Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2007. Die NZZ meditiert über die moderne Dialektik von Opferkult und Opferschmähung. Literatur und Kunst widmet sich der globalen Migration, unter anderem mit Texten von Bora Cosic und Ugo Riccarelli. Die SZ stellt klar: Berlin ist hip und hässlich, aber Paris ist hip und schön. Die FR erinnert an den jüdischen Komödianten Fritz Grünbaum, das Vorbild für den Schauspieler Adolf Grünbaum in Dani Levys Film "Mein Führer". Die taz wundert sich über den kritischen Journalisten Ignacio Ramonet, der ein unkritisches Gespräch mit Fidel Castro führte. Für die FAZ mischt sich die Vogue-Autorin Esma Annemon Dil unter die Reichen und Schönen Beiruts. In der Welt staunt die rumänische Autorin Carmen Francesca Banciu über ihre Heimatstadt Bukarest. Außerdem fragt die Welt mit Jan Assmann: Wie antisemitisch war der Weihnachstitel des Spiegel?

NZZ, 13.01.2007

In der Beilage Literatur und Kunst beschreiben drei Schriftsteller die globale Migration im Mittelmeerraum. Der italienisch-albanische Schriftsteller Carmine Abate schickt eine Erzählung: "Man konnte die Flucht förmlich spüren, sie war so unaufhaltsam wie das wild gewordene Wasser nach einem Dammbruch. 'Die Berliner Mauer ist gefallen, fallen wird auch das Regime, das uns seit 45 Jahren massakriert, und ich werde aus Albanien abhauen', teilte der junge Gojari seinem Vater mit. Er konnte es nicht erwarten, bis sich endlich ein Spalt öffnete und er nach Italien auswandern konnte. 'In Tirana haben sie die Stalin-Statue mit einer Bombe gesprengt', sagte er enthusiastisch. 'In Kavaja gibt's einen Aufstand.' Der Vater hingegen versuchte, ihm die Realität vor Augen zu führen: Er erinnerte ihn an die brutalen Polizeiübergriffe und an die getöteten oder ins Gefängnis geworfenen jungen Leute; er wollte nicht, dass sein Sohn wegging. Wer das Risiko auf sich nahm, das Land illegal zu verlassen, dem drohte die Todesstrafe."

Der italienische Schriftsteller Ugo Riccarelli beschreibt die Abwehrreflexe gegen Immigranten, erinnert sich aber gut daran, wie einst die Sizilianer nach Kalifornien emigrieren wollten (und von geschäftstüchtigen Maltesern statt dessen nach Norditalien gebracht wurden). Der serbische Schriftsteller Bora Cosic erzählt, wie aus dem istrischen Städtchen Rovinj erst die Kroaten und dann die Italiener vertrieben wurden. Kurze Zeit entstand dort eine internationale Künstlerkolonie, "bevor wir alle von jenem Hurrikan der Geschichte im Jahr 1991 mitgerissen wurden".

Weiteres: Felix Philipp Ingold stellt Sowjetlyrik vor. Besprochen werden Bücher, darunter Joanna Olczak-Ronikiers polnische Saga "Im Garten der Erinnerung", Pal Zavadas Roman "Das Kissen der Jadwiga", Sergej Gandlewskis Roman über die russische Dissidentenszene "Warten auf Puschkin" und Wolfgang Ullrichs Untersuchung der Konsumkultur "Habenwollen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton macht sich Joachim Güntner Gedanken über die Opferkultur in Deutschland: Auf der einen Seite pflegten wir seit Jahrzehnten "eine Kultur der Anerkennung, die es gut mit Opfern meint. Frauen als Opfer männlicher Gewalt, Schwarze als Opfer von Rassisten, Schwule als Opfer von Homophoben, Nichtraucher als Opfer der Raucher - sie alle können, jedenfalls in der Beletage des moralischen Diskurses, auf Verständnis für ihre Nöte rechnen." Auf der anderen Seite sei das Opfer noch nie so verhöhnt worden wie heute - und das nicht nur von Rappern. "Die Beobachtung, dass der Begriff 'Opfer' zum Schimpfwort taugt, lässt sich ja in verschiedenen kulturellen Sphären machen. So üben zum Beispiel auch die linksradikalen Antideutschen und DDR-Nostalgiker aus dem Umfeld der Zeitung Jungle World hämische Distanz zur Opferkultur. Ihnen geht die Empathie gegen den Strich, welche den Toten des Luftkriegs rückblickend entgegengebracht wird, und die Trauer um das zerbombte Dresden quittieren sie höhnisch: 'Deutschland, du Opfer!'"

Weitere Artikel: Georges Waser hat mit großem Vergnügen Simon Winders Buch "The Man Who Saved Britain" gelesen, dass James Bond zum Retter aus der Malaise britischer Wirklichkeit in den fünfziger Jahren erklärt. Dirk Pilz überlegt, was Schaubühne und Volksbühne voneinander unterscheidet.

Tagesspiegel, 13.01.2007

Wunderbare Kritik von Andreas Schäfer zu Rene Polleschs "Tod eines Praktikanten" an der Volksbühne. Natürlich informiert er sich vorher ein bisschen:
"- Was, schreit der befreundete Polleschianer ungläubig ins Telefon. Deine letzte Inszenierung war 'Stadt als Beute'? Das ist doch Ewigkeiten her. Da hast du ja Polleschs phänomenale künstlerische Entwicklung verschlafen.
- Wird denn nicht mehr so viel geschrieen und über die 'neoliberale Scheiße' geflucht? (Doch der Freund hat nicht zugehört)
- Salzburg! Bruno Ganz! Tobias Moretti mit und ohne Schäferhund. Alles verpasst. 'Capuccetto Rosso' oder 'Telefavela'. Die Hinwendung zum Dialogischen in Phase drei. Oder: Sophie Rois als Florian Henckel von Donnersmarck! Kamin, Ledersessel, ein unbewegter Volker Spengler! Die subtile Koketterie mit Methoden des Boulevards bei gleichzeitiger Desavouierung des sogenannten Repräsentationstheaters in Phase vier..."

FR, 13.01.2007

Viktor Rotthaler erinnert an den jüdischen Komödianten Fritz Grünbaum, der eines der historischen Vorbilder für den gleichnachnamigen Schauspieler Adolf Grünbaum in Dani Levys Film "Mein Führer" sein dürfte. Der historische Grünbaum war berühmt als einer der Erfinder der sogenannten "Doppelconference": "Denn natürlich verbirgt sich hinter dem fast ausgelassenen, selbstverliebten Spiel von Helge Schneider und Ulrich Mühe die gute alte Doppelconference. Der eine spielt den 'Herren', der andere den 'Diener'. Wobei der 'Diener' den 'Herren' immer wieder schnell flachlegt. Irgendwie gefällt dieses Spiel einen Moment lang dem Führer so gut, dass er Speer gesteht: 'Der Jud tut gut'. Springtime for Hitler, also."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf den lange verkannten Filmemacher Georg Tressler ("Die Halbstarken"). Burkhard Brunn hat den Künstler Michael Reiter in seinem Frankfurter Atelier besucht. In ihrer "Plat du jour"-Kolumne berichtet Martina Meister von einer erfolgreichen Verpackungsaktion von Pariser Clochards.

Besprochen werden Rene Polleschs neues Stück "Tod eines Praktikanten" (Nikolaus Merck sieht eine Annäherung an sozialdemokratische Positionen) und lokale Kulturereignisse.
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Berliner Zeitung, 13.01.2007

Der Publizist Henryk M. Broder denkt im Interview über die Gründe für den islamischen Terrorismus nach. "Was sicher eine Rolle spielt, ist das Umfeld. Das Umfeld, welches so etwas billigt, gut findet und toleriert. 40 Prozent der Muslime in England möchten die Scharia (das islamische Recht, d. Red.) einführen, 25 Prozent fanden die Anschläge in London gerechtfertigt. Dieses Umfeld macht die Leute zwar noch nicht zu Terroristen. Aber das Verständnis, das den Terroristen entgegengebracht wird, ermutigt natürlich diejenigen, die Terroristen sind. Wie dann die Einzelverknüpfung funktioniert, warum der eine Terrorist wird und der andere nicht, das weiß ich nicht. Das weiß keiner."

TAZ, 13.01.2007

Dirk Knipphals preist zum Start der fünften und letzten Staffel die amerikanische Fernsehserie "Six Feet Under" als aktuelle Form des Familienromans - und vergleicht sie mit Thomas Manns "Buddenbrooks": "Auch 'Six Feet Under' endet an einem Tisch. Auch hier ist manches Familienmitglied inzwischen gestorben, nicht jede Beziehung hat gehalten, aber man sitzt zusammen und blickt in die Zukunft. Freundinnen sind dabei, die Familie ist also keine Kleinfamilie mehr. (...) 'Verfall einer Familie' heißen die 'Buddenbrooks' im Untertitel. 'Umbau einer Familie' könnte man den Familienroman namens 'Six Feet Under' untertiteln."

Weitere Artikel: Dorothea Hahn berichtet vom Streit, der in Frankreich um eine Dubaier Zweigstelle der großen Pariser Museen entbrannt ist. Im Interview auf der "Themen des Tages"-Seite warnt der "Eliteforscher" Michael Hartmann vor den negativen Seiten der Exzellenzinitiative: "Dieser Wettbewerb hat gravierende Folgen für die deutsche Hochschullandschaft, denn er schafft in den nächsten Jahren Unis erster und zweiter Klasse." Im Kommentar sieht Steffen Grimberg in der Absage Günther Jauchs an die ARD kein Problem.

Besprochen wird Rene Polleschs jüngster Streich "Tod eines Praktikanten" (Esther Slevogt beklagt "den dünnsten Abend seit Polleschgedenken").

Im Dossier des taz mag stellt Knut Henkel den kolumbianischen Modemacher Miguel Caballeros vor, der mit dem Verkauf schusssicherer Kleidung (Foto) gut verdient. Toni Keppeler stellt ein schrecklich braves Interview-Buch mit Fidel Castro vor, das in Kuba auch wegen zahlreicher Eingriffe Castros in den Text als dessen Vermächtnis begriffen wird - geführt hat die Interviews pikanterweise Ignacio Ramonet, Chefredakteur der taz-Beilage Le Monde Diplomatique. Im Interview äußert sich der Schriftsteller Joachim Helfer zu seiner Homosexualität, zu seiner Tochter und zur Debatte um das Buch "Die Verschwulung der Welt". Egbert Hörmann erinnert anlässlich des 50. Todestags an Humphrey Bogart.

Rezensionen gibt es unter anderem zu Alexander Kluges neuem Buch "Tür an Tür mit einem anderen Leben" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 13.01.2007

Die rumänische Autorin Carmen Francesca Banciu besucht für die Literarische Welt nach langer Zeit ihre Heimatstadt Bukarest, die sich ziemlich verändert hat: "Bucuresti ist ein Wespennest. Ein Bienenstock. Ein Schwarm. Es riecht nach Geld. Nach Profit. Nach Hoffnung. Es klimpert. Es schimmert. Es rauscht. Das Geldmachen ist zur Hauptbeschäftigung geworden. Zum Spiel. Zur Obsession. Die Augen leuchten beim Zählen der Scheine. Und bei dem Gedanken an die Möglichkeiten, es zu vermehren. Geld wird überall gewechselt. In den Malls. In den Banken. In den Wechselstuben, die die Stadt überwuchern. Bukarest ist zu klein für seinen Wohlstand. Die Stadt erstickt vor Menschen. Vor Autos. Ich muss mich mit dem Rollkoffer in den Straßenverkehr wagen. Der Bürgersteig ist von parkenden Autos besetzt. Der Verkehr ist ein Abenteuer. Die Straße zu überqueren ist eine Mutprobe. Fahrradfahren ist suizidal."

Außerdem in der Samstagsbeilage: Martin Ebel porträtiert die große Übersetzerin Swetlana Geier, die ihr zwanzigjähriges Dostojewski-Projekt abgeschlossen hat. Marko Martin bespricht Alexandre Jardins Roman "Hausgäste". Yasmina Reza schwärmt im Gespräch mit Peter Stephan Jungk über Helen Mirren in "The Queen" und staunt über Stephen Frears: "Mich hat überrascht, wie viel weniger provokativ Stephen Frears hier im Vergleich zu seinen sonstigen Arbeiten erscheint - ruhiger, korsettierter." Und Tilman Krause spricht Klartext über den Film "Verfolgt".

Im Feuilleton extemporiert Eckhard Fuhr über die Frage, warum Kamine wieder so beliebt werden. Dankwart Guratzsch freut sich über die Wiederherstellung des Dresdner Residenzschlosses. Hans-Günter Pflaum schreibt zum Tod des Filmregisseurs Georg Tressler. Anne Chaplet erinnert an Humphrey Bogart, der vor 50 Jahren gestorben ist. Beprochen wird unter anderm Ariane Monouchkines neues Stück "Les Ephemeres" in Paris.

Für welt.de interviewt Hannes Stein den Ägyptologen Jan Assmann, der sich heftigst gegen den Weihnachtstitel des Spiegel verwahrt, wo unter Berufung auf Assmann behauptet wurde, dass die Juden den Monotheimus von Ägyptern abgekupfert hätten, um ihn dann mit dem Schwert zu verbreiten. ""Völliger Unsinn. Erstens einmal: Was heißt hier Juden? Wir bewegen uns in der Spätbronzezeit, wo soll es denn da Juden gegeben haben? Im Pentateuch heißt der betroffene Personenkreis ja nie 'Juden' (...) Die Bezeichnung 'Juden', 'Jehudim', kommt zum ersten Mal im biblischen Buch Esther vor. Da sind wir in einer ganz anderen Welt und Epoche. Zweitens: Ich habe mich als Ägyptologe viel mit Echnaton und seiner Amarna-Religion beschäftigt, und ich sehe überhaupt keine Verbindung zwischen dieser Amarna-Religion und dem biblischen Monotheismus. Da geht es um grundverschiedene Dinge."

FAZ, 13.01.2007

Für Bilder und Zeiten hat sich die Vogue-Autorin Esma Annemon Dil unter die Reichen und Schönen Beiruts gemischt. "Zu welcher der achtzehn Splitterreligionen des Libanons man gehört, spielt beim Dating keine Rolle; alle müssen tricksen, um eine ganze Nacht miteinander verbringen zu können. 'Einerseits nervt diese Doppelmoral, andererseits belebt sie die Beziehung', sagt die Investmentbankerin, die heute Abend auf der Party auf einen Heiratsantrag von ihrem Freund hofft. Erst mal dreht sich aber alles um den Mann, der im Fernseher zu sehen ist. 'Ruhe', ruft jemand, 'der Hellseher!' ... Keine Böller an Silvester, 'unser Himmel war schon oft genug unter Beschuss', erklärt Mary, die den christlichen Maroniten angehört und mit Michel Aouns Hizbullah-Koalition sympathisiert. 'Achtung, sie ist eine von denen!', sagt Marc, der Druse, und zeigt in Richtung der Demonstranten in Downtown. Ein sunnitischer Computerspezialist schreit: 'Terroristin!' 'Du Arsch', erwidert Mary, dann küsst sie ihren Verlobten."

Jürg Altwegg wirft einen Blick in französische Zeitschriften, die sich anlässlich seines dreißigsten Todestages mit Mao auseinandersetzen. Einer der Kommentatoren war Philippe Sollers, der wie viele französische Intellektuelle früher Maoist war. Von Reue keine Spur, "Sollers gibt sich ironisch. 'Für eine fiebrige Generation war die Genesung vom Mao-Delirium problematisch. Nur wenige sind in das gute alte Haus der Linken zurückgekehrt. Einige dachten, sie könnten sich mit der Bekehrung von Mao zu Moses heilen. Oder von Mao zu Bush. Ich bin der Einzige, der sich von Mao zum Papst bekehrt hat. Jeder nach seinem Geschmack. In Auschwitz erschien gleichzeitig mit Benedikt XVI. ein Regenbogen am Himmel, ein Zeichen göttlicher Fügung. Wer außer mir hat ihn bemerkt?'"

Weitere Artikel: Nils Minkmar zeigt sich wider Willen beeindruckt vom Auftritt Wolf Biermanns in der Berliner Akademie der Künste anlässlich eines Erinnerungsabends für den verstorbenen Dichter Johannes Schenk. Für Lorenz Jäger ist die Entscheidung, den Leipziger Buchpreis an Gerd Koenen und Michail Ryklin zu verleihen, eine gute. In der Leitglosse fand baz. das Orkantief Franz um einiges aufregender als Rene Polleschs "Tod eines Praktikanten" im Berliner Prater. Falk Jaeger bewundert Torontos Terrence Donnelly Centre, das der deutsche Architekt Stefan Behnisch gebaut hat (und neben dem "der benachbarte Neubau der Pharmazeuten eines gewissen Lord Norman Foster recht alt aussieht"). Apl. schreibt zum Tod des amerikanischen Autors Robert Anton Wilson, edo. zum Tod des Regisseurs Georg Tressler. Auf der letzten Seite finden sich Meldungen der Auslandskorrespondenten des FAZ-Feuilletons.

In Bilder und Zeiten werden drei Schauspielerinnen als die zukünftigen Stars des neuen deutschen Films porträtiert: Hannah Herzsprung, Rike Schmid und Sandra Hüller. Niklas Maak probiert in Chicago mit Jeffrey Eugenides einen Cadillac DTS aus. Und Stephen Frears erklärt im Interview über seinen Film "The Queen": "Es wäre einfach, einen klassenbewussten Film über die Queen zu machen, diese absurd reiche Landbesitzerin. Aber das wollten wir nicht. Diesmal wollte ich brav bleiben." (Das war bestimmt viel schwieriger!)

Einer Meldung von Kerstin Holm entnehmen wir das Rezept für die neue Cocktail-Kreation des "glamourösen" Juristen Vitali Korsun: "Man nehme ein Tuch, wische damit den Alkohol auf, der im Verlauf der Nacht an der Bar verschüttet wurde, wringe es aus in ein Glas und leere dasselbe in einem Zug." Prost Neujahr!

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen und Plastiken von Pierre Klossowski im Kölner Museum Ludwig, Park Chan-wooks Film "Lady Vengeance" und Bücher, darunter die Urfassung von Mary Shelleys "Frankenstein" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite deutet Doris Achelwilm einen durch die Entscheidung, Downloads für die britischen Charts zu bewerten, ausgelösten Strukturwandel in der Musikindustrie an. Besprochen wird Carla Brunis CD "No Promises", Keith Jarretts "Carnegie Hall Concert", Knarf Rellöm Trinitys "Move Your Ass & Your Mind Will Follow" (die damit "in einer verqueren, postmodernen Referenzhölle" gelandet sind, meint Alexander Müller) und Transkriptionen von Leopold Stokowski nach Bach, Händel und Purcell mit Jose Serebrier.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Günter Eich vor:

"Briefstelle

Keins von den Büchern werd ich lesen.

Ich erinnere mich
an die strohumflochtenen Stümme,
an die ungebrannten Ziegeln in den Regalen.
Der Schmerz bleibt und die Bilder gehen.
..."

SZ, 13.01.2007

Paris oder Berlin? Das ist überhaupt keine Frage, meint Eckhart Nickel in der SZ am Wochenende. "Die Schriftsteller und Künstler aus aller Welt zieht es nach Berlin, wo immer noch das alte Baudelaire-Diktum gilt, dass das Schöne heutzutage bizarr (also hässlich) ist, interessant und schmutzig eben - Musik, Mode und Film gehen nach Paris, wo man sehr geschmackvoll und vor perfekten Fassaden seiner ungeregelten Arbeit nachgehen kann." Zu ihnen gehören hippe Leute wie Sofia Coppola und Jarvis Cocker: "Es ist nicht nur die Liebe, die beide in Frankreich hält. Es gibt eine überraschende Verwandtschaft des Landes mit dem Pop, die bislang wenig bedacht wurde: das zentrale Element der Fassade und des Spiels mit ihr."

Hans Leyendecker beschreibt die lächerlichen Seiten des Politjournalismus. Und konstatiert - Edmund Stoiber ist nur das jüngste Beispiel - einen Raum greifenden Machtverlust von Politik und Journalismus dank Internet: "Sturmreif geschossen wurde Stoiber - Bayern ist auch hier das Land von 'Laptop und Lederhose' - durch das Internet. Seit nunmehr einer kleinen Ewigkeit rasen seine Versprecher durch das Netz, für einen Landesfürsten ein Flurschaden, gegen den eine vermasselte Reform sich überaus harmlos ausmacht. Erst auf youtube.com wurde die Lichtgestalt Stoiber zu dem Clown, als der er jetzt dasteht." (Hier gibt's Stoiber bei Youtube.)

Im Feuilleton konstatiert Tobias Kniebe am Beispiel Mel Gibsons die Bereitschaft der amerikanischen Öffentlichkeit, die Sündenfälle ihrer Künstler zu verzeihen. Energiesparlampen könnten, wie Petra Steinberger feststellt, die Welt retten. Aber das Licht wäre so heimelig wie in einer Leichenhalle. Andrian Kreye kommentiert George W. Bushs angekündigtes Veto gegen ein neues Stammzellengesetz. Fritz Göttler erinnert anlässlich seines 50. Todestags an Humphrey Bogart. Jeanne Rubner stellt das erste deutsch-französische Schulbuch vor. Glossiert wird Steve Wynns versehentliche Perforation eines sogleich drastisch im Wert gesunkenen Picasso - der Milliardär ist aber zuversichtlich, die Wertverlusts-Differenz-Millionen von der Versicherung erstattet zu bekommen.

Besprochen werden Rene Polleschs neuester postdramatischer Streich "Tod eines Praktikanten" (Rückfall in bloße "Dissidenzposen", bedauert Peter Laudenbach), Gus van Sants Film "Last Days" über Kurt Cobain und eine Ausstellung mit den bösen Büsten des Franz-Xaver Messerschmidt in Frankfurt.

Auf der Literaturseite finden sich unter anderem Rezensionen zur Rainer G. Schmidts Prosaübersetzung von Herman Melvilles großem Versepos "Clarel" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Rest der Wochenendbeilage schreibt Harald Hordych über eine Reise in die schrumpfenden Städte Duisburg und Leipzig. Abgedruckt wird ein Auszug aus einer Erzählung des Autors Wolfgang Herrndorf, in deren Zentrum die - real existierende - "Zentrale Intelligenz Agentur" steht. Im Interview spricht der Regisseur Luc Besson über Kinder und erklärt, warum er keinen Computer hat.