Heute in den Feuilletons

Zwei gleichermaßen abgestorbene Kulturen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2008. In der FAZ prangert der sudanesische Übersetzer Daoud Hari die Gleichgültigkeit der Welt und die Komplizenschaft der Chinesen bei den Morden in Darfur an. Die Welt recherchiert: Die Fernsehanstalten geben ihre Enttäuschung über allzu knappe Gebühren als Gagensenkung an Schauspieler weiter. Die Berliner Zeitung beschreibt konfliktuelle Komplizenschaft bei Springer. Luc Bondys Wiener "Zofen"-Inszenierung sorgt für schärfste Kritikerprosa. Die SZ staunt: Dubai hat den höchsten Eiffelturm der Welt.

Welt, 06.06.2008

Die öffentlich-rechtlichen Sender fühlen sich mit 7 Milliarden Euro pro Jahr ungenügend ausgestattet und geben ihre Enttäuschung über die letzten Gebührenerhöhungen als Druck auf freie Schauspieler weiter, berichtet Katharina Dockhorn, die über Gagen von Schauspielern recherchiert hat. "200.000 Euro und mehr können die fünf bis zehn Film- und Fernsehlieblinge pro Rolle verlangen. Ihren weniger bekannten Kollegen zahlen private Sender pro Drehtag höchstens 800 Euro, beim 'Tatort' sind es 600. Oft wird das Tagessalär auf 400 gedrückt - und ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht absehbar. 'Viele Produzenten haben den Anspruch, kleine Sprechrollen mit Schauspielern zu besetzen. Sie können aber nur Gagen zahlen, für die Komparsen arbeiten. Das sind nicht mal 100 Euro pro Tag. Das ist schon hanebüchen', denkt der Besetzungsagent Uwe Bünker." Da sind wir ja fast schon bei den Sätzen für freie Journalisten angekommen!

Weitere Artikel: Berthold Seewald hat eine Ausstellung des Burgunderschatzes in Bern besucht, den die einst kriegerischen Schweizer im 15. Jahrhundert erbeuteten, bevor sie ihr Geschäftsmodell überdachten: "Während sich ihre Nachbarn weiterhin an die Gurgel gingen, haben sich die Eidgenossen seitdem auf das Horten von Schätzen verlegt". Ulrich Weinzierl schnuppert Vor-EM-Atmo in Wien. Hannes Stein besucht ein Museum des Woodstock-Festivals im nahe gelegenen Ort Bethel, New York. Peter Zander hat sich eine Fernsehserie über die Tudors angesehen, die am Sonntag startet. Und Kai Luehrs-Kaiser beobachtete Daniel Barenboim bei seinem Besuch in seiner Herkunftsstadt Buenos Aires.

Im Forum erinnert der Politologe Torben Lütjen an Jürgen Möllemann, der seinem Leben vor fünf Jahren ein Ende setzte. Und auf der Magazinseite porträtiert Silvia Meixner die Gartenarchitektin Gabriella Pape, die in Dahlem eine "Königliche Gartenakademie" gründete.

Berliner Zeitung, 06.06.2008

Boris Herrmann zeigt, wie der Springer Verlag einen angeblichen EM-Krieg zwischen Deutschland und Polen inszeniert. Das polnische Springer-Blatt Fakt hatte Polens holländischen Nationaltrainer Leo Beenhaaker in ein Bild hinter Michael Ballack montiert, das Schwert bereit zum Todesstoß: "Leo, wiederhole Grunwald" lautete der Titel (mit Bezug auf die Schlacht der siegreichen Polen gegen die Deutschritter). Die Bild-Zeitung gab sich einen Tag später empört über so viel polnische Geschmacklosigkeit. "Es kann dem Springer-Verlag im Übrigen nur recht sein, wenn möglichst viele Giftpfeile fliegen. Je mehr sich der sogenannte EM-Krieg ausweitet, umso länger können sich Fakt und Bild gegenseitig ihre Aufmacher auf der Titelseite liefern - ganz im Sinne der Verkaufsabteilung des Mutterkonzerns. Alfred Draxler, Stellvertreter des Chefredakteurs von Bild, sprach auf Spiegel online von 'gesundem Binnenpluralismus'. Binnenpluralismus ist kein schlechter Begriff für jene pseudo-journalistische Textform, bei der man zunächst die Wirklichkeit selbst inszeniert, um anschließend darüber zu schreiben." Heute tut die Bild wieder ganz erschrocken über Fakt: "Sie hetzen immer weiter".

TAZ, 06.06.2008

Zwei kalifornische Brüder, die unter den Pseudonymen Madlib und Oh No operieren, sind die große Hoffnung des künstlerisch stagnierenden HipHop, wie Sebastian Reier verkündet. "'Dr. No's Oxperiment' von Oh No ist ein Album, das auf Samples von türkischer und libanesischer Tanzmusik basiert. Die Musik leistet weit mehr als nur eine Auflockerung der steifgewordenen Hiphop-Ästhetik. Oh Nos geradlinige, antreibende Rhythmik verbindet sich mit dem melodiösen Geschwurbel des Orients zu einem neuen Sound. Ins selbe Horn stößt Madlib, der seine Sammlung indischer Popmusik auseinander genommen hat: Sein neues Album 'The Beat Konducta In India' zeigt, wie offen Hiphop als musikalische Kunstform klingen kann."

"Han-dy-lärm, Rauch-ver-bot, Hun-de-kot". In der zweiten taz hört sich Franziska Seyboldt den Kölner Beschwerdechor an, nicht der erste, aber der größte seiner Art.

Besprechungen widmen sich zwei Alben, "To Survive" von Joan As Police Woman und "From the Valley to the Stars" von El Perro Del Mar; sowie Dietmar Daths Thesenpapier "Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus."

Und Tom.
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FR, 06.06.2008

Stephan Hilpold ist entsetzt, was Luc Bondy aus Jean Genets "Zofen" für die Wiener Festwochen gemacht hat: eine "schwüle Travestie im Arbeitnehmertheater": "Aus dem skandalösen Aufstand der Dienstboten ist sechzig Jahre nach seiner Uraufführung ein bürgerliches Kostümdrama geworden. Aus Jean Genet, dem Aufrührer und Gesetzes-Übertreter, ein Amusement."

Weiteres: Peter Michalzik bereitet uns auf die Wiesbadener Theater-Biennale "Neue Stücke aus Europa" vor. Ben Reichardt porträtiert den südafrikanischen Fotografen David Goldblatt. Harry Nutt kündigt die neue Walter-Benjamin-Werkausgabe an. In der Times mager widmet sich Sylvia Staude der Schweizer Gesetzesnovelle, die vorschreibt, dass gesellige Tiere wie Meerschweinchen, Wellensittiche oder Goldfische nur noch mindestens zu zweit gehalten werden dürfen.

Besprochen werden Nigel Kennedys Konzert mit Orchester und Jazz-Quintett in der Frankfurts Alten Oper, Jean Baudrillards Schrift "Warum ist nicht alles schon verschwunden?" und die Schau deutscher Exporterfolge im Deutsche Architekturmuseum.

Spiegel Online, 06.06.2008

Die Sendung Maybrit Illner kriegte es gestern hin, eine Sendung über den Telekom-Skandal zu machen, ohne die Beziehung zwischen Illner, der prominenten Journalistin und dem Telekom-Chef Rene Obermann mit einem Wort zu erwähnen, berichtet Hasnain Kazim. "SZ-Charmeur Hans Leyendecker war Gentleman genug, den Namen Obermann nicht in den Mund zu nehmen. 'Der neue Vorstand', sagte er, habe es unterlassen, sich sofort nach Kenntnisnahme von den Spitzeleien vor acht Monaten bei den betroffenen Journalisten zu entschuldigen sowie zur Staatsanwaltschaft zu gehen und den Vorfall anzuzeigen. 'Es war ein gravierender Fehler zu glauben, dass man irgendwie damit durchkommt.' Illner bemühte sich, nur Journalistin und gar nicht Obermann-Partnerin zu sein."

NZZ, 06.06.2008

Eine "phänomenale Inszenierung" von Jean Genets "Die Zofen" bescheinigt Barbara Villiger Heilig Luc Bondy. Carolin Peters und Sophie Rois spielen die Hauptrollen in dieser Koproduktion der Berliner Volksbühne und der Wiener Festwochen im Wiener Theater der Arbeiterkammer. "In Bondys Inszenierung wirkt dies alles wie ein schwerer, schwüler, flackernder Fiebertraum, auf dem Gefahr lastet - und wenn z. B. Caroline Peters stolz und zugleich schlotternd referiert, wie sie den gnädigen Herrn schriftlich denunzierte, wird die Panik greifbar, welche arme, der Willkür ausgelieferte Wesen umtreibt. Komisch ist das auch, hauptsächlich aber befremdend in der Art, wie Max Ernsts Collagen befremden. Verbrechen und Strafe, Schuld und Sühne, Aufbegehren und Unterordnung vibrieren in der Atmosphäre."

Weiteres: Patrick Straumann erklärt den Erfolg des vor zwei Jahren eröffneten Museums der portugiesischen Sprache in Sao Paulo. Besprochen werden die Aufführung von Luigi Cherubinis Oper "Medea" in Bern, die Porzellan-Ausstellung "Fragile" in Frankfurt am Main, eine Inszenierung von Georg Friedrich Händels "Belshazzar" in der Staatsoper Berlin, die achtzig CDs umfassende Glenn Gould-Sammlung "The Original Jacket Collection" und Bücher, darunter Ronald D. Gerstes "Duell ums Weiße Haus" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)..

Auf der Medienseite geht es heute um Fotografie und Öffentlichkeit. Rainer Stadler thematisiert die sogenannten Paparazzi und versucht, die Spanne zwischen Medienfreiheit und Privatsphäre auszuloten: "Eingriffe und Einblicke in die Privatsphäre sind zum Regelfall der Medienöffentlichkeit geworden. Dabei ist ein paradoxer Prozess zu beobachten. Gleichzeitig mit der Deregulierung und Liberalisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnungen erfolgt eine Reregulierung öffentlicher Personen. Zumindest jener, die dem politischen, wirtschaftlichen oder sportlichen Sektor zugehören. Sie müssen bis auf die Unterhose einer politisch korrekten Norm genügen, während fürs Fußvolk die Moral des Laisser-faire genügen darf."

Außerdem: Anton Holzer, Herausgeber der Zeitschrift Fotogeschichte, schreibt eine "kurze Geschichte des Starkults". Ii. beobachtet die Tendenz der Werbung, Prominente auch ohne deren Wissen als Blickfänger einzusetzen. S.B. erforscht die Welt der Bildsensoren und visioniert: "Beim Betrachten des eigenen Porträts dürften die Menschen in den Anfangsjahren der Fotografie schon ein bisschen erschrocken sein: Erstmals konnte man sich selber anschauen, als wäre man ein anderer. Seither haben wir gelernt, uns selber stets auch von außen im Blick zu behalten, für den Fall, dass der Sucher einer Kamera uns findet. Bald werden wir uns darauf einstellen müssen, Bestandteil auch von Bildern zu sein, die keinen Betrachter haben."

Aus den Blogs, 06.06.2008

Netzpolitik.org kommentiert ein Treffen zur Vorbereitung eines "Anti-Counterfeiting Trade Agreement" (ACTA), bei dem es um alle möglichen Filtermaßnahmen zur Unterbreitung von Copyrightverletzungen geht. "Gleichzeitig sind wir bei den geplanten Maßnahmen ganz schnell bei den Internetsperrungen und damit Netz-Zensur. Das ganze wird intransparent auf internationaler Ebene von verschiedenen Staaten vorbereitet, die damit einseitige Lobby-Positionen in internationale Verträge gießen. Demokratische Institutionen wie Europaparlament oder Bundestag können dann auch nur noch abnicken und haben kaum noch demokratischen Verhandlungsspielraum."

Ronnie Grob hat für Medienlese.com ein Washington-Post-Interview mit Steve Ballmer gelesen, in dem der Microsoft-Boss prophezeit, dass es in zehn Jahren keine Zeitung mehr gibt. Grobs Kommentar: "Ich glaube nicht, dass es in zehn Jahren keine einzige Zeitung und keine einzige Zeitschrift auf Papier geben wird, aber wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass eine Firma wie Google so einen wichtigen Platz einnimmt im Alltag von vielen. Oder dass wir so oft e-mailen. Oder twittern. Oder facebooken. Oder xingen. Warten wir besser ab bis 2018."

Weitere Medien, 06.06.2008

Im Interview mit Hans-Joachim Neubauer vom Rheinischen Merkur bricht Günter Grass nach einem deutsch-russischen Autorentreffen eine Lanze für Putin: "Wir müssen in Rechnung stellen, dass Russland nie die Chance hatte, Demokratie zu praktizieren. Nicht nur Putin, auch Gorbatschow kam aus dem Geheimdienst. In geschlossenen diktatorischen Systemen ist der Geheimdienst auch ein Sammelort der Intelligenz." Auch zur FAZ hat Grass noch etwas zu sagen. Er beklagt sich, dass sie Autoren mobbt, die mit ihm für die SPD werben: "Das grenzt an Sippenhaft. Die gefährliche Tendenz, mit Presse Machtpolitik zu machen, geht auf Kosten der Qualität des Journalismus."

In der Jungle World unterhält sich Doris Akrap mit dem Österreichischen Kabarettisten Lukas Resetarits - einst Major Adolf Kottan - über die große Frage, ob Linke Humor haben: "In Österreich schon. Das Schrecklichste, was es im Kabarett wohl je gab, ist das 68er-Kabarett aus Deutschland. Da ist ein Begräbnis während eines Wolkenbruches im tiefen Schlamm rasend lustig dagegen. Von diesem linken deutschen Humor wird man nicht mal depressiv, weil man ja sowieso schon im Wachkoma liegt."

SZ, 06.06.2008

Gerade hat Scheich Majid Bin Mohammad Bin Rashid Al Maktoum die Ausstellung "Dubai Next: Der Bau einer Kultur des 21. Jahrhunderts" in Weil am Rhein eröffnet. Gerhard Matzig überlegt, warum. "Dubai, das vor einigen Jahren noch 21.000 Einwohner hatte (heute sind es anderthalb Millionen), verfügt demnächst über das höchste Haus der Welt und über die größte Mall der Welt. Dazu über ein künstliches Inselprojekt namens 'The World', in das man sich nur einkaufen kann, wen man bereit ist, mindestens 15 Millionen Dollar für den Sand unter den Füßen im Golf zu bezahlen. Um dort was zu tun? Um den Ölpipelines beim Verröcheln zuzuhören? Nein, nach Dubai zieht man, um in der kreativsten Stadt der Welt zu leben. In Dubai, ausgestattet mit der größten Indoor-Skipiste der Welt und dem höchsten Eiffelturm der Welt als Kopie, wird es schon bald eine gigantische 'Wissensstadt' geben, dazu unzählige Kultur-Einrichtungen ... Scheich Mo, der Vater des Gastes in Weil am Rhein, sagt über die Dubai-Pläne: 'Wir wollen Nummer eins sein, möglichst in jeder Beziehung, und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.'"

Luc Bondy hat für seine "Zofen" bei den Wiener Festwochen Schau- und Volksbühne zusammengebracht. Das konnte die Inszenierung für Christopher Schmidt auch nicht retten. "Die ungewöhnliche Allianz findet ihren Niederschlag in der Besetzung, die zwei Diven-Generationen vereint. Edith Clever, die als große Tragödin der alten Schaubühne irgendwann jenes Diventum verkörperte, das Sophie Rois und Caroline Peters im Trash-Theater des Rene Pollesch parodieren, stehen sich als Herrin und Dienerinnen gegenüber. Aber beim Recontre von Schau- und Volksbühne prallen zwei gleichermaßen abgestorbene Kulturen aufeinander, und die Traditionen werden nicht dadurch lebendig, dass man ihre toten Enden zusammenknotet."

Weitere Artikel: Stephan Speicher schreibt über den Streit um den Umbau des Zuschauerraums der Lindenoper (mehr dazu online in der Berliner Zeitung). Reinhard J. Brembeck hat sich von dem Akustiker Karlheinz Müller erklären lassen, warum die Lindenoper derzeit "eines der am schlechtesten klingenden Opernhäuser der Welt" ist. Johannes Willms stellt Nicolas Sarkozys Pläne für den Umbau von Paris vor. Suhrkamp plant eine neue Walter-Benjamin-Gesamtausgabe, keine zehn Jahre, nachdem die letzte erschienen ist, berichtet Lothar Müller. Der neue Bürgermeister von London, Boris Johnson, erklärte beim Jahresdinner der Royal Academy of Arts, er wolle in der Kulturpolitik "eine Art 'Don King der Debatte zwischen Tradition und Revolution'" sein, berichtet Alexander Menden.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Adrian Pacis politischer Videokunst im Kunstverein Hannover, Jutta Brückners Video-Theater-Performance "Bräute des Nichts" mit Anne Tismer in Berlin und Bücher, darunter Norman Manea in seinem Erzählband "Oktober, acht Uhr" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 06.06.2008

Karen Krüger und Hans-Christian Rößler haben sich mit dem sudanesischen Übersetzer Daoud Hari (Verlagswebsite) unterhalten, der als Augenzuge vom Genozid in Darfur berichtet und noch immer nicht fassen kann, dass keiner dem Morden Einhalt gebietet. Und er klagt China an, das dem Regime weiter Waffen liefert: "Was China in Darfur tut, hat nichts mehr mit Politik zu tun, das ist ein Verbrechen. Es gibt kaum Fernsehbilder von dem Morden in Darfur. Für Journalisten ist es inzwischen viel zu gefährlich, dorthin zu reisen. Was dort passiert, bleibt deshalb gänzlich im Dunkeln. Ich kann nicht verstehen, wie man sich die Olympischen Spiele ansehen kann, wenn gleichzeitig in Darfur Blut vergossen wird. Kein Deutscher sollte nach Peking reisen und jeden davon abhalten, dorthin zu fahren."

Weitere Artikel: Nach einem Fernsehauftritt Gesine Schwans freut sich der zuvor schon als Fan aufgefallene Christian Geyer über ihre neue Kultur des dialektischen Arguments und erklärt, warum sie ganz recht damit hat, auch um Stimmen der Linkspartei zu werben: "Moral ist nicht am Platze, wo die Verfassung Algebra vorsieht." In der Glosse staunt Tobias Rüther über Nicolas Sarkozys von Carla Bruni an ihm diagnostizierte fünf bis sechs Hirne. Zwischen Hoffen, Bangen und Gelassenheit schwanken die AutorInnen des insolventen Aufbau-Verlags, wie Oliver Jungen auf Nachfrage erfahren hat. Über das im April eingeleitete Verfahren gegen die des Mordes an Siegfried Buback verdächtige Verena Becker und seine Hintergründe informiert Ulf. G. Stuberger. Andreas Kilb stellt den Streit um den neuen Innenraumentwurf für die Lindenoper in dennoch kritischer Absicht in den Rahmen bereits existierender Innen-Außen-Divergenzen in Mitte-Gebäuden. Eduard Beaucamp erinnert sich an einen Leipzig-Besuch im Frühjahr 1968. Joachim Müller-Jung macht uns mit den Rädertieren bekannt, die auf Sex lässig verzichten und in der Evolution trotzdem gut dastehen. Reiner Burger meldet, dass sich bedeutende Künstler wie Günter Grass und Wim Wenders in einem Brief an Angela Merkel um Deutschlands Ruf als Kulturnation sorgen, mal wieder der Dresdener Waldschlösschenbrücke wegen. Auf der Medienseite findet Jörg Thomann die Otto zu dessen sechzigstem Geburtstag gewidmete RTL-Show eines Mannes nicht würdig, der nicht daran denkt, in Würde zu altern.

Besprochen werden Luc Bondys Wiener Festwocheninszenierung von Jean Genets Stück "Die Zofen" ("Man sieht die hübsch verrutschten Blusen des Bösen", freut sich ein begeisterter Gerhard Stadelmaier), die Marie-Antoinette-Ausstellung im Pariser Grand Palais, ein Strawinsky-Abend des Leipziger Balletts und Bücher, darunter Yasmina Khadras Roman "Der Gesang der Sirenen", (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).