Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.04.2007. Laut Zeit beginnt die Revolution bei der nächsten Documenta: Die Kunst ist wieder wer. Die Welt porträtiert den Pianisten, Dichter und Bodybuilder Tzimon Barto. Die taz schlendert über die Buchmesse von Abu Dhabi. In der SZ erklärt Reto M. Hilty vom Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, wie sich wissenschaftliche Verlage Copyrights für Veröffentlichungen öffentlicher Forschungsinstitute einräumen lassen und sie dann wieder an diese verkaufen.

Zeit, 12.04.2007

Viel preisgegeben haben die Macher der diesjährigen Documenta noch immer nicht, Hanno Rauterberg prophezeit trotzdem, dass in neun Wochen in Kassel eine Revolution stattfinden wird. Einer seiner sieben Gründe: "Kunst darf wieder Kunst sein. Die letzten beiden Documenta-Schauen waren eher Studierzimmer als Ausstellungen. Sie produzierten dickleibige Theoriebände und weckten in vielen Besuchern das mulmige Gefühl, sie müssten erst drei Semester lang poststrukturalistische Philosophie studieren, um der Gegenwartskunst überhaupt würdig zu sein. Roger Buergel und seine Frau Ruth Noack, die gemeinsam die Documenta 12 leiten, verzichten auf derlei Einschüchterungsgesten."

Wolfgang Büscher ist mit Peter Handke ins Kosovo gereist, wo der Dichter ein Preisgeld von 50.000 Euro an die serbische Enklave Velika Hoca verschenkte. Und natürlich wies Handke jeden Verdacht von sich, dem serbischen Nationalismus in die Hände zu spielen "Kosovo ist keine politische Idee. Es ist eine seelische Idee. Kosovo wird immer leben in den Herzen der südslawischen Völker."

Weitere Artikel: Der irische Schriftsteller Colum McCann schreibt zum Friedensschluss zwischen den einstigen nordirischen Hardlinern: "Der größte Augenblick in einem Krieg ist sein Ende." Der Soziologe Armin Nassehi erklärt die Rückkehr der Religion in die Gesellschaft. In der Serie zur Zukunft der Natur weist der Philosoph Martin Seel darauf hin, dass sich über Umweltschutz nicht reden lässt, ohne von Gerechtigkeit und Freiheit zu sprechen. In der Randglosse spießt Peter Kümmel die Pläne des KarstadtQuelle-Konzerns auf, sich künftig Arcandor zu nennen. Claudia Steinberg berichtet, dass das Los Angeles County Museum of Art Bau-Ikonen aufkauft, um sie vor den Abriss zu bewahren. Und Jörg Lau zitiert einige Iraner, die über Zack Snyders Thermopylenfilm "300" erbost sind: "Die Spartaner sind nicht die Partei der Freiheit und der Demokratie, sondern eine brutale Sklavenhaltergesellschaft. Wir Perser haben unsere Zwangsarbeiter immerhin bezahlt." Georg Diez berichtet, dass Hedi Slimane Dior verlässt. Offenbar hatte Dior ihm angeboten, ein eigenes Slimane-Label zu finanzieren, wollte aber im Gegenzug die Rechte an Slimanes Namen. Mehr über die Hintergründe bei frillr.com. Slimanes ganzes Genie sieht man in der letzten Kollektion für Dior Homme.

Besprochen werden die Mahler-Konzerte von Daniel Barenboim und Pierre Boulez in Berlin, Navid Kermanis von Stefan Otteni auf die Bühne gebrachten Erzählungen "Du sollst", die CD "The Reminder" der Songwriterin Leslie Feist, das Album "Handbuch für die Welt" der Fehlfarben, Adornos Rundfunkvorträge und Erik Saties Klavierwerke als moderner Klassiker.

Im Aufmacher des Literaturteils preist Andreas Maier den wunderbaren Erzähler Peter Kurzeck. Und im Leben stellt Bono klar, dass er keine singende Mutter Teresa ist.

FR, 12.04.2007

In der Kolume Times Mager kommentiert Ina Hartwig die fröhliche Osterreise von Peter Handke und Claus Peymann in eine serbische Enklave im Kosovo, sorgsam für die Zeit von Wolfgang Büscher protokolliert: "Peter Handke ist also wieder auf Reisen gegangen; das vom Berliner Ensemble gestiftete Preisgeld - 50.000 Euro - des alternativen Heinrich-Heine-Preises sollte jenem verarmten, entvölkerten serbischen Dorf zukommen nach Handkes Wunsch und Willen. Der echte Heine-Preis wurde ihm bekanntlich gegen die Entscheidung der Jury von Düsseldorfer Politikern verwehrt, weil diese an Handkes Auftritt auf der Beerdigung Slobodan Milosevic' Anstoß genommen hatten. Der einfühlsame Zeit-Reporter nennt Milosevic jetzt einen 'mutmaßlichen Kriegsverbrecher nach allgemeiner Ansicht im Westen'. Mutmaßlich hätte genügt."

Besprochen werden die Ausstellung "Black Paris" im Museum der Weltkulturen Frankfurt, eine Ausstellung über die Geschichte der Situationistischen Internationale im Basler Museum Tinguely, das neue Album der Fantastischen Vier, Bruno Dumonts Film "Twentynine Palms", Eitan Anners Coming-Of-Age-Film "Love & Dance" und Robert Altmans letzter Film "Last Radio Show" ("Jetzt wissen wir, dass auch abgefilmtes Radio großes Kino sein kann!" staunt Daniel Kothenschulte). Eine Buchbesprechung widmet sich Peter Kurzecks Roman "Oktober und wer wir selbst sind" (mehr in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).

TAZ, 12.04.2007

Mona Naggar hat die Buchmesse von Abu Dhabi besucht und stellt erstaunliche Veränderungen fest: "Die Verantwortlichen für die Buchmesse in Abu Dhabi haben im Vorfeld angekündigt, die Messe neu auszurichten. Sie soll arabischen und internationalen Verlegern eine Plattform zum Kennenlernen und ein Forum zum Austausch von Ideen und Erfahrungen bieten. Jumaa al-Kubaisi will keinen 'Bücherbasar' mehr abhalten, sondern die bestorganisierte Messe in der arabischen Welt verantworten. Um dieses Vorhaben umzusetzen, sind die Kulturfunktionäre aus Abu Dhabi eine Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse eingegangen."

Weiteres: Andreas Resch blättert in der jüngsten Ausgabe der Wiener Zeitschrift kolik.film. Auf der Meinungsseite antwortet der Psychologe und Initiator der Unterschriften-Liste Schalom5767, Rolf Verleger, auf Micha Brumliks Vorwurf, Israel-Kritik sei häufig antisemitisch gefärbt, selbst wenn sie von jüdischer Seite vorgetragen werde.

Besprochen werden Bruno Dumonts Film "Twentynine Palms" und Bille Augusts Biopic "Goodbye Bafana" über Nelson Mandela und seinen Gefängniswärter (Dietrich Kuhlbrodt wünscht missmutig "angenehme Rezeption"). Für seine Kolumne "Dvdesk" greift Ekkehard Knörer heute David Mamets Thriller "Spartan" heraus.

Und Tom.
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Welt, 12.04.2007

Kai Luehrs-Kaiser legt ein Porträt des seltsamen Pianisten Tzimon Barto vor, der gerade mit einer offensichtlich sehr bemerkenswerten Aufnahme von Maurice Ravels irre schwierigem "Gaspard de la Nuit" ein Comeback feiert und außerdem als Bodybuilder und Dichter brilliert: "Er besteht auf der Lizenz zum Verrücktsein. Sein auf 3367 Gedichte und Prosa-Segmente angelegter Literatur-Schinken 'The Stelae' (Tausende von Seiten umfassend) ist fast fertig. Nur für das Redigieren braucht er noch einige Jahrzehnte. Ein Teil wurde unter Sven-Eric Bechtolf 2005 dramatisiert. Barto plant, sein Gesamtkunstwerk auf seiner Ranch in Florida in Granitplatten eingravieren zu lassen. Das Grundstück überlässt er danach dem Staat."

Weitere Artikel: Michael Pilz bespricht die Ausstellung "Parteidiktatur und Alltag in der DDR" im Deutschen Historischen Museum. Rainer Haubrich unterhält sich mit Hartmut Dorgerloh von den Preußischen Schlössern und Gärten über den maroden Zustand mancher unter ihnen. Uwe Schmitt hat sich auf dem Theaterfestival von Louisville neue Stücke amerikanischer Dramatiker angesehen. Auf der Filmseite unterhält sich Hanns-Georg Rodek mit dem Schauspieler Dennis Haybert, der in dem Film "Goodbye Bafana" Nelson Mandela spielt. Besprochen werden auch Ulrike Frankes und Michael Loekens Dokumentarfilm "Losers and Winners" mehr hier) und Bruno Dumonts Film "29 Palms" (mehr hier).

NZZ, 12.04.2007

Tolle Arbeiten hat Samuel Herzog in der Ausstellung "Nouvelles du monde renverse" im Pariser Palais Tokyo gesehen. Zum Beispiel von Michel Blazy: "Auf einer Wand des Palais de Tokyo etwa hat Blazy mit Hilfe von Fertiggerichten ein zauberhaftes, fast orientalisch anmutendes Ornament geschaffen - auf einem anderen Mauerstück haben die Bakterien einer Erdbeerkonfitüre ein gigantisches Gemälde entstehen lassen, das an die psychografischen Abstraktionen der französischen Nachkriegskunst erinnert (Fautrier, Bissiere, Wols usw.). Und das Gelb von Blazys Sprossenpilz ist von einer Intensität, die sich mit Farbe wohl so nicht herstellen ließe - all dies hat oft mehr mit Malerei zu tun als mit demonstrativer Verwesung."

Weitere Artikel: Sieglinde Geisel war im Literarischen Colloquium Berlin, wo sich Übersetzerinnen und Übersetzer aus aller Welt zum Erfahrungsaustausch getroffen haben. Eine Rezension gibt es zu Patrick Devilles Buch über William Walker "Pura Vida" (siehe auch unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Filmseite unterhält sich Marli Feldvoss mit Regisseur Francois Ozon über seinen Film "Angel". Besprochen wird Basil Gelpkes und Ray McCormacks Dokumentarfilm "The Oil Crash".

SZ, 12.04.2007

Reto M. Hilty, Direktor des Max-Planck-Instituts für Geistiges Eigentum in München, warnt davor, das Urheberrecht nur in Bezug auf die Unterhaltungsindustrie zu reduzieren. Denn in anderer Hinsicht arte es inzwischen zu einem Instrument gegen die Wissenschaft aus. "Am Anfang dieses Prozesses stehen Wissenschaftseinrichtungen, die zu ganz wesentlichen Teilen aus Mitteln der öffentlichen Hand finanziert werden. Vermarktet werden die wissenschaftlichen Ergebnisse in einer traditionellen Arbeitsteilung dann aber von wissenschaftlichen Verlegern, welche dafür eine umfassende Einräumung der Urheberrechte an den einzelnen wissenschaftlichen Artikeln zur Bedingung machen. Die so erworbenen Urheberrechte machen die Verleger bei der Vermarktung freilich auch den Wissenschaftsorganisationen gegenüber geltend, indem diese die Information, welche notabene andere Wissenschaftsorganisationen generiert haben, ihrerseits von den Verlagen sozusagen zurückkaufen müssen - abermals unter Einsatz öffentlicher Mittel. Man kann hier von einer Privatisierung öffentlicher Mittel sprechen."

Andere Themen: Wolfgang Schreiber berichtet von einer soziologisch aufschlussreichen Musikaktion in Washington, wo der weltberühmte Geiger Joshua Bell seine Stradivari in der morgendlichen Rush-Hour kurz vor acht unerkannt in der Metrostation L'Enfant Plaza spielte und in 43 Minuten 32,17 Dollar einnahm. Jörg Häntzschel porträtiert die beiden jungen Iranerinnen Lisa Farjam und Negar Azimi und ihr New Yorker Kulturmagazin Bidoun. Anke Sterneborg hat mit dem Filmschauspieler Thomas Kretschmann gesprochen, der hierzulande gerade in Vivian Naefes Cornelia-Funke-Verfilmung "Die Wilden Hühner und die Liebe" zu sehen ist. Günter Kowa inspiziert die neu geordnete Willi-Sitte-Galerie in Merseburg. Ursula März schließlich macht sich auf die Suche nach der Botschaft des aktuellen Familienpalavers, dessen Sprache sich bei den "Organisationsdiskursen der Ökonomie und der Bürokratie" bedient und dadurch zu einer gewissen Stupidität tendiert.

Besprochen werden die Ausstellung "Il Simbolismo" im Palazzo dei Diamanti in Ferrara, die New-Crowned-Hope-Retrospektive im Münchner Filmmuseum, Quentin Tarantinos und Robert Rodriguez' Film "Grindhouse", Bille Augusts Mandela-Film "Goodbye Bafana" (dessen Apartheid-Schilderung Fritz Göttler besonders "fasziniert und verstört" hat), Tobi Baumanns Comedy "Vollidiot" mit Oliver Pocher, Meg Stuarts Tanzabend "Blessed" an der Berliner Volksbühne (für Arnd Wesemann "ein kleines Meisterwerk", aber "so trostlos, dass man es kaum aushält"), das "Big Brecht Fest", ein Abend mit vier Brecht-Produktionen am Londoner Young Vic Theatre, und Bücher, darunter Anna Mitgutschs Roman "Zwei Leben und ein Tag" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 12.04.2007

Nicht glücklich findet Patrick Bahners die jüngsten Auftritte des erneut gegen die "nervliche totale Überbelastung" von Frauen ins Feld ziehenden Augsburger Bischofs Walter Mixa. Dietmar Dath feiert die Neuauflage von Jorge Luis Borges' "Phantastischer Bibliothek". Über den Streit um die geforderte Umbenennung der Berliner Treitschkestraße - wegen Antisemitismus' des Historikers - informiert Martin Otto. In der Glosse kommentiert Thomas Wagner die aus seiner Sicht absurde Idee, künstlerische Aktionen zum G-8-Gipfel als Kunst am Bau finanzieren zu lassen. Den Nachruf auf den tschechischen Autor und Philosophen Egon Bondy hat Michael Hvorecky verfasst. Hingewiesen wird auf die im Internet nachzulesende redaktionelle Auswahl interessanter Bücher aus den Neuerscheinungen des Frühjahrs.

Für die letzte Seite hat Jochen Schimmang den Schriftstellerkollegen und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ("Sommer vorm Balkon") besucht, dessen Erzählband "Silvester mit Balzac" er zum "Allerbesten" zählt, "was in den letzten sechzig Jahren an Erzählungen in deutscher Sprache geschrieben wurde". Von den Wirren in Spanien, in die ein zur politischen Mäßigung eintretendes "Manifest der Intellektuellen" geraten ist, berichtet Paul Ingendaay. Andreas Rossmann porträtiert den in Kleve kleine Wunder wirkenden Museumsdirektor Guido de Werd.

Auf der Kino-Seite berichtet Rüdiger Suchsland über Geschichtsbewusstsein und frischen Wind im Hongkong-Kino. Der Regisseur Bruno Dumont - dessen heute startender Film "Twentynine Palms" auf den Feuilleton-Seiten rezensiert wird - spricht in einem kurzen Interview über geistesverwandte Künstler und seinen Autismus. Andreas Platthaus kommentiert die Tatsache, dass Mr. Bean im Ausland beliebter ist als in Großbritannien. Besprochen wird die Berliner Ausstellung zu Fassbinders "Berlin Alexanderplatz".

Besprochen werden ein Konzert der Scissor Sisters in München, eine Ausstellung über Beethoven-Denkmäler in aller Welt im Bonner Beethoven-Haus, eine Ausstellung zur "Schule von Barbizon" und früher Landschaftsfotografie im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum und ein Buch, Sascha Seilers Geschichte deutscher Pop-Literatur "Das einfache wahre Abschreiben der Welt" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).