Heute in den Feuilletons

Ein Haar von Gottes Haupt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.03.2009. In der FR erklärt Salman Rushdie, warum er immer die ganze Welt in seine Bücher packt. Die taz fragt: Wenn 25 Prozent aller UN-Resolutionen von Israel handeln, finden dann 25 Prozent des Weltunrechts in Israel statt? Die Welt fragt sich, warum es so wenige globale Bestseller-Autoren gibt. Und die Berliner Zeitung meldet: Während die Medien der Welt darben, investieren die Chinesen fünf Millarden Euro zur Verbesserung ihres Images.

FR, 10.03.2009

Salman Rushdie erzählt Sacha Verna im Interview von seinem neuen Roman "Die bezaubernde Florentinerin", unpolitischen jungen Autoren und dem Bestreben, das ganze Universum in einem Buch unterzubringen: "Ich gelangte ziemlich früh in meinem Leben als Schriftsteller zur Überzeugung, dass es nur zwei interessante Arten des Schreibens gibt: Entweder man schreibt über fast nichts oder über alles. Jemand wie Jane Austen entschied sich für ersteres. Sie konnte ein Haar von Gottes Haupt zupfen, es im Licht drehen und daraus eine Welt konstruieren. Mir ist dieses Talent nicht gegeben. Ich neige eher dazu, immer und immer wieder zu versuchen, das ganze Leben, das ganze Universum in einem Buch unterzubringen. Wie die Autoren des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, die ich bewunderte, als ich meinen eigenen Weg als Schriftsteller suchte - William Thackeray, Henry Fielding oder Charles Dickens. Diese Versuche sind natürlich zum Scheitern verurteilt. Aber es ist ein schönes Scheitern."

Weiteres: In Times Mager begeistert sich Peter Michalzik dafür, dass Harald Schmidt bald in einem Pollesch-Stück am Staatstheater Stuttgart spielen wird.

Auf der Medienseite berichtet Gerd Höhler von Tayyip Erdogans Kampagne gegen die türkische Medienholding Dogan Yayin, zu der auch die Zeitung Hürriyet gehört. Die Holding soll 390 Millionen Euro für die Hinterziehung von 14 Millionen Euro Steuern zahlen, die Kolumnisten der Zeitungen beschimpft Erdogan gern als Männer, die mit Hunden schlafen. Eva C. Schweitzer informiert über das bevorstehende Ende des Hearst-Imperiumsrestes.

Besprochen werden eine Aufführung von Haydns "La fedelta premiata" im Opernhaus Zürich, Choreografien von George Balanchine, Martin Schläpfer und Regina van Berkel im Staatstheater Mainz, eine Carmen an der Deutschen Oper und Gerhard Gnaucks Reich-Ranicki-Biografie "Wolke und Weide" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).

Außerdem erscheint heute die Literaturbeilage der FR.

TAZ, 10.03.2009

Staatsgründungen sind immer auch Gewaltakte, meint Klaus Bittermann. Warum das nun ausgerechnet den Israelis vorwerfen? "Sicher wäre es gegenüber den Palästinensern gerechter gewesen, wenn den Juden für die Gründung Israels beispielsweise Bayern zur Verfügung gestellt worden wäre, aber es nützt nichts, dieser verpassten Gelegenheit nachzutrauern. Die entscheidende Frage ist: Wie geht Israel mit seinen Minderheiten um? Sicher nicht zur Zufriedenheit der Minderheiten, aber besser als jeder andere Staat, der sich von Rebellen oder vielleicht auch nur von einer imaginären Gefahr bedroht sieht, mit der die Repression und Ausrottung ethnischer Minderheiten üblicherweise begründet wird, die in etlichen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens in viel gravierenderem Maßstab stattfinden als in Israel. Dennoch wird immer wieder Israel von den Vereinten Nationen in 25 Prozent aller Resolutionen verurteilt, als ob auf einem Gebiet in der Größe Hessens 25 Prozent des Unrechts auf der Welt stattfinden würde."

Sebastian Moll beschreibt den beklagenswerten Zustand der Republikaner, die zur Zeit von Rush Limbaugh und Michael Steele repräsentiert werden. Hier der Kommentar von Jon Stewart:



Weiteres: Der Braumeister Thorsten Schoppe hat einen Alkoholrekord für Bier aufgestellt, meldet Helmut Höge in der Berliner Ökonomie. Die Kölner Feminale kann nicht mehr mit der Dortmunder femme totale, weshalb jetzt der Fortbestand des Internationalen Frauenfilmfestivals IFFF gefährdet ist: Für Claudia Lenssen belegt der Streit "die altbekannte Schwierigkeit von Frauen, Netzwerke aufzubauen und für deren Vorteile Kompromisse einzugehen".

Besprochen wird eine DVD mit Videoclips der Gruppe "Tannhäuser Sterben & das Tod".

Und Tom.

Welt, 10.03.2009

Wieland Freund stellt eine Studie zu globalen Bestsellern vor, für die Buchmarkt-Experte (und Perlentaucher-Autor) Rüdiger Wischenbart Bestseller-Listen der verschiedenen Länder sichtete: "Die wichtigste aller Schlussfolgerungen, die sich aus den Ergebnissen dieser Studien ziehen lässt, lautet: Die überwältigende Mehrheit der Romanbestseller ist einzig und allein auf ihrem Heimatmarkt erfolgreich. Insgesamt haben es sage und schreibe 387 Autoren auf einen der ersten zehn Plätze der neun untersuchten Bestsellerlisten gebracht. Nur 48 von ihnen aber - das heißt: bloß 12,4 Prozent - haben es überhaupt auch nur auf eine zweite Bestsellerliste geschafft; nur 21 auf eine dritte. Auf eine Formel gebracht: Agenten, Scouts und Verleger hoffen global, das Publikum hingegen liest lokal."

Weiteres: Sascha Lehnartz berichtet von der Aufregung, die Regisseur Philippe Lioret mit der Bemerkung ausgelöst hat, mit seinem Film über einen irakischen Flüchtling erzähle er eigentlich eine Geschichte aus dem Jahr 1943. Der Restaurator Arie Nabrings schätzt, dass vierzig Prozent der Kölner Archivtrümmer gerettet werden können. Zu lesen ist ein Auszug aus Gerhard Gnaucks Buch "Wolke und Weide" über Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre. Uwe Wittsock meldet den Fund eines Fotos, das wahrscheinlich Georg Büchners älteste Schwester Mathilde zeigt. Kai-Hinrich Renner bringt uns auf den neuesten Stand der ZDF-Querelen. Besprochen wird Albert Ostermaiers Stück "Fratzen" in Mannheim.
Anzeige

NZZ, 10.03.2009

Die neue Ausstellung "The Remaking of Iran" - eine Hommage für Schah Abbas im Londoner British Museum bot Georges Waser einen wichtigen Schlüssel zum Verstehen des modernen Iran. Der Schah Abbas, der als dritter in der Reihe der Londoner "Kaiser-Ausstellungen" porträtiert wird, ist für die Iraner der Begründer ihrer nationalen Identität, so Waser: "Die Iraner aber mit ihrer langen Geschichte sowohl der Konflikte als auch des Handels mit anderen Reichen, sei es mit den Osmanen im Westen, den Moguln und Briten in Indien oder den Russen im Norden, danken diesem Herrscher die tief verwurzelte Überzeugung, in der Welt einen prominenten Platz einzunehmen. Wie schon vor vier Jahren mit der Ausstellung 'Forgotten Empire' hat jetzt das British Museum das historische und kulturelle iranische Erbe einmal mehr aus jenem diplomatischen Gefrierfach hervorgeholt, das ihm seit der Revolution unter Khomeiny zugewiesen schien."

Weiteres: Martin Pollack gedenkt des polnischen Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec , der durch seinen Aphorismen-Band "Unfrisierte Gedanken" bekannt wurde und heute 100 Jahre alt geworden wäre. Andrea Köhler beschreibt die kontroversen Reaktionen der amerikanischen Kritik auf Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten".

Besprochen werden Sibylle Lewitscharoffs "mit sprachlichem Furor" geschriebenen Roman "Apostoloff", die Ausstellung "Nullpunkt" über neues Design in Deutschland in Frank Gehrys Kunst- und Designmuseum MARTa in Herford (in der ein modernes Designer-Regal seinem Konkurrenten "Billy" die Zunge rausstreckt) und Lewis Nkosis Roman über Mandela (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages)

Berliner Zeitung, 10.03.2009

China investiert fünf Milliarden Euro in eine internationale Medienoffensive zur Verbesserung seines Images, berichtet Sabine Pamperrien: "Die unmittelbar der KP unterstehende Nachrichtenagentur Xinhua soll einen englischsprachigen 24-stündigen Nachrichtensender einrichten. Geplant ist die Aufstockung der Xinhua-Auslandsbüros von weltweit bisher 100 auf dann 186. Von Xinhua ist bekannt, dass die Korrespondenten von der Propaganda-Abteilung instruiert werden. Ab Mai soll neben der China Daily als zweite Tageszeitung auf Englisch die Global Times erscheinen. Zudem kaufen sich seit Jahren schon regimetreue Verlage in ehemals unabhängige oder oppositionelle chinesische Medien im Ausland ein."
Stichwörter: China, Euro, Sabine Pamperrien

SZ, 10.03.2009

Holger Liebs verteidigt die spekulative Kunst der Young British Artists gegen den aus der Krise geborenen Spott der britischen Zeitungen (und namentlich gegen Jonathan Jones' Blog beim Guardian). Gerhard Matzig betrachtet den von den Berliner Architekten Georg, Scheel, Wetzel verantworteten Siegerentwurf für das geplante NS-Dokumentationszentrum in München. Oliver Herwig berichtet, dass Sicherheitstechnik neuerdings in modernem Spitzendesign daherkommt. Roman Deininger porträtiert den Stand up Comedian Oliver Polak als den "ersten Vertreter der Quatsch-Comedy-Club-Generation, der das Jüdische auf Pointen abklopft". Henning Klüver zeichnet eine italienische Debatte um die Kulturpolitik nach - ausgelöst wurde sie durch einen Artikel des Bestseller-Autors Alessandro Baricco in der Repubblica, der eine völlige Einstellung der ohnehin schon drastisch gekürzten Kulturausgaben fordert. Florian Welle verfolgte ein Düsseldorfer Symposion zum Thema "Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg".

Auf der Medienseite bringt Christine Brinck ein kleines Porträt über Christopher Hitchens. Gemeldet wird, dass die New York Times ihr gerade bezogenes Hochaus in New York verkauft und zurückmietet und dass das Handelsblatt 40 Stellen streicht.

Besprochen werden die Ausstellung "Masken - Metamorphosen des Gesichts von Rodin bis Picasso" in der Mathildenhöhe Darmstadt, ein in London uraufgeführtes Stück Mark Ravenhills, das die Wiedervereinigung zum Thema hat, Schnitzlers "Reigen" in der Regie Michael Thalheimers am Hamburger Thalia Theater und Bücher, darunter Joseph O'Neills Roman "Niederland" und György Dalos' Essay "Der Vorhang geht auf - Das Ende der Diktaturen in Osteuropa" (Auszug).

Auf Seite 1 erklärt Peter Münch, wer die versprengten "gemäßigten Taliban" sein sollen, mit denen Barack Obama verhandeln will, und schließt: "Wer den Taliban eine Teilhabe an der Macht geben will, der muss Abschied nehmen vom hehren Demokratie-Projekt. Für diesen Frieden müssten die Afghanen mit ihrer Freiheit bezahlen."

Die SZ bringt heute eine Literaturbeilage! Wir werten sie in dne nächsten Tagen aus.

FAZ, 10.03.2009

Oliver Tolmein setzt sich mit Hans Küngs Reaktion auf die Alzheimer-Krankheit seines Freunds Walter Jens und mit Tilman Jens' Buch über seinen Vater auseinander - und wendet sich gegen die Idee eines selbstbestimmten Sterbens, auch wenn Jens in geistig wachem Zustand den Tod bevorzugt hätte: "Walter Jens hat sich nicht selbst irgendwo und vor uns eingeschlossen, er hat sich auch nicht selbst eine eigene Welt gesucht - im Gegenteil: Wo ihm die Gelegenheit geboten wird, nimmt er, so wie er es heute kann, offenbar gerne teil am allgemeinen Leben. Die Tragödie des dementen alten Mannes ist, dass er aus unserer Welt schon weitgehend ausgebürgert worden ist."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings schreibt eine launige Einstimmung auf die Leipziger Buchmesse. Oliver Jungen wirbt ebenso launig für die Litcologne. In der Leitglosse fragt Patrick Bahners, ob die Klage der Bundesregierung gegen das umstrittene Urteil zur Sammlung Sachs, die trotz Verzicht des einst beraubten Erblassers an den Erben zurückgegeben werden soll, dem Geist der Washingtoner Erklärung widerspreche. In einem Kommentar setzt sich Frank Schirrmacher nochmals für journalistische Autonomie beim ZDF ein. Gina Thomas stellt ein angeblich nun wirklich mal authentisches Shakespeare-Porträt vor (Bild, Video und sehr ausführlicher Artikel der New York Times). Paul Ingendaay berichtet über eine deutsch-peruanische Verstimmung, nachdem die peruanische Regierung eine deutsche Unterstützung für ein den Opfern des "Leuchtenden Pfads" gewidmetes Gedenkmuseum abgelehnt hat - Mario Vargas Llosa hat in El Pais gegen das Verhalten der peruanischen Regierung polemisiert. Robert von Lucius schildert die Bedeutung des Kölner Archivs als Sammlungsort für die Geschichte der Hanse. ("Das Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen... verwahrt 6.000 Urkunden aus dem Mittelalter. Köln, dessen Stadtfarben Weiß und Rot die der Hanse sind, nannte 65.000 sein Eigen").

Auf der Medienseite berichtet Stefan Dietrich über einen Protest des SZ-Korrespondenten in Polen Thomas Urban, der wegen seiner kritischen Berichterstattung über Polens Position zu Erika Steinbach von polnischen Medien und Politikern attackiert wird.

Besprochen werden eine CD mit Kammermusik von Mendelssohn Bartholdy, eine Einspielung der Klavierkonzerte von Saint-Saens, eine "Giselle" in Leipzig, George Taboris "Mein Kampf" im Berliner Ensemble und die Ausstellung "Die verborgene Spur - Jüdische Wege durch die Moderne" im Osnabrücker Nussbaum-Haus.