Heute in den Feuilletons

Das ist Qualitätsjournalismus!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2007. In der FAZ meint Necla Kelek: Muslime sind integrierbar, der Islam ist es nicht. Im kress-report pocht Frank Schirrmacher auf das Monopol des Qualitätsjournalismus: "Wir sagen, was in der Welt passiert ist." Bei Spiegel Online ist Martin Suter stolz auf das Schweizer Parlament, das seinen Stolz wiedergefunden hat. Die NZZ huldigt der spontanen Kreativität von Kevin Speaceys Londoner 24-Stunden-Stücken. Die FR lernt mit Olli Dittrich den blanken Horror zu lieben: Männer im Elektro-Markt. Die Welt sorgt sich um die Journalisten, die Deutungsmacht verlieren und keine Frauen finden. Und die SZ besucht Stella Rimington, die Ex-Chefin des MI5.

NZZ, 15.12.2007

Patricia Benecke berichtet von den "24 Hour Plays" am Old Vic London, einem Theater-Event, das der Intendant Kevin Spacey eingeführt hat. Und so geht es: "Am Vorabend sprechen die Darsteller mit einem Requisit ihrer Wahl - dieses Jahr zum Beispiel ein Kürbis, ein Kimono, eine Gasmaske und ein Wasserkocher - bei den Autoren vor, diese verschwinden in ein Hotelzimmer, um für die Schauspieler, die sie am meisten inspiriert haben, über Nacht ein zehn Minuten langes Stück zu schreiben. Um sieben Uhr am nächsten Morgen ... lesen die Regisseure die frisch verfassten Werke, kämpfen darum, ihr Lieblingsstück zugeteilt zu bekommen, und grübeln fieberhaft über inszenatorische Ideen nach, bis um neun Uhr ihr Star-Ensemble antritt. Nun haben die Gruppen noch genau 11 Stunden Zeit zum Textlernen und Proben, bis es nach kurzer technischer Einrichtung um acht Uhr abends heißt: Vorhang auf vor 1000 gespannten Zuschauern für eine einmalige Präsentation spontaner Kreativität."

Weitere Artikel: Klaus Bartels beschäftigt sich aus aktuellem politischen Anlass mit der Geschichte des schönen Wort Opposition. Regina Marquardt gratuliert dem Architekten Oscar Niemeyer zum 100. Geburtstag.

Besprochen werden Matthias Hartmanns "Tartuffe"-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich, und Bücher, darunter Barbara Bronnens auf die letzten Lebensjahre konzentrierte Ricarda-Huch-Biografie "Fliegen mit gestutzten Flügeln" und mehrere Bände zur Geschichte der Berliner Philharmoniker (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In Literatur und Kunst feiert der Publizist Ian Buruma den Filmemacher Werner Herzog, der mit voller Absicht die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion verwischt: "Zur Verteidigung seines besonderen Stils ließe sich sagen, dass er Erfindung nicht dazu benützt, um Wahrheit zu verfälschen, sondern, um sie zu schärfen, zu erhöhen, lebendiger zu machen. Zu seinen bevorzugten Tricks gehört es, für seine Charaktere Träume oder Visionen zu erfinden, die sie nie hatten, die aber trotzdem wahr klingen, weil sie den Charakteren entsprechen. Seine Probanden sind stets Leute, zu denen er eine persönliche Affinität verspürt. In gewisser Weise sind die Hauptfiguren in seinen Filmen, ob Spiel- oder Dokumentarfilm, alle Variationen von Herzog selber. "

Weitere Artikel: Der Romanist Karlheinz Stierle nimmt die Neuauflage einer Balzac-Ausgabe bei Diogenes zum Anlass, den Autors der "Menschlichen Komödie" als modernen Stadtbeschreiber vorzustellen. Peter Bürger setzt sich mit der französischen Künstlergruppe der Nouveaux Realistes auseinander, der im Sprengel-Museum in Hannover eine Retrospektive gewidmet ist.

FR, 15.12.2007

Peter Michalzik feiert die "Media Markt"-Werbekampagne, in der der Comedian Olli Dittrich ein überzeugendes Gesellschaftsporträt in sieben Typen entwerfe: "'Ich bin doch nicht blöd', denken die alle und sind dabei unmöglich. Dittrichs freundliche Misanthropie läuft in diesem Deutschlandpanorama zu höchster Form auf. Er dreht die Mechanik des Horrorgenres um: In jedem Grauen steckt auch etwas Liebenswertes. Außerdem lebt Dittrichs Porträtpanorama von einer nicht ganz neuen aber immer noch wichtigen Erkenntnis: Willst du Deutschland kennenlernen, so geh in den nächsten Elektromarkt. Wer es nicht glauben will, dass sich hier die Eigenart der Deutschen am unverblümtesten zeigt, schaue sich noch vor Weihnachten die kaufenden Männer bei Saturn oder Conrad an. Hier sind sie ganz bei sich." (Hier kann man - zu "Unsere härtesten Kunden" durchklicken - die Werbespots auch im Internet sehen.)

Weitere Artikel: Wolfgang Kunath gratuliert dem Architekten Oscar Niemeyer zum Hundertsten. In ihrer US-Kolumne denkt Marcia Pally über die vernichteten CIA-Videobänder nach. Harry Nutt widmet der Passbildfotografie eine Times Mager.

Besprochen werden ein Theaterabend mit Loriot-Sketchen im Frankfurter Fritz-Remond-Theater, Matthias Hartmanns Züricher Inszenierung von Molieres "Tartuffe", für Tobi Müller im wesentlichen eine Mischung aus "Klamotte" und platten Politanspielungen und Oscar Niemeyers bisher nur in englischer Sprache erschienene Erinnerungen "The Curves of Time".

Aus den Blogs, 15.12.2007

Andrea Diener gratuliert in ihrem Blog dem Perlentaucher und macht einen konstruktiven Vorschlag zu den jüngsten Rundumschläge von Schirrmacher, Graff, Kaube und Stäblein gegen das Internet: Warum nicht mal das Licht von Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit" darauf fallen lassen, hm? "Warum kann man nicht einmal wertfrei untersuchen, was das auf das Internet angewendet bedeuten kann? Warum muss immer herabgesetzt, marginalisiert und generalisiert werden? Was ist mit Ihren journalistischen Standards, Herr Kaube, Herr Graff? Wo bleibt der Informationswert Ihrer Artikel? ... Je lauter das Feuilleton der etablierten Zeitungen, in diesem Falle Süddeutsche und FAZ, gegen das Internet wettert, desto unglaubwürdiger sieht das leider aus. Weil allzuviele Feuilletonisten sich genau die Stilistiken zu eigen machen, die sie am Internet anprangern. Weil sie nicht zu differenzieren wissen und undifferenziert Differenzierungsvermögen fordern."

Das passt auch ganz gut zu einem Interview, das Frank Schirrmacher gestern dem kress-report gab: "Unsere Situation kommt mir wie die des Films vor einigen Jahren vor: Da wurde das Kinosterben angekündigt, und dann kamen die großen Produktionen. Wir haben eine ähnliche Aufgabe: Inszeniertes Denken, die große Bühne. Das Internet ist wie eine Live-Sendung: Nachrichten, die neben uns herlaufen. Aber dann kommt ein Break, dann kommt die Tagesschau. Das sind wir, und wir sagen, was in der Welt passiert ist. Das ist Qualitätsjournalismus!"
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FAZ, 15.12.2007

In Bilder und Zeiten fächert die Soziologin Necla Kelek die unterschiedlichen Vorstellungen gläubiger Muslime und Säkularisten von Begriffen wie "Freiheit" und "Respekt" auf und kommt zu dem Schluss: "Für mich ist der Islam als Weltanschauung und Wertesystem nicht in die europäischen Gesellschaften integrierbar und deshalb generell nicht als Körperschaft öffentlichen Rechts anzuerkennen. Das ist keine Frage des guten Willens. Es fehlen die institutionellen, strukturellen und theologischen Voraussetzungen dafür und seinen Vertretern, mit einem Wort von Habermas, 'eine in Überzeugung verwurzelte Legitimation'. Der Islam ist nicht integrierbar, wohl aber der einzelne Muslim als Staatsbürger. Er kann in unserer Gesellschaft seinen Glauben und seine Identität bewahren, denn die europäische Toleranz der Aufklärung begreift die Angehörigen aller Religionen als gleichberechtigt."

Weitere Artikel: Julia Spinola überlegt, wie wohl göttliche Liebe klingt. Edo Reents will schlafen und liest "Gute Nacht!", ein Buch, das Tiefschlaf verspricht. Thomas Glavinic steuert eine kurze Geschichte bei. Und das Model Irina Lazareanu spricht im Interview über ihre CD, das Modegeschäft und Charles Bukowski: "Wirklich gelernt habe ich erst von Charles Bukowski, zum Beispiel, dass du den Mut nicht verlieren darfst, wenn dich keiner versteht. Man muss seine eigene Wahrheit nur lange genug wiederholen und die Angst überwinden, dann kann man alles machen."

Im Feuilleton ist Dieter Bartetzko ganz klar, wie es zu den falschen Terrakottakrieger in Hamburg kommen konnte: "Museen unter Erfolgs- und Event-Zwang: Wen wundert vor diesem Hintergrund der Hamburger Reinfall?" Peter Rühmkorf stellt "Sozusagen verschwiegene Fragen". Jvo. meldet eine Doppelspitze für die Berliner Museen: Michael Eissenhauer und Udo Kittelmann sollen Nachfolger von Peter-Klaus Schuster werden. Matthias Pape erzählt, wie die Universität Bonn 1936 ihren Ehrendoktor Thomas Mann verstieß und welche Folgen das in den 60ern hatte. Niklas Maak schreibt zum hundersten Geburtstag des Architekten Oscar Niemeyer. Hubert Spiegel gratuliert dem Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke ("2001: Odyssey im Weltraum") zum Neunzigsten.

Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung von Molieres "Tartuffe" am Zürcher Schauspielhaus, Irene Langemanns Dokumentarfilm "Rubljovka - Straße zur Glückseligkeit" und Bücher, darunter Short Stories von Elizabeth Bowen und Florian Havemanns Erinnerungen "Havemann" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um Aufnahmen von Bachs Weihnachts-Oratorium mit Nikolaus Harnoncourt und Christine Schäfer, Stockhausens "Stimmung" mit dem Theater of Voices, eine CD mit Richard Wagners "Ring des Nibelungen", gelesen von Sven-Eric Bechtolf, und eine CD des Mathematikers Dan Snaith alias Caribou.

In der Frankfurter Anthologie stellt Annemarie Ohler den Psalm XXIII in der Übersetzung von Martin Luther vor:

"DER HERR IST MEIN Hirte /
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auff einer grünen Awen /
Vnd füret mich zum frisschen Wasser."

Spiegel Online, 15.12.2007

"In diesen Tagen hat das Parlament seinen Stolz wiedergefunden. Und ein bisschen Resignation abgelegt", sagt der Schriftsteller Martin Suter im Interview mit Leonie Wild zum politischen Erdbeben in der Schweiz, die mit der Abwahl des Rechtspopulisten Christoph Blochers erstmals eine Opposition hat: "Es handelt sich schon um einen Normalisierungprozess, aber nicht um die Anpassung an den europäischen, sondern um die Wiederanpassung an den schweizerischen Standard. Die Situation der vergangenen vier Jahre war abnormal. Die Schweiz hat gute Erfahrungen gemacht mit ihrem System: ein Kabinett aus sieben Ministern der vier größten Parteien, die nach Mehrheit entscheiden und zu Kollegialität und Stillschweigen verpflichtet sind. Dieses Gremium erträgt auf die Dauer kein Mitglied, das gleichzeitig regieren und lautstark Oppositionspolitik betreiben will."

Welt, 15.12.2007

Auf der Meinungsseite sorgt sich Eckhard Fuhr in seiner Kolumne um die Journalisten. Um sie ist es nicht gut bestellt, was schon damit anfängt, dass sie keine Frauen finden. Aber es kommt noch schlimmer: "Depression breitet sich aus. Mächtige Platzhirsche, deren Röhren die Brunftplätze der öffentlichen Meinung beherrschte, müssen aufs Altenteil. Und es ist schwer, Nachfolger zu finden. Früher träumte jeder aufgeweckte Knabe davon, einmal ein journalistisches Alphamännchen zu werden, dem, geblendet vom güldenen Strahlenkranz der Deutungsmacht, das Publikum huldigt. Jetzt ist der Traum- zum Albtraumberuf geworden. Die Berufskrankheiten nehmen immer mehr zu. Das beginnt bei Haarausfall und Neurodermitis und ist mit Dauerhalluzinationen und chronischer Verwirrtheit noch lange nicht ausgestanden."

Rainer Haubrich schreibt im Feuilleton zum hundertsten Geburtstag des Brasilia-Erbauer Oscar Niemeyer, der entgegen den "schmallippigen" Gropius und Mies van der Rohe für die "sinnliche Moderne" stand. In der Randspalte kommentiert Uta Baier zwei Berliner Personalien von Gewicht: Der Direktor der Staatlichen Museen Kassel, Michael Eissenhauer, soll den Posten als Generaldirektor in Berlin übernehmen, Udo Kittelmann die beiden Nationalgalerien übernehmen. Peter Dittmar gratuliert dem Maler Ed Ruscha zum Siebszigsten. Günter Agde hat bei einer Retrospektive im Berliner Arsenal Dokumentarfilme von Wolfgang Thierse aus den siebziger Jahren entdeckt. Alexander Cammann berichtet von einer Diskussion unter ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern zur legendären Rosa-Luxemburg-Demonstration von 1988.

Besprochen werden die Uraufführung von John Taveners Marien-Messe mit dem Berliner Rundfunkchor in Zürich, Ilija Trojanows Film "Vorwärts und nie vergessen", und A.N. Wilsons Kolportage-Roman "Winnie and Wolf" über Winifred Wagner und Adolf Hitler"

In der Literarischen Welt ist zum neunzigsten Geburtstags Heinrich Bölls seine Erzählung "Todesursache Hakennase" von 1947 zu lesen, die als einer der ersten Texte von Massakern der Wehrmacht an Juden erzählt. Im Editorial fragt Elmar Krekeler überhaupt: "Was tun mit Böll?" Auf der Meinungsseite ätzt Tilman Krause schon eindeutiger über dessen "Gebrauchsliteratur für das schlechte Gewissen".

TAZ, 15.12.2007

Die Kultur ist heute aus gutem Grund kleinteilig: Taz-AutorInnen schreiben über ihre Souvenirs aus 2007, die eindrücklichsten Kunsterlebnisse und -erzeugnisse des vergangenen Jahres. Für Tobias Rapp ist es Rainald Goetz' Vanity-Fair-Blog Klage: "Sich der Wirrheit der Eindrücke zu stellen und undiszipliniert Erfahrungen zu machen, um mit diesen dann äußerst diszipliniert zu argumentieren - so könnte man seit je das literarische Programm von Goetz umreißen (bei den meisten Autoren ist es ja andersherum). Und für dieses Projekt bildet das Blog, diese eigentümliche digitale Mischform aus Tagebuch und Tageszeitung, den passenden Ort. Es ist radikal privat und radikal öffentlich... Ob es kreischende Abiturientinnen auf der Friedrichstraße sind oder die 'Wallenstein'-Inszenierung ist: Jede Information bekommt ihre eigene Instantbegrifflichkeit." Außerdem abgefeiert werden unter anderem Alexander Kluge, Tocotronic und die US-Serie "Curb Your Enthusiasm".

Für die Meinungsseite hat sich Ulrich Gutmair mit dem italienischen Historiker Luciano Canfora unterhalten, der als Kritiker der westlichen Demokratien und auch mit seinen Hinweisen auf Stalins Verdienste nicht gerade unumstritten ist. Über sein Stalin-Bild sagt er im Interview nun, der Sowjet-Diktator sei "ein großer Revolutionär, ein großer Staatsmann und ein großer Verbrecher gewesen".

In der zweiten taz berichten Julia Rommel und Anke Lübbert über die Windparkpläne eines italienischen Industriekonzerns, die bei der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe stoßen. Klaus Uhrig informiert darüber, dass das deutsche Web 2.0-Erfolgsprojekt StudiVZ jetzt die Nutzerdaten zu Werbezwecken verwenden will. Gerüchten über ein uneheliches Kind Adolf Hitlers, das in England leben soll, geht Ralf Sotschek nach.

Im Dossier des taz mag gibt ein anonym bleibender Weihnachtsmarktverkäufer seinen Ärger über Glühweintrinker und andere Unannehmlichkeiten seines Geschäfts zu Protokoll: "Seit 1989 stehe ich hier. Wir haben einen guten Platz mitten auf einem traditionellen, gut besuchten Markt in einer Stadt im reichen Südwesten Deutschlands. An unserem Stand gibt es Kerzen, Duftöle, Keramikhäuschen und Räucherstäbchen. Zu Fünfundneunzig Prozent überflüssiges Zeug." Jan Feddersen denkt noch grundsätzlicher über Weihnachten nach. Susanne Lang war im Londoner Kaufhaus Harrods unterwegs.

Auf den Literaturseiten werden unter anderem Warlam Schalamows Erzählungen "Durch den Schnee" und Bücher über Hillary Clinton besprochen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 15.12.2007

In der SZ am Wochenende porträtiert Claudia Fromme die Ex-Chefin des MI5 und heutige Krimiautorin Stella Rimington. Für ihre Rolle als "M" in den James-Bond-Filmen habe Judi Dench das Original gründlich studiert: "Jedenfalls taucht sie als Auslandsspionagechefin mit dem gleichen Faconschnitt und kragenlosen Mantel auf, wie sie Dame Stella zu tragen pflegte. Und einem sehr scharfen Ton. Wenn sie James Bond als 'sexistischen Dinosaurier' anraunzt, soll das nicht allein der Phantasie der Drehbuchautoren entsprungen sein."

Weiteres: Tina Hüttl besucht den Couturier Uli Richter, dem gerade eine Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin gewidmet ist. Es gibt eine Erzählung von David Wagner. Und der Pianist Jewgenij Kissin spricht im Interview das definitive Urteil im Bechstein-Steinway-Streit: "Es geht nichts über einen Vorkriegs-Bechstein. Ein Bechstein singt! Ein moderner Flügel klingt vielleicht reiner, klarer, perfekter - aber er singt nicht." - "Was haben Sie für einen Flügel zu Hause?" - "Einen Steinway."

Zugreifen!, empfiehlt Tobias Lehmkuhl im Feuilleton bei den neuen Gedichten von Ulf Stolterfoht: "Diese Gedichte vereinen alles, was Traditionalisten moderner Lyrik gerne vorwerfen: Sie scheinen formlos, ihr Inhalt wirkt auf den ersten Blick absurd unverständlich. Ja, diese Gedichte sind ein Affront. Ein riesiger chaotischer Wortsalat: 'oberkünftig herles in der grand-/ iche ruchekitt schefft ein nille. der hauret link.'" So spricht man in Stuttgart, behauptet Lehmkuhl.

Weitere Artikel: Im Aufmacher resümiert Reinhard J. Brembeck die segensreichen Auswirkungen der Digitaltechnik für die klassische Musik, das gilt für Downloads ebenso wie für Fernsehübertragungen: "Nicht als Ersatz für die Oper, sondern als Anreiz zur Oper." Stefan Ulrich schildert die Reaktionen auf einen "Generalverriss Italiens" in der New York Times: "Bei allem Schmerz räumen italienische Kommentatoren jedoch ein: Die Kritik trifft zu." Jörg Königsdorf war beim Festival "Religio Musica Nova", einer "Biennale für spirituelle Neue Musik". In Griechenland wurde erstmals jemand wegen antisemitischer Äußerungen verurteilt, berichtet Eberhard Rondholz. Holger Liebs meldet die erfolgte Nachfolgeregelung für den Chef der Berliner Museen, Peter-Klaus Schuster: er wird beerbt von Michael Eissenhauer und Udo Kittelmann.Peter Burghard berichtet, wie Brasiliens Staatschef Luiz Inacio Lula da Silva dem Architekten Oskar Niemeyer zum Hundertsten gratulierte, und Jörg Häntzschel schreibt den Geburtstagsartikel. Florian Kessler schreibt zum Neunzigsten des Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke. Eva Karcher schreibt zum Siebzigsten des Künstlers Ed Ruscha.

Auf der Medienseite erklären Wolf Bauer und Thomas Friedl, wie sie mit ihrer neuen Produktionsfirma Ufa Cinema den kommerziellen deutschen Film verbessern wollen. Auf der Wissensseite meldet Helmut Martin-Jung eine drohende Konkurrenz für Wikipedia: Google, ausgerechnet, will mit Knol ein neues Lexikon schaffen.

Besprochen werden eine Schau zum 100. Geburtstag des Künstlers Rupprecht Geiger in Münchens Lenbachhaus, der Reisefilm "Lucie et maintenant", Bettina Bruiniers Inszenierung von Juli Zehs Roman "Schilf" am Münchner Volkstheater und Bücher, darunter Peter Sloterdijks Essay über den Kampf der drei Monotheismen "Gottes Eifer" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).