Heute in den Feuilletons

Furcht und Hochmut

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2009. In der FR rät der Literaturwissenschaftler Roland Reuß zur Enteignung von Google. Denen geht's aber sowieso nicht mehr so gut, meint Gawker. In der Welt fürchtet Wolfgang Sofsky: Es gibt kein Mittel gegen Amok. Die SZ beschreibt den Verfall der amerikanischen Suburbs. Die Zeit hat herausgefunden: Unsere Städte gehören mehr oder weniger den Amerikanern. Die FAZ zeiht den Papst des Feuilletonismus!

FR, 12.03.2009

"Enteignet die Enteigner", ruft der Literaturwissenschaftler Roland Reuß, aufgebracht über die lethargischen Autoren und Verlage, die GoogleBooks nicht aufhalten: "Worum geht es? Es geht um den gewaltsamen Versuch, ein in einem langen Prozess erstrittenes Verfügungsrecht durch einfaches Verfahren in ein bloßes Einspruchsrecht zu transformieren und dabei entstehende Kollateralschäden durch ridiküle finanzielle Zahlungen abzugelten. Dabei geht Google immer schamloser zu Werke und enteignet kollektiv die europäische Produktion an Büchern ihrer spirituellen und materiellen Basis. Damit meine ich nicht nur etwa einen Fall wie den, dass ich auf dem Server von GoogleBooks vor einem Vierteljahr auf den vollständig eingescannten, mit OCR-Software behandelten Briefband unserer Kleist-Ausgabe (Briefe 1, 1793-1801) stieß. Hier konnte man bei der geistlosen Art, die solchem Freibeutertum eigen zu sein scheint, noch annehmen, dass der Titel für das Erscheinungsjahr genommen wurde - einen Klett-Cotta-Band Goethe erblickte ich ebenda als so genannten Volltext mit dem Erscheinungsjahr 1693!"

Weiteres: Arno Widmann erinnert an den aserbaidschanischen Dichter Nizami, der vor achthundert Jahren starb. Auf der Medienseite schildert Tilmann P. Gangloff, wie Synchronstudios ums Überleben kämpfen.

Besprochen werden auf der Filmseite Slavoj Zizeks "kindlich unverstellter" Filmlektion "The Pervert's Guide to Cinema" und Steve Martins Komödie "Rosaroter Panther 2", außerdem die Maria-Lassnig-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig, Dahlia Lavis (mehr hier) Konzert-Comeback in der Frankfurter Oper, eine Lesung von Junot Diaz und Navid Kermanis Buch "Wer ist wir?" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages.)

Aus den Blogs, 12.03.2009

Robin Meyer-Lucht macht sich in Carta Sorgen um die privaten Fernsehsender: "Es ist tatsächlich atemberaubend, wie schlecht es um das Privatfernsehen in diesem Land bestellt ist. Nicht nur das Programm ist weitgehend belanglos. Auch erhebliche Teile seines Führungspersonals geben auf Podien nur noch eine beschämende Figur ab. Die ganze Not der Branche manifestiert sich im Aktienkurs der ProSiebenSat.1-Aktie: Das Unternehmen ist heute bei einem Aktienkurs von 95 Eurocent gerade noch 104 Millionen Euro wert."


Ob es sich hier noch lohnt, eine Put-Option zu kaufen?

Selbst Google macht viele bisher kostenlose Dienste kostenpflichtig, spöttelt Gawker. Überhaupt: Es läuft nicht so gut. "Google is widely expected to announce disastrously bad results for its first quarter. Industry trade groups have cut their forecasts for search advertising, Google's mainstay. Rumors of layoffs are sweeping Google's Mountain View campus. And even Google's Pollyanna CEO, Eric Schmidt, admits that the economic situation is dire."
Stichwörter: Euro, Gawker, Google, Eric Schmidt

Welt, 12.03.2009

"Nicht Verzweiflung, sondern Wut lenkt die Tat", stellt der Soziologe Wolfgang Sofsky zur Psyche des Amokläufers fest: "Die Idee, mit Schulreformen, Waffenkontrollen, Medienzensur oder psychologischer Dauerhilfe ließe sich auch nur ein einziges Massaker vereiteln, ist nichts als törichtes Wunschdenken. Amokläufe konfrontieren die Gesellschaft mit ihrer Ohnmacht. Die Zerstörungskraft des Individuums ist nahezu unbegrenzt. Die Tatmotive sind oft von bestürzender Banalität. Berufliche Niederlagen, verschmähte Liebe, Demütigung oder Geltungsdrang, Groll auf hartherzige Pädagogen oder mobbende Mitschüler, Neidanfälle oder simpler Alltagsärger können Menschen so in Rage versetzen, dass sie die Barriere überspringen. Ein ablehnender Bescheid, ein falsches Wort, ein verächtlicher Blick - und der innere Sprengsatz zündet."

Weiteres: Uwe Wittstock erinnert an den dreifachen literarischen Paukenschlag vor fünfzig Jahren: 1959 erschienen Uwe Johnsons "Mutmaßungen über Jakob", Heinrich Bölls "Billard um halb zehn" und Günter Grass' "Blechtrommel". Boris Kalnoky berichtet von neuerlichen Verwerfungen in der Türkei, die der Vorsitzende der Verfassungskommission mit den Worten auslöste, Darwins Evolutionslehre sei eine unter Wissenschaftlern "nicht sehr breit akzeptierte Theorie". Peter Dittmar bestaunt die Teppiche, die Francis Bacon gefertigt hat und die jetzt entdeckt wurden. Im Interview mit Stefan Kirchner spricht Filmregisseur Christian Petzold über sein Theaterdebüt mit Schnitzlers "Der einsame Weg".

Besprochen werden Filme, darunter Steve Martins "Der rosarote Panther 2" und Tarsems Spektakel "The Fall".

Auf den Forumsseiten wird der Offene Brief abgedruckt, in dem sich Papst Benedikt XVI. seine Kritiker kritisiert und erklärt: "Eine weitere Panne, die ich ehrlich bedaure, besteht darin, dass Grenze und Reichweite der Maßnahme vom 21. 1. 2009 bei der Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt worden sind."
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NZZ, 12.03.2009

Ursula Seibold-Bultmann lässt sich in der Osnabrücker Ausstellung "Die verborgene Spur" über "Jüdische Wege durch die Moderne." aufklären: "Außer Themen wie Transit, Exil, Verfolgung oder Abwesenheit rücken in der Schau aber auch Schrift und Buch in den Blick - die Thora erscheint als transportable Heimat, der Talmud wird als Modell dialogischer Strukturen begriffen und die jüdische Mystik als Netz unendlicher Verweise."

Außerdem schreibt Oskar Bätschmann zum Tod des Kunsthistorikers Hans A. Lüthy. Besprochen werden Konzerte der Salzburg-Biennale (mehr hier), Bücher, darunter Julia Schochs Roman "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" (mehr hier) und Filme, darunter Gianni di Gregorios Komödie "Pranzo di Ferragosto".

TAZ, 12.03.2009

Barbara Schweizerhof hat sich das Biopic "Hilde" und die dialektfreie Verfilmung "Hinter Kaifeck" von Andrea Maria Schenkels Kriminalroman "Tannöd" angesehen und mochte beide nicht: "'Hinter Kaifeck' löst im Zuschauer ganz ähnliche Gefühle aus wie 'Hilde': Da ist die aufwendige Produktion, die stimmige Gesamtgestaltung. Man hat versucht, alles richtig zu machen und eben nicht ,provinziell' zu erscheinen. Aber vielleicht liegt gerade darin der Fehler."

Elisabeth Raether war auf den Herbstschauen in Paris unterwegs, wo firlefanzfreie Eleganz als Ausweg aus der Krise gezeigt wurde. (Wir haben da allerdings ganz was anderes gesehen).

Besprochen werden der Debütfilm "Captain Abu Raed" des Jordaniers Amin Matalqa, die DVD von Wenzel Storchs "Die Reise ins Glück" sowie Bücher: die Politikerbiografien "Angela Merkel. Die Protestantin" von Volker Resing und "Mein Deutschland" von Frank-Walter Steinmeier (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Außerdem gibt es heute die Literataz zur Leipziger Buchmesse. Im Aufmacher bespricht Jan Süselbeck Reinhard Jirgls "Die Stille".

Hier Tom.

SZ, 12.03.2009

Zwei Artikel gelten der Krise der Suburbs in den USA. Jörg Häntzschel greift den Niedergang der gigantischen Shopping Malls auf, der nicht nur durch Krise und Internet begründet ist: "Vor allem aber das Schrumpfen der Mittelklasse bringt das ehemalige Erfolgsmodell in Schwierigkeiten. Die neuen Absteiger, die immer ärmer werden, können sich Shopping als Freizeitbeschäftigung nicht mehr leisten; die Aufsteiger haben entweder keine Zeit mehr oder gieren nach Status - die traditionelle Mall ist dafür der falsche Ort. Auch das Verhältnis Stadt-Suburb hat sich umgekehrt. Die undesirables hängen heute in den Malls ab, als Mall-Rats." Die Romantik der Handelsruine wird auf der von Häntzschel empfohlenen Website deadmalls.com gefeiert. Petra Steinberger beschäftigt sich in einem zweiten Artikel mit den verfallenden Suburbs selbst.

Der emeritierte Germanist Joachim Dyck geißelt das Phänomen der germanistischen Tagungen - fast 300 davon gibt es jährlich - die nur der Selbstplatzierung von Juniorprofessoren dienten: "Ein cleverer Jungwissenschaftler wird also nicht mehr jahrelang historischen Fragestellungen nachgehen und in Archivkellern nach Dokumenten suchen. Er ist zum rührigen Wanderarbeiter geworden, der Beiträge von 20 Minuten Rededauer, also sechs Schreibmaschinenseiten, auf den Marktplätzen anbietet. Hier überblickt er das Feld und erfährt, wer außer ihm selbst nach der ausgeschriebenen Juniorprofessur in Bielefeld oder der Position eines Assistant Professor in Chicago schielt."

Weitere Artikel: Alexander Menden stellt den britischen Musikerverband "Featured Artists Coalition" (FAC) vor, der sich für ein dem digitalen Zeitalter angepasstes Urheberrecht einsetzt. Auf der Literaturseite fragt Jens-Christian Rabe: "Wie geht es den jungen Verlagen in der Wirtschaftskrise?"

Besprochen werden Filme, darunter "The Pervert's guide to Cinema" (mehr hier) mit dem komisch salbadernden Slvoj Zizek und Matthias Kiefersauers Film "Baching" (Links), David Gieselmanns Komödie "Die Tauben" an der Berliner Schaubühne, eine Retro des Architekturfotografen Klaus Kinold in München und Bücher, darunter "Eine exklusive Liebe" von Johanna Adorjan.

FAZ, 12.03.2009

Patrick Bahners ist sehr unzufrieden mit dem Papst! Der Offene Brief von Benedikt XVI. an seine Kritiker, die ihm die Aufhebung der Exkommunikation von drei bedenklichen und einem holocaustleugnenden Kleriker verübeln, enthalte keine neuen Argumente und zeige eine "seltsame Mischung aus Furcht und Hochmut ... Man könnte glauben, der Papst hätte sich die Feder von einem Feuilletonisten geliehen."

Auf der Medienseite nimmt Jörg Thomann die Fernsehberichterstattung über das Schulmassaker in Winnenden aufs Korn. Während Private wie RTL und ausländische Sender wie CNN sofort berichteten, zeigte die ARD: ein Skirennen. "Der Totalausfall der ARD hätte wettgemacht werden können durch Phoenix oder den regional zuständigen Südwestrundfunk. Um Viertel vor zwölf, als CNN oder n-tv das aktuelle Geschehen kommentierten, lief auch beim Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix etwas zum Amoklauf - und zwar zu dem von Emsdetten vom November 2006. (...) Und der SWR? Der zeigte, unverdrossen und ohne Laufband, seine Zoo-Sendung 'Eisbär, Affe & Co.'."

Außerdem: Christian Geyer kommentiert die Bilder von Winnenden. Martin Kämpchen zeichnet die 50-jährige Geschichte der Exiltibeter in Indien. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Komponisten Henri Pousseur. Jürg Altwegg wirft einen Blick in französische Zeitschriften, die sich mit dem Antisemitismus beschäftigen. Auf der Medienseite schwant Peer Schader nach ersten Versuchen des MDR nichts Gutes beim 3-Stufen-Test, mit dem die neuen Angebote der Öffentlich-Rechtlichen geprüft werden sollen. Gina Thomas berichtet über den Fall Max Mosley, Sohn von Oswald, dessen Sadomaso-Parties auf der Seite 1 von News of the World beschrieben worden waren. Vor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments schilderte er "seine Empfindungen, als er die Zeitung mit der Titelgeschichte über seine erotischen Vorlieben in der Hand hielt. Um den Schock noch anschaulicher zu beschreiben, erläuterte er, es sei ja schließlich nicht so gewesen, dass er erst am Freitag etwas getan habe, was dann am Sonntag in der Zeitung gestanden habe: 'Ich habe diese Dinge seit fünfundvierzig Jahren getrieben', betonte der achtundsechzig Jahre alte Mosley".

Besprochen werden Moises Kaufmans Broadwaystück "33 Variationen" mit Jane Fonda als Dr. Katherine Brandt, die sich mit Beethoven die Bühne teilt (hier die Kritik in der NYT, hier Fondas Blog), die Fotoausstellung "Charlie Koolhaas. True Cities" in der Berliner Galerie Aedes, Schorsch Kameruns Stück "M.S. Adenauer" im Schauspiel Köln, Sophie Fiennes' Zizek-Film "The Pervert's Guide to Cinema" und der Film "Die Freiheit ist in uns" über den Priester Jerzy Popieluszko, der 1987 vom polnischen Sicherheitsdienst ermordet wurde. Außerdem gibt's heute eine Literaturbeilage.

Zeit, 12.03.2009

In Berlin gehört die BVG amerikanischen Investoren. Leipzig hat seine Straßenbahnen verkauft, das Schienennetz und die Oberleitungen, die Kongresshalle, die neue Messe, die Kläranlagen, die Trinkwasserversorgung und sein Klinikum. Roland Kirbach beschreibt im Dossier, wie deutsche Lokalpolitiker lebenswichtige öffentliche Einrichtungen verscherbelten. "Der Investor selbst war den Kommunen oft nicht einmal bekannt. Er habe sich Vertraulichkeit ausbedungen, teilten die Anwälte mit, und die Kommunalpolitiker gaben sich meist damit zufrieden. Das Geheimnisvolle hat sie offenbar fasziniert; es vermittelte ihnen das Gefühl, zu einer Avantgarde der Eingeweihten zu gehören. ... Alle Verträge mit den Kommunen wurden in New York unterzeichnet, New York ist Gerichtsstand - vor allem aus einem Grund: Dort gilt die Bestimmung, dass Verträge auch dann gültig bleiben, wenn sich herausstellen sollte, dass sie gegen US-.Bundesrecht verstoßen. ... Davon hatten die meisten Leipziger Stadträte keine Ahnung, als sie im Rathaus über den Vertrag zur Trinkwasserversorgung abstimmten. Ebenso wenig wie die Politiker in anderen Städten, als sie den Verkauf von Kanalnetzen, U-Bahnen, Kläranlagen beschlossen. Kein einziger der CBL-Verträge in Deutschland ist je übersetzt worden, in den Rathäusern liegen sie oft nicht einmal vor, sie lagern in New York." Wenn der Gerichtsstand in Amerika ist, droht unseren Lokalpolitikern dann amerikanischer Knast?

Im Feuilleton gratuliert Florian Illies der Flakhelfergeneration - Habermas, Enzensberger, Eduard Zimmermann - zum Achtzigsten. Thomas Assheuer zuckt zusammen beim "Erinnerungskitsch", mit dem die FAZ auf Chipperfields neues Museum reagierte. Evelyn Finger gratuliert Christa Wolf zum Achtzigsten. Stefan Koldehoff nimmt bestürzt zur Kenntnis, dass der Nachlass des Fotosammlers L. Fritz Gruber beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs vernichtet wurde. Ludwig Harig schreibt zum Tod des Literaturkritikers Jörg Drews.

Besprochen werden eine CD von Wenzel Storch, Kai Wessels Knef-Filmbiografie, ein "Don Quijote" im Theater Braunschweig, Michael Thalheimers Inszenierung von Schnitzlers "Reigen" in Hamburg und eine Erwin-Blumenfeld-Ausstellung in der Berlinischen Galerie.

Den Aufmacher des Musikteils widmet Jürgen Ziemer neuen Sängerinnen wie Anja Plaschg, Marissa Nadler und Rose Kemp. Für die Literaturbeilage hat Hans Magnus Enzensberger ein kleines Alphabet der Krise geschickt, weiter hinten gibt es auch neue Gedichte von ihm. Jonathan Franzen erklärt im Interview, warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist, und Besprechungen gibt es natürlich auch.