Heute in den Feuilletons

Das erscheint mir gespenstisch

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2009. In der NZZ beklagt Robert Menasse den neuen Kolonialismus innerhalb der EU. Die SZ schwärmt vom großen Erzähler Peter Paul Rubens. Die taz stößt auf eine unheimliche Vorliebe deutscher Maler für Nadelbäume. In der FAZ fragt Gerd Antes, warum bei der Schweinegrippe alles großgeredet wird, was bei der Atomkraft kleingeredet wird. Und im Tagesspiegel fürchtet sich Klaus Staeck vor Blogorrhoe.

NZZ, 23.10.2009

Der Schriftsteller Robert Menasse denkt im Interview über verpasste Chancen in Österreich nach und blickt pessimistisch auf die Zeit nach 1989, die für ihn zu einem Europa der neuen Widersprüche geführt hat: "Die osteuropäischen Länder werden gehalten wie Kolonien innerhalb der EU. Warum ist beispielsweise die EU so desinteressiert daran, das Steuersystem in Europa zu vereinheitlichen? Aus einem einfachen Grund: Für die Konzerne ist es praktisch, wenn sie die Staaten, in denen sie sitzen, mit den niedrigeren Kosten in anderen Mitgliedsstaaten erpressen können. Das Steuerdumping führt zu Sozialdumping und damit unvermeidlicherweise zu immer größerer Unzufriedenheit, zu Wut und Aggressionen."

Weitere Artikel: Matthias Messmer resümiert die chinesischen Reaktionen auf die Buchmesse und stellt fest, dass Frankfurt vor allem ein Austragungsort für innerpolitische chinesische Auseinandersetzungen war. Jürgen Tietz besucht das Neue Museum in Berlin und kreist dabei mehrmals um die Nofretete.

Besprochen werden die Ausstellung "Caravaggio - Bacon" in der Galleria Borghese in Rom, das Konzeptalbum "Controlling Crowds" der Gruppe Archive sowie Country-Sänger Kris Kristoffersons neues Album "Closer To The Bone".

Welt, 23.10.2009

Skeptisch bewertet Hendrik Werner die Ankündigung der Suchmaschinen Google und Bing, künftig auch Twitter-Meldungen zu erfassen: "Mag sein, dass aktuelle Ereignisse durch das breitere Forum für Augenzeugen nun schneller und flächendeckender die Runde machen als bisher. Zugleich aber dürfte die Netzeinspeisung so genannter Tweets mehr zur Desorientierung als zur Klärung einer Nachrichtenlage beitragen."

Weiteres: Michael Borgstede zeichnet ein recht katastrophales Bild von Israels Bildungssystem, das seit Jahrzehnten auf steigende Studentenzahlen mit schrumpfenden Etats reagiert. Matthias Heine resümiert das ausklingende Gedenkjahr zur Varus-Schlacht. Dankwart Guratzsch berichtet von einem Gutachten, das die geplante Umwandlung der Leipziger Universitätskirche in eine Aula für rechtswidrig hält. Rüdiger Sturm sieht Anzeichen für eine Wiederbelebung des deutschen Genre-Kinos. Peter Beddies unterhält sich mit der Tänzerin Marge Champion, die Bewegungsmodell für den Zeichentrickfilm "Schneewittchen" war.

Besprochen werden James Turrells Installation Bridget's Bardo" im Kunstmuseum Wolfsburg und Filme des "Tatort"-Regisseurs Buddy Giovinazzo auf DVD.

SZ, 23.10.2009

Sehr schwärmt Willibald Sauerländer von einer großen Ausstellung in der Alten Pinakothek, die Gemälde von Peter Paul Rubens im Kreis der vom Künstler in ihnen kopierten Originalwerke, insbesondere Tizians, zeigt. Der "Wettbewerb" geht nicht selten zugunsten des Nachahmers aus: "Höhepunkt der Ausstellung ist die Gegenüberstellung von Tizians 'Adam und Eva' mit Rubens' Variante. So gewaltig die Komposition Tizians sich darbietet, Rubens ist der reichere Erzähler. Er bringt affektive Beweglichkeit in das Spiel der Körperbewegungen und Gesten, schildert das Nach- und Nebeneinander von Verführung, Begehren und besorgtem Widerstreben. Der alte Jakob Burckhardt hat ihn nicht umsonst den größten Erzähler seit Homer genannt."

Weitere Artikel: Andrian Kreye erklärt, warum der Traum von einer großzügigen Meritokratie, den Sloterdijk & Co. träumen, sich in Europa nicht wird erfüllen lassen. Neuigkeiten von der afrikanischen Popmusik gibt es von Jonathan Fischer. Alexander Kissler berichtet von einer Tutzinger Tagung über deutsche Rabbiner im Ausland. Jörg Häntzschel hat einen Vortrag des Historikers Tony Judt über die Sozialdemokratie und das vor uns liegende "Zeitalter der kulturellen, ökonomischen und politischen Ungewissheit" gehört. Reinhard J. Brembeck hat sich schon mal vorab einen Eindruck verschafft, was Schorsch Kamerun mit seinem "Konzert zu Revolution" in den Münchner Kammerspielen vorhat. Jörg Häntzschel meldet, dass Klaus Biesenbach - vormals Leiter der Berliner Kunstwerke, jetzt am New Yorker MoMA - Direktor des New Yorker Museums für Zeitgenössische Kunst PS.1 wird.

Besprochen werden Hansgünther Heymes "Dantons Tod"-Inszenierung am Nationaltheater Zagreb, Louie Psihoyos' Dokumentarfilm "Die Bucht" und Bücher, darunter Terezia Moras neuer Roman "Der einzige Mann auf dem Kontinent" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Tagesspiegel, 23.10.2009

In seiner Rede zur Verleihung des Journalistenpreises "Der lange Atem" fürchtet sich Klaus Staeck vor der "Blogorrhoe" und dem nahenden Epochenwechsel in der digitalen Kultur, wie er ihn in Gundolf S. Freyermuths Essay im Perlentaucher beschrieben fand: "Im quantitativ unüberschaubaren Output der Blogger und Selbst-Herausgeber sieht Freyermuth eine 'schleichende Veränderung des literarischen Lebens wie der literarischen Produktion'. Die 'Leser', die sich bald immer weniger an den Angeboten der großen Verlage orientieren, sieht er zu 'Nutzern' werden: das massenkulturell-passive Publikum erwacht online und wird dank entsprechender Software zur virtuellen Öffentlichkeit. Ich gebe zu, das erscheint mir gespenstisch. Es bedeutete die Ablösung qualifiziert ausgebildeter, glaubwürdiger und in diesem Beruf nicht zuletzt ethisch verpflichteter Autoren durch den Schwarm aller, die Zugang zum weltweiten Web haben, und allüberall ihre Meinung kundtun können." (Es ist wirklich zum Fürchten, wie der Horror vor dem großen Ungewaschenen Rechte und Linke gleichermaßen plagt.)
Stichwörter: Horror, Klaus Staeck

FR, 23.10.2009

Thomas Stillbauer schreibt zum 50. Geburtstag von Asterix und Obelix. In Times mager widmet sich Harry Nutt den "Schlossspielen" der neuen Koalition.

Besprochen werden die Vandalen-Ausstellung in Karlsruhe, die Ausstellung "Being Object. Being Art" im Frankfurter Museum der Weltkulturen und das neue Album von Marius Müller-Westernhagen.
Stichwörter: Asterix

TAZ, 23.10.2009

Cord Riechelmann stellt bei der Betrachtung von Gerhard Richters Fotoband über den Wald fest: "Richter trifft mit der Wahl seiner Bäume aber noch ein paar andere, fast schon antideutsch zu nennende Entscheidungen. Es sind offensichtlich Laubbäume, denen er sich zuwendet. Das steht gegen die unheimliche Vorliebe deutscher Maler von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch für Nadelbäume."

Außerdem: Jenny Zylka erliegt dem retrofuturistischen Charme des britischen Duos Broadcast. Tim Caspar Boehme hört neue House-Alben.

Und Tom.

FAZ, 23.10.2009

Einigermaßen desaströs findet es der Meta-Mediziner Gerd Antes, wie wenig seriös vor allem die Medien gerade mit der Frage der Schweinegrippe-Impfung umgehen. Völlig inkosequent sei das überdies: "Schon diese leichte Übungsrunde hat in ein Informationschaos geführt. Wenn die Strategie, ein zusammengezaubertes maximales Risiko im Sinne einer Minimax-Strategie zu kontrollieren, zur Handlungsmaxime dieser Gesellschaft werden sollte, dann müsste man allerdings auch heute alle Atomkraftwerke abschalten. In der Diskussion um Atomstrom wird nämlich gerade die gegenteilige Strategie verfolgt: Dort redet man alles klein, was bei H1N1 großgeredet wird."

Weitere Artikel: In der Glosse schildert Dirk Schümer die Auswirkungen der Finanzkrise in Dänemark auf die Kunst. Andreas Rossman sieht sich in Marienburg um, dem Kölner Stadtteil für die bessere Gesellschaft, und erzählt aus dessen Gegenwart und Geschichte. Gemeldet wird, dass der Kurator Klaus Biesenbach, derzeit am New Yorker MoMA tätig, nun auch noch zum Chef des Museums PS.1 ernannt wurde. Hildegard Wiegel schreibt zum Tod des Archäologen, Kurators und Mäzens Dietrich von Bothmer. Auf der Medienseite stellt Günter Kalwa das amerikanische Erfolgsmodell des von Wirtschaft und Staat unabhängigen National Public Radio (Website) vor, das ausschließlich von den Spenden seiner Zuhörer lebt.

Besprochen werden die Ausstellung "Rubens im Wettstreit mit den Alten Meistern" in der Münchner Alten Pinakothek, Marc Webbs Film "(500) Days of Summer", Louie Psihoyos' Dokumentarfilm "Die Bucht" und Bücher, darunter die Neuausgabe von Romain Garys Roman "Die Liebe einer Frau" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).