Heute in den Feuilletons

Nichts ist heute verloren als der Verlust

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2009. In der Welthauptstadt des deutschen Theaters, Wien, startete die Saison mit Schimmelpfennig und einem "Faust", vor dem niemand graut. Die NZZ plädiert  für Demokratie in Libyen. In der SZ wendet sich Burkhard Müller gegen Attrappen kriegszerstörter Bauten in den deutschen Städten. In der FAZ rät Kunstkritiker Ulf Erdmann Ziegler zum Glühbirnenhamstern. Und Frank-Walter Steinmeier fordert in einem in den Blogs veröffentlichten Wahlkampftext ein Leistungsschutzrecht für Zeitungsverlage.

Welt, 07.09.2009

Gleich zwei Flops hat die Welt zum Auftakt der Theatersaison in Wien und Hamburg erlebt. Ganz schlimm war für Ulrich Weinzierl Matthias Hartmanns "Faust"-Inszenierung an der Burg, nicht zuletzt wegen ihrer "intellektuellen Dürftigkeit": "Vor diesem sanft einlullenden Heinrich Faust graut niemandem. Das Gretchen wiederum, es gibt sich kess und munter. Lustig wirft Katharina Lorenz ihr Gebetbuch in die Luft, Nacktheit steht dem Girlie gut. Weniger der Wahn in der Kerkerszene. Dafür wird Gretchen hart bestraft. Ein gewaltiger Pappgranitquader (Achtung: Schuld-Symbol!) zerquetscht die Kindsmörderin, nachdem Mephisto das Halteseil mittels Zauberfingerschnippen in Brand gesteckt hat. Kein 'Sie ist gerichtet!' scheint mehr nötig, darum darf auch die Gnadenkorrektur von oben - 'Ist gerettet!' - fehlen. Einfällchen folgt auf Einfällchen, manchmal bloß Einfallslosigkeit."

Luk Percevals "The truth about the Kennedys" am Thalia hatte dagegen keine Chance gegen die schlechte Textgrundlage, meint Stefan Grund.

Weiteres: Eckhard Fuhr verlangt von der EU, gegen das Google Book Settlement endlich etwas mehr aufzubringen als nur Bedenken. Peter Zander vermisst bei Michael Moores neuem, in Venedig gezeigten Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" die gute Recherche und das klare Feindbild. Matthias Heine bekennt, am Wochenende Volker Heises Film "24 Stunden Berlin" verfallen zu sein.

Besprochen werden auf der DVD-Seite unter anderem Claude Lanzmanns Dokumentation über Israels Armee "Tsahal" (hier ein Interview mit Lanzmann dazu) und die frühen Kieslowski-Filme.

FR, 07.09.2009

Dieser "Faust" ist "erstaunlich vor allem in seiner absoluten Unbelecktheit von jedes Regie- oder sonstigen Gedankens Befruchtung", schimpft Peter Michalzik über Matthias Hartmanns Inszenierung in Wien. Tobias Moretti als Faust sei eine absolute Fehlbesetzung. Aber! "Katharina Lorenz - neben Thilo Nest, der im zweiten Teil den Faust gibt, die einzige neue Schauspielerin im "Faust"-Ensemble - ist dagegen eine Sensation. Wahrscheinlich ist das die zugleich zeitgemäßeste und textnaheste Interpretation des Gretchens seit langem. Diese auch mit zerzaustem Haar schöne, etwas hölzerne Frau hat ein modernes weibliches Selbstbewusstsein. Selbst ihr Eifer für die Religion wirkt ganz zeitgemäß."

Weitere Artikel: Jürgen Otten hörte Schostakowitschs neunte und zehnte Symphonie sowie Iannis Xenakis' "Nomos Gamma" beim MusikFest Berlin. Guido Fischer berichtet vom Beethoven-Fest in Bonn. Times Mager widmet Christian Schlüter dem Wahlkrampf.

Besprochen werden Michael Moores Film "Capitalism - A Love Story" bei den Filmfestspielen in Venedig und Luk Percevals Inszenierung der "Wahrheit über die Kennedys" am Hamburger Thalia Theater.

Aus den Blogs, 07.09.2009

Frank-Walter Steinmeier fordert in einem bei Carta veröffentlichten Wahlpapier ein Leistungsschutzrecht für Verlage, "damit kostspielig erstellte Inhalte nicht beliebig kostenlos kommerziell verwertet werden können".
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TAZ, 07.09.2009

Katrin Bettina Müller nahm in Wuppertal Abschied von Pina Bausch. Wenig Hoffnung hat Johann Tischewski, die St. Paulistas könnten die Gentrifizierung ihres Stadtviertels verhindern.

Besprochen werden die Schau "Die Kunst ist super!" im Hamburger Bahnhof in Berlin, Filme von Michael Moore und Claire Denis in Venedig, Matthias Hartmanns Inszenierung des "Faust" am Wiener Burgtheater und A. L. Kennedys Erzählband "Was wird" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 07.09.2009

Beat Stauffer betrachtet angesichts Muammar al-Ghadhafis jüngster Verstiegenheit - seinem Antrag, die Schweiz aufzulösen - die libysche Volksdemokratie, die natürlich keine ist: "Ist die Frage, ob der junge Ghadhafi in den 1970er Jahren sein Land tatsächlich demokratisieren wollte, nicht ganz eindeutig zu beantworten, so sind sich alle ernstzunehmenden Libyen-Kenner darüber einig, dass das Experiment des Volksmassenstaates weitgehend gescheitert ist. Unumstritten ist vor allem, dass die Jamahiriya längst zur brutalen Diktatur geworden ist, in der faktisch in allen wichtigen Fragen Ghadhafi mit seinem engsten Machtzirkel allein entscheidet."

Weiteres: Alexandra Stäheli erinnert an Regisseur Elia Kazan, der vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung des "Faust" am Wiener Burgtheater (Barbara Villiger Heilig war enttäuscht: hier wurde das "Unzulängliche auf der Bühne Ereignis"), die Ausstellung "Das Lob der Torheit" im Museum zu Allerheiligen und eine Aufführung von Haydns "Militär-Sinfonie" beim Lucerne Festival an.

FAZ, 07.09.2009

Der Kunstkritiker und Romancier Ulf Erdmann Ziegler rät zur Hortung von Glühbirnen: "Zugegeben, die Beschaffung war Arbeit, hat Geld gekostet und verlangt nun eine gewisse Logistik in der Lagerung und Beschriftung. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, aber mein Lager umfasst zwei- bis dreitausend Stück diverser Typen, das reicht vielleicht für meine Lebenszeit. Die mitleidigen Blicke meiner Nachbarn sind mir nicht entgangen."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg berichtet noch mal von den bevorstehenden Wahlen des Unesco-Chefs, die wegen der antisemitischen Äußerungen des ägyptischen Kandidaten Faruk Hosni ins Gerede gekommen sind - seine Chancen scheinen trotz Unterstützung durch Nicolas Sarkozy zu sinken. Kerstin Holm beobachtet in der Leitglosse nicht ohne Amüsiertheit, wie sich russische Fastfood-Restaurants mit ihren zweifelhaften Spezialitäten selbst in krisengeplagten Luxusvierteln Moskaus ausbreiten. Michael Althen hat in Venedig neue Filme von Claire Denis, Michael Moore und Patrice Chereau gesehen. Wiebke Hüster berichtet von den Trauerfeierlichkeiten für Pina Bausch. Auf der letzten Seite wird diversen Honoratioren zu runden Geburtstagen gratuliert.

Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs Stück "Der goldene Drache" und Matthias Hartmanns "Faust 1 und 2"-Inszenierung in Wien ("Es stimmt hier nichts", stöhnt Gerhard Stadelmaier), Konzerte des Berliner Musikfests und Bücher, darunter, lieb gelobt, Elke Heidenreichs und Bernd Schroeders Trennungsroman "Alte Liebe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Peter Körte, Claudius Seidl und Harald Staun haben für die Sonntags-FAZ zum Fall der korrupten NDR-Redakteurin Doris Heinze einige Kenner aus der Branche befragt, die die Macht der öffentlich-rechtlichen Redakteure über den deutschen Film beklagen. Zitiert wird unter anderem die Agentin Heike-Melba Fendel, die "die ganze Misere auf die Dialektik von Impotenz und Allmachtsgefühlen zurückführt. Nach innen gefangen in der komplizierten und byzantinischen Hierarchie der Sender habe so ein Spielfilmredakteur nicht besonders viel Macht. Den Produzenten, Regisseuren und Drehbuchautoren gegenüber erscheine derselbe Mensch aber fast schon als allmächtig." (Womit das Verhältnis zwischen Festen und Freien in dieser Republik eigentlich ganz allgemein gut beschrieben ist!)

SZ, 07.09.2009

Burkhard Müller legt ein lesenswertes Plädoyer gegen Attrappen kriegszerstörter Bauten vor. Selbst die Dresdner Frauenkirche überzeugt ihn ganz und gar nicht, denn nur der verbliebene Stumpf hielt für ihn das Gedächtnis wach: "Heute, wo das Gedächtnis durch das weit weniger schmerzliche Gedenken ersetzt ist, erhebt sich an derselben Stelle ein gigantisches Fake, von einer Heiterkeit, die ungefähr so echt ist wie die des Jokers. Welcher Hohn über die vielen tausend Menschen, die in Dresden lebendig verbrannten, liegt in diesem Anblick: als wären sie nur der Nebel der Geschichte und allein der Stein die Substanz, auf die es ankommt. Nichts ist heute verloren als der Verlust."

Weitere Artikel: Eva-Elisabeth Fischer berichtet von den Trauerfeiern für Pina Bausch. Hannelore Schlaffer erinnert an Caroline Schlegel-Schelling, die vor 200 Jahren gestorben ist. In den "Nachrichten aus dem Netz" sucht Simon Strauß nach Internetportalen, die sich mit Literatur befassen, wird aber nicht recht fündig.

Besprochen werden die ersten Inszenierungen in Wien, nämlich Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" am Akademietheater und Matthias Hartmanns "Faust"-Inszenierung am Burgtheater, neue DVDs, Albert Ostermaiers Hommage auf den Komponisten Claude Vivier bei der Ruhrtriennale, Ereignisse der Linzer Ars Electronica, die Fotoausstellung "Georgischer Frühling" in Berlin und Bücher, darunter Mafia-Romane von Andrea Camilleri und Raffaele Cantone (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Nachreichen müssen wir noch vom Samstag den großen Artikel von der Seite drei über den Skandal um NDR-Redakteurin Doris Heinze, die Kartelle des deutschen Fernsehens und seine generelle Mittelmäßigkeit: "Jetzt gerät es in eine scheinbar nur künstlerische, in Wahrheit aber sehr grundsätzliche Debatte über Sein und Schein. In einigen Büros bedient man sich selbst, erschleicht sich Vorteile und schüchtert jeden ein, der daran etwas auszusetzen hat. Über berufliche Schicksale entscheiden Menschen wie Heinze, indem sie den Daumen heben oder senken. Verwandte und Freunde werden großzügig bedient; wer renitent oder ein bisschen zu eigenwillig ist, muss die Bühne verlassen."