Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.04.2007. Was wären die deutschen Zeitungen ohne die französischen Intellektuellen? In der taz glaubt Bernard-Henri Levy nicht, dass die islamistischen Terrorgruppen locker lassen werden. Der Tagesspiegel entlarvt Andre Glucksmann in knallharter Recherche als Renegaten, der einfach unter umgekehrten Vorzeichen weiter wütet. Die FR vermisst die Intellektuellen im französischen Wahlkampf trotzdem irgendwie. In der Berliner Zeitung warnt der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk vor eine Verharmlosung der Auseinandersetzung zwischen Blau und Orange in seinem Land.Und in einem Artikel für Project Syndicate bestreitet Francis Fukuyama, dass es einen universellen Wunsch gibt, in einer liberalen Gesellschaft zu leben.

NZZ, 13.04.2007

In Frankreich haben, wie Mark Zitzmann berichtet, die als "Deklinologen" bezeichneten Propheten des Niedergangs der Grande Nation Hochkonjunktur: "Titel wie 'Le Malheur français', 'Illusions gauloises', 'La France en faillite' und 'L'Agonie des elites, la France qui decroche' zeugen von der editorischen Attraktivität des 'declinisme'. Umfragen bestätigen die zunehmende Verbreitung eines von Zukunftspessimismus und Frustration getönten Unwohlseins, wenn nicht gar einer immer häufiger 'vorrevolutionär' genannten sozialen Unrast."

Weitere Artikel: In seinem Nachruf auf den Schriftsteller Kurt Vonnegut bedauert es Uwe Pralle, dass der Autor in Deutschland nicht zu den ganz Großen, sondern "allenfalls zu den Schrulligsten" seiner Zunft gezählt wurde. Bei ihrem "Blick in Zeitschriften" hat Sieglinde Geisel in "Sinn und Form" einiges zur Apokalypse gelesen. Auf der "Pop und Jazz"-Seite unternimmt Hanspeter Künzler anlässlich der neuen Alben von "Maximo Park" und den "Arctic Monkeys" eine wenig euphorische Tour d'Horizon durch die aktuelle britische Gitarrenrockszene. Eine Besprechung gibt es zu "Fornika", dem neuen Album der "Fantastischen Vier". Im "Dossier Medien" informiert "S.B." über den aktuellen Stand im "Katz-und-Maus-Spiel beim Kopierschutz".

Auf der Sachbuch-Seite werden das postum veröffentlichte "Russische Tagebuch" von Anna Politkowskaja und Awat Asadis Studie über den "Kurdistan-Irak-Konflikt" vorgestellt. Rezensionen gibt es außerdem zu neuen Hörbüchern von Gabriel Garcia Marquez bis Martin Suter (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden eine Ausstellung zum Grand-Hotel in der Literatur im Literaturhaus München, eine Londoner Ausstellung zu Design, Mode und Architektur der Surrealisten.

FR, 13.04.2007

Martina Meister weiß zu berichten, dass im französischen Präsidentschaftswahlkampf die Intellektuellen nicht mehr so sichtbar und hörbar sind wie bislang gewohnt: "Die VIPs des Showbusiness haben die alte Rolle des französischen Intellektuellen übernommen. Als habe das kurze Blitzlichtgewitter das Gewicht der Worte endgültig ersetzt. 'Wo sind die Intellektuellen geblieben?', fragte beunruhigt ein Leitartikler der katholischen Tageszeitung La Croix, der ihre Rolle als Wahlkampfpromis auf eine billige Statistenrolle zusammenschrumpfen sah."

Weitere Artikel: Sacha Verna fasst das Werk des jetzt verstorbenen Schriftstellers Kurt Vonnegut wie folgt zusammen: "Vonneguts Bücher handeln allesamt von der unerträglichen Seichtigkeit des Seins. Sie sind dem Thema entsprechend zum Totlachen. Das Universum? Ein Zufall. Der Mensch? Ein schlechter Scherz." Im Interview versucht Udo Samel zu erklären, warum der Komponist Alexander Zemlinsky, dessen Opern "Eine florentinische Tragödie" und "Der Zwerg" er gerade inszeniert, weithin vergessen ist. Sylvia Staude stellt die Pläne der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst vor. In "Times Mager" macht sich Hans-Jürgen Linke Sorgen um durcheinander geratene Bienenvölker. Auf der Medienseite informiert Rita Neubauer über den Öko-Trend in US-Medien.

Besprochen werden "Cassadaga", das neue Album von "Bright Eyes", neue Kunst auf der Frankfurter Kunstmesse "Fine Art Fair", die neu eröffnete Polarkreis-Dauerausstellung im Ledermuseum Frankfurt und eine Kasseler Inszenierung von Ron Hutchinsons Stück "Mondlicht und Magnolien".

TAZ, 13.04.2007

Im Interview mit Stefan Reinecke und Daniel Bax behandelt der französischen Philosoph Bernard-Henri Levy in gebotener Eile die drängendsten Probleme der Weltlage, sein neues Buch "American Vertigo", den europäischen Antiamerikanismus und den totalitären Islam. Für einen großen Fehler hält er den Glauben, dass sich islamistische Terrorgruppen wie die Hamas mäßigen, wenn sie an die Regierung kommen: "Es gibt aber auch terroristische Bewegungen, die nicht moderater geworden sind, nachdem sie einmal die Macht erlangt hatten. Die NSDAP in Deutschland war eine davon. Es gab in den Zwanzigerjahren sicher eine Menge Leute, die glaubten, dass sie sich an der Regierung mäßigen würde. Und was ist passiert? Wie können Sie als Deutsche so sicher sein, dass es besser läuft - mit diesem Vorbild?"

Im Feuilleton schreibt Falko Hennig den Nachruf auf Kurt Vonnegut: "Tatsache ist, dass sich Kurt Vonnegut in dieser Welt nicht sehr wohlfühlte". Julian Weber bespricht die neuen Alben von Marnie Stern und Panda Bear, die seiner Meinung nach vom Ende der Alternativkultur in der Lower Eastside zeugen.

Und Tom.
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Weitere Medien, 13.04.2007

In einem Artikel für das Project Syndicate prophezeit der amerikanische Theoretiker Francis Fukuyama, dass es noch eine ganze Zeit dauern wird, im Nahen und Mittleren Osten liberale Demokratien zu etablieren: "Natürlich ist der Wunsch, in einer modernen Gesellschaft, frei von Tyrannei zu leben universell oder beinahe universell... Das heißt allerdings noch nicht, dass es den universellen Wunsch gibt, in einer liberalen Gesellschaft zu leben - also einer politischen Ordnung, die sich durch individuelle Rechte und Rechtsstaatlichkeit auszeichnet. Der Wunsch, in einer liberalen Demokratie zu leben ist in Wirklichkeit etwas, das man mit der Zeit entwickelt und oftmals eine Begleiterscheinung erfolgreicher Modernisierung. Außerdem führt der Wunsch, in einer modernen liberalen Demokratie zu leben, nicht notwendigerweise zur Fähigkeit das auch zu tun. Die Bush-Administration ist bei ihren Plänen für den Irak nach Saddam wohl davon ausgegangen, dass sowohl Demokratie als auch Marktwirtschaft so etwas wie Standard-Bedingungen wären, zu denen eine Gesellschaft nach Eliminierung der Tyrannei zurückkehrt, und nicht um eine Reihe komplexer, voneinander abhängiger Institutionen, die in mühevoller Kleinarbeit im Lauf der Zeit aufgebaut werden müssen."
Stichwörter: Francis Fukuyama, Irak

Berliner Zeitung, 13.04.2007

Der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk wendet sich dagegen, die Geschehnisse in der Ukraine als bloßen Konflikt zwischen den beiden rivalisierenden Machthabern Viktor Juschtschenko und Viktor Janukowitsch zu betrachten. "Es wäre auch zu simpel, den Konflikt als bloße Rivalität zweier Oligarchenclans zu beschreiben - 'Millionäre' gegen 'Milliardäre', wie Beobachter während der Revolution scherzten - oder als regionale Spannung zwischen 'pro-russischem Osten' und 'pro-europäischem Westen'. Im Grunde spiegelt der Konflikt die Ergebnisse einer 'unabgeschlossenen Revolution' wider, die das Land nicht gründlich und umfassend entsowjetisiert hat - weder 1991, als die Ukraine unabhängig wurde, noch 2004, nach der orangenen Erhebung. Nun waren die Chancen für einen radikalen Wandel 1991 gering: die demokratischen Kräfte waren damals schwach, sie erhielten nur ein Drittel der Stimmen in Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Aber 2004 standen die Chancen gut. Es waren Ungeschicklichkeit, Schäbigkeit und Zwiste der orangenen Führer, die ihre Niederlage im Parlament 2006 und Janukowitschs Rückkehr brachten."

Welt, 13.04.2007

Uwe Wittstock schreibt zum Tod des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut. Sven Felix Kellerhoff resümiert eine juristische Auseinandersetzung zwischen Gregor Gysi und seinem ehemaligen SED-Genossen Wolfgang Berghofer um Äußerungen im Jahr 1989. Dankwart Guratzsch besucht ein altmodisch anmutendes Rathausensemble der Architekten Hofmann Syfuss Knaack in Gladbeck.

Besprochen werden eine an den Kurator Pontus Hulten erinnernde Ausstellung in Darmstadt, ein Konzert des Rappers Sido, die Ausstellung des Deutschen Auswandererhauses in Bremen und Andrea Rottloffs Buch über Lebensbilder von Frauen im alten Rom. Für die Magazinseite besucht Inga Griese - perfiderweise mit einer Gucci-Tasche bewaffnet - den neuen Laden für Herren-Maßanzüge des ehemaligen Gucci-Designers Tom Ford in New York.

FAZ, 13.04.2007

Der Papst hat als Privatmann ein Buch geschrieben, dessen Vorwort er mit dem privaten und dem päpstlichen Namen unterschreibt. Christian Geyer hat es gelesen und ist auf die Reaktion der Theologen gespannt. Ein Verdienst hat das Buch in seinen Augen aber auf jeden Fall: "Es belebt die Auseinandersetzung um die Substanz einer Weltreligion, reißt diese Weltreligion aus den Verflachungen eines sich bloß humanitär und ethisch begreifenden Projekts heraus. Der metaphysische Ernst von Religion erhält wieder einen Bezugspunkt. Das ist ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst dieses Buches."

Weitere Artikel: Naiv findet Dieter Bartetzko eine "CulturCooperation" genannte Inititiative, die dafür appelliert, die Nofretete-Büste zwischen Berlin und Kairo pendeln zu lassen. In der Glosse kommentiert Hubert Spiegel Dichterkult-Phänomene rund um Handke, Goethe, Schiller. Über die Lage nach dem Rücktritt des Leiters der Smithsonian Institution (Website) informiert Jordan Mejias. Im Gespräch verteidigt sich die Bestseller-Autorin Andrea Maria Schenkel ("Tannöd") gegen Plagiatsvorwürfe. Den Nachruf auf den Schriftsteller Kurt Vonnegut hat Paul Ingendaay verfasst. Auf der letzten Seite berichtet Julia Voss von der siebzehnjährigen Kakadu-Dame Pippa, die sich in den Kopf gesetzt hat, Schokoladeneier zu bebrüten. Wiebke Hüster interviewt den HipHop-Tänzer Niels "Storm" Robitzky.

Auf der Sachbuchseite finden sich Besprechungen zu Ulrich Fleckners Biografie des Autors und Kunsthistorikers Carl Einstein und Andreas Webers neuem Entwurf der Lebenswissenschaften mit dem Titel "Alles fühlt". Außerdem gibt es eine Rezension zum Briefwechsel zwischen Karl August Varnhagen von Ense und Johann Friedrich von Cotta (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden eine Berliner Ausstellung, die sich mit Berlin um 1800 befasst und eine Ausstellung mit Fotografien von Bernhard Fuchs im Museum Ludwig.

Tagesspiegel, 13.04.2007

Zu einer wahren Brandrede gegen den "Menschenrechtsfundamentalisten" Andre Glucksmann wächst sich Gregor Dotzauers Besprechung des Erinnerungsbuch "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens" aus: "Wer in den Spiegel autobiografischen Schreibens schaut, entdeckt darin nicht selten einen Fremden. Glucksmann aber findet im Wesentlichen den unabhängigen, ideologiefeindlichen Geist, der er immer schon gewesen zu sein meint. Die politische Kehrtwende zu Anfang der siebziger Jahre: eine Petitesse. Glucksmanns Zeit als KPF-Mitglied, bis ihn die Partei 1957 wegen seines Protests gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1957 ausschloss, wird nicht einmal erwähnt, die Monate als 'Anarchomaoist' im Anschluss an den Mai 1968 werden nur knapp referiert. Nichts scheint für einen politischen Renegaten wie ihn schlimmer zu sein, als wenn er sich eingestehen müsste, die einstige Mission nur unter umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen. Glucksmanns Denken und Empfinden, wie es dieses Buch dokumentiert, ist deshalb das Ergebnis einer doppelten, miteinander konkurrierenden Kontinuität: einer verschwiegenen und einer offenen, einer in den Untiefen des Gedächtnisses verschwundenen und einer literarisch hergestellten."
Stichwörter: Andre Glucksmann

SZ, 13.04.2007

Der Kunsthistoriker Beat Wyss will die Strategie des Louvre, sich für eine Dependance in Abu Dhabi eine Lizenzgebühr von einer Milliarde Euro zahlen zu lassen, nicht verdammen: "Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, warf dem Louvre vor, in Abu Dhabi das kulturelle Netz der großen Museen zu zerstören. Die französische Konkurrenz führe ihre Kultureinrichtung als Unternehmen, dessen Name vermarktet werde. Hand aufs Herz: Beschreibt diese Kritik an der Außenpolitik des Louvre nicht das tägliche Brot auch der deutschen Museen? Ist nicht der gutbürgerliche Kulturauftrag längst Infotainment geworden?"

Weitere Artikel: Der am Berliner Wissenschaftskolleg forschende Ethnologe Thomas Hauschild entschlüsselt die Terroranschläge in Algier als Erfolg einer neuen Zusammenarbeit zwischen Al Qaida und dem algerischen Terrornetzwerk GIA und sieht den Terror nun auch wieder auf Europa zukommen. Er schließt mit einer Mahnung an die europäische Öffentlichkeit aus Christen und Muslimen: "Nur ein solches seiner selbst bewusstes neues 'Wir' aus Immigranten und Eingeborenen, aus Christen, Muslimen und wahrhaft 'Ungläubigen' wird die richtigen Antworten auf die Fragen finden, die al-Qaida uns stellt." Jörg Häntzschel klickt auf den ganz neuen "Global Awareness"-Button bei Google Earth und bringt googlelogische Erwägungen über die Motivationen des größten Inhalteanbieters der Welt. Willi Winkler schreibt zum Tod von Kurt Vonnegut. Petra Steinberger kompiliert (sicher ohne ihn ersetzen zu wollen, aber wenigstens online hätte sie doch verlinken können, was wir hiermit tun) einen langen Artikel aus salon.com über den Hippieautor Carlos Castaneda, der später als Sektenguru dunkel waltete. Polen-Korrespondent Thomas Urban analysiert die neuen Auseinandersetzungen zwischen Blau und Orange in der Ukraine. Stefan Koldehoff meldet, dass ein in Zagreb entdeckter Van Gogh wahrscheinlich eine Fälschung ist. Auf der Literaturseite berichtet Jörg Magenau über ein vom Goethe-Institut Sofia organisiertes Treffen mit rumänischen und bulgarischen Autoren in Povdiv.

Besprochen werden eine CD der Band CocoRosie, der Film "Verführung einer Fremden" mit Halle Berry und Bruce Willis, Roland Schimmelpfennigs Dramatisierung von Don DeLillos Roman "Körperzeit" am Zürcher Theater am Neumarkt und Bücher, darunter der neue Roman "Verlassen" von Tahar Ben Jelloun.