Heute in den Feuilletons

Faszinosum Körperhaar

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2008. Die Welt und andere erzählen, wie drei deutsche Museumsdirektoren den Scheichs von Dubai Grundzüge des Weltwissens bescheren und dafür eine Menge Geld kassieren. Von der Kellnerin zur Sopranistin: In der FR gibt Erika Sunnegardh zu, dass sie ihren Lebensweg großartig findet. Die SZ befasst sich mit dem Untergang des amerikanischen Imperiums. Spiegel Online berichtet über neue Kunstzensur in Russland.

Welt, 29.05.2008

Die "drei Generäle" deutscher Museen Peter-Klaus Schuster, Martin Roth und Reinhold Baumstark waren in Dubai. Vereinbart wurde die Errichtung eines sogenannten "Universalmuseums", über das Eckhard Fuhr immerhin so viel in Erfahrung gebracht hat: "Klar ist jetzt schon, dass es sich nicht um ein Spartenmuseum handeln wird. Es sollen, wie Baumstark formulierte, 'Grundzüge des Weltwissens' ausgestellt werden, also die großen kulturgeschichtlichen Generalthemen wie Staat, Religion, Schrift, Technik, Weltbilder und so weiter. Bei der Kunst sollen die Begegnungen des islamischen Kulturkreises mit anderen Kulturen im Mittelpunkt stehen."

Weitere Artikel: In der Glosse begeht Berthold Seewald das "Internationale Jahr der Kartoffel". Nur heute dagegen ist, wie wir von Alexander Kluy erfahren, der "Welttag des Spiels". Dankwart Guratsch stellt das neue Museum für Baukunst in Oslo und seinen Architekten, den norwegischen Altmeister Sverre Fehn vor. Über die Rückkehr der Katharina-Figur in den Hochaltar des Kölner Doms freut sich Uta Baier. Gemeldet wird, dass ein Dresdener Unternehmer einen 55 Meter hohen "Alpenjesus" bauen will.

Auf der Kinoseite gibt es Rezensionen unter anderem zu Errol Morris Abu-Graibh-Dokumentation "Standard Operating Procedure", zu Michael Hanekes "Funny Games"-Remake und zum "Sex and the City"-Film.

Besprochen werden das Münchener Neil-Diamond-Konzert, die gemeinsame Schau israelischer und palästinensischer Künstler "Overlapping Voices" in Klosterneuburg, ein von Olafur Eliasson vereister BMW H2R (hier ohne Eis) in München und Dominik Grafs morgen auf Arte gezeigter Historienfilm "Das Gelübde", der Andre Mielke begeistert hat.

Spiegel Online, 29.05.2008

Andrej Jerofejew, Chefkurator der staatlichen Tretjakow Galerie in Moskau, ist mal wieder verklagt worden, berichtet Carmen Eller. Er hatte für die Ausstellung "Verbotene Kunst 2006" 24 Werke ausgewählt, "die der Zensur russischer Medien zum Opfer gefallen waren. Zum Beispiel eine Blondine unter der Öldusche, einen grinsenden Milizionär mit Dollarnoten, eine Ikone aus Kaviar. Oder auch die 'tschetschenische Marilyn', eine Fotoarbeit der sibirischen Künstlergruppe Blaue Nasen. Ihr schwarzes Gewand fliegt so hoch wie Marilyn Monroes Rock in Billy Wilders Film 'Das verflixte 7. Jahr'. Auf ihren schwarzen Strümpfen aber prangen weiße Totenköpfe, dazu trägt sie einen Sprengstoffgürtel. Mit Problemen hatte Jerofejew gerechnet. Deshalb erblickte, wer den Ausstellungsraum betrat, zunächst nur weiße Wände. Um die dahinter verborgenen Bilder zu sehen, mussten die Besucher auf Leitern steigen und durch winzige Gucklöcher linsen. Es war eine Schutzmaßnahme, aber auch ein Sinnbild für die Angst. Die Werke offen zu zeigen, wagte man nicht. Ärger gab es trotzdem."

FR, 29.05.2008

Im Interview mit Arno Widmann erklärt die Sopranistin Erika Sunnegardh, dass sie ihr Leben großartig findet: "Wie sollte ich nicht. Ich habe fünfzehn Jahre lang gekellnert, in einer Bank gearbeitet, übersetzt. Ich wusste manchmal nicht, ob ich dem Vermieter oder dem Gesangslehrer das Geld schuldig bleiben sollte. Natürlich freue ich mich, dass ich jetzt all diese großen Rollen singen darf. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Manchmal bekomme ich eine Gänsehaut bei dem Gedanken, was für ein Glück ich hatte. Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht bedaure, all die Jahre nicht gesungen, nicht auf der Bühne gestanden zu haben. Das ist Unsinn. Meine Lebenserfahrung bringe ich jetzt mit in meine Rollen. Es ist nicht gut, wenn Sänger nichts getan haben als singen. Ich bin dafür, dass Oper, Theater subventioniert werden. Aber ich glaube nicht daran, dass ein Talent, einfach weil es ein Talent ist, durchgefüttert werden sollte."

Judith von Sternburg hat Wilhelm Genazinos Frankfurter Poetikvorlesungen zu Walter Kempowski besucht. In der Times Mager warnt Hans-Jürgen Linke vor den durch Streichung der Stellen und Pendler-Pauschale pauperisierte Mittelschichts-Musiker: Noch greifen sie nur zur Flasche. Besprochen werden Neil Diamonds Konzert in München, Howe Gelbs Auftritt in den Frankfurter Hazelwood Studios, Michael Hanekes eigene US-Version seiner "Funny Games", Judith Schalanskys Matrosenroman "Blau steht dir nicht" und Politische Bücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Freitag, 29.05.2008

Der Freitag ist an Jakob Augstein verkauft worden. Wilhelm Brüggen, Sprecher der bisherigen Eigentümer, verabschiedet sich in einem durchaus auch selbstkritischen Artikel. Unter anderem stellt er fest, "dass wir schon viel früher wieder zu einer journalistisch aktiveren Rolle hätten zurückfinden müssen - auch wenn das den Autonomiewünschen der Redaktion nicht unbedingt entgegen gekommen wäre. "

NZZ, 29.05.2008

Unseriös findet Joachim Güntner, wie einseitig der Spiegel über Ernst Rowohlts Rolle im Nationalsozialismus berichtet: "Kein Wort über die jüdischen Lektoren und die jüdische Verlagssekretärin, die Rowohlt gegen Forderungen der Nazi-Obrigkeit beschäftigte, schützte und unterstützte, solange es irgend ging."

Roman Hollenstein hat das neue Museion in Bozen besucht, bei dessen Eröffnung ein gekreuzigter Frosch von Martin Kippenberger tatsächlich für Aufregung sorgen konnte - was Hollenstein zeigte, "wie viel Vermittlung noch nötig sein wird, um Bozen zu einem wirklichen Kunstzentrum zu machen." Alena Wagnerova berichtet von Lobeshymnen der tschechischen Presse nach der Premiere von Vaclav Havels neuem Stück "Odchazeni" ("Abgang") in Prag, das ab September auch in London zu sehen ist.

Besprochen werden Peter Fleischmanns Roman "Die Zukunftsangst der Deutschen" und Richard Rortys dreizehn Aufsätze "Philosophie als Kulturpolitik". Anlässlich der Erscheinens des Sammelbandes "Das Haus der Angst" von Leonora Carrington gibt Renate Wiggershaus einen Überblick über das Leben der Schriftstellerin, Malerin und Max Ernst-Geliebten.

Auf der Filmseite nennt Susanne Ostwald den "Sex and the City"-Film nicht nur der Länge wegen einen "schwer zu verdauenden Brocken": Dem Film sei der spöttische Witz der Serie abhanden gekommen. Christoph Egger bespricht den schon 2006 in Locarno uraufgeführten Film "La traductrice" der Russin Elena Hazanov, der jetzt erst ins Schweizer Kino kommt.

Tagesspiegel, 29.05.2008

Gerade wurde - zum Unglück des Berliner Senats - ein Entwurf prämiert, der einen neuen Zuschauersaal für die Staatsoper vorsieht. Das hätte man schon 2001 haben können, erinnert Frederik Hansen. "Wie bitte? Ja, es gab bereits vor sieben Jahren eine europaweite Ausschreibung zum Thema, die ergab, dass man sich von Richard Paulicks 1951 dem Stil des friderizianischen Rokoko nachempfundener Innenausstattung verabschieden muss, wenn die Lindenoper als Gebäude definiert wird, in dem Künstler gut Kunst machen können und in dem die Besucher auch in den vollen Genuss derselben kommen. Mit Gerhard Spangenberg gewann damals einer der renommiertesten Architekten der Hauptstadt, der jüngst erst mit dem Veranstaltungszentrum 'Radialsystem' am Spreeufer bewiesen hat, wie großartig eine Symbiose aus Alt und Neu für Kreative und ihr Publikum funktionieren kann. Der revolutionäre Vorschlag Spangenbergs zur Staatsoper dagegen verschwand in der Schublade bei der Senatsbauverwaltung, der Architekt wurde ausbezahlt und dezent, aber deutlich darauf hingewiesen, mit seinen Ideen doch bitte nicht in der Öffentlichkeit hausieren zu gehen."
Stichwörter: Neu, Rokoko

Berliner Zeitung, 29.05.2008

Christina Bylow hat die amerikanische Variante von Michael Hanekes Film "Funny Games" gesehen und stellt fest: "Das Europäische am europäischen Kino ist nicht das Drehbuch und nicht die Kamera - es sind die Schauspieler. (...) Die oberste Norm der US-Filmindustrie lautet: gut aussehen. Egal, ob der kleine Sohn gequält wird, Naomi Watts gibt der Kamera niemals ein derart verstörtes und verquollenes Gesicht preis, wie es Susanne Lothar tat. Watts verfügt in diesem Film auch nicht über das Minimum der rebellischen Kraft, die Lothar in ihrer Figur aufblitzen lässt, bevor sie sich ergibt. Noch drastischer ist die Kluft zwischen Ulrich Mühe und Tim Roth. Ulrich Mühes Augen sind sprechende Qual, weit offen und schutzlos, dabei überwach auch in der Ohnmacht. Tim Roth - leider, man kann es nicht anders sagen - glotzt meistens blicklos auf das Geschehen, als säße er vor dem Fernseher, in dem zufällig der Mord an einer Familie dargestellt wird."

Aus den Blogs, 29.05.2008

Stefan Niggemeier erzählt, wie eine banale dpa-Meldung wegen eines missverständlichen Satzes von spiegel.de zum "Eklat" hochgebürstet wurde und wie dieser Eklat dann durch sämtliche Online-Medien wanderte, bis wieder abgerüstet wurde: "So also funktioniert der Qualitätsjournalismus im Internet, von dem die Verlage so schwärmen: Ein Agenturkorrespondent, der sich nicht ganz klar ausdrückt, ein Online-Leitmedium, das im Schlagzeilen- und Klickrausch den größtmöglichen Verstärker mit Verzerrer einschaltet, und Dutzende Kopiermaschinen, die ohne Wissen, Recherche und jeden eigenen Gedanken hinterhertaumeln." Dazu auch Indiskretion Ehrensache.

TAZ, 29.05.2008

Wie ein "Guido-Knopp-Format für die anpolitisierte Jugend" findet Diedrich Diederichsen den Dokumentarfilm "Standard Operating Procedure" von Errol Morris, für die der Filmemacher die Ereignisse von Abu Ghraib nachgestellt und mit den Folterern gesprochen hat. "Nicht zu rechtfertigen ist hingegen das ästhetische Programm des Evozierens der Foltersituation. Einem Mann wurden, um ihn zu demütigen, die Augenbrauen und andere Körperhaare abrasiert. Dazu sieht man extreme Vergrößerungen von Augenbrauenhaaren, die wie Igelstacheln in weicher, weißer, faltiger und schartiger Haut stecken. Das sieht irgendwie grell aus und etwas beknackt herausgestellt - wie bei einem Fotoquiz, wo man einen Alltagsgegenstand auf einer extremen Vergrößerung erkennen muss. Faszinosum Haut! Faszinosum Körperhaar! Nur was hat diese irre und unmotivierte Verfremdung mit dem Tatbestand der Demütigung, der Folterung, dem gezielten Verletzen menschlicher Würde zu tun? Nichts, außer dass beides irgendwie krass ist."

Alexander Cammann stellt die aktuellen Ausgaben der Zeitschriften Spuren und Der Titan vor, in denen es um Paul Celan, Rudolf Borchardt und Ingeborg Bachmann geht. Naoko Kaltschmidt berichtet über die Kunstbiennale Bukarest.

Besprochen werden außerdem Michael Hanekes US-Remake seines Films "Funny Games", Susanne Biers Bekehrungsdrama "Things We Lost in the Fire" und die Kinoversion von "Sex and the City".

Und in tazzwei erklärt Günter Wallraff im Interview, warum er am Wochenende an der "Kritischen Islamkonferenz" in Köln teilnimmt: "Das habe ich meinem Freund, dem Schriftsteller Salman Rushdie, vorgeschlagen. Mit ihm gemeinsam, als Mullahs verkleidet, undercover im Iran. Aber das war nicht sein Ding - jetzt bringen Sie mich allerdings auf eine neue Idee."

Schließlich Tom.

Zeit, 29.05.2008

Regisseur Andres Veiel ist alles andere als überzeugt vom Abu-Ghraib-Film "Standard Operating Procedure" seines Kollegen Errol Morris, der eher überwältige als erkläre und auch nicht immer die interessantesten Fragen stelle: "Jegliche Nahsichten fehlen im Film. Sie würden erhellen, warum ein normaler, psychisch unauffälliger Mensch zu einem menschenverachtenden Folterer wird - oder eben auch nicht. Aber mitten im Film taucht für ein paar Minuten ein weiterer Zeuge auf. Auch er ist Militärpolizist. Er bekommt die Misshandlungen mit, aber er beteiligt sich nicht. Er wird die Bilder nicht mehr los. Am nächsten Tag geht er zu seinem Vorgesetzten und zeigt die skandalösen Vorgänge an. Dieser Zeuge widerspricht der fatalistischen Kausalität, mit der Morris das System Abu Ghraib zu erklären versucht. Morris interessiert sich für ihn nicht ernsthaft, im Film bleibt er eine Fußnote."

Weiteres: Auf zwei endlosen Seiten prangert Evelyn Finger die Sprengung der Leipziger Universitätskirche vor vierzig Jahren an und die Entscheidung der Hochschule, sie nicht wieder aufzubauen, sondern an ihrer Stelle eine Aula zu errichten. Tobias Timm fragt, woher der Riesenerfolg der die Museen erobernden Straßenkunst a la Banksy rührt, die doch eigentlich ein "spontanes Glück für den Passanten, ein kurzlebiges Geschenk eines anonymen Künstlers an die Stadt" sei. Katja Nicodemus freut sich über die Wiederaufstehung des politischen Kinos in Cannes. Peter Roos begutachtet die zur WM "eskalierende" Kunst in den Fußballstadien.

Im Musikteil porträtiert Volker Hagedorn den katalanischen Viola-da-Gamba-Spieler Jordi Savall. Frank Sawatzki erklärt das "herbeigebloggte Wunderwerk" Santogold. Für dem Literaturteil besucht Hagedorn den Neurologen Oliver Sacks in New York, dessen neuestes Buch "Der einarmige Pianist" den Segnungen der Musik fürs Gehirn gilt. Besprochen werden außerdem magere vier Bücher, darunter Jenny Erpenbecks "Heimsuchung" und Jan Wagners Gedichtband "Achtzehn Pasteten". Im Politikteil gibt der amerikanische Autor David Rieff zu bedenken, dass Hilfsorganisationen auch aus eigenem Interesse Katastrophen dramatisieren. Auch vor humanitären Interventionen muss er warnen, als die sich schon der Kolonialismus verstanden hat.

SZ, 29.05.2008

Jörg Häntzschel liest Bücher wie Fareed Zakarias "The Post-American World" (Auszug), die am Ende der Bush-Ära zerknirscht feststellen, dass sich Amerika im Niedergang befindet. "Doch es ist nicht nur der Irakkrieg, der Kollaps der Finanzsysteme, die Kredite, die Hunderttausende nicht mehr abzahlen können. Amerikas gesamte Lebensweise erscheint plötzlich nicht mehr zukunftsfähig. Erfahren haben die Amerikaner das an der Tankstelle. Nachdem der Preis für eine Gallone Benzin von 1,20 Dollar vor zehn Jahren auf vier Dollar gestiegen ist, geht die Rechnung, auf der das Leben von Millionen Amerikanern basiert, nicht mehr auf."

Weitere Artikel: Gustav Seibt gibt der Meldung, dass Angela Merkel die Schirmherrschaft für das Gedenken an die Varusschlacht im Jahre 9 übernimmt, geschichtspolitische Tiefe. Andrian Kreye freut sich auf Neil Diamonds Konzerte in Deutschland und erzählt, wie der Balladensänger vom Produzenten Rick Rubin zu einem melancholischen Spätwerk geführt wurde. Ijoma Mangold beobachtete die Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan bei einem Tag der Offenen Tür an der Viadrina. Günter Kowa war dabei, als Michael Schindhelm zusammen mit den Direktoren der Staatlichen Museen Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen den Plan vorstellte, in Dubai ein "Universalmuseum" zu errichten: "Wie unabhängig das Haus agieren werde in der absoluten Monarchie von Dubai, das wollte Schindhelm nicht so genau definieren." Tobias Lehmkuhl findet die Recherche des Spiegels zur angeblichen Nazi-Nähe des Verlegers Ernst Rowohlt eher dürftig.

Auf der Filmseite spricht Tobias Kniebe mit Christian Petzold über den Film "Jerichow", den er gerade dreht. Henning Klüver erzählt vom Erfolg von Giorgio Dirittis Film "Il vento fa il suo giro", der sich in nur einem einzigen Kino in Mailand ein Publikum eroberte. Besprochen werden Michael Hanekes "Funny Games U.S." und "Things We Lost In The Fire" der dänischen Regisseurin Susanne Bier.

Auf der Medienseite unterhält sich Christopher Keil mit Jakob Augstein, der den Freitag gekauft hat und erklärt, was er mit ihm vorhat: "Ich glaube, der Freitag muss vor allem ein Forum für Themen des sozialen Wandels sein, und das ist für Ost und West gleichermaßen relevant."

Besprochen werden außerdem Manfred Trojahns Oper "La Grande Magia" an der Semperoper und Bücher, darunter Martin Klugers Roman "Der Vogel, der spazieren ging".

FAZ, 29.05.2008

Im Ideenwettbewerb um Bayreuths Zukunft will der Komponist Wolfgang Rihm weder in der Sache noch zur Person einen originellen Vorschlag machen (vielmehr findet er ungefähr: immer nur Wagner spielen und gut ist) - eine Anmerkung, in der es eventuell wider Donnersmarck grummelt, hat er aus eher heiterem Himmel aber doch: "Nein, Wagner wäre heute kein Filmregisseur. (Man hört diesen Gemeinplatz - er wäre heute Filmregisseur - etwa so oft wie den: Mozart wäre heute Popsänger.) Der Grund ist einfach: Wagner wollte ein Repertoire schaffen, das sich in stetiger Neuinterpretation immer wieder neu gebiert. Ein Film ist fertig und fix. Das hätte Wagner nicht interessiert."

Weitere Artikel: Am Ende eines sehr langen Besinnungsaufsatzes, in dem er Für und Wider der Sorge ums Deutsche Gran für Gran wägt, kommt Edo Reents zum Schluss, es bestehe, Anglizismen hin oder her, das größte Problem für nicht nur die deutsche Sprache allemal in des einzelnen Sprechers "Nachlässigkeit". In der Glosse macht uns Andreas Platthaus mit einer Urkunde bekannt, die belegt, wie Johanna und Adele Schopenhauer - nicht aber der klagedrohende Arthur - im Jahr 1820 ihrer privaten Rentenversorgung verlustig gingen. Von einer Berliner Tagung, auf der es um die Vergangenheit und (eher nicht) mögliche Zukunft der Universalgeschichtsschreibung ging, berichtet Jens Nordalm. Gina Thomas hat Sebastian Faulks' von der Erbengemeinschaft autorisierten neuen James-Bond-Roman "Devil May Care" gelesen und informiert in eher wegwerfender Manier über Inhalt und Form. Von Nachwuchsproblemen der Academie francaise wie der Academie Goncourt berichtet Elise Cannuel. Die deutschen Museumsfunktionäre Peter-Klaus Schuster (Berlin), Reinhold Baumstark (München) und Martin Roth (Dresden) haben derart erfolgreich Dubai besucht, dass dort, wie Camilla Blechen neben weiteren deutsch-emiratischen Marginalien mitteilt, vielleicht ab 2012 ein "Universalmuseum" entstehen soll. Kurz nachgerufen wird dem Violinisten Siegmund Nissel und dem Fernsehkorrespondenten, Sachbuchautor und Opernkomponisten Gerhard Konzelmann. Aufgegriffen wird eine Meldung des Rheinischen Merkur, dass Peter Handke den Tag des Beginns des Jugoslawienkriegs - es ist der 24. März - zum "Tag der europäischen Schande" erklärt wissen will.

Auf der Forschung-und-Lehre-Seite schildert Jan Grossarth den Fall des pietistisch inspirierten emeritierten Wirtschaftsethikers Friedrich Hanssmann, der jetzt nicht mehr an der LMU München lehrt, weil der ökonomischen Fakultät manche seiner Ideen - von einer "'dienenden Grundhaltung' im Sinne christlicher Nächstenliebe gegenüber den Kunden anstatt reiner Profitorientierung" hin zum Nachweis der globalen Überlegenheit christlicher Wirtschaft - nach Studentenprotesten und Presseaufsehen suspekt erschienen.

Auf der Kino-Seite übersetzt Michael Althen die zentralen Punkte von Quentin Tarantinos in Cannes gegebener "Lecon du cinema". Tarantino erklärt unter anderem, warum er nie Originalmusiken komponieren lässt: "Ich traue Komponisten nicht... Die Musik ist so wichtig, dass mir der Gedanke, jemanden dafür zu bezahlen, dass er am Ende deinen Film nimmt und einfach seine Musik drübergießt, völlig absurd erscheint." Rüdiger Suchsland stellt das neue türkische Kino vor, das sich stärker gen Europa wendet. Einen kurzen Nachruf auf die Schauspielerin Joy Page hat Verena Lueken verfasst. Auf der Medien-Seite stellt Martin Lejeune den gelernten Theaterwissenschaftler Michail Schwydkoj vor, der heute als Chef der größten russischen Filmbehörde die wohl einflussreichste Figur eines Boomsektors mit schwindelerregenden Wachstumsraten ist.

Besprochen werden ein Kölner Konzert von Kylie Minogue, Dietrich Hilsdorfs Inszenierung von Händels Oper "Semele" (die sich, zu Holger Noltzes Verblüffung, im Programmheft - dann aber inkonsequenterweise auf der Bühne nicht - als "Operette" aufgeführt findet), die Ausstellung "Parrworld" im Münchner Haus der Kunst, eine Ausstellung mit Zeichnungen von Pavel Schmidt zum Werk Franz Kafkas im Berliner Jüdischen Museum, Errol Morris' Abu-Ghraib-Dokumentation "Standard Operating Procedure" und Bücher, darunter Lars Gustafssons Verserzählung "Die Sonntage des amerikanischen Mädchens" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).