs demnächst in die Kinos kommender "Mutter aller Katastrophenfilme" (Emmerich) ausgerechnet im Jahr "2012" die Welt untergeht. Arne Perras berichtet, wie die Jugend Ugandas auf den Straßen Kampalas für den politisch längst abservierten König eintrat. Wolfgang Schreiber gratuliert dem Komponisten George Crumb zum Achtzigsten.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende denkt Rainer Erlinger über drei aktuelle Fälle der Kündigung aus nichtigem Anlass und ihre Bedeutung nach. Harald Hordych hat sich in London unters Fotografengetümmel um George Clooney begeben. Gerhard Matzig weiß die architektonische Nachkriegsmoderne zu schätzen und bedauert, dass es so vielen anders geht. Auf der Historienseite geht es um den unwahrscheinlichen Helden Valentin Beck, der als Nazi Juden rettete. Vorabgedruckt wird unter dem Titel "Sonntags Allein" ein Auszugs aus Annika Reichs im nächsten Frühjahr erscheinendem Roman "Durch den Wind". Im Interview spricht Melissa Müller mit dem israelischen Ex-Politiker und nunmehr Autor Avraham Burg, der einräumt: "Manchmal ist es schwer, sich mit mir auseinanderzusetzen, weil ich die Polemik liebe. Sie ist ein jüdisches Werkzeug, um Neues zu schaffen, um die Lebensgeister zu wecken."

Besprochen werden Stefan Kaegis Dokumentartheater-Inszenierung "Sicherheitskonferenz" an den Münchner Kammerspielen (Theater für "Lieschen Müller", schimpft ein zu Tode gelangweilter Christopher Schmidt; der SZ-Außenpolitik-Redakteur Stefan Kornelius, der Kaegi beraten hat, erläutert Hintergründe), die große Ausstellung "Louis XIV - L'Homme et le Roi" in Versailles, die Ausstellung "Michael Ende in Italien" in der Casa di Goethe in Rom, ein Konzert der br-Symphoniker mit Arnold Schönbergs "Gurre-Liedern", Christoph Rüters Heiner-Müller-Film "Die Zeit ist aus den Fugen", Giorgio Dirittis Film "Der Wind zieht seinen Weg" und Jana Hensels neues Ossi-Buch "Achtung Zone" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 24.10.2009

Hubert Spiegel besucht den Autor Richard Wagner, der auch einmal mit Herta Müller verheiratet war und ihre Securitate-Akte in seiner Wohnung lagert - als Teil eines "Archivs des Widerstands", das Wagner aufgebaut hat. "'Ich habe alles chronologisch geordnet', sagt Richard Wagner. 'Das hier ist das Deckblatt von Hertas Akte. Hier sehen Sie den operativen Vorgang mit der Registriernummer und dem Decknamen, 'Cristina'. Hier steht das Datum, wann die Akte eröffnet wurde: am 8. März 1983. Und das hier ist besonders interessant: Dieser Stempel besagt, dass Hertas Akte am 16. August 1993 auf Mikrofilm übertragen wurde. Da gab es die Securitate aber längst nicht mehr.'"

Weitere Artikel: Jürg Altwegg glossiert jüngste Affären in der französischen Bananenrepublik des Geistes und wünscht sich glatt die Hölle in der Bibliotheque Nationale zurück, wo einst missliebige Bücher gelagert wurden. Jürgen Dollase speist in Wahabi Nouris Hamburger Restaurant "Piment". Arne Leyenberg besucht mit Wolf Wondratschek den Boxkampf zwischen Arthur Abraham und Jermain Taylor in Berlin. Timo John besichtigt das neue Stuttgarter Bürohaus Z-UP.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über die BBC-Diskussion mit dem Vorsitzenden der rechtsextremen British National Party, Nick Griffin: "Der öffentlich-rechtliche Sender berief sich unter Verweis auf die Wahlerfolge der BNP scheinheilig auf sein Mandat zur Ausgewogenheit", schreibt sie, muss dann aber zugeben: "Ein ums andere Mal wurden die Argumente bloßgestellt, mit denen die BNP vor allem Resonanz bei der verdrossenen Arbeiterschicht findet." (Zu den Reaktionen in Britannien: Im Guardian hält es Ken Livingstone für einen groben Fehler, dass Griffin überhaupt eingeladen, weil seine Thesen damit für diskussionswürdig erachtet würden. Sunny Hundal dagegen sah, ebenfalls im Guardian, seine Ängste beruhigt, denn BBC-Moderator David Dimbleby habe Griffin nicht vom Haken gelassen. Die Times meint, immerhin habe man nun sehen können, wie sehr es Griffin an Charisma, Charme und Intellekt fehlt.)

Besprochen werden James Turrells "Wolfsburg Project" im Kunstmuseum Wolfsburg und einige CDs u.a. von Marius Müller-Westernhagen, Renee Fleming und Pearl Jam.

Im Aufmacher von Bilder und Zeiten erinnert sich Gunter Sachs an die glanzvollen fünfziger Jahre in Frankreich. Hans Christoph Buch erzählt sehr schön von seinem Leben als Writer in Residence in der chinesischen Stadt Hangzhou. Fridtjof Küchemann, Tobias Rüther und Jörg Thomann probieren das Computerspiel "The Beatles: Rock Band" aus. Ulrich Raulff, Direktor des Marbacher Literaturarchivs, spricht im Interview über sein neues George-Buch und freut sich, dass nach der linksliberalen jetzt endlich auch die konservative Seite der bundesrepublikanischen Geistesgeschichte erforscht wird: Sie "erweist sich auch langfristig als interessanter - weil vermutlich doch der interessantere Teil der Geistesgeschichte sich auf dieser Seite abgespielt hat".

Besprochen werden zwei Ausstellungen, die sich großen Kunstsammlungen des achtzehnten Jahrhunderts widmen: Gemälde aus der Sammlung Brukenthal im Pariser Museum Jacquemart-Andre und der Sammlung Gottfried Wincklers im Leipziger Museum der Bildenden Künste, sowie Bücher, darunter Patrick Hofmanns Debütroman "Die letzte Sau" ("Donnerwetter: Dies ist ein deutscher Roman, zeitgenössisch und halbtrocken", beginnt Michael Martens Besprechung, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).