Heute in den Feuilletons

600 Kilogramm Nutella

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2008. Viele finden die Friedenspreisentscheidung für Anselm Kiefer mutig. Nur die taz ist doppelt skeptisch. Und die FR befremdet. Die SZ besucht einen Friedhof für gekillte Youtube-Videos. Im Freitag sagt Jakob Augstein, was er mit dem Freitag machen will. In der Zeit sagt Rem Kohlhaas sinngemäß etwa so: "Wenn mich die Chinesen so klasse bezahlen, dann ist das doch die Schuld der kritischen Medien."

TAZ, 05.06.2008

Gleich doppelt - und doppelt skeptisch - kommentiert wird die Entscheidung, den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den Künstler Anselm Kiefer zu vergeben. Dirk Knipphals, Literaturredakteur, findet die Idee, mal keinen schreibenden Intellektuellen zu nehmen, gut. Aber nur theoretisch: "Es gibt in der Begründung der Preisverleihung einen Satz, der einem vollends die gute Laune an der Entscheidung nehmen kann: 'Anselm Kiefer erschien im richtigen Moment, um das Diktat der unverbindlichen Ungegenständlichkeit der Nachkriegszeit zu überwinden.' Das hat nun mit Friedensgedanken gar nicht mehr zu tun, sondern damit, das Pfund Friedenspreis in die Auseinandersetzungen um abstrakte und avantgardistische Malerei werfen zu wollen."

Und Katrin Bettina Müller sieht ein Problem des Künstlers Anselm Kiefer darin, dass er "mit dem, was er einerseits so vehement kritisiert und mit so viel emotionaler Wucht angreift, der Hohlheit der Gesten der Macht, der Leichtfertigkeit der Vernichtung, auch immer ein wenig zu kokettieren" scheint.

Auf der Meinungsseite porträtiert Ines Kappert die neuerdings wieder vielfach umstrittene Alice Schwarzer wenig schmeichelhaft als "Fidel Castra der Frauenbewegung". (In der zweiten taz dokumentiert Peter Scheibe die Ereignisse um die Entlassung der Ultrakurzchefredakteurin von Emma, Lisa Ortgies.) In der Kultur stellt Stephanie Wurster die in Deutschland produzierte und weltweit gelesene Zeitschrift 032c vor und kann sich dem Urteil der International Herald Tribune, dies sei "das beste Magazin der Welt", nur anschließen. Vom "Europäischen Festival des Debütromans", das im schleswig-holsteinischen Landeszentrum Salzau stattfand, berichtet Jörg Magenau.

In der zweiten taz haben drei RedakteurInnen "vier Nachtgedanken" zum Ende der aktuellen Topmodel-Staffel. Hanna Gersmann fragt nach der Moral massenhaften Milchverschüttens. In der "Älter werden"-Kolumne ist Klaus-Peter Klingelschmitt von F.J. Degenhardt (hier Degenhardt auf YouTube) zu Tränen gerührt.

Besprochen werden eine Magda-Goebbels- und Ulrike-Meinhof-Bühnen-Parallelaktion von Jutta Brückner in Berlin, Woody Allens nicht mehr ganz neuer Thriller "Cassandras Traum", die autobiografische Dokumentation "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" von Andre Schäfer und Richard David Precht, Heinz Peter Schwerfels Arte-Kunst-Dokumentation "Berlin - arm, aber sexy" sowie Albert Serras nun auf DVD greifbarer Don-Quijote-Film "Honor de Cavalleria".

Und Tom.

Freitag, 05.06.2008

Der neue Besitzer des Freitag, Jakob Augstein, erklärt in einem kleinen Text, was er mit der Wochenzeitung vorhat. Mehr Inhalt und mehr Internet soll es geben. "Ja, und dann bleibt natürlich die Frage nach der Politik. Nach der Linie. Nach der Haltung. Ein großer deutscher Publizist hat darauf bekanntlich einmal geantwortet 'im Zweifel links'. Das gefällt mir. Denn da steckt auch drin, dass Journalisten zwar keine Ideologen sein dürfen, aber doch eine innere Haltung haben müssen."

Marlene Streeruwitz äußert sich zur Zukunft der Linken irgendwie optimistisch: "Es liegt in der Natur des Profits, eine Illusion von Unendlichkeit und Wohlgefühl zu verbreiten. Die Medien haben mit Profit als Ziel in der Verbreitung dieser Botschaft den Versprechungsteil der kirchlichen Predigt übernommen. Die Verdammung ist der Erkenntnisfähigkeit jedes und jeder einzelnen überlassen und es besteht keine Gefahr, dass Erkenntnis daraus die Wege des Profits stören könnte. Erstens werden alle Maßnahmen getroffen, kritischem Denken den Geldhahn abzudrehen. Und zweitens wirkt ja diese oben beschriebene Dimensionalsperre gegen den Eintrag von Erkenntnis in die zweidimensionale Medienunöffentlichkeit. Die Erkenntnisträger und Erkenntnisträgerinnen sprechen in ihrer Dimension eine andere Sprache, die von den Noch-Kinositzern nicht einmal gehört werden kann."

Welt, 05.06.2008

Mutig nennt Eckhard Fuhr die Friedenspreisentscheidung für Anselm Kiefer: "Die deutsche Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein Stoff, dem er sich quasi körperlich und stofflich aussetzt. Ob er als Künstler sich den nationalen Mythen in kritischer Absicht nähert, oder ob er mit ihnen sein künstlerisches Spiel treibt, das lässt sich nicht entscheiden. Wäre es zu entscheiden, wäre Kiefer neben Gerhard Richter nicht der bedeutendste deutsche Künstler der Gegenwart."

Weitere Artikel: Holger Kreitling versucht zu erklären, warum sich Sportverbände Zampanos wie Max Mosley halten, die nicht mal über dokumentierte Nazisexaffären stolpern. Hendrik Werner unterstützt anlässlich des 97. Bibliothekartags den Vorschlag für ein Bibliothekengesetz. Uta Baier stellt den neu berufenen Chef der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Klaus Schrenk, vor. Gerhard Charles Rump wandelt über die Art Basel, die als Kunstmesse seiner Auskunft nach bis heute nicht zu toppen ist. Michael Pilz berichtet über eine Renaissance der Countrymusik, die sich in diesen Tagen in Nashville mit großem Gepränge feiert. Manuel Brug besucht eine Ausstellung mit unterschiedlichen Entwürfen für eine Neugestaltung des Staatsopernsaals.

Besprochen werden Filme, darunter George Clooneys Komödie "Ein verlockendes Spiel" (mehr hier) über die Frühgeschichte des Footballsports und Richard David Prechts autobiografischer Dokumentarfilm über seine Kindheit im DKP-Milieu (mehr hier).
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FR, 05.06.2008

Ursula Baus schildert, wie übel das China-Abenteuer der Darmstädter Netzwerkarchitekten ausgegangen ist: "Für die Stationen der neuen Pekinger Metrolinie M5 waren Wettbewerbe ausgelobt worden, Netzwerkarchitekten hatten sich dann mit den Ingenieuren Jaakko Pöyry Infra daran beteiligt und den ersten Preis gewonnen. Inzwischen ist die Station in außen fast identischer, innenräumlich haarsträubend schlechterer Form gebaut worden - weder wurden die ersten Preisträger je als Urheber genannt, noch erhielten sie die mit rund 8000 Euro festgesetzte Preissumme, geschweige, dass sie mit der Planung der Station beauftragt worden wären."

"Exzentrisch" findet Ina Hartwig die Entscheidung, dem Künstler Anselm Kiefer in diesem Jahr den Friedenspreis zu verleihen, und die Begründung der Jury eher gewitzt als zwingend: "Nicht immer sind Pathos und Antipathos in Kiefers Werk säuberlich voneinander zu trennen. Das macht seine Wahl zum Friedenspreisträger angreifbar." (mehr hier)

Weitere Artikel: Der in München Philosophie lehrende Julian Nida-Rümelin plädiert gegen das häufig geforderte Grundeinkommen, denn "Anreize zur langjährigen Absenz vom Erwerbsleben" würden "zu einer Spaltung der Gesellschaft" führen. Jan Frederik Bandel bedauert das Aus der Zeitschrift Forum Homosexualität und Literatur. In der Times mager nimmt sich Daniel Kothenschulte die HIV-Kampagne der Michael-Stich-Stiftung vor. Besprochen werden George Clooneys Sportkomödie "Ein verlockendes Spiel", Woody Allens nun doch in die deutschen Kinos kommender Thriller "Cassandras Traum", der Dokumentarfilm "Lenin kam nur bis Lüdenscheid", Bon Jovis Konzert in Frankfurt sowie eine Ausstellung von Jorinde Voigt und Ralf Ziervogel im Neuen Kunstverein Gießen.

Aus den Blogs, 05.06.2008

Jörg Lau zitiert aus einem Vortrag der Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher, den sie im österreichischen Traun halten sollte, dann aber nicht durfte, weil sie angeblich islamophob ist. Hier ein Auszug: "Bedenklich stimmt, dass manche islamischen Organisationen schon heute in Europa darauf drängen, dass nichts 'Negatives' mehr über den Islam veröffentlicht werden dürfe, da dies Diskriminierung bedeute - mit anderen Worten, alles, was nicht aus muslimischer Sicht geschrieben wurde, ist zu unterbinden (eine Entwicklung, die zum Beispiel in Großbritannien durch islamische Lobbyarbeit weitaus mehr fortgeschritten ist). Hier wird es ganz wesentlich daran liegen, wie 'wach' die westliche Gesellschaft diese Entwicklung verfolgt und in welchem Maß sie bereit ist, ihre mühsam erkämpfte Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen." Hier der ganze Vortrag.

Perlentaucher, 05.06.2008

Gegen Jürgen Habermas' Einlassungen zum Internet und Bernd Neumanns Stützinitiative für die Printpresse hebt Robin Meyer-Lucht in seinem neuen Virtualienmarkt die Vorteile des Internets für die demokratische Öffentlichkeit hervor: "Gesellschaftliche Nachrichten- und Informationsverarbeitet gerät immer mehr zu einer Many-to-Many-Kommunikation. Eine so organisierte Öffentlichkeit ist, anders als Habermas nahe legt, eine extrem wertvolle Ergänzung zu den klassischen Massenmedien. Die Vorteile des Internets als Träger der öffentlichen Meinungsbildung werden in der Praxis täglich spürbarer."
Stichwörter: Jürgen Habermas, Internet

NZZ, 05.06.2008

Samstag ist EM-Beginn. Samuel Herzog nimmt dies zum Anlass, einmal die Kunst gegen den Fußball abzuwägen, immerhin läuft seit gestern die Art Basel. "Der Euro-Pokal übrigens, für den sich Buben aus halb Europa in den nächsten Wochen über den Rasen schubsen lassen, soll bloß 50.000 Franken wert sein. Als würdigere Alternative böte sich da die von Kendell Geers mit schwarzweißer Tapete überklebte Replik der Nike von Samothrake an, die man bei Yvon Lambert aus Paris für 265.000 US-Dollar erhält. Oder aber, weil Siegen doch süß ist, die 600 Kilogramm Nutella von Thomas Rentmeister, die Aurel Scheibler aus Berlin für 48 000 Euro verkauft. Im triumphalen Rausch könnte man sie dann mit bloßen Händen ins Stadion hinausschleudern."

Weiteres: Anlässlich der Baseler Ausstellung "Ornament - neu aufgelegt" gibt Lutz Windhöfel einen kursorischen Überblick über die Geschichte des Ornaments in der Baukunst und seine Wiederkehr in der Architektur der Gegenwart. Gemeldet wird natürlich auch die Bekanntgabe des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in diesem Jahr Anselm Kiefer den Friedenspreis zu verleihen (mehr hier).

Besprochen werden der Roman "Faustino" des Chilenen Jorge Edwards und Emmanuelle Paganos Transidentitäts-Roman "Der Tag war blau", der für den Rezensenten Peter Urban-Halle mit "politischem Bekenntnis oder Gender-Mode glücklicherweise wenig zu tun" hat. Andrea Lüthi gefällt Diane Broeckhovens "Eine Reise mit Alice" als "wunderbar feinfühliges Porträt einer alten Dame" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Filmseite lobt Christoph Egger Peter Brosens und Jessica Woodworths Debütfilm über mongolische Nomaden "Khadak": "Durch eine fabelhafte Montage gelangen Figuren und Ereignisse zu einem eigentümlich schwebenden Zustand, der dem Betrachter fortlaufend den Boden unter den Füßen wegzieht bei seinem Versuch, so etwas wie eine Chronologie oder gar eine Hierarchie von Ursache und Wirkung zu etablieren." Alexandra Stäheli findet am Familienthriller über zwei Brüder "L'autre moite" des Schweizers Rolando Colla nicht alles nachvollziehbar. Gemeldet werden der Tod des amerikanischen Schauspielers Mel Ferrer und der des Toningenieurs Luc Yersin.

FAZ, 05.06.2008

"Kühn" findet sich Lorenz Jäger die unkonventionelle Entscheidung, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in diesem Jahr an den Künstler Anselm Kiefer zu vergeben: "Kiefer galt der internationalen Kritik von Beginn an als spezifisch 'deutscher' Künstler, darunter verstand man einen, der die tiefsten Gedanken in einem monumentalen Werk versammeln will. Erinnerungen an Wagner stellten sich ein, auch an Stockhausen und Beuys - dessen Schüler Anselm Kiefer war. Just das, wovor seine Generation fliehen wollte, machte Anselm Kiefer zu seiner Sache. Erfreulich, dass eine so hochangesehene Auszeichnung wie der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels die Risikobereitschaft aufbringt, ein Werk zu ehren, das nicht schon von vornherein einen erwartbaren Diskursbetrieb bedient. Der Überdruss an dieser Maschine muss sich sehr verstärkt haben." (Im Leitartikel kommentiert Henning Ritter die Entscheidung.)

Weitere Artikel: Einen Elf-Punkte-Plan zur Rettung Bayreuths präsentiert Peter Jonas ("wenn ich der liebe Gott wäre"), bis 2006 Leiter der Bayerischen Staatsoper. Punkt 1: Nicht nur Wagner, sondern auch Neue Musik ins Programm nehmen. Beinahe resigniert stellt der Israel-Korrespondent Jörg Bremer "sein Jerusalem" vor: "Mein Jerusalem hat nur ein paar hundert Einwohner. Die mittlerweile mehr als 500.000 ultraorthodoxen Israelis und Araber sind die Mehrheit." Andreas Rossmann macht sich Gedanken über das neue Gesicht, mit dem sich das Ruhrgebiet der Welt als "Kulturhauptstadt 2010" präsentieren wird. In der Glosse wird Jürgen Kaube aus der studentischen Jugend von heute, die sich optimistisch vielleicht nur gibt, nicht recht schlau. Der Historiker Karlheinz Blaschke erklärt, warum es nur recht und billig ist, dass König Friedrich August I. in Form eines Denkmals jetzt wieder auf dem Dresdener Schlossplatz steht. Hans-Joachim Müller porträtiert Klaus Schrenk, den designierten neuen Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Verena Lueken schreibt zum Tod des Schauspielers Mel Ferrer. Auf der Forschung-und-Lehre-Seite berichtet Philipp Felsch von einer Wiener Tagung über "Die Unanschaulichkeit der Geschichte".

Auf der Kino-Seite stellt Stefan Grissemann eine Wiener Retrospektive mit den Klassikern des "Direct Cinema" vor. Mit Skepsis blickt Peter Körte auf die Bewegtbild-Produktionsmaschinerie, die rund um die EM bereits angelaufen ist. Auf der Medienseite informiert Peter Sturm über die Diskussionen beim "Global Media Forum" der Deutschen Welle in Bonn. Als "ein trauriges, ein unwürdiges Schauspiel" kommentiert die moralische Anstalt Michael Hanfeld die Vorgänge um die Ablösung der Emma-Kurzzeitchefredakteurin Lisa Ortgies.

Besprochen werden die Ausstellung "Heterotopia" im Architekturmuseum Frankfurt, eine Amsterdamer Produktion von Olivier Messiaens "Saint Francois d'Assise", ein Kölner Lenny-Kravitz-Konzert, die Theaterversion des Buchs "Bräute des Nichts" von Jutta Brückner, in der sie, so Andreas Kilb, "Magda Goebbels und Ulrike Meinhof" als "Komplementärfiguren der weiblichen Rebellion gegen das herrschende Frauenbild" vorführt, und Bücher, darunter der Band "Der Schuster Flink" mit bisher unbekannten Geschichten von Johann Peter Hebel (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 05.06.2008

Christian Kortmann stellt eine Internetseite von Studenten des MIT vor, YouTomb. Hier werden Videos gesammelt, die bei YouTube wegen angeblicher Copyright-Verletzungen gelöscht wurden: "Laut YouTomb ließ auch die deutsche Firma Constantin Film AG am gestrigen Mittwoch Szenen aus 'Der Untergang' entfernen, darunter der populäre Clip 'Hillary's Downfall', in dem der bramarbasierende Bruno Ganz mit Hillary-Clinton-Zeilen untertitelt wurde. Genau diesen respektlos-kreativen Umgang mit Bildern will YouTomb schützen: Das Projekt steht auf der Seite des kreativen Fußvolks, das den Großteil der YouTube-Clips produziert und dafür oft auch kommerzielles Film- und Musikmaterial benutzt - ein Gebrauch, der in den USA durch die Doktrin des Fair use ('Angemessene Verwendung') erlaubt ist." (Hier kann man das Video auch noch sehen).

Dass der Künstler Anselm Kiefer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, findet Thomas Steinfeld gut und richtig: "Denn tatsächlich ist ein Frieden in seinem Werk - nicht der Frieden der Völkerverständigung, des Dialogs der Kulturen oder der historischen Versöhnung. Sondern der Frieden, der nach allen Dingen kommen muss."

Weitere Artikel: Thomas Urban schickt einen instruktiven Bericht über den polnischen Streit um 1989. Elmar Goerden, Noch-Intendant des Schauspielhauses Bochum, übt im Interview Selbstkritik. Andrian Kreye denkt über die Folgen des Mordes an Robert Kennedy vor 40 Jahren nach. Jens-Christian Rabe hörte den Philosophen Robert Brandom in Köln. Fritz Göttler schreibt zum Tod des Schauspielers Mel Ferrer. Der Unterhaltungskonzern Universal will künftig auch als klassischer Konzertveranstalter auftreten, denn in diesem Bereich liegen "derzeit die größten Gewinnoptionen", berichtet Helmut Mauro. Doris Kuhn empfiehlt DVDs mit Filmen von Ulli Lommel.

Besprochen werden George Clooneys Football-Komödie "Ein verlockendes Spiel", Woody Allens Film "Cassandras Traum", Seth Grossmans Filmdebüt über einen Bruderzwist "The Elephant King" und Bücher, darunter Wolfgang Frühwalds Studie über das "Gedächtnis der Frömmigkeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 05.06.2008

Im Gespräch mit Hanno Rauterberg verteidigt der Architekt Rem Koolhaas seinen Bau für das chinesische Staatsfernsehen gegen die miesepetrigen Medien und gibt dabei ein einzigartiges Beispiel dialektischer Heuchelei: "Der Westen ist kritisch, immer nur kritisch... Wir müssen einfach anerkennen, dass die Rechte des Individuums in China keine Tradition haben." Um dann dieselben Medien dafür verantwortlich zu machen, dass er nicht anders kann: "Wer hat den Stararchitekten denn erfunden? Die Medien mit ihrer grotesken Gier nach Sensationen und aufregenden Bildern. Dadurch haben sich die Erwartungen an die Architekten massiv verändert. Sie sollen nicht mehr gut durchdachte, komplexe Gebäude entwerfen, sie sollen Wahrzeichen abliefern, Icons, die sich medial vermarkten lassen."

Weiteres: Jens Jessen sieht bei der Telekom die typisch "paranoide Psychologie diktatorischer Regime" wirken: "Manches spricht dafür, dass ein gelernter DDR-Bürger wenig Schwierigkeiten hätte, die krankhaften Prozesse bei der Telekom zu verstehen." Adam Soboczynski trauert um den Choleriker, dem die Bühne abhanden gekommen sei: Heutzutage unterstelle man jedem ehrlichen Ausraster marktkonformes Strategiehandeln. Der Neurowissenschaftler Wolfgang Prinz schreibt über die Hirnforschung und Kunst. Tobias Timm resümiert die Berlin Biennale, deren Kunst ihm keine Angst machte. "Sie erzeugte auch keine Übelkeit oder sexuelle Lust." Peter Roos wünscht sich eine Ausstrahlung von Natascha Kampuschs Talkshow "voller Empathie und jenseits von Routine" auch im deutschen Fernsehen. Tillmann Prüfer reicht den Nachruf auf Yves Saint Laurent nach.

Besprochen werden Soeren Voimas Stück "Eos", Al Greens Comeback-Album "Lay it Down" und Neil Diamonds Konzert in Hamburg.

Im Literaturteil hält Elisabeth von Thadden die neue Suhrkamp-Reihe "edition unseld" für eine "gute Idee", denn es gebe tatsächlich Klärungsbedarf, weltdimensional betrachtet. Das Dossier sieht sich in London um, wo saudische Scheichs, russische Oligarchen und indische Stahlunternehmer sich nur so tummeln.