Heute in den Feuilletons

Alte Frauen haben oft den besten Humor

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2009. Die taz bringt ein Interview mit Liao Yiwu, der nicht zur Buchmesse kommen darf, und findet seine Reporagen "aufregender als das meiste, das man in letzter Zeit aus China zu lesen bekommen hat". In der SZ klagt der chinesische Autor Yang Lian: "Die Intellektuellen sind zu Teilhabern der Macht geworden." In der Berliner Zeitung erklärt Peter Glaser, warum die eines Leistungsschutzrechtes absurd ist. Mit Faruk Hosni mag die Unesco eine Schande vermieden haben, aber auch Irina Bokowa ist eine Skandal, meint Ilija Trojanow in der FAZ.

TAZ, 25.09.2009

Der Schriftsteller und Musiker Liao Yiwu, der 1989 öffentlich das Gedicht "Massaker" vortrug und deshalb vier Jahre im Gefängnis saß, darf nicht nach Deutschland reisen. Im Interview erzählt er, dass alle seine Bücher in China verboten sind, auch der Reportageband "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser", der gerade auf Deutsch erschienen ist: "Das ist schon 2001 geschehen. Damals hatte die Zeitung Südliches Wochenende gerade ein Gespräch mit mir über meine Arbeit veröffentlicht, als 'Dialog über Interviews mit Chinesen aus der Unterschicht'. Das erregte in der Öffentlichkeit Aufsehen, die Zeitung bekam großen Ärger, der Chefredakteur wurde gefeuert, die Ressortleiter wurden ausgetauscht. Seitdem darf mein Name in den Medien nicht mehr genannt werden. Trotzdem habe ich nicht aufgehört, Chinesen aus den ärmsten Schichten zu interviewen. Bis heute habe ich mit 300 Menschen gesprochen und ihre Geschichten aufgeschrieben. Einige davon wurden in den USA veröffentlicht, in die deutsche Ausgabe sind noch weitere Interviews aufgenommen worden."

Susanne Messmer hat das Buch gelesen und empfiehlt es sehr: "Outcasts also sind es, die Liao Yiwu zehn Jahre lang gesucht, gefunden und gesprochen hat: Klomänner, Prostituierte und Straßenmusiker - aber auch Leute, die während der politischen Kampagnen der 1950er- und 1960er-Jahre gewaltsam an den Rand gedrängt wurden, Kader, Künstler, Intellektuelle, die zu Rechtsabweichlern oder Konterrevolutionären abgestempelt wurden. Herausgekommen ist ein Buch, das aufregender ist als das meiste, das man in letzter Zeit aus China zu lesen bekommen hat - aufregender auch als das meiste, das jetzt, anlässlich des China-Auftrittes auf der Frankfurter Buchmesse, erscheint."

Auf den Kulturseiten unterhält sich Andreas Fanizadeh mit Alex Demirovie, Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Chronist der Frankfurter Schule, über die Qual der Wahl zwischen Grünen und der Linken. Unter der schönen Überschrift "Das Ansingen der Dattelpalme" geißelt Regina Müller "mystisch dräuendes" Musiktheater bei der Ruhrtriennale in Duisburg, vor allem die Installation "Tamar" mit Musik von Bach und Stockhausen sowie Butoh-Tanz sei eine "befremdliche Esoterikzeremonie". Besprochen wird Deutschpop von der Mediengruppe Telekommander, Ruben Cossani und von Virginia Jetzt!.

Und Tom.

NZZ, 25.09.2009

Die Literaturszene in Ägypten erlebt gerade eine Blüte, stellt Susanne Schanda, die sich mit einigen Autoren unterhalten hat, erfreut fest. Zum Teil liege das an den Bloggern, die für eine schnelle Verbreitung von Literaturtipps sorgten. "Die neue Lesekultur kann aber nicht nur auf die aktive Blogger-Szene in der arabischen Welt zurückgeführt werden. [Der Autor und Verleger Mekkawi] Said verweist auf die Einflüsse Saudiarabiens und der Golfstaaten, denen die Gesellschaft in den letzten Dekaden ausgesetzt war. 'Einerseits brachten die vom Golf zurückkehrenden ägyptischen Arbeitskräfte die konservative wahhabitische Interpretation des Islam mit, die nicht zu unserer toleranten Gesellschaft passt. Durch den ökonomischen Boom in den Golfstaaten wurde aber gleichzeitig den Kindern und Jugendlichen eine gute Ausbildung geboten, die sie nun hier anwenden, indem sie Bücher lesen', sagt der 54-Jährige und fügt hinzu, dass die junge Generation besseren Zugang zu Information und Wissen habe und daher offener sei als die seinige, die unter der nasseristischen linken Ideologie und Engstirnigkeit gelitten habe."

Außerdem: Joachim Güntner schreibt zur Vertagung des Prozesses um das Google Book Settlement und warnt vor vorzeitigem Jubel.

Besprochen werden eine neue Impressionismus-Ausstellung in der Wiener Albertina, die Aufführung von Mahlers 9. Sinfonie in der Tonhalle Zürich, die neuen Alben vom Poptrio The Very Best und von Songwriter David Sylvian sowie Olivier Adams Flüchtlingsroman "Nichts, was uns schützt" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 25.09.2009

Der Ruf der Volkswirtschaftslehre ist nicht unwiderruflich ruiniert, meint Nobelpreisträger Paul Krugman, sie müsste nur endlich akzeptieren, dass - erstens - Finanzmärkte nicht unfehlbar sind, "dass sie sowohl von irrenden Individuen als auch vom Wahnsinn der Massen beeinflusst werden. Zweitens: Sie müssen einsehen, dass die Lehren von Keynes das beste Modell darstellen, um Rezessionen und Krisen zu verstehen. Drittens: Sie müssen sich vor allem darauf konzentrieren, die Gegebenheiten der Finanzmärkte auf makroökonomischer Ebene zu verarbeiten. Das Modell, das die Volkswirte jetzt völlig neu ausarbeiten müssen, wird vielleicht ein wenig ungenau und ganz sicher nicht besonders elegant sein; aber wir dürfen hoffen, dass es zumindest teilweise richtig sein wird."

Weiteres: Jörg Plath warnt vor voreiligem Jubel über die Verschiebung des Google Book Settlement. Auch wenn das amerikanische Justizministerium Neuverhandlungen gefordert hat, befürworte es schließlich eine Einigung. Harry Nutt besucht das Berliner Art Forum. In Times mager ärgert sich Christian Schlüter über unfähige Journalisten.

Auf den vorderen Seiten wird der F-Skala-Fragebogen ausgewertet, den die FR von einigen Wochen ihren Lesern vorgelegt hatte. Das Ergebnis ist nur auf den ersten Blick erstaunlich: "Nicht ein einziger wirklich autoritärer Charakter, nicht ein einziger offen böser Mensch. Ein Grund für dieses verblüffende Ergebnis ist sicher, dass es um die Extremwerte bereinigt wurde. Das mussten wir tun, weil in einem Blog aus der rechten Szene dazu aufgefordert worden war, den Fragebogen rechtsradikal auszufüllen, bei der Parteienzugehörigkeit aber die linken Parteien anzukreuzen." Hm.

Besprochen werden Jochen Distelmeyers erstes Soloalbum "Heavy" zusammen mit der CD "The Angst and the Money" von Ja, Panik, eine Aufführung von Manfred Gurlitts "Wozzeck" am Theater Luzern und Clemens Setz' für den Bücherpreis nominierter Roman "Die Frequenzen" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

Berliner Zeitung, 25.09.2009

Der Journalist und Blogger Peter Glaser erklärt in einem Artikel über das Urheberrecht in Internetzeiten, warum die Idee eines Leistungsschutzrechtes absurd ist: "Wenn etwa Google für die gemeinfreien Bücher, die das Unternehmen massenhaft einscannt, Geld nehmen würde, könnte man ein solches Werk herunterladen und einfach anderswo kostenlos anbieten. Verhindern könnte Google das, wenn ein Leistungsschutzrecht auf die Scans geltend gemacht werden kann - womit genau das erreicht wäre, was verhindert werden sollte, nämlich ein Google-Monopol des Weltwissens.

Außerdem unterhält sich Markus Schneider mit Yoko Ono, die eigentlich alles ganz toll findet.

Welt, 25.09.2009

Die Autorin Eva Menasse spricht im Interview über Max Frischs "Montauk", die Verwendung von biografischem Material in der Literatur und den Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Altern: "Junge Männer sind entspannt, witzig, boshaft und ironisch, während junge Frauen zum Jammern und zum Selbsthass neigen. Das dreht sich mit den Jahren um. Alte Frauen haben oft den besten, abgeklärtesten Humor, während wir bei den alten Schriftstellern immer tiefer in den Abgrund von Darm, Prostata, Potenzschwäche, also Selbstmitleid blicken müssen."

Weitere Artikel: Sven Felix Kellerhoff berichtet über zwei Tagungen zu Friedrich dem Großen, der 2012 dreihundertsten Geburtstag hat. In der Glosse nimmt Wieland Freund die wachsende Zahl der Jugendbücher über Amokläufer aufs Korn. Tanit Koch plaudert mit dem Kabarettisten Eckart von Hirschhausen, der heute abend im NDR seinen Einstand als Talkshow-Moderator gibt. Kai Luehrs-Kaiser besucht das Jugendorchester Hanoi, das übermorgen beim Beethovenfest in Bonn konzertiert. Florian Stark berichtet über den sensationellen Fund eines Schatzes in England: 1.500 Stücke - Helme, Waffen, Schmuck - aus dem siebten Jahrhundert hat der Hobbyschatzsucher Terry Herbert unter dem Acker eines befreundeten Bauern entdeckt.

Besprochen werden Jochen Distelmeyers CD "Heavy" und eine Ausstellung der chinesischen Großskulptur "Hof für die Pachteinnahme" von 1965 in der Frankfurter Schirn.

SZ, 25.09.2009

Mit einem sehr interessanten Gespräch mit dem im Londoner Exil lebenden Schriftsteller Yang Lian setzt Kai Strittmatter die verdienstvolle Berichterstattung der SZ zur Lage der chinesischen Literaten fort. Yang Lian beklagt nicht nur die "absolute Macht" von Propagandaministerium und Staatssicherheit über die Schriftsteller, sondern auch deren unpolitische Haltung selbst: "99 Prozent der sogenannten Intellektuellen haben aufgegeben, echte Probleme zu diskutieren. Ihre materielle Lage ist auch eine völlig andere als die der Professoren und Intellektuellen von 1989. Damals waren die Intellektuellen der Bodensatz der Gesellschaft. In der Kulturrevolution nannte man sie 'die stinkenden neun'. Das ist heute anders. Die Intellektuellen sind zu Teilhabern der Macht geworden. Ein Universitätsprofessor kann heute viel Geld für seine Projekte bekommen. Wenn sich heute in Peking ein Student kritisch äußert, dann stehen seine Lehrer garantiert auf der anderen Seite und verteidigen die Regierung. Liberale im westlichen Sinne gibt es nur sehr wenige, ihre Stimme ist schwach." Allerdings erinnert er auch an Liu Xiaobo, den Präsidenten von Chinas PEN-Club, der wegen der Charta 08 im Dezember verhaftet wurde.

Weiteres: Thomas Steinfeld verfolgt die amerikanischen Debatten über die Zukunft der cultural studies, deren Vertreter offenbar etwas ermüdet sind von all den Arbeiten über Madonna und die Sopranos. Jörg Häntzschel entnimmt den aktuellen Museumsplänen in den USA eine Abkehr von der Blockbuster-Ausstellung. Eine La-Ola-Welle der Begeisterung rund um den Globus hat Alex Rühle nach Verschiebung des Google Book Settlements verspürt. Holger Liebs meldet, dass Gemälde von Rene Magritte aus Brüsseler Privatmuseum gestohlen wurden. David Steinitz entnimmt einschlägigen Fachblättern einen neue Begeisterung unter Frauen für Horrorfilme.

Besprochen werden ein Konzert von Juraj Valcuha und Anna Vinitskaya bei den Münchner Philharmonikern, das erste Soloalbum "Heavy" des ehemaligen Blumfeld-Frontmanns Jochen Distelmeyer, Philip Glass' in Linz uraufgeführte Kepler-Oper, die Performance-Party "Germania Song" des dänischen Duos Signa im Theater Leipzig. Und Bücher, darunter Helmina von Chezys Studie "Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I." und Kathrin Schmidts Roman "Du stirbst nicht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 25.09.2009

Mit der Wahlniederlage Faruk Hosnis mag die Unesco eine Schande verhindert haben, aber die nun gewählte bulgarische Diplomatin Irina Bokowa ist ebenfalls ein Skandal, schreibt der Autor Ilija Trojanow. Sie entstammt der Hocharistokratie gläubiger Stalinisten, die in Bulgarien nach der Wende zum Herz der Korruption wurde. "Entlarvend ist auch, dass Frau Bokowa sich (so wie ihre Partei) niemals von den Verbrechen der totalitären Zeit distanziert hat. Die sozialistische Nachfolgepartei hat weder Verantwortung noch Schuld akzeptiert und sich nicht einmal bei den Opfern entschuldigt."

Weitere Artikel: Werner Spies besucht eine Ausstellung des Spätwerks von Renoir in Paris und ist bis heute befremdet über die "pneumatisch gesteigerten" Mädchenakte: "Man denkt vor diesen adipösen weiblichen Akten an eine Brautschau für das Bibendum, das Reifenmännchen von Michelin". Bei den Deutschen türkischer Herkunft herrscht über den Wahlkampf überhaupt keine Langeweile, sondern engagierte Diskussion, konstatiert Karen Krüger in der Leitglosse. Jürgen Kaube greift den Streit zwischen Axel Honneth und Peter Sloterdijk auf (Honneth antwortete gestern in der Zeit, auf einen FAZ-Artikel Sloterdijks), dekretiert aber zugleich, dass er zu nichts führen wird. Regina Mönch zitiert eine Studie des Bremer Juristen Daniel Heinke, der den Glauben an eine nachlassende Jugendkriminalität in Frage stellt - ein Fall bestürzender richterlicher Milde gegenüber schlagenden Jugendlichen untermauert Mönchs Kritik an der Wahrnehmung dieses Themas. Der Zeithistoriker Daniel Koerfer erinnert an die soviel dramatischer wirkende Wahl vor vier Jahren und daran, wie die bedrängte Angela Merkel letztlich obsiegte. Raphael Gross schreibt über die Konversion der Frau Max Horkheimers zum Judentum und fragt sich, warum das Thema des Judentums dennoch kaum eine Rolle in der Frankfurter Schule spielte.

Auf der Medienseite erinnert Ulrich Wickert an Mitterrand und Kohl in Verdun vor 25 Jahren und erzählt, dass es Mitterrand war, der die Hand für das berühmte Foto ausstreckte. Und Arne Leyenberg schildert die schwierige finanzielle Lage der dpa, die sich dennoch nicht in eine Stiftung (so ein SPD-Vorschlag) umwandeln lassen will.

Besprochen werden eine "Mutter Courage" mit Fiona Shaw in London und Bücher, darunter Peter Hennings Roman "Die Ängstlichen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).