Heute in den Feuilletons

Du suchst Deutschland? Lies!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2009. In einem Brief an die Redakteure der Zeit, den er diesen per Veröffentlichung in der FAZ zustellt, erklärt Peter Sloterdiejk, warum er nicht auf Axel Honneth antwortet und tut es natürlich doch. Die Welt kritisiert Buchmessenchef Jürgen Boos, die sich nicht zusichern ließ, dass chinesische Autoren nach Frankfurt reisen dürfen. In der taz macht Popsänger Jochen Distelmeyer Frieden mit sich. Die NZZ ist mehrfach mit dem Ende der Postmoderne beschäftigt. In der SZ fragt Navid Kermani, ob der Westen die iranische Demokratiebewegung  ein zweites Mal fallen lässt.

Welt, 26.09.2009

Wenig Sympathie hat Uwe Wittstock für die Rolle, die Buchmessenchef Jürgen Boos im Umgang mit den chinesischen Ehrengästen spielt. Erst schob er die Verantwortung für das skandalöse China-Symposion seinem Projektleiter zu. "Nun kündigen sich neue Probleme an: Offenbar hindern chinesische Behörden regimekritische Autoren, nach Deutschland zu reisen, auch wenn sie von ihren Verlagen oder anderen Institutionen eingeladen wurden. So teilt die chinesische Staatssicherheit dem Schriftsteller Liao Yiwu, der schon mehrfach festgenommen wurde und mit seinem Buch 'China von unten' international Aufmerksamkeit erregte, mit, dass er nicht nach Deutschland fliegen darf. (...) Auf Anfrage teilt Juergen Boos nun mit, dass beim Abschluss des Rahmenvertrages über den Ehrengastauftritt zwar 'ausdrücklich die Meinungsfreiheit' zum Gegenstand gemacht wurde. Nicht aber sei geklärt worden, ob chinesische Autoren auf ausländische Einladungen hin nach Frankfurt reisen dürfen."

Tilman Krause trifft im Pariser Cafe de Flore den Schriftsteller und Psychotherapeuten Francois Lelord. Lelord hält nicht viel von großen Erklärsystemen, obwohl die, meint Krause, einer Therapie nicht unbedingt hinderlich sein müssen. "Da muss ich leider widersprechen", antwortet ihm Lelord. "In meiner Jugend galten ja noch der Marxismus und die Psychoanalyse viel. Aber die tragen eben nur sehr geringfügig zur konkreten Daseinsbewältigung bei. Damit können sie auf Partys punkten und ihren Doktorvater beeindrucken. Einer handfesten Depression kommen sie damit nicht bei."

Weiter gibt es einen Vorabdruck aus Dietrich Fischer-Dieskaus Buch "Jupiter und ich. Begegnungen mit Wilhelm Furtwängler". Uwe Wittstock vergleicht Christa Wolfs Beschreibung "Dienstag, der 27. September" von 1974 mit Thomas Braschs Gedicht "Der schöne 27. September". Jacques Schuster schreibt zum Tod des Neocons und "genialen Zeitschriftengründers" Irving Kristol. Der israelische Historiker Benny Morris erklärt, warum Barack Obama im Nahen Osten scheitern muss. Und Michael Pilz beobachtet eine Hinwendung deutscher Rapper zum klassischen Deutschrock.

Besprochen werden unter anderem Alfred Grossers Buch über Deutschland und Israel "Von Auschwitz nach Jerusalem" (dem Walter Laqueur einen deutlichen Verriss widmet), David Peaces Roman "Tokio im Jahr Null", Yu Huas Roman "Brüder" und Stephan Thomes Roman "Grenzgang" ("Man nimmt 'Grenzgang' und packt Terezia Moras nicht minder grandiosen metropolen Angestelltenroman 'Der einzige Mann auf dem Kontinent' dazu: Du suchst Deutschland? Lies!", empfiehlt Elmar Krekeler).

FR, 26.09.2009

Peter Michalzik stellt zum Theater-Saison-Start schon mal die vielversprechenden Neuzugänge in der SchauspielerInnen-Riege des Frankfurter Ensembles vor. Er sieht Anlass zur Hoffnung, dass der neue Intendant Oliver Reese - anders offenkundig als seine Vorgängerin Elisabeth Schweeger - weiß, wo sich das Herz des Theaters befindet: "Es wird Zeit, dass Frankfurt wieder eine Gelegenheit bekommt, sich daran zu erinnern, dass Theater aus Schauspielern besteht, bevor das hier vollkommen in Vergessenheit gerät. Diese Stadt hat schon lange den Ruf weg, eine Schauspielervernichtungsstadt zu sein, vor der sich manche Schauspieler so fürchten wie unsere Politiker vor klaren Aussagen."

Weitere Artikel: In ihrer US-Kolumne schreibt Marcia Pally über die exil-iranische Gruppe "Wo ist meine Stimme?", die dafür plädiert, Mahmud Ahmadinedschad einfach in New York zu behalten. In einer Times Mager denkt Arno Widmann über Übergangskleidung und die Wahlen nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Bilder zur friedlichen Revolution" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, ein Boulez-Abend in der Frankfurter Alten Oper und Nelly Furtados neues - spanischsprachiges - Album "Mi Plan" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 26.09.2009

Im von Wort-zum-Sonntag-Momenten nicht freien Interview erklärt der Popmusiker Jochen Distelmeyer, wie es gelingen kann, mit sich und der Welt in Frieden zu leben: "Vielleicht gelangt man zu einem Frieden nur dann, wenn man das, wozu man spontan Gegnerschaft empfindet, als Teil von sich selbst begreift. Dadurch bekommt man ein etwas entspannteres Verhältnis dazu. Ist zwar anstrengender, wenn man merkt, wie leichtfertige Projektionen auf andere oder auf Dinge im Moment des Erkennens nicht mehr haltbar sind, wenn man spürt, dass die Bilder - die Dämonen, Ängste oder Sehnsüchte - in einem selbst wirkende Kräfte sind. Aber einer der Schritte zur Verwandlung führt eben über Anerkennung."

Jutta Lietsch erläutert, dass die chinesische Literatur-Zensur gerade durch Vagheit funktioniert: "Die Grauzone ist gewaltig, die rote Linie der Verbote oft nur zu erahnen.Ein Presse- und Publikationsgesetz, das es Schriftstellern und Verlagen erlauben würde, ihre Rechte einzuklagen, gibt es nicht."

Weitere Artikel: In seiner "Leuchten der Menschheit"-Kolumne hält Andreas Fanizadeh die Idee von Lord Nicholas Stern, dass grüne Politik auch ohne Grüne machbar ist, für eine Illusion. Doris Akrap liest die aktuelle "Merkur"-Nummer zum Thema "Helden". Dirk Knipphals testet weiter den neuen Kindler.

Im sonntaz-Gespräch unterhält sich Waltraud Schwab mit Helene Jarmer, der ersten gehörlosen Parlamentsabgeordneten nicht nur Österreichs (hier ihre Antrittsrede). Auf den Politik-Seiten erklärt der Historiker Paul Nolte, warum "Mehr Staat" selbst angesichts der aktuellen Umstände nicht die richtige Parole ist. Isolde Charim weiß, dass das Volk genau den Wahlkampf und die WahlkämpferInnen bekommen hat, die es sich in Zeiten wie diesen wünscht.

Besprochen werden Lucien Castaing-Taylors und Ilisa Barbashs Schafhüte-Doku "Sweetgrass" und Bücher, darunter Peter Stamms Roman "Sieben Jahre" und Volker Zastrows Buch über das Ypsilanti-Drama "Die Vier. Eine Intrige" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
Anzeige

NZZ, 26.09.2009

Samuel Herzog besuchte die Istanbuler Biennale, die von vier superlinken kroatischen Kuratorinnen unter ein Brecht-Motto gestellt wurde und insgesamt der Weltrettung gewidmet zu sein scheint: "In naher Zukunft drohe die Welt in zwei Teile zu zerfallen: verarmte Kriegsgebiete auf der einen Seite - und auf der anderen die 'stabilen, faschistoiden Systeme der reichen Zonen'. Das Quartett sieht es deshalb als seine Aufgabe an, die 'Kulturalisierung der Politik', wie sie der Neoliberalismus zelebriere, durch eine 'Politisierung der Kultur' zu ersetzen. Die Ladys wissen offenbar ganz genau, wo das Böse sitzt - und auch, wie es auszuräuchern wäre."

Weitere Artikel: Der Autor Peter Stamm schreibt in der Kolumne "Mein Stil" über seinen. Besprochen werden ein Bildband über die ehemalige "innerdeutsche Grenze", zwei Haydn-Ausstellungen in Eisenstadt, Eugene Ionescos "Kahler Sängerin" unter Werner Düggelin am Theater Basel.

Für Literatur und Kunst interviewt Andreas Breitenstein die heute in Amsterdam lebende kroatische Autorin Dubravka Ugresic. Nicht der Mauerfall beendete die Moderne, meint sie: "Die Postmoderne endete mit der Massennutzung der Computertechnologie, insbesondere des Internets, aber niemand nahm Notiz von ihrem Sterben. Niemand bemerkte dieses Detail, denn unser Leben ist heute von Schnelligkeit geprägt, und diese ist viel ausgeprägter als unsere Fähigkeit zu verstehen. Unser Zeitgefühl ist durch die immense Geschwindigkeit des heutigen Alltags betäubt. Wir haben die Verbindung zu unserer Vergangenheit verloren, leben nur noch in der Gegenwart, fasziniert und hypnotisiert von den Spielzeugen, die uns die neuen Technologien schufen."

Außerdem erinnert die Kunsthistorikerin Kerstin Stremmel an die großen französischen Fotolegenden des 20. Jahrhunderts von Cartier-Bresson bis Izis. Und der Wiener Kurator Anton Holzer hofft ebenfalls auf das Ende des Postmoderne und eine Rückkehr der sozialkritischen Fotografie.

SZ, 26.09.2009

Der Publizist und demnächst Träger des Hessische Kulturpreises Navid Kermani hat im Frühjahr das iranische Ahmadabad besucht - die Stadt, in der Irans demokratisch gewählter und unter Leitung der CIA vom Schah gestürzter Präsident Mohammed Mossadegh ("Der Löwe") im Arrest lebte und starb. Beim Volk ist die Erinnerung an ihn noch lebendig, obwohl seiner nirgends offiziell gedacht wird: "Bei den Massenprotesten, die nach der Präsidentschaftswahl am 12. Juni ausbrachen, hielten viele Demonstranten das Bild von Mohammed Mossadegh in die Höhe. Die Anerkennung der Regierung Ahmadinedschad durch das Weiße Haus lässt befürchten, dass der Westen bereit ist, die iranische Demokratiebewegung erneut im Stich zu lassen, sollte es dafür einen Kompromiss in der Atomfrage erzielen. Leider weist kein Schild nach Ahmadabad."

Beinahe verschlägt es Harald Eggebrecht die Sprache beim Anblick der vorgeschichtlichen Kunstwerke, die gerade in der Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" Kunstgebäude Stuttgart im zu sehen sind: "Wer die erst kürzlich gefundene, sofort berühmte Venus von Hohle Fels sieht mit ihren hochgetürmten Brüsten auf wuchtiger Gestalt, will kaum glauben, dass diese mehr als dreißigtausend Jahre alte Figur nur etwa sechs Zentimeter hoch ist, so direkt und unverstellt wirkt ihre plastische Macht aus Erotik, Wärme und Fruchtbarkeit."

Weitere Artikel: Henning Klüver beschreibt, wie der aggressive Ton der Berlusconi-Clique zunehmend die öffentliche Sprache Italiens beherrscht. Im Interview erklärt der Rapper Jay-Z unter anderem, was das Rappen mit Dichtung und ihn mit Muhammed Ali verbindet. Knapp berichtet Jens Bisky von einer Podiumsdiskussion, bei der sich Klaus Wowereit noch einmal für sein Projekt einer Berliner Kunsthalle stark machte. Lothar Müller hat in das nunmehr feierliche eröffnete Wolfgang-Hilbig-Archiv der Berliner Akademie der Künste Einblick genommen.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende stellt Werner Bartens fest: "Statistik kann tödlich sein." Und zwar, wenn Ärzte sie nicht zu lesen verstehen. Andre Boße erzählt die Geschichte des Popmusikers Edwyn Collins, der, was ein ziemliches medizinisches Wunder ist, nach zwei massiven Schlaganfällen nun wieder Musik machen kann. Auf der Historien-Seite geht es um den Widerstand der Elsässer gegen die "Heimkehr ins Reich". Abgedruckt wird unter dem Titel "Die Abkürzung nach Sabino" ein Auszug aus Andrzej Stasiuks neuem, bisher nur in Polen erschienenem Roman "Taksim". Im Interview spricht Anke Engelke über "Tabus".

Besprochen werden Stefan Puchers "Platonow"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen, Barry Koskys Inszenierung von Verdis "Rigoletto" an der Komischen Oper in Berlin, Margarethe von Trottas Historienfilm "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" und Liao Yiwus Roman "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 26.09.2009

In der vorgestrigen Zeit attackierte (unser Resümee) Axel Honneth, Nachlassverwalter der Frankfurter Schule, einen Artikel, den Peter Sloterdijk für die FAZ geschrieben hatte. Daraufhin haben offensichtlich Redakteure der Zeit Peter Sloterdijk kontaktiert, ob er nicht in die Debatte einsteigen wolle. Sloterdijk antwortet den Redakteuren der Zeit in einem Brief, den er ihnen per Veröffentlichung in der FAZ zukommen lässt. Er fordert dort, dass Honneth mindestens 6.000 bis 8.000 Seiten seiner Werke lesen solle, bevor er es zur Debatte kommen lasse. Vorerst jedenfalls fühlt er sich durch den "Philosophieprofesor" gründlich missverstanden, da er durchaus sozialdemokratisch denke, nur dass er Steuern durch Spenden ersetzen will: "Angenommen, der moderne Staat brauchte tatsächlich genau die Summen, die er heute durch Zwangssteuern eintreibt: So soll er sie erhalten. Jedoch: Wäre es dann nicht viel würdevoller und sozialpsychologisch produktiver, dieselben Beträge würden nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufgebracht, sondern in freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern an das Gemeinwesen umgewandelt?"

Weitere Artikel. Sandra Kegel porträtiert den idealistischen Grundschullehrer Wolfgang Heller, der behauptet, den Grundschülern mittels einer in Frankreich entwickelten Methode das Lesen innerhalb von zwei Wochen beibringen zu können - hier mehr Informationen. Edo Reents wendet sich in der Leitglosse gegen den onkelhaften Ton vieler Politiker, besonders aber zu Guttenbergs. Tobias Rüther verbindet die morgige Wahl mit einer Meditation über Vornamen. Jürgen Dollase ist im Jura doch noch ein französischer Koch begegnet, der seine sensiblen Geschmacksnerven nicht überreizt - es handelt sich um Jean-Paul Jeunet in Arbois (Vorsicht, idiotische Flash-Seite). Auf der letzten Seite porträtiert Hubert Spiegel einen Erstwähler.

Die Musikkritiker hörten für die Schallplatten-und-Phono-Seite eine Einspielung der Violinsonaten Beethovens durch Isabelle Faust, ein Album des hoffnungsvollen Retropopsängers Paolo Nutini, ein Soloalbum des Blumfeld-Sängers Jochen Diestelmeyer, eine CD der Sounds. Außerdem würdigt Daniel Stender die Arbeit des Berliner Phonogramm-Archivs, das seine bald hundertjährigen musikethnologischen Aufnahmen zusehends digitalisiert.

Bilder und Zeiten druckt eine beeindruckende Rede György Konrads, der den Weg der ungarischen Juden vom ungarischen Antisemitismus, der dann prächtig mit den Nazis harmonisierte, über die Verdrängung des Holocaust im Kommunismus, bis zum Neofaschismus nach dem Mauerfall beschreibt. Nebenbei wird die Mitschuld der Außenstehenden am Holocaust skizziert: "1939 war jenes Jahr, in dem das ungarische Parlament im Mehrparteienkonsens, mit Unterstützung des katholischen und des protestantischen Kirchenoberhauptes, das zweite Judengesetz verabschiedet hatte, wodurch das Auskommen der Juden fast unmöglich geworden war. Ein Jahr zuvor bereits waren die westlichen Demokratien auf der Konferenz von Evian übereingekommen, den aus Europa vor einer drohenden Nazi-Okkupation flüchtenden Juden kein Asyl zu gewähren und nicht zuzulassen, dass sie sich nach Palästina einschiffen..."

Außerdem: Jürgen Kaube erinnert an Robinson Crusoe, der vor 350 Jahren an einer heute zu Chile gehörigen Insel angespült wurde. Lisa Zeitz porträtiert den Museumsarchitekten Richard Gluckman (typisch dysfunktionale Architektenwebsite). Auf den Literaturseiten geht's unter anderem um den Roman "Der Brenner und der liebe Gott" von Wolf Haas. Auf der letzten Seite interviewt Jan Brachmann den neuen GMD der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles.