Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2007. In der Welt feiert Ayaan Hirsi Ali die Queen als Symbol des freiheitlichen Lebens. Walter Kempowski befragt den Tagesspiegel. In der taz erklärt Bekir Alboga von Ditib, er wolle eine offene Moschee in Köln. In der FAZ erklärt Broder, warum er den Börne-Preis verdient hat. In der Presse geißelt Andre Glucksmann das Verbrechen der Gleichgültigkeit. In der SZ macht Said einen Unterschied zwischen Iranern und obskurantistischen Mullahs.

Welt, 25.06.2007

Die ehemalige niederländische Politikerin, Publizistin und Koautorin an Theo van Goghs Film "Submission" Ayaan Hirsi Ali verlangt vom Westen, er solle von den Muslimen eine Entschuldigung für ihre Kritik am Rushdie-Ritterschlag verlangen: "Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka hat Recht: Der Westen macht einen fatalen Fehler, wenn er es den Kräften der Intoleranz überlässt, das Feld der Beleidigung zu besetzen. Der Westen muss die Stellung halten. Indem sie Salman Rushdie zum Ritter schlägt, ehrt die Queen die Freiheit des Gewissens und der Kunst, die der Westen liebt. Das macht sie statt zu einem Symbol verlorener königlicher Macht zu einem Symbol unseres freiheitlichen Lebens. Lang lebe die Königin!"

Weitere Artikel: Im Interview zeigt der polnische Schriftsteller Pawel Huelle Verständnis für die EU-Auftritte der ihm ansonsten wenig sympathischen Kaczynski-Zwillinge: "Die Haltung Polens hat ihren Grund, so würde ich es nennen, in der Pragmatik der kleinen und mittleren Länder." In einem weiteren Interview spricht Thomas Olbricht über seine Kunstsammlung in Essen. Michael Pilz denkt im Vorfeld von Lou Reeds Berliner Konzert, auf dem dieser sein 1973er Album "Berlin" nachspielen wird, über Berlin in der Rock- und Popmusik nach. Ernst Cramer erinnert an den Journalisten Hans Eberhard Friedrich, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Kathja Lütge erklärt vor dem Kinostart von "Stirb Langsam 4.0" die Bedeutung von Bruce Willis für das Action-Kino. Anneke Bokern weiß, warum sich die Wiedereröffnung des Amsterdamer Rijksmuseums weiter verzögert. Einen kurzen Nachruf auf den österreichischen Liedermacher Georg Danzer hat Ulrich Weinzierl verfasst. Auf der Forum-Seite wettert Georg Gafron (mehr) gegen die "Früchte des deutschen Feminismus", als da wären: "Kinderlosigkeit, Einsamkeit und Bitterkeit in weiten Teilen unserer Gesellschaft."

Besprochen werden eine Gastausstellung des Musee Picasso Antibes in Münster, Calixto Bieitos Inszenierung von Puccinis "Fanciulla" in Stuttgart und ein Auftritt der Chaplin-Enkel James und Aurelia Thierree als Akrobaten in Paris.

Tagesspiegel, 25.06.2007

Gerrit Bartels hat Walter Kempowski zu Hause in Nartum besucht und sich vom Schriftsteller ausfragen lassen. "Da zückt er sein Tagebuch und fragt seinerseits: nach den Reisen, die der Besucher unternommen hätte ('Wie ist das Essen in Chile? Hatten Sie die Scheißerei?'). Welches der letzte Deutschaufsatz in der Schule gewesen sei. Oder warum ausgerechnet Tischtennis eines Tages der Sport meiner Wahl geworden sei. Auf einmal ist er in seinem liebsten Element, notiert eifrig, erscheint wacher und kräftiger als zu Beginn des Gesprächs. Aufzeichnungen wie diese sollen in sein auf drei Bände angelegtes Befragungsprojekt 'Plankton' kommen. Als 'Ansammlung Tausender Erzählkristalle' bezeichnet er dieses Projekt, das vermutlich immer auch dem Zweck dient, das Leben hereinzuholen nach Nartum. Das einen Ausgleich schaffen soll dafür, nie viel gereist zu sein und umso mehr zu Hause gearbeitet und 'das Geld lieber in den Hausbau gesteckt zu haben'."
Stichwörter: Chile, Geld, Walter Kempowski, Sport

TAZ, 25.06.2007

Im Interview in der zweiten taz weiß Bekir Alboga, Dialogbeauftragter des islamischen Dachverbands Ditib, der in Köln eine Moschee bauen will, nicht genau, was er falsch gemacht hat. "Wir wollen eine offene Moschee, wie ich sie in Mannheim eingeführt habe. Wir stehen jeden Tag mit der deutschen Gesellschaft in Kontakt. Allein anlässlich des Kirchentages in Köln waren etwa 200 Kirchentagsbesucher beim Freitagsgebet im Gebetssaal, manche der Frauen fast nur im Bikini. Außerdem haben wir gerade eine Veranstaltung zur Situation der Frau im Islam gemacht und viele der deutschen Nachbarn sind gekommen."

Im Feuilleton versucht Isolde Charim zum Seelengrund von Ingeborg Bachmann hinabzutauchen, was sich als schwierig erweist. "Weder das Text-Ich noch das scheinbar souveräne Autoren-Ich können diese verlorenen Ich-Substanz, diese in sich ruhende Identität, wiederherstellen." Matthias Reichelt wandelt durch das kürzlich eröffnete Elisabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Brooklyn Museum of Art, das sich exklusiv der feministischen Kunst verschrieben hat. Kristin Becker fühlt sich durch die südamerikanischen Ensembles bei den Internationalen Schillertagen in Mannheim zwar unterhalten, aber nicht umgehauen. Christiane Rösinger gibt sich in ihrer Kolumne aus Kassel wetterfühlig. Eine Besprechung widmet sich dem neuen Album der britischen Band Art Brut "Its A Bit Complicated".

Und Tom.
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FR, 25.06.2007

Zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an den Publizisten Henryk M. Broder hält Judith von Sternburg nur ganz allgemein etwas feststellen. "Die in diesem Zusammenhang bereits zitierte Börne-Devise, dass im Dienste der Wahrheit nicht nur Geist, sondern auch Mut vonnöten ist, lässt sich allerdings auch umdrehen. Dies gilt etwa in einer Gesellschaft, in der glücklicherweise - o süße Freiheit, o schöne Lässigkeit - meistens eben nicht so furchtbar viel Mut nötig ist, die Wahrheit zu sagen (oder das, was man dafür hält, mehr haben die wenigsten von uns zu bieten). Schwieriger hingegen, als es einem klugen Kopf wie dem Frankfurter Börne erscheinen mochte, bleibt es, stets das erforderliche Maß an Geist zur Hand zu haben."

Weiteres: Christian Schlüter gibt die beim Auftakt der Frankfurter Römerberggespräche geäußerten Bedenken zum Thema "Abhören, Überwachen, Speichern" wieder. In einer times mager schwärmt Hans-Jürgen Linke von den kostenlosen Konzerten des Musiktrios "Welcome to the Monkey House", die ihre Gratismentalität auch theoretisch unterfüttern.

Besprochen werden Hasko Webers "mutlose" Inszenierung von Bertolt Brechts "Im Dickicht der Städte" in Stuttgart, David Hermans Version von Claudio Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" im Bockenheimer Depot, die Eröffnung des Rheingau Musik Festivals mit Mahlers dritter Sinfonie und Paavo Järvi sowie eine "solide schlüpfrige" Inszenierung von Choderlos de Laclos' "Gefährlichen Liebschaften" auf den Burgfestspielen in Bad Vilbel.

Presse, 25.06.2007

In Sachen Putin sieht Andre Glucksmann durchaus einige Parallelen zur anfänglichen Duldsamkeit des Westens gegenüber Hitler, "auch wenn Putin nicht Hitler ist. Als man Hermann Broch fragte, ob er alle Österreicher für Nazis halte, sagte er: Nein. Aber es gibt eine schlimmere Sünde: das Verbrechen der Gleichgültigkeit. Heute sind wir mittendrin. Der letzte Genozid des 20. Jahrhunderts war in Ruanda, in drei Monaten massakrierten die Hutu rund eine Million Tutsi, macht 10.000 pro Tag. Diesen Geschwindigkeitsrekord erreichten nicht einmal die Nazis. Ein kanadischer UNO-General flehte zu Kofi Annan: Schicken Sie 5000 gut bewaffnete Blauhelme, und ich stoppe den Genozid. Nichts geschah. Noch ein Beispiel, Hutu und Tutsi sind sehr religiös, katholisch: Hat die Kirche, die viel über die Shoah nachdenkt, über das Unsägliche nachgedacht, dass zum ersten Mal ein Genozid von Katholiken an Katholiken verübt wurde? Der Grad der Reflexion liegt bei null."

NZZ, 25.06.2007

Andrea Köhler reist durch den eher unspektakulären US-Bundesstaat New Jersey. Dazu gibt es ein kurzes Interview mit dem Schriftsteller Richard Ford, der erklärt, warum seine letzten Romane gerade dort spielen. "New Jersey der perfekte Platz für einen amerikanischen Roman ist, da es eine Geografie hat, die fast alle typischen amerikanischen Landschaften auf sich vereint: Es gibt Berge, die Küste, große Flüsse, Wälder, weite Ebenen mit Landwirtschaft, Wohngebieten und Industrie. Ein kompletter Kosmos. Nicht, dass man dasselbe nicht auch von anderen Gliedstaaten sagen könnte, aber zu dem Zeitpunkt schien es mir, dass niemand New Jersey so wahrnahm und ich da etwas tat, was noch keiner vor mir getan hatte."

Weitere Artikel: Georges Waser bilanziert die Ära Blair in kultureller Hinsicht mit den Worten des Observer: "Nothing stays cool for long."In der Serie "Die Zukunft von gestern" erläutert Ulrich M.Schmid Alexander Bogdanows utopische Visionen aus dem Roman "Der rote Stern". Marcus Stäbler stellt die neue Elbphilharmonie in Hamburg vor, deren Grundstein gerade gelegt wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Rauminstallationen junger Designer und Architekten im Vitra Design Museum, und eine Aufführung von Thomas Hürlimanns "Das Einsiedler Welttheater".

FAZ, 25.06.2007

Abgedruckt wird Henryk M. Broders (Homepage) Dankesrede zur Verleihung des - seiner Meinung nach völlig zu Recht an ihn vergebenen - Ludwig-Börne-Preises. "Ich sage das in aller Unbescheidenheit und im vollen Bewusstsein, dass es zum guten Ton und zum Ritual solcher Feiern gehört, sich verwundert und überrascht zu zeigen, dass es nicht einen anderen erwischt hat, einen, der es viel mehr verdient hätte. Sogar Kardinal Ratzinger hatte vor seiner Wahl zum Papst den Allmächtigen angefleht, er möge den Kelch an ihm vorbeigehen lassen. Nein, ich finde, Helmut Markwort hat die richtige Wahl getroffen." Auch abgedruckt wird in gekürzter Fassung die Lobrede Helmut Markworts, der in diesem Jahr für die Auswahl des Preisträgers verantwortlich war.

Julia Voss hat die russische Journalistin Elena Tregubowa, Autorin des Buchs "Mutanten im Kreml" (hier eine Leseprobe), in London getroffen. Wie auch die Witwe des Ex-Agenten Litwinenko (mehr hier) hält Tregubowa Putin und sein Umfeld für die Drahtzieher der politischen Morde der letzten Jahre. Auch ihr eigenes Leben hält sie für hoch gefährdet, das entnimmt sie nicht zuletzt Putins Verhalten: "Um Image gehe es Putin nicht, so Tregubowa. Der Mord an Politkowskaja, die abfällige Bemerkung, das alles, ist sie überzeugt, habe eine Botschaft. Die Nachricht dieser Sätze gelte den Dissidenten. Sie laute: 'Im Westen könnt ihr so berühmt wie Politkowskaja sein. Schützen wird euch das nicht.' Mit Litwinenkos Vergiftung sei die Aussage noch erweitert worden: 'Ihr werdet sterben wie die Hunde.'"

Weitere Artikel: Der Kunsthistoriker Werner Spies hat den Nachruf auf den Fotografen Bernd Becher verfasst, der im Verbund mit seiner Ehefrau Hilla Becher Weltruf genoss und auch als Lehrer berühmter Fotokünstler wie Andreas Gursky, Candida Höfer oder Thomas Struth immensen Einfluss hatte (Bilder). Ein weiterer Nachruf stammt von Andreas Gursky - er schreibt einen Brief an den Toten, als lebte er noch. In der Leitglosse macht sich Wolfgang Sandner über einen Kollegen lustig, der mit reichlicher Verspätung dem Aprilscherz aufsaß, der zeitlebens atonale Komponist Elliott Carter habe im zarten Alter von achtundneunzig Jahren doch noch zur Melodie gefunden. Martin Otto berichtet von einem Römerberggespräch, bei dem es um die Zukunft der Überwachung ging. Jordan Mejias informiert darüber, dass das im letzten Jahr gerade noch rechtzeitig eingestampfte degoutante Buch mit O.J. Simpsons nur fadenscheinig fiktionalisiertem Mordgeständnis jetzt im Internet aufgetaucht ist. Von nationalen und internationalen Protesten gegen das von Nicolas Sarkozys neu eingerichtete "Ministerium der Einwanderung und der nationalen Identität und der Integration" berichtet Jürg Altwegg. Zum Tod des österreichischen Liedermachers Georg Danzer schreibt Edo Reents.

Auf der letzten Seite feiert Sven Beckstette den Musiker Lewis Taylor, der sich nur leider letztes Jahr wegen Erfolglosigkeit in Rente begeben hat. Sandra Kegel weiß von einer Internet-Firma, die das Geschlecht Ungeborener schon nach sechs Schwangerschaftswochen bestimmen können will. Und Ingeborg Harms schickt einen langen Bericht über das Emirat Dubai, in dem hemmungslos gebaut wird, Großes vor allem, Teures natürlich und Hohes auch - und Rem Kohlhaas ist immer dabei.

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung von Puccinis "La Fanciulla del West" in Stuttgart und Bücher, darunter ein Buch des Philosophen Robert Spaemann über Gott und Neuausgaben von und Neues zu Alfred Döblin (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 25.06.2007

In einem Brief an Salman Rushdie will der Lyriker und Schriftsteller Said die Scharfmacher im Iran nicht als Iraner verstanden wissen. "bitte erinnere dich, lieber salman rushdie, dass sich schon damals viele iranische intellektuelle mit dir solidarisiert haben und das tun sie heute noch. sie tun es im geheimen, soweit sie in teheran leben, und offen, wenn sie wie ich im Exil sind. und wer dich in schutz nimmt, tut sich selbst einen gefallen, denn er verteidigt dabei seine eigene freiheit. und dieses andere iran darfst du nicht vergessen; darum bitte ich dich sehr herzlich. das land besteht ja nicht aus mördern und folterern. die iranische kultur leistet den hauptteil des widerstands gegen das obskurantentum der mullahs. gerade am letzten wochenende fand in teheran ein seminar über das werk des deutschen regisseurs rainer werner fassbinder statt, um nur ein beispiel zu nennen."

"Sehr spezielle, sehr prägnante Manifestationen der Pop-Art" entdeckt Manfred Schwarz im Kölner Museum Ludwig, in der Ausstellung mit Werken der ehemaligen Flower Power-Nonne Sister Corita. "Lässt sich nicht selbst im Wort 'Highway' ein Hinweis auf Höheres finden? Oder in den Reklame-Slogans von Pepsi-Cola, Del Monte und Sunkist? Man muss die Worte nur herauslösen, um Trost, Freude, Zuversicht zu finden: Things go better (with Coke)! Come alive (with the Pepsi-Generation)! Power Up! The best to you each morning! Have a nice day! Die Zeichensprache der Werbetafeln und Straßenschilder erscheint Sister Corita unwiderstehlich verlockend in ihrem bunten, fröhlichem Geschiller, schön und visuell aufregend. Sie entdeckt darin: 'zeitgenössische Übersetzungen der Psalmen'."

Weiteres: Jörg Häntzschel erfährt aus einem nun freigegebenen Bericht des Generalinspekteurs des amerikanischen Verteidigungsministeriums zu Guantanamo, dass die angewandten Foltermethoden aus dem Abhärtungsprogramm für die eigenen Soldaten stammen. Gerhard Matzig schreibt zum Tod des Fotografen Bernd Becher. Gutgelaunt kommt Franziska Augstein aus einem Vortrag in der Siemensstiftung zurück, bei dem Autor Peter von Matt sich für das Happy End verwendete. Fritz Göttler unterhält sich mit Regisseur Werner Herzog, der beim Münchner Filmfest mit einer Retrospektive geehrt wird. Regine Leitenstern kennt dank einer Augsburger Studie die beliebtesten Kosenamen der Deutschen: "Schatz", "Bär", "Maus", "Spatz" und "Hase". Andrian Kreye informiert, dass die vorzeitige Entlassung der Vollzeitprominenten Paris Hilton in den USA wegen der Verfügungsgewalt des Sheriffs durchaus rechtens ist. Auf der Literaturseite erkennt Helmut Böttiger auf der Berliner Weltklang-Nacht der Poesie, dass die Deutschen in Person von Michael Lentz schon wieder einen Sonderweg einschlagen.

Besprochen werden Hasko Webers "extrem unterspielte" Inszenierung von Bertolt Brechts "Im Dickicht der Städte" am Stuttgarter Schauspiel, eine Ausstellung zur Ordnung im Deutschen Literaturarchiv Marbach, ein Konzert des br-Symphonieorchesters unter Bertrand de Billy sowie ein Auftritt des Geigers Frank Peter Zimmermann in München, DVD-Veröffentlichungen mit Filmen von John Cassavetes und William Holden und Bücher, darunter Alexandra Senffts Biografie "Schweigen tut weh" der Familie des NS-Verbrechers Hanns Ludin.