Heute in den Feuilletons

Comedypreisbeschleuniger Coloneum

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2008. Die NZZ berichtet über Proteste von Historikern gegen einen EU-Beschluss zur Erinnerungspolitik. Um EU-Politik geht's auch in der taz: Um in europäische Online-Bibliotheken aufgenommen zu werden, muss man lange genug tot sein. In der Welt sieht Niall Ferguson zwar das Ende Chimerikas, aber nicht des amerikanischen Jahrhunderts gekommen. Vaclav Havel kommentiert in Respekt die Kundera-Affäre.

NZZ, 22.10.2008

Marc Zitzmann berichtet von einem Appell europäischer Historiker, die angesichts eines EU-Beschluss befürchten, dass die Erinnerungsgesetze aus dem Ruder laufen. Zu den Unterzeichnern gehören Aleida und Jan Assmann, Timothy Garton Ash, Carlo Ginzburg, Eric Hobsbawm und Heinrich August Winkler. "Der Rahmenbeschluss der EU, der nach seiner Verabschiedung in die Gesetzgebung der Mitgliedstaaten zu übertragen wäre, sieht für die 'öffentliche Billigung, die Negation oder die grobe Banalisierung von Genozid-Verbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen' Gefängnisstrafen zwischen einem und drei Jahren vor. Die Unterzeichner des Aufrufs befürchten, es könnte auf juristischem Wege 'Staatswahrheiten' Geltung verschafft werden, die die Ausübung des Historikerberufs und 'die Denkfreiheit im Allgemeinen' beeinträchtigen." (Hier ein Artikel von Timothy Garton Ash aus dem Guardian zum Thema).

Klaus-Helge Donath besichtigt Moskaus neue Kunstzentrum "Garage", als deren Mäzenin die Oligarchentochter und Freundin Roman Abramowitschs, Darja Schukowa, fungiert. "Kunst als Geldanlage entdeckten viele Superreiche. Auch Abramowitsch kam vom Rohöl über den Sport schließlich zur Ölfarbe. Er gilt als der heimliche Sponsor der 'garasch'. Das ehemalige Modell Darja übernimmt die Supervision des musealen Unternehmens. Wie viel sie von Kunst versteht, gab die kühle Schöne nicht preis. Bisher hat sie sich nur als Schöpferin der Modemarke Kova & T einen Namen gemacht. An Ambitionen fehlt es im an Superlativen ausgerichteten Moskau gleichwohl nicht."

Weiteres: Klares Highlight der Donaueschinger Musiktage war für Peter Hagmann der Auftritt des 82-jährige Amerikaners Ben Johnston mit seinem mit "raffinierter Mikrotonalität" arbeitenden Stück "Quintet for Groups". Besprochen werden eine Ausstellung zu Carl Gotthard Langhans im Haus Schlesien in Königswinter, Jon Savages Geschichte der Jugend "Teenage", Robinson Jeffers' Gedichtband "Die Zeit, die da kommt" und die ukrainische Lyrik-Anthologie "Der Klang von Sonnenklarinetten" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Welt, 22.10.2008

Der britische Historiker Niall Ferguson analysiert die gegenwärtige Finanzkrise als das Ende von "Chimerika", also des Zusammenspiels des sparenden China und des auf Kredit konsumierenden Amerika. Allerdings will er das amerikanische Jahrhundert noch nicht abschreiben: "Der Grund dafür ist, dass solche Krisen, so schlimm sie daheim auch scheinen mögen, Amerikas Rivalen offenbar noch härter treffen. Das gleiche bewahrheitet sich heute. Dem MSCI-Index zufolge ist der US-Aktienmarkt in diesem Jahr bis jetzt um weniger als 18 Prozent gefallen. Die Vergleichszahl für China lautet 48 Prozent, die für Russland - das am härtesten getroffene Schwellenland - 55 Prozent. Eine besonders gute Werbung für ein stärker reguliertes, staatlich gelenktes Wirtschaftsmodell, wie man es in Peking oder Moskau bevorzugt, sind diese Zahlen nicht."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek bespricht im Aufmacher die "Anonyma"-Verfilmung mit Nina Hoss recht positiv. Sven Felix Kellerhoff steuert einen Hintergrundartikel zu den Vergewaltigungen durch die Rote Armee nach dem Krieg bei. Eckhard Fuhr macht in der Leitglosse nach dem viel besungenen Fernsehpreiseklat auf den Umstand aufmerksam, dass sowohl Elke Heidenreich als auch MRR "Teil des Systems sind, das sie angeblich so abgrundtief verachten. Ihr Geschäft ist die Fernsehunterhaltung, nicht die Kulturkritik" und illustriert seine These mit Werbekampagnen, die MRRs Intervention umgehend ironisch aufgriffen. Kai Luehrs-Kaiser unterhält sich mit dem Tenor Rolando Villazon und dem Regisseur Robert Dornhelm über ihre Verfilmung von Puccinis "Boheme".

Besprochen werden zwei Broadway-Produktionen mit den Schauspielerinnen Katie Holmes und Kristin Scott Thomas, David Böschs Inszenierung von "Was Ihr wollt" in Essen und eine Ausstellung mit abstrakten Gemälden von Gerhard Richter in Köln.

Auf der Magazinseite unterhält sich Andreas Seibel mit den Kunstsammlern Eske Nannen und Frieder Burda über die Notwendigkeit, Kinder an die Kunst heranzuführen. Im forum wird eine Rede des Verfassungsrichters Hans-Jürgen Papier über den Wert der Freiheit im Grundgesetz dokumentiert.

TAZ, 22.10.2008

Unter der Überschrift "Raus aus dem Bergwerk" schreibt Dietmar Kammerer über das Projekt Europeana der Europäischen Union, die den Bestand europäischer Bibliotheken, Museen und Archiven online zugänglich machen will, um den Vorsprung der USA aufzuholen und das "europäische Kulturerbe" digital zu sichern. Das erfordere sehr viel Geld, aber auch ein Umdenken im Urheberrecht. Denn hier stehe sich die EU "gerne selbst im Weg: Einerseits bekennt sie sich gern zum Recht auf freien Informationszugang, andererseits verschärft sie seit Jahren, mit Rücksicht auf die Interessen der Medienindustrie, die Rahmenbedingungen für den Umgang mit geistigem Eigentum. Um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, stellen Bibliotheken daher nur solche Werke online zur Verfügung, deren Autoren oder Schöpfer lange genug tot sind. Aktuelle Werke können so nicht berücksichtigt werden. Das 20. Jahrhundert droht somit zum 'Schwarzen Loch' zu verkommen, wie Experten warnen." Ergänzt wird der Bericht durch ein Verzeichnis bereits bestehender Portale zu digitalen Bibliotheken.

Nachdem sich die Wirklichkeit des Finanzsystems als bloß virtuell erwiesen hat, habe die Suche nach "wirklichen Werten" gerade erst begonnen, meint auf den Kulturseiten der Berliner Politikwissenschaftler und Philosoph Frieder Otto Wolf. In tazzwei ist ein Interview mit der türkischen Schriftstellerin und linke Politaktivistin Oya Baydar zu lesen, die den Titel ihres jüngsten Romans "Verlorene Worte" als "Metapher für die Bedrohung der kurdischen Sprache" versteht und sich bei den "armenischen und kurdischen Brüder und Schwestern" für die Politik ihres Landes persönlich entschuldigt.

Besprochen werden Max Färberböcks Film "Anonyma - Eine Frau in Berlin" ("mittelmäßiger Film", meint Renee Zucker) und Markus Breitscheidels Recherche aus Hartz-IV-Perspektive "Arm durch Arbeit" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und hier Tom.
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FR, 22.10.2008

Stefan Schickhaus unterhält sich mit dem maltesischen Opernsänger Joseph Calleja über Operntraumpaare und Sängerlegenden. In der Times Mager widmet sich Christian Thomas dem Frankfurter Architekten-Streit um den Neubau des Historischen Museums, bei dem sich vor allem der Fachwerkpatriot Wolfgang Rang als "einflussreichster Impertinenzler" hervortue. Besprochen werden Max Färberböcks Vergewaltigungdrama "Anonyma- Eine Frau in Berlin" (hier wird "nur verdeckt, verschleiert, ja verschämt ästhetisiert", meint Daniel Kothenschulte), die Werkschau des Franzosen Jerome Bel im Programm des Pariser Festivals D'Automne, Reinhild Hoffmanns Inszenierung von "Salome" am Theater Aachen und Christian Welzbachers Buch "Euroislam-Architektur" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 22.10.2008

Seltsame physikalische Phänomene beschreibt Burkhard Müller-Ulrich in der Achse des Guten: "Da sich die Produktion schwarzer Löcher im Genfer Atomforschungszentrum CERN etwas verzögert, ist die Domstadt Köln bei Ossendorf eingesprungen und hat den Comedypreisbeschleuniger Coloneum hochgefahren. Beim Testlauf vor einer Woche wurde ein 88-jähriger Fernsehkritiker drei Stunden lang auf einem Stuhl in Reihe eins magnetisiert, bis er glühte und das Publikum zum Lachen brachte. Dafür bekam er einen Preis und durfte im Fernsehen noch eine Runde umsonst fahren."

Weitere Medien, 22.10.2008

In Respekt auf tschechisch und in Salon.eu.sk auf englisch kommentiert ein mild gestimmter Vaclav Havel die Kundera-Affäre (mehr hier) mit zwei Aufforderungen: "An die jungen Historiker: Seid vorsichtig, wenn ihr über Geschichte urteilt! Ihr könntet mehr Unheil als Gutes anrichten. Genauso wie eure Großväter. Und an Milan: Versuche, über den Dingen zu stehen! Wie du weißt, kann einem im Leben schlimmeres passieren als in den Medien diffamiert zu werden." (Mehr über die neuesten Kommentare in der internationalen Presse hier)

(Via Medienlese). Susanne Höpfner beschreibt in Telepolis die Lage der freien Journalisten in öffentlich-rechtlichemn und Privatmedien: "Wir haben der Freiheit bislang kein Preisschild gegeben. Große, namhafte Verlagshäuser zahlen 50 Euro für Artikel und schämen sich nicht. Hätten wir eine Stechuhr, könnten wir ausrechnen, dass die Reinigungskräfte in diesen Häusern mehr verdienen, als diejenigen, die Gesetze analysieren oder öffentlich machen, wie Unternehmen Politiker und Bürger belügen und immer neue Millionen vom Steuerzahler fordern."

FAZ, 22.10.2008

Mitte November erscheint Alexander Kluges großes "Kapital"-Projekt als DVD im Suhrkamp-Verlag. Inspiriert ist das zehn-Stunden-Werk von Sergej Eisensteins Plänen, das Kapital zu verfilmen. Abgedruckt wird ein langes Gespräch, das Stefan Grissemann mit Kluge geführt hat. Hier aber die Beschreibung des Projekts: "'Nachrichten aus der ideologischen Antike' lässt eine schier unüberblickbare Flut an Materialien, Assoziationen und Exkursen vom Stapel, mischt Filmausschnitte, Textproben und Schrift-Bilder mit kleinen Spielszenen und großen Interviews (unter anderen mit den Schriftstellern Hans Magnus Enzensberger und Dietmar Dath, der Schauspielerin Sophie Rois und dem Philosophen Peter Sloterdijk); so inszeniert Kluge eine Art Passagenwerk zu den Verflechtungen von Filmgeschichte, Arbeiterbewegung und Kapitalismuskritik, immer aber mit Blick auf das Konkrete, mit Sinn fürs nötige Detail. Die Revolution mag tot sein: Als Kino-Idee bleibt sie verführerisch."

Weitere Artikel: In der Glosse versteht Jürgen Kaube die Möchtegern-Studierenden nicht, die jetzt angeben, sich von Studiengebühren vom Studium abhalten zu lassen: Schließlich könnten sie doch nach drüben gehen, in den Osten nämlich, in dem alles paradiesisch und noch dazu gebührenfrei ist. Oliver Tolmein stellt, durchaus positiv gestimmt, den neuen, komplizierten Entwurf für ein Gesetz zur Patientenverfügung vor. Martin Otto schildert den Fall des NS-Arisierers und späteren Stalinismus-Opfers Walter Linse. Lenz Koppelstädter berichtet, wie schwierig es in Südtirol ist, seine Identität zwischen der deutschen und der italienischen Sprachgruppe zu finden. Neu gefundene Bob-Dylan-Gedichte kommentiert kurz Heinrich Detering. Christian Geyer porträtiert den mit allen ökonomischen Wassern gewaschenen Neoliberalismuskritiker Ralf Stürner. Auf die Donaueschinger Musiktage blickt Gerhard Rohde. Angelika Heinick informiert über das im Bau befindliche "Centre Pompidou Metz" und die damit verbundenen Hoffnungen (die Website überträgt live von der Baustelle). Gina Thomas schreibt zum Tod der Literaturagentin Pat Kavanagh.

Besprochen werden Max Färberböcks "Anonyma"-Film (den Andreas Kilb "schrecklich" findet), die Ausstellung "Erotik in der Karikatur" in Krems und Bücher, darunter Barbara Bronnens Roman "Liebe bis in den Tod" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der ersten Seite kommentiert Michael Hanfeld die Pläne der Staatskanzleien, ARD und ZDF alles im Internet zu erlauben, wenn es einen Bezug zu ihren Sendungen hat: "Mit der Formulierung eines scheinbaren Verbots gestatten die Ministerpräsidenten den Öffentlich-Rechtlichen einen praktisch unbegrenzten Ausgriff auf das Metier der Presse. Die Kampfzone wird ausgeweitet." Zum Finanzbedarf der Anstalten schreibt er übrigens: "Das ist ein Bedarf, den man anmeldet, bekommt und für ein Grundrecht hält. Die nächste Gebührenerhöhung von zurzeit knapp siebzehn auf etwa achtzehn Euro im Monat pro Gebührenzahler haben die Ministerpräsidenten zum 1. Januar 2009 lautlos beschlossen."

SZ, 22.10.2008

Mit der gewaltsamen Verhinderung des "Anti-Islamisierungskongresses" von Pro Köln haben die Autonomen den Rechten direkt in die Hände gespielt - mal abgesehen davon, dass es total undemokratisch war, erklärt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer an die Adresse der Autonomen und all jener, die daneben standen und schadenfroh grinsten. "Die Situation ist brisanter, vor allem vor dem Hintergrund verbreiteter generalisierter Abwertungen der islamischen Kultur und der gläubigen Menschen - und lange versäumter offener, kritischer Debatten zum Islam, die jetzt stattdessen in spektakulärer abwertender und angsterzeugender Weise von rechtspopulistischen oder rechtsextremistischen Gruppen auf den Markt, in Köln auf den Heumarkt, getragen werden sollten. Zugleich sind die sogenannten Autonomen bisher nicht dahingehend auffällig geworden, dass sie sich an den oft mühsamen kritischen Auseinandersetzungen zum Beispiel mit den intoleranten Seiten des Islam beteiligt hätten."

Weitere Artikel: In den USA wird der Supreme Court am 4. November über die Zulässigkeit schmutziger Flüche in Rundfunk und Fernsehen entscheiden, berichtet Johan Schloemann und verweist auf einen Artikel von Steven Pinker in Atlantic. Der Erfolg von Songs auf Videospielen wie Guitar Hero oder Rockband lässt die Plattenfirmen misstrauisch fragen: Kriegen wir auch genug ab?, berichtet Franziska Schwarz.

Auf der Medienseite stellt Kai Strittmatter die kleine türkische Zeitung Taraf vor, die Armeechef Ilker Basbug in Wut bringt: "Taraf - die jüngste Zeitung des Landes. Noch kein Jahr alt und schon die meistzitierte und meistdebattierte Zeitung, egal ob sie über den Ergenekon-Geheimbund schreibt oder über den Kampf gegen PKK-Terror. Stachel in der Seite der Armee, Stachel aber auch in der Seite ihrer Kollegen: Taraf zeigt an seinen besten Tagen der Türkei, wie Journalismus aussehen kann, wenn man ihn ernstnimmt."

Besprochen werden Max Färberböcks Verfilmung des Buches "Anonyma - Ein Frau in Berlin" (hinterließ bei Andrian Kreye "Beklemmung, aber keine Bestürzung"), das neue Album von AC/DC, eine Ausstellung von Jose de Guimaraes' afrikanischen Plastiken im spanischen Museo Würth, Laurent Chetouanes Inszenierung von Goethes "Faust I" am Schauspiel Köln, die Zarzuela-Hommage "¡Pasian!" von Calixto Bieito und Joan Anton Rechi in Basel, einige CDs und Bücher, darunter Jörg Lesczenskis Biografie des Ruhrindustriellen August Thyssen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).