Heute in den Feuilletons

Die Rettung muss gelingen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2009. Techcrunch präsentiert den Life-Recorder: Ein kleines Gerät, das dein ganzes Leben aufzeichnet und durchsuchbar macht. Einige deutscher Blogger legen ein "Internet-Manifest" mit 17 Behauptungen über Journalismus vor. Die taz versucht, die komplizierte Debatte um das Google Book Settlement aufzudröseln. Viel diskutiert wird über das Ehrenmal für gefallene Bundeswehrsoldaten. Der Tagesspiegel erklärt, wie sich  Club Contemporary Classical anhört. In der FAZ präsentiert Patri Friedman seine Idee für eine Neuordnung der Weltpolitik: schwimmende Inseln.

TAZ, 08.09.2009

Christian Rath versucht auf der Tagesthemenseite, die komplizierte Thematik um das gerade verhandelte Google Book Settlement aufzudröseln und konstatiert nebenbei, dass die deutschen Lobbyisten bereits eines erreicht haben: Deutsche Leser werden die Bücher ohnehin im Netz nicht sehen können: "Google sagt, es könne anhand der IP-Adresse des Computers sehen, ob der Nutzer in Amerika oder in Europa sitze. Aufgrund des Vergleichs könnten nur US-Nutzer die eingescannten Bücher in Gänze sehen. Deutsche Nutzer, die nicht tricksen, sehen nur das deutsche Angebot von books.google.de." Im Feuilleton erzählt Rudolph Walther aus dem gleichen Anlass eine "kleine Geschichte des Urheberrechts".

Ebenfalls auf den Tagesthemenseiten beklagt Stefan Reinecke das "vordemokratisch anmutende Verfahren", mit dem Verteidigungsminister Franz Josef Jung das Ehrenmal für gefallene Bundeswehrsoldaten realisieren ließ. Interviewt wird zum Thema auch der evangelische Militärdekan Armin Wenzel, der durchaus eine Funktion für das Ehrenmal sieht: "Trauernde suchen Orte, an denen sie sich erinnern können."

Weitere Artikel im Feuilleton: Diedrich Diederichsen extemporiert in seiner Kolumne über Wahlkampfplakate. Cristina Nord berichtet aus Venedig. Besprochen werden erste Inszenierungen am Thalia Theater und Ereignisse der Ars Electonica in Linz.

In tazzwei liest Cigdem Akyol ein Buch des Deutsch-Ägypters Hamed Abdel-Samad, der die islamische Kultur sexueller Heuchelei beschuldigt. Auf der Medienseite bringen Philipp Brugner und Michael Brake frohe Kunde für Berliner Leser internationaler Magazine, die von den Berliner Bahnhofskiosken bisher äußerst dürftig bedient werden: Es gibt zwei neue Läden in Berlin. Gemeldet wird, dass Frank-Walter Steinmeier die Zeitungslobbyisten in ihrem Wunsch nach einem Leistungsschutzrecht unterstützt.

Tom.

NZZ, 08.09.2009

Joachim Güntner rekapituliert, wie im innerdeutschen Kunstbetrieb der Ost-West-Konflikt zwischen Leipzig und Rheinland entstand. Besprochen werden die Aufführung von Manfred Gurlitts Oper "Wozzeck" (die Vera Nemirova mit einem "sicheren Gespür für seine Härte" inszeniert hat, wie Alfred Zimmerlin lobt), die Konzerte vom Wochenende beim Lucerne Festival und Bücher, darunter Sibylle Bergs Roman "Der Mann schläft" und Margrit Schribers Roman "Die hässlichste Frau der Welt" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 08.09.2009

Nun wird die Sache mit dem Internet langsam doch unheimlich. Das nächste große Ding werden "Life-Recorder", schreibt Michael Arrington in Techcrunch: "Imagine a small device that you wear on a necklace that takes photos every few seconds of whatever is around you, and records sound all day long. It has GPS and the ability to wirelessly upload the data to the cloud, where everything is date/time and geo stamped and the sound files are automatically transcribed and indexed. Photos of people, of course, would be automatically identified and tagged as well. Imagine an entire lifetime recorded and searchable." Und das ganze wird wahrscheinlich vom Innenminister anstelle des Personalausweises ausgegeben.

Auf buchreport.de erklärt Daniel J. Clancy, Engineering Director für die Google-Buchsuche, im Gespräch mit Daniel Lenz, wie sich Google zum Kindle von Amazon positioniert: "Wir glauben nicht, dass digitale Bücher, die online gekauft wurden, an bestimmte Geräte gebunden werden sollten. Unser Ziel ist, ein digitales Bücher-Ökosystem aufzubauen und zu unterstützen, in dem die Kunden die von uns gescannten Bücher auf jedem internetfähigen Gerät lesen können, vom PC über das Smartphone, Netbook bis hin zum speziellen E-Reader."

Wie "Opas Kinos ist tot" liest es sich zwar nicht, aber immerhin: Eine Reihe bekannter Blogger richtet mit dem "Internet-Manifest" in 17 Behauptungen ein Gesprächsangebot an Politik und Verlage. Eine der Behauptungen: "Das Urheberrecht ist ein zentraler Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet."

Gawker hat inzwischen schon einen neuen Zweck für die verbliebenen Zeitungen gefunden: "Protect your laptop by disguising it as a newspaper."
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Zeit, 08.09.2009

Manches ist in dem "Internet-Manifest" zu kurz gedacht, meint ein anonymer Autor auf zeit.de: "So steht in These zwei der Satz: 'Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherigen Begrenzungen und Oligopole.' Das stimmt. Doch fehlt ein Nachsatz – es schafft neue. Dass Google ein Konzern mit monopolistischer Stellung und absolutem Anspruch ist, wird kaum jemand bestreiten."
Stichwörter: Google

Welt, 08.09.2009

Gerhard Gnauck resümiert die polnischen Debatte nach Putins Auftritt in Danzig und zitiert auch einen in Polen vielbeachteten Beitrag der russischen Internetzeitung gazeta.ru, nach dem sich russische Herrscher noch nie entschuldigt hätten, auch nicht bei ihrem eigenen Volk. Eckhard Fuhr hat einer von der Bertelsmann-Stiftung bestellten Umfrage entnommen, dass die Deutschen immer noch viel Wert auf Kultur legen, am liebsten wenn es sie umsonst gibt und vor dem Fernseher. Im Interview mit Hanns-Georg Rodek plaudert Regisseur Bully Herbig über seinen neuen Film "Wickie", der, wie Peter Zander dann klarstellt, keine der üblichen, mit Homo-Humor gepaarten Parodien von Kindheitsreliquien sei, sondern ernstgemeint.

Besprochen werden eine Ausstellung zum Werk der Kunsthistorikerin Rosa Schapire, die Schau zu Golo Mann im Lübecker Buddenbrookhaus und die Sat1-Komödie "Allein unter Schülern".

FR, 08.09.2009

Humanitäre Interventionen gab es schon im 17. Jahrhundert, daraus kann man lernen, meint der Historiker Christoph Kampmann im Interview. "Die Argumente sind topmodern, dieselben wie heute. Im Unterschied zu heute kann man aber die Folgen sehr genau ablesen, weil man die Entwicklungen danach kennt. Warum soll man die Fehler immer wiederholen, wenn man aus der Erfahrung der Vergangenheit lernen kann? Die Geschichtslosigkeit schadet der Debatte."

Weitere Artikel: K. Erik Franzen lobt das von Ruedi Baur entworfene Denkmal für Opfer der NS-Militärjustiz, das in Köln eingeweiht wurde. In Times Mager erzählt Natalie Soondrum von einer Begegnung im MoMa mit Herrn Meerrettich. Bernd Loebe bleibt bis 2018 Intendant der Oper Frankfurt, informiert uns eine Meldung.

Besprochen werden die Ausstellung "Mythos Rommel" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg ("Verharmlosender ist die Rolle des Militärs in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus in den letzten vierzig Jahren nicht mehr gezeigt worden", meint Arno Widmann), Christof Nels "keineswegs risikoarme" Inszenierung von Karl Amadeus Hartmanns Oper "Simplicius Simplicissimus" in Frankfurt, ein Buch über die Klimakrise von Claus Leggewie und Harald Welzer und zwei Romane von Sergej Dowlatow (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 08.09.2009

Von einer vollkommen neuen Musik, die nicht einmal einen Namen hat, aber schon ungeheur im Trend liegt, schwärmt Kai Müller vor. Sie verbindet Klassik und Elektro auf neue Art und wird ab heute auf dem Berliner C3-Festival zu hören sein: "Der Titel steht für Club Contemporary Classical, woraus nicht nur eine Nähe der Klubkultur zur Klassik spricht. Auch dem Raubrittertum vergangener Tage ist man entwachsen. Laptop-Komponisten speisen klassische Musik nicht mehr nur als Wellness-Faktor in ihre Loops und Klangflächen ein. Zunehmend suchen vielmehr Neutöner in den Beatgerüsten der zeitgenössischen Tanzmusik nach dem Puls, den die Neue Musik in der Folge von John Cage und Morton Feldman so gar nicht zulassen will... So gerät die kulturelle Demarkationslinie zwischen Klassik und Elektro ins Wanken. Verantwortlich dafür ist das große Geld. Denn es ist nicht mehr da." (Hörbeispiele hier)

SZ, 08.09.2009

(Eine Zeitlang fanden wir viele SZ-Artikel bei Eingabe der Überschrift frei online, aber nun wird nur mehr auf das Bezahlarchiv verwiesen - darum keine Links.)

Zwei Artikel widmen sich dem Berliner Ehrenmal für gefallene Bundeswehrsoldaten, das morgen eingeweiht wird. Thomas Steinfeld sucht nach dem symbolischen Gehalt, ist sich aber nicht ganz sicher, wofür die Soldaten in Afghanistan und Kosovo eigentlich gestorben sind, denn "'Frieden, Recht und Freiheit' sind jedenfalls eher schwache Adressaten". Und Stephan Speicher nimmt den Entwurf des Münchner Architekten Andreas Meck unter die Lupe - die Presse durfte das Monument nicht vorbesichtigen. Jens-Christian Rabe merkt angesichts des Skandals um die NDR-Redakteurin Doris Heinze an, dass die jüngere Generation ohnehin kein deutsches Fernsehen, sondern nur noch amerikanische Serien auf DVD guckt. Henning Klüver gibt die Balzanpreise, sozusagen die Nobelpreise für Geisteswissenschaften, bekannt. Holger Liebs gratuliert der Malerin Maria Lassnig zum Neunzigsten. Susan Vahabzadeh meldet sich von der Front in Venedig: "Das Kino bläst zum Angriff auf den Kapitalismus", aber Oliver Stone, so Vahabzadeh, hat in seinem Hugo-Chavez-Porträt nicht den Mut, den Caudillo nach den antisemitischen Implikationen seines Bündnisses mit Achmadinedschad zu fragen (oder gar nach Chavez' eigenem Antisemitismus, mehr hier). Wolfgang Schreiber gratuliert dem Dirigenten Christoph von Dohnanyi zum Achtzigsten.

Besprochen werden eine Woodstock-CD-Box mit bisher unbekannten Aufnahmen, die laut Johannes Waechter besser nicht exhumiert worden wären, eine Marcel-Duchamp-Ausstellung in Philadelphia, Luk Percevals "The Truth About the Kennedys" und zwei weitere Premieren am Thalia Theater, die Till Briegleb enttäuscht zurückließen und Bücher, darunter Umberto Ecos "Kunst des Bücherliebens" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 08.09.2009

In welches Land kann ein Amerikaner auswandern, dem Amerika nicht frei genug ist? Patri Friedman, der Sohn von Milton, hat eine Idee, erzählt Jan Grossarth. Er will fahrbare (oder sagt man eher schiffbare?) Inselstaaten gründen, die sich nach Belieben zusammenschließen und wieder trennen können. "Die schwimmenden Ländereien sollten nicht nur Libertären zur Verfügung stehen. Je mehr Staatsformen, desto mehr Wettbewerb, desto besser: Schwimmende Steueroasen sind genauso willkommen wie ausländerfreie Neonazi-Inseln, solche für Veganer, Nudisten, Taliban. Nur ein Recht müssten alle Siedler haben: die völlig freie Wohnortwahl."

Im Interview (nur online) erklärt Friedman, der für die praktische Umsetzung seiner Idee seinen Job bei Google gekündigt hat, genauer, worum es ihm geht: "Mein grundsätzliches Thema ist: Unser Land ist viel zu schwerfällig. Stellen Sie sich ein Regierungs- und Steuersystem, also diese ganze Ansammlung von Regeln und Gesetzen, einmal als eine Technologie vor. Mit Technologien sollte man doch experimentieren, und man muss sagen, dass wir sehr wenig experimentieren! Das Staatssystem ist eine Technologie - und es gibt in diesem Sektor überhaupt keine Start-Ups. Wir möchten den Menschen ermöglichen, mit Staatsformen zu experimentieren und so Fortschritt ermöglichen."

Passend zum Thema ist ein Gedicht von Marion Poschmann abgedruckt:

"du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben,
zwei runde Fenster in das unscheinbarste Meer.
zu nah, daher zu fern. zu dicht. zu viel. zu sehr.
..."

Wie würde wohl Wolfgang Streecks Insel aussehen? Der Soziologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln überlegt, was passiert, wenn es in den nächsten Jahren eine zweite und dritte Weltwirtschaftskrise gibt: "Allzu viele Kugeln sind nicht mehr im Magazin. Die Rettung muss gelingen, sie muss bald gelungen sein, und sie wird lange nicht wiederholbar sein. Auch deshalb wird sich die Politik nie wieder dazu verstehen können und dürfen, der Wirtschaftsklasse bei der Vermehrung des Kapitals freie Hand zu lassen."

Weitere Artikel: Christian Geyer kritisiert Gerhard Schröder, weil er ein Datum für den Abzug der deutschen Truppen genannt hat, und den amerikanischen Kommandeur Stanley McChrystal, weil er den deutschen Befehl zum Angriff auf zwei Tanklastzüge in Afghanistan nutzte, um die amerikanische Seite als "sensiblen Anwalt der Zivilbevölkerung" zu verkaufen. Auf der Medienseite ärgert sich Michael Hanfeld so über die Berichterstattung der Washington Post zum Angriffsbefehl, dass er ausruft: "Lafontaine, übernehmen Sie." Nicht uninteressant fand Andreas Kilb ein Pressegespräch mit Walter Steinmeiers Schatten-Kulturstaatsministerin Barbara Kissler: "Mit Bernd Neumann ist die Bundeskulturpolitik zur Konsensveranstaltung geworden, Barbara Kisseler will ihr nun wieder kämpferische Kanten einschleifen." Gut amüsiert hat sich Andreas Rossmann bei der Borussia-Revue vor dem Schauspielhaus Dortmund. Jordan Mejias liest kritische Kommentare von rechts und links zu Obama in amerikanischen Zeitschriften. "Aids ist ein Massenmörder" behauptet der Selbsthilfeverein "Regenbogen" in seinen Werbekampagnen: Schön und gut, aber muss er dafür die Gesichter von Stalin, Hussein oder Adolf Hitler verwenden, murrt Edo Reents in der Leitglosse. Und Paul Ingendaay berichtet über die baskische Schriftstellerin Espido Freire, die sich fragt, warum Roberto Savianos Vergleich der Eta mit der Mafia in Spanien nicht diskutiert wird.

Besprochen werden die Ausstellung "The Discovery of Spain" in der National Gallery of Scotland und Lucia Puenzos Roman "Das Fischkind" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).