Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2007. Trist ist die Steiermark! Der Standard berichtet über, zitiert aber nicht aus Elfriede Jelineks neuem Roman "Neid", dessen erstes Kapitel auf der Homepage der Nobelpreisträgerin nachzulesen ist. Die Berliner Zeitung interviewt A.L. Kennedy, die ebenfalls recht drastische Ansichten über ihr Heimatland kundtut. Endlos rieselt die Milch aus nährenden Brüsten in der NZZ, die nochmal Emile Zolas Roman "Fruchtbarkeit" gegen die sinkende französische Geburtenrate liest. Die taz spielt die J'accuse-Haltung gegen die Jakuzzi-Attitüde aus.

Standard, 07.04.2007

Zerknirscht und verspätet weisen wir auf Daniela Strigls interessanten Artikel aus der Samstagsausgabe über Elfriede Jelineks neuen Roman "Neid" hin, "das dritte ihrer Bücher (um bei dem Hilfsausdruck zu bleiben) zu den Sieben Todsünden". Jelinek experimentiert hier - unter anderem mit dem Internet, denn die ersten 63 Seiten des Buchs hat die Nobelpreisträgerin ins Netz gestellt. Strigl erläutert: "Es tut sich auf: eine Stadt wie Eisenerz, ein Berg wie der Erzberg, ein See wie der Grüne See, einmal mehr die Welt als Steiermark. Die heimelige Atmosphäre einer fast verlassenen Goldgräberstadt: Politisch ist der Bezirk immer noch rot, wirtschaftlich ist er tot. Es geht um das Überleben des Menschen in der arbeitslosen Zeit, auch der Berg wird abgebaut, anders als früher, aber ausgedient hat er nicht (Schaubergwerk!), selbst Tote versprechen Profit und: 'Gestorben wird immer' - E. J. sieht, so viel ist klar, 'Six Feet Under'."

Berliner Zeitung, 11.04.2007

Im Interview mit Sabine Rennefanz gibt die britische Autorin A.L Kennedy auch ein paar drastische politische Kommentare ab: "Wenn ich Großbritannien anschaue, fühle ich mich an die Nazizeit erinnert. Blair ist ein wahnhafter Kriegsverbrecher. Ich habe wenig Hoffnung, dass Brown besser ist. Wieder stigmatisieren wir eine einzelne religiöse Gruppe, diesmal die Muslime. Ein Teil der Gesellschaft wird zu Kriminellen abgestempelt. Das ärgert mich." Und so hat sie diese Informationen erhalten: "Ich habe aufgehört, Tageszeitungen zu lesen. Ein Onlinedienst schickt täglich eine Auswertung der wichtigsten Berichte, hauptsächlich aus amerikanischen Quellen."

TAZ, 11.04.2007

Angi Harrer-Vukorep unterhält sich mit dem Kunstkritiker und Frieze-Chefredakteur Jörg Heiser über sein Buch "Plötzlich diese Übersicht", das aktuelle Kunstgeschehen und die good und bad cops der Kunstkritik: "Also platt gesagt, gibt es kunsttypische Zuspitzungen, die man sicherlich auch aus anderen Kultursparten kennt, in denen es die Pose des entlarvenden Kritikers gibt, der dem kommerziellen Marktgeschehen die Maske entreißt. Das wäre die' J'accuse!'-Haltung. Das Gegenstück ist die 'Jakuzzi'-Haltung, der Kopfsprung mitten in das Getümmel und die Freude am glamourösen Anhäufen von Anerkennung, Geld und sonstigen Vergütungen."

Auf der Meinungsseite erkennt Ilija Trojanow, wie tief Bulgarien "im Sumpf der eigenen totalitären Vergangenheit" steckt: In die Kommission für die Archive der ehemaligen Staatssicherheit sollte der einstige Dissident und bekennende Anarchist Georgi Konstantinow berufen werden - bis herauskam, dass er Anfang 1953 ein Stalin-Denkmal in die Luft gesprengt hat. Seitdem gilt er als diffamiert! "Eine Kolumnistin der Zeitung Trud (so etwas wie die Bild-Zeitung Bulgariens), Valeria Velewa, empörte sich über den flegelhaften Vandalismus gegen das Denkmal von Stalin! Dass sie sich jemals über den 'flegelhaften' Massenmord durch die bulgarischen Schergen Stalins empört hätte, ist nicht überliefert."

Weiteres: Für einen "in vielerlei Hinsicht rühmlichen Abschied" hält Andreas Busche Robert Altmans letzten Film "Robert Altman's Last Radio Show". Besprochen wird außerdem der Bildband "NY JS DB 62" des Vogue-Fotografen David Bailey (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.
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Welt, 11.04.2007

Manuel Brug freut sich für das Los Angeles Philharmonic Orchestra, dass Gustavo Dudamel dort in zwei Jahren die Dirigentschaft übernehmen wird. Gerhard Gnauck berichtet, dass Polen mit der Filmsatire "Rys" endlich ein Ventil gefunden hat, angestaute Frustrationen loszuwerden. Eckhard Fuhr schreibt zum Achtzigsten des Journalisten Klaus Harpprecht.

Besprochen werden Robert Altmans' Film "Last Radio Show", die Ausstellung "Schätze der Liao" im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst, die Mahler-Festtage in Berlin mit Pierre Boulez und Daniel Barenboim in Berlin, und eine Geschichte des Hakenkreuzes von Lorenz Jäger.

NZZ, 11.04.2007

Der Philosoph Dieter Thomä weist in der Reihe "Die Vergangenheit der Zukunft" auf Emile Zolas heute vergessenen Roman "Fruchtbarkeit" hin, der auch damals schon grassierenden Diskussionen um eine sinkende Geburtenrate in Frankreich eine Utopie der Fruchtbarkeit entgegensetzte. Thomä zitiert: "'Die Milch rieselt endlos aus nährenden Brüsten, sie, der ewige Lebenssaft der Menschheit. Und dieser Milchstrom rollt das Leben durch die Adern der Welt, schwillt, und quillt über, endlos über die Jahrhunderte.' Der Schaum vor dem Mund, mit dem Zola seine Zeit kritisiert, ist also Milchschaum. - Seine Utopie ist bedenklich - und bedenkenswert. Von den chauvinistischen Tönen, von denen die bevölkerungspolitische Debatte in Frankreich im Vorlauf zum Ersten Weltkrieg strotzte, ist sein Buch weitgehend frei. Und doch zeichnet er nicht eigentlich das Bild einer Republik, angestimmt wird vielmehr eine Hymne auf den Patriarchen alten Schlages, der in einer dynastischen Ordnung als unbestrittene Autorität fungiert." Kommt uns bekannt vor!

In der Reihe "Klimafront" mit Schriftstellertexten zum Klimawandel schreibt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie aus ihrem Heimatdorf Abba: "Etwas ist mit dem Wetter und der Welt passiert, und ich kann es nicht fassen. Ich fühle mich hilflos, wenn ich darüber nachdenke. Ich stelle mir vor, dass es in Abba so heiß wird, dass keine Menschenseele mehr es dort aushält. Oder bilde ich mir diese Veränderung vielleicht nur ein, habe ich vielleicht zu viele Filmbilder von schmelzenden Gletschern und Eisbergen gesehen?"

Besprochen werden eine Ausstellung mit Bühnenkostümen Jean Paul Gaultiers im Pariser Musee de la mode, Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" in der Tonhalle Zürich, Ausstellungen Wolfgang Tillmans' und Raymond Pettibons in Hannover und Bücher, darunter Edward St Aubyns Roman "Schöne Verhältnisse" (mehr hier) und Christopher Clarks monumentaler Band "Preußen - Aufstieg und Niedergang 1600-1947" (mehr hier), den Chrisoph Jahr als "Meisterwerk methodisch reflektierter, analytisch genauso wie erzählerisch überzeugender Historiografie empfiehlt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 11.04.2007

Robert Kaltenbrunner schaut sich an, wie deutsche Architekten in Shanghai munter am Zukunftsentwurf der fernöstlichen Megacity mitwerkeln. "Nicht die real erlebbare 'deutsche' (oder englische, italienische etc.) Stadt ist der Bezugspunkt beziehungsweise Ursprung für alle weiteren Projektionen, sondern ein prinzipiell offenes, nicht in seiner Gänze zu bestimmendes, virtuelles Feld, in dem alle möglichen Bilder und Bedeutungen enthalten sind. Mit einem erfolgreichen Kulturtransfer hat das nichts zu tun."

In Times mager singt Sylvia Staude ein Loblied auf die Ineffizienz. Besprochen werden das Operndebüt des künftigen Leipziger Intendanten Sebastian Hartmann mit Vivaldis "Orlando furioso" an der Oper Magdeburg, eine Ausstellung mit Fotografien der tschechischen Künstlerin Jitka Hanzlova im Art Foyer der DZ Bank und Bücher, darunter zwei Familiengeschichten von Christina von Braun und Alexandra Senfft sowie die Studie "Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft" von Berthold Vogel (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 11.04.2007

Paul-Philip Hanske berichtet über eine bedrohte Art: den von seinem digitalen Kollegen namens Computerprogramm bedrohten leibhaftigen DJ. "Doch der Pop liebt seine Posen. Die Pose des DJs, der den Kopfhörer mit der Schulter einklemmt und die Platte auf dem Teller dreht, hat sich längst so eingeprägt, wie das breitbeinige Gehabe der Gitarristen im Zeitalter des Rock."

Weiteres: Sebastian Schoepp porträtiert den argentinischen Journalisten Roberto Herrscher und dessen Aufarbeitung seines Kriegseinsatzes auf den Malvinas alias Falklandinseln. Jürgen Berger besuchte die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic. Marc Peschke macht uns mit der polyphonen Musikszene Senegals bekannt. Tobias Moorstedt berichtet über den Filmemacher Arran de Moubray, der an "Aufmerksamkeitsjunkies aus der Fußgängerzone" Einzelbilder in seinen Filmen verkauft.

Besprochen werden Robert Altmans "Last Radio Show", eine Aufführung von Vivaldis lange verschollener Azteken- und Conquistadorenoper "Motezuma" in Lissabons Teatro Sao Carlos, das neue Album der "Fantastischen Vier", einige CDs, auf denen die sephardische Kultur wieder lebendig wird, Karin Henkels Inszenierung von Schnitzlers Drama "Komödie der Verführung" am Deutschen Schauspielhaus, eine Ausstellung über den deutsch-römischen Maler Franz Ludwig Catel im Casa di Goethe in Rom, die Ausstellung "Flipbooks" in Rennes, die beweist: Das Daumenkino lebt, und Bücher, darunter drei neue Bände der Jacob-Burkhard-Werkausgabe und ein Gedichtband des jiddischen Dichters Lajser Ajchenrand. (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 11.04.2007

Josph Hanimann zeichnet französische Wahlkampfdebatten um die nationale Identität nach. In der Glosse resümiert Lorenz Jäger einen Guardian-Artikel über die Geschichte des Lawrence Dennis, der als weißer Faschist berühmt wurde, obwohl er eine schwarze Mutter hatte. Katja Gelinsky kommentiert die von George W. Bush geäußerte Absicht, nicht nur die übliche Bibliothek, sondern auch einen Thinktank als Vermächtnis zu hinterlassen. Reiner Burger erklärt, dass die Absetzung Gerhard Besiers als Direktor des Hannah-Arendt-Instituts "überfällig" war. Auf den bedrohlichen Zustand des Neuen Palais in Potsdam macht Andreas Kilb aufmerksam. Oliver Jungen hat eine Münchner Tagung besucht, die sich mit dem Stauferkaiser Friedrich II. befasste. Den Nachruf auf den Comiczeichner Johnny Hart hat Patrick Bahners verfasst. Aus Frankreich meldet Jürg Altwegg, dass die Buchketten die kleinen Buchläden zu erdrücken drohen.

Auf der letzten Seite porträtiert Alexander Jürgs den japanischen Sportschuhhersteller Onitsuka Kihachiro, dessen Schuhe dreißig Jahre nach Einstellung der Produktion wieder in Mode gekommen sind. Irene Bazinger hat einen Rundgang durch die freie Theaterszene in Berlin unternommen. Jürg Altwegg informiert über das Aufblühen der Geschichtsschreibung in der Schweiz.

Besprochen werden Robert Altmans letzter Film, der in Deutschland den Titel "Robert Altman's Last Radio Show" trägt (Regisseur Dominik Graf schwärmt: "Es ist ein unglaublich schöner Abschluss für einen so großen Regisseur geworden."), eine Ausstellung des Hauszersägers Gordon Matta-Clark im New Yorker Whitney Museum, Meg Stuarts neue Choreografie "Blessed" und Bücher, Gisela Heidenreichs Realität und Fiktion verbindender Band "Sieben Jahre Ewigkeit" und Lucette ter Borgs Roman "Das Geschenk aus Berlin" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).