Heute in den Feuilletons

Aus dem Netz gefischt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2009. Die FAZ muss eine Richtigstellung zu einem Artikel über den Perlentaucher bringen. Der Tagesspiegel bringt ein Gespräch mit Karl Schlögel, der heute mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wird. Navid Kermani erklärt im Blog von Eren Güvercin, warum er den Begriff des Dialogs der Kulturen für genauso sinnlos hält wie den des Kampfs der Kulturen. In der SZ fragt die Autorin Katharina Hagena: Kann man ein E-Book scheiben?

FAZ, 11.03.2009

Auf der Medienseite bringt die FAZ nach einem Urteil des Landgerichts Hamburg eine Richtigstellung zu einem Artikel, den sie 2007 über den Perlentaucher veröffentlicht hatte. Darin wurde der Eindruck erweckt, der Perlentaucher werte nur die "Gedanken der anderen" aus und bringe keine eigenen Rezensionen. Das war falsch und wird heute richtig gestellt. Mehr dazu hier.

Außerdem: Patrick Bahners und Reinhard Müller haben Wolfgang Schäuble und den früheren Verfassungsrichter Winfried Hassemer zu einem ganzseitigen Streitgespräch über innere Sicherheit und immer weitere Verschärfung der Gesetze einberufen. Andreas Rossmann zeigt sich einigermaßen schockiert über ein Gutachten zur angeblichen Standfestigkeit des Kölner Stadtarchivs, das vor wenigen Monaten vorgelegt wurde und die Unbedenklichkeit der Lage beteuerte - auf gerade mal zweieinhalb Seiten, "eine davon ist ein Deckblatt". Oliver Jungen schildert in seinem ersten Bericht von der Leipziger Buchmesse seine Eindrücke vom Sony E-Book und notiert die ersten Äußerungen zum jetzt losbrechenden Streit um die Buchpreisbindung für E-Book-Dateien. In der Leitglosse schreibt Dirk Schümer über die Mischung aus Ressentiment und Ausbeutung, mit der die Italiener den halblegalen rumänischen Einwanderern im Lande begegnen. Hannes Hintermeier lauschte in Frankfurt einem Vortrag des Futurologen George Friedman.

Und Dieter Bartetzko lässt zwar kein gutes Haar am Biopic über Hildegard Knef, wohl aber an der Hauptdarstellerin: "Heike Makatsch ... wird zugefilmt. Dass sie trotzdem Faszination entfaltet oder sie sich nach faden Sequenzen zurückerobert, liegt einzig an ihr und ihrem hingebungsvollen Spiel, das einen manchmal sogar wider Willen rührt."

Besprochen werden die Uraufführung eines "symphonischen Dramas zu Jean Sibelius in vier Bildern und einem Epilog" mit dem Titel "Zugvögel" des Komponisten Mathias Husmann in Stralsund und Ingmar Bergmans "Marionetten" in der Wiener Josefstadt.

Berliner Zeitung, 11.03.2009

Tom Erben vom Aufbau Verlag träumt im Gespräch mit Sabine Vogel den Traum des Verlegers über das E-Book: "Das Internet verursacht ein anderes Benutzerverhalten, und das wird auch bei den E-Books so sein. Man kann sich einen neuen Krimi kaufen, weil man den gern im Regal haben will. Aber parallel möchte man ihn vielleicht auch in der U-Bahn auf dem iPod dort weiterlesen, wo man am Abend zuvor im Papierbuch aufgehört hat. Im Bett liest man wahrscheinlich lieber im physischen Buch weiter."

Tagesspiegel, 11.03.2009

Der Tagesspiegel stimmt mit vielen Kritiken auf die Buchmesse ein. Karl Schlögel spricht im Interview mit Gregor Dotzauer über die Bedeutung des Jahres 1937: "Seine Abwesenheit in Deutschland, wo man sich vor allem der nationalsozialistischen Leidensgeschichte zugewandt hat, sagt viel über die Asymmetrien der historischen Wahrnehmung aus. Es wäre einiges gewonnen, wenn sich der Kanon der Katastrophenerfahrungen erweitern würde, wenn man also nicht nur Primo Levi, sondern auch Warlam Schalamow als Jahrhundertfigur begreifen würde."
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Welt, 11.03.2009

Einiges über "die Sache mit der Freiheit" hat Marko Martin bei einer Veranstaltung des Literarische Colloquiums Berlin zu Revolution und Literatur erfahren: "Das war wieder einmal bemerkenswert: Spricht der in Ceaucescu-Rumänien aufgewachsene ungarische Schriftsteller György Dragoman von nächtlichen Hausdurchsuchungen durch die Geheimpolizei Securitate und die Beschlagnahmung aller im Haus auffindbaren Bücher, lächelt der deutsche Moderator nachsichtig und stellt seine nächste Frage. 'Fühlte man als Schriftsteller aber dann nach 1989 nicht auch einen Verlust, als Bücher nicht einmal mehr von Zensoren ernst genommen und viel weniger als zuvor gelesen wurden?'"

Alan Posener blickt skeptisch auf das angebliche Shakespeare-Porträt, das ein britischer Forscher gerade präsentiert hat: "Was aber gegen die Annahme spricht, hier hätten wir es endlich mit dem echten Shakespeare zu tun, ist zunächst die Tradition der Familie Cobbe, in deren Besitz das Porträt im frühen 18. Jahrhundert gelangte. Die Cobbes gingen davon aus, dass es den Höfling Sir Walter Raleigh zeigte, zumal sein Name in Tinte auf der Rückseite geschrieben war und das Bild die Losung trägt: 'Principum amicitias!' Also: Vorsicht vor der Freundschaft von Fürsten. Raleigh, ein Günstling Elisabeths I., wurde von ihrem Nachfolger Jakob I. hingerichtet. Vor allem aber hat das Porträt kaum Ähnlichkeit mit dem Shakespeare, den wir von Droeshout kennen."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek geißelt den jetzt auch bei Schauspielern um sich greifenden Wahn, Interviews für eine PR-Angelegenheit zu halten. Uta Baier hofft, dass mit der Krise des Kunstmarkts die Stunde der Kritiker schlägt. Thomas Lindemann stellt den Filmvorspann-Produzenten Darius Ghanai vor. Michael Loest unterhält sich mit dem gerade durch Deutschland tourenden David Byrne. Besprochen werden die von Marius von Mayenburg inszenierte Komödie "Die Tauben" an der Berliner Schaubühne und Susanne Langes Neuübersetzung von Cervantes' "Don Quijote".

Aus den Blogs, 11.03.2009

Navid Kermani plädiert im Gespräch mit Eren Güvercin für Differenzierung: "Ich glaube, die Rede vom 'Kampf der Kulturen' ist genauso problematisch wie die Rede vom 'Dialog der Kulturen', weil in beiden Fällen setzt man feste Subjekte voraus, als seien die relativ homogen. Und das gilt für den 'Dialog der Kulturen' genauso. Wenn man dann die Realität sieht, werden solche Begriffe oder solche Vorstellungen sehr schnell zu Karikaturen, weil die Realität viel widersprüchlicher und ambivalenter ist."

In Paris wurde Kermit enthauptet.
Stichwörter: Navid Kermani, Paris

NZZ, 11.03.2009

Georges Waser schreibt über das neu entdeckte Shakespeare-Porträt, das nach vielen Analysen von der Wissenschaft als "bis heute einziges zu Shakespeares Lebzeiten angefertigtes Bildnis" abgesegnet wurde: "Wer es auch immer gemalt hat: Das Cobbe-Porträt ist wirklich gut. Wer davorsteht, dem erscheinen die anderen Versionen als leblos. Besser als mit Hamlets Worten ließe sich dazu nicht kommentieren: 'Seht hier, auf dies Gemälde, und auf dies - was für ein Teufel hat bei der Blindekuh Euch so betört?'."

Als Versuch der Versöhnung von Kreation und Evolution begreift Uwe Justus Wenzel den vatikanischen Kongress zur "Biological Evolution - Facts and Theories" der Päpstlichen Universität Gregoriana. Joachim Güntner freut sich, dass sich eine Woche nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs die allgemeine Befürchtung eines "vollständigen Gedächtnisverlustes" nicht bewahrheitet hat. Gemeldet wird der Tod des Komponisten Henri Pousseur.

Besprochen werden Bücher, darunter Jürgen Osterhammels Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts "Die Verwandlung der Welt",
Gerhard Gnaucks MRR-Biografie "Wolke und Weide" und David Lodges Roman "Wie bitte?".

FR, 11.03.2009

Martin Altmeyer hat eine Tagung zur psychoanalytischen Deutung religiösen Fundamentalismus' besucht und rekapituliert etwas skeptisch die Positionen einiger Tagungsteilnehmer - etwa die des Londoner Psychoanalytikers Fakhry Davids: "Im Sinne der Orientalismusthese von Edward Said wollte er unter westlichen Intellektuellen ein antiislamisches Feindbild erkennen, das dem des radikalen Islamismus spiegelverkehrt entspreche. Wie den Antisemitismus interpretierte er auch die Islamophobie als äußere Abwehr einer letztlich inneren Bedrohung: Der Terrorangriff auf New York und Washington habe jenen unsichtbaren Sicherheitsschild durchbrochen, den der Westen im Gefühl seiner Überlegenheit um sich herum aufgebaut habe. Auf kollektiver Ebene trete nun auch im liberalen Selbstbild eine letztlich rassistisch motivierte Gegenangriffsbereitschaft zutage, die tief in der Psyche jedes Einzelnen als 'racial self' angelegt sei (früher hätte man wahrscheinlich vom 'Hitler in uns' gesprochen)."

Weiteres: Georg Heuberger von der Jewish Claims Conference erklärt Harry Nutt im Interview, warum er im Rechtsstreit um die Sammlung Sachs den Geist der Washingtoner Erklärung verletzt und "Politik auf dem Rücken einer beraubten Familie ausgetragen" sieht. Jamal Tuschik hat eine "feurige" Lesung von Bodo Kirchhoff gehört. In Times Mager lässt sich Christian Schlüter angesichts des jüngst aufgetauchten Shakespeareporträts zur Rezitation von Sonetten hinreißen.

Besprochen werden Kai Wessels Film "Hilde", Stefan Bachmanns Inszenierung von Botho Strauß' "Trilogie des Wiedersehens" am Wiener Burgtheater und die Ausstellung "Notation" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

TAZ, 11.03.2009

Gibt es nationale Mythen, die den Deutschen in Krisenzeiten Zuversicht einflößen so wie die Gründungserzählung den Amerikanern oder die Revolution von 1789 den Franzosen? Nein, meint der Politologe Herfried Münkler - durchaus bedauernd - im Interview. Nicht mal die deutsche Vereinigung tauge dazu. "Das liegt zum Teil daran, dass die Agenda der politische Elite und die des Volkes nicht zusammenpassten. Kohl machte den 3. Oktober zum Nationalfeiertag - damit inszenierte sich die politische Elite als wesentlicher Akteur. Auch die Linke hat ein gespaltenes Verhältnis zu 1989. Einerseits war die Bürgerbewegung die Antwort auf die notorische Melancholie der Linken, dass es in Deutschland noch nie eine erfolgreiche Revolution gegeben hat. Zugleich aber war der 9. November für die Linke die endgültige Demolierung eines Projekt, das sie so nicht mehr wollte, dem sie aber irgendwie doch verbunden war. Die Linke hat die demokratische Revolution nicht als ihr Projekt adoptiert, die politische Elite hat die Vereinigung nur gemanagt. Deshalb ist 1989 nicht zu einer neuen verbindlichen Erzählung geronnen."

Weiteres: Der Iran ist in diesem Jahr Gastland beim 10. Kulturfestival Frauenperspektiven in Karlsruhe. Bahman Niroumand stellt kurz das Programm vor und versichert: "Selbstverständlich soll auf diesem Festival nicht verschwiegen werden, dass Frauen im Iran massiv unterdrückt und ungleich behandelt werden. Es soll aber auch gezeigt werden, wie und auf welchen Wegen die iranischen Frauen gegen die von Männern dominierte Gesellschaft Widerstand leisten". Und Dirk Knipphals freut sich auf die Leipziger Buchmesse, die heute eröffnet wird.

Schließlich Tom.

SZ, 11.03.2009

Was machen die E-Books, was macht das Internet mit der Literatur? Die Autorin Katharina Hagena schreibt hierüber eine anregende Meditation: "Autoren brauchen Verlage, um Bücher zu schreiben. Wenn Verlage wegen der neuen Trägermedien und illegal heruntergeladener Texte Pleite machten, gäbe es vielleicht weniger Neuerscheinungen. Aber dafür einen gigantischen Wust digitaler Manuskripte, die irgendwo verstreut herumzappelten und von Agenten und Scouts aus dem Netz gefischt werden müssten. Wird dann der Autor mit dem größten Informatikwissen, den bestplatzierten Links und der mächtigsten Web-Präsenz als Erster an Land gezogen?"

Weitere Artikel: Catrin Lorch unterhält sich mit dem Kölner Künstler Marcel Odenbach über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs: "Das Unglück war kein Zufall, es gab Hinweise. Seit Monaten sind Risse im Gebäude dokumentiert." Gerhard Matzig schreibt über den Trend zum "hüllen- und mauerlosen Wohnbad". Jörg Häntzschel liest die amerikanischen Kritiken zu Jonathan Littells Roman "The Kindly Ones". Auf der Literaturseite würdigt Jens Bisky den Historiker Karl Schlögel, der heute den Leipziger Buchpreis erhält

Besprochen werden das Knef-Biopic "Hilde" (mehr hier) mit Heike Makatsch (Susan Vahabzadeh ist ungnädig: "wenn Heike Makatsch Hildes alte Lieder trällert, schwingt in ihrer Stimme nichts Tieferes mit als das Scheppern eines mittelprächtigen Imitationsversuchs. Einer großen Stimme kann man ja nacheifern - eine große Ausstrahlung aber ist von Haus aus unnachahmlich"), ein Dokumentarfilm über die New Wave-Band Joy Division (mehr hier), die Ausstellung "Van Dyck and Britain" in der Tate Britain, eine "antiautoritäre Staatsoper" des ehemaligen Punksängers Schorsch Kamerun in Köln und Bücher, darunter Peter Handkes Kosovo-Reportage "Die Kuckucke von Velika Hoca".

Auf Seite 1 annonciert Helmut Martin-Jung das Suchmaschinenprojekt Wolfram Alpha des Mathematikers Stephen Wolfram, das bisher keiner kennt und über das alle spekulieren.