Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2006. Der Kölner Stadtanzeiger bringt Jürgen Habermas' Petersberger Rede mit einer flammenden Verteidigung Europas gegen einen gemütlichen Neonationalismus und eine sozialdarwinistisch enthemmte Weltpolitik. Die Welt findet das neue Jüdische Zentrum in München abstrakt und unnahbar. In der NZZ kommentiert der irakische Autor Najem Wali das Todesurteil gegen Saddam Hussein. Im Tagesspiegel meint Elmar Weingarten: Für die Berliner Opern wird's sauschwer. Die Berliner Zeitung spekuliert über die Rolle der neuen Minderheitseigner im Suhrkamp Verlag. Die Zeit porträtiert den Beniner Künstler Romuald Hazoume.

FR, 09.11.2006

"Dies ist kein gewöhnlicher Todestag, sondern die Erinnerung an ein Verbrechen, und damit wohl nicht der allerglücklichste Anlass für eine Preisverleihung," erklärte Durs Grünbein vor einer Woche in Rom in Erinnerung an den Mord an Pasolini bei seiner Dankesrede für den Premio Internazionale di Poesia Pier Paolo Pasolini. "Die große Frage, die Pasolini aufgeworfen hat, lautet: Was heißt es, Dichter zu sein in einer posthumanistischen Welt? Es ist eine Frage, die weiter brennt und sich immer tiefer in jeden Einzelnen hineinfrisst. Was fängt man, vierzig Jahre später, mit einem Satz wie diesem an: 'Deshalb glaube ich, dass die einzig mögliche Reaktion auf die Ungerechtigkeit und Vulgarität der Welt heute die Verzweiflung ist - aber nur die individuelle, nicht-kodifizierte Verzweiflung'. Nicht-kodifiziert, das kann ja nur heißen: eine Verzweiflung, die in keinem Gottesdienst, keiner Therapie und erst recht bei keinem Parteitag abzuladen und zu bewältigen wäre. Die im Gegenteil an den genannten Verzweiflungsabladeplätzen immer noch wächst."

Weiteres: Harry Nutt hat mit Isabel Pfeiffer-Poensgen, der Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder über Probleme der Kunstrestitution gesprochen. Ruth Spietschka informiert über die Krise der geisteswissenschaftlichen Fachverlage. In der FR-Serie mit Fallgeschichten aus dem Alltag, die sich auf die Spur einer veränderten sozialen Wahrnehmung begeben, schreibt Elke Buhr über Kindertagesstätten und ihre Erzieher. In der Kolumne Times Mager berichtet Ina Hartwig Skurriles aus dem Redakteursalltag.

Besprochen werden Ridley Scotts Komödie "Ein gutes Jahr", Alfonso Cuarons gespenstische Neuauflage der Weihnachtsgeschichte "Children of Men" (der Michael Kohler unter die Haut gegangen ist) und Alberto Rodriguez' Studie über einen jungen Häftling auf Urlaub "7 Jungfrauen" (Daniel Kothenschulte staunt nicht schlecht, "dass ein eigentlich realistisches Sujet derart künstlerisch durchgeformt sein kann und tatsächlich niemals aufgesetzt erscheint - ein wenig wie einst bei Pasolini.")

TAZ, 09.11.2006

In der Reihe zur Rückkehr der Klassengesellschaft bemerkt Barbara Dribbusch auf der Meinungsseite, dass in Deutschland offenbar niemand Oberschicht sein will, stattdessen lieber Mittelstand oder gehobene Mittelschicht: "Oberschicht - das klingt ein bisschen zu sehr nach Privilegien aufgrund von Herkunft. Dass eine Debatte über diese Privilegien verweigert wird, macht diese Gesellschaft aber nicht durchlässiger."

Im Kulturteil konstatiert Cristina Nord einen vergleichbaren staatstragenden Kuschelfaktor bei der Premiere von Sönke Wortmannns Fußballnationaldoku "Deutschland. Ein Sommermärchen" am vergangenen Tag der Deutschen Einheit und der von Joseph Vilsmaiers und Dana Vavrovas Deportationsdramas "Der letzte Zug" am Jahrestag der Reichskristallnacht. In der Besprechung zu letzterem schreibt dann der sich als Expimpf outende Dietrich Kulhlbrodt: "Kunstgewerbe macht mich nicht unbedingt aggressiv, in Verbindung mit Auschwitz aber wohl doch."

Alexander Cammann setzt der Zeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik ein kleines publizistisches Denkmal, und Kolja Mensing setzt seine teilnehmenden Beobachtungen im Bremer Roland-Center fort und spricht heute mit der Center-Managerin.

Besprochen werden Alfonso Cuarons beunruhigender Film "Children of Men" Alberto Rodriguez Film "7 Jungfrauen", Ridley Scotts Winzerkomödie "Ein gutes Jahr" und eine Ausstellung im Ägyptischen Museum in Kairo über den preußischen Altertumsforscher Carl Richard Lepsius, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Ägyptologie in Deutschland begründete.

Et voila: Tom.

Berliner Zeitung, 09.11.2006

Der Suhrkamp-Verlag hat einen neuen Miteigentümer, berichtet Christian Esch. Der Hamburger Unternehmer Hans Barlach (ein Enkel des Bildhauers) hat zusammen mit Claus Grossner einen Minderheitenanteil am Verlag erworben. Ob und wie er im Verlag mitbestimmen wird, ist allerdings noch unklar. "Man wäre gern dabei, wenn die Hamburger und die Suhrkamp-Verlegerin aufeinander treffen: Hier die esoterisch interessierte, aber verlegerisch blasse Berkewicz, dort der Hamburger Galerist und Geschäftsmann, der zuvor bei der Hamburger Morgenpost und der Fernsehzeitschrift TV Today beteiligt war. Von dort ist es ein weiter Weg bis zum Brain Trust der Republik."

Außerdem wird gemeldet, dass nach dem MoMa nun das New Yorker Metropolitan Museum of Art in Berlin gastieren wird. Ingeborg Ruthe malt sich schon mal die Warteschlangen vor der Neuen Nationalgalerie aus.
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NZZ, 09.11.2006

Saddam Hussein gewinnt drei Jahre nach seinem Sturz wieder Sympathien, berichtet der irakische Schriftsteller Najem Wali. "Soviel man auch in der Geschichte des Landes suchen mag, man wird kaum etwas finden, was dem derzeitigen barbarischen Wüten gleichkäme. Oder ist es schon einmal vorgekommen, dass Kinderköpfe mit Schlagbohrern durchstoßen und die Leichname auf dem Müll Katzen und anderen Tieren zum Fraß vorgeworfen wurden? Die Iraker haben inzwischen ein derartiges Stadium der Verzweiflung erreicht, dass sie weder ihren neuen Politikern noch den wöchentlichen Ansprachen des US-Präsidenten an seine Nation mehr Glauben schenken. Es sollte daher niemanden überraschen, wenn manche Iraker die Flucht nach vorne antreten und sich in eine Illusion flüchten, die man eigentlich schon hinter sich gelassen zu haben glaubte."

Besprochen werden eine Ausstellung rund um Leonardo da Vincis "Madonna mit der Nelke" in der Münchner Alten Pinakothek, neue CDs von The Who ("Endless Wire") und Califone sowie Bücher, darunter ein Grundlagenwerk über die Gründerjahre des Schweizer Punk ("Hot Love Swiss Punk & Wave"), "Karl Barths Träume" von Autor Wolfgang Schildmann, ein Band mit Erzählungen und Essays aus dem Nachlass des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano und Philippe Bessons neuer Roman "Brüchige Tage" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 09.11.2006

Abstrakt und unnahbar findet Roland Pawlitschko das neue Jüdische Zentrum in München, das die Architekten Wandel Höfer Lorch aus zwei Solitärbauten errichtet haben: "Das als monolithischer Steinblock konzipierte Jüdische Museum und die aus zwei übereinander gesetzten Kuben bestehende Synagoge 'Ohel Jakob' (Zelt Jakobs). Deren zerklüfteter Felssockel und die darüber liegende filigrane Stahlkonstruktion sollen an die ältesten jüdischen Gebäude Tempel und Zelt erinnern. Eine außenliegende Hülle aus Bronzegewebe lässt das Zelt tagsüber mystisch in der Sonne glänzen und nachts geheimnisvoll leuchten - außerdem soll einfallendes Sonnenlicht damit gebrochen und das Innere der mit Libanon-Zedernholz verkleideten Synagoge in warmes Licht getaucht werden."

G. Charles Rump erzählt noch einmal vom boomenden Kunstmarkt und wie gut sich Kunst als Kapitalanlage nutzen lässt, was schon der Pensionsfonds der Britischen Eisenbahner wusste: "Von 1974 bis 1987 kaufte man Kunst, von 1987 bis 1997 verkaufte man sie (über Auktionen). Heraus kam eine Rendite von 11,8 Prozent pro Jahr über 23 Jahre. Berthold Seewaldt spekuliert, dass auch die Adelshäuser Baden und Wettin mit ihren anvisierten Verkäufen derzeit vor allem die Hausse des Kunstmarkts nutzen wollen.

Besprochen werden auf der Filmseite Alfonso Cuarons Endzeitthriller "Children of Men", ein Dokumentarfilm über den SS-Mann Erich Priebke und Ashim Ahluwalias Film über die nach Indien verlagerten Callcenter "John und Jane".

Auf dem Forum wird die Laudatio dokumentiert, die Jürgen Rüttgers auf Jürgen Habermas zur Verleihung des Staatspreises von NRW gehalten hat: "Seine Philosophie ist Freiheitsphilosophie. Freiheit braucht Philosophie."

Tagesspiegel, 09.11.2006

"Egal was kommt - es wird sauschwer für die Opernhäuser und besonders für Stiftungschef Michael Schindhelm", ist sich Elmar Weingarten, Kurator des Hauptstadtkulturfonds, sicher. Er springt dem Bedrohten bei und plädiert dafür, "den Bund mit etwa einem Drittel des jährlichen Etats als Träger in die Opernstiftung mit hineinzunehmen".
Stichwörter: Michael Schindhelm

SZ, 09.11.2006

Helmut Böttiger ist mit Ingo Schulze, Ilija Trojanow, Jakob Hein und Juli Zeh nach China gereist, wo sie die deutsche Gegenwartsliteratur bekannter machen wollten. Kurz zuvor hatte Jiao Er eine Ausgabe seiner einflussreichen Pekinger Zeitschrift Weltliteratur der "Jungen deutschen Literatur nach 89" gewidmet. "Es war diese Jahreszahl, die die Chinesen elektrisierte. Denn auch für China war 1989 ein Schicksalsjahr... Es gibt eine Zeit vor und eine Zeit nach 1989, und letztere ist vor allem dadurch charakterisiert, was offiziell 'Politik der Öffnung' heißt und den staatlich propagierten Kapitalismus meint, eine spezifisch chinesische Variante des 'Bereichert euch!' Da in der deutschen Delegation prononciert von einer neuen Generation die Rede war, die nach 1989 die Literatur geprägt habe, eine Literatur 'nach den Utopien', ergaben sich Parallelen. Der Germanist Huang Liaoyu sah in Ingo Schulzes 'Simplen Stories' über die Nachwendezeit im ostdeutschen Altenburg ähnliche Erfahrungen beschrieben, wie sie die Chinesen seit den neunziger Jahren machen: 'Als Chinese begrüße ich die Globalisierung. Als Marx-Leser bin ich ambivalent!'"

Am heutigen, symbolträchtigen 9. November wird die neue Müncher Synagoge, ein Bau des Saarbrücker Architekturbüros Wendel Hoefer Lorch, eingeweiht - für Salomon Korn, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und selbst Architekt, "eine überzeugende bauliche Metapher, in der die Hoffnung auf eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland in all seiner Widersprüchlichkeit angemessen aufgehoben bleibt." Die SZ veröffentlicht aus diesem Anlass heute außerdem eine 6-seitige Beilage.

Weiteres: Justizministerin Brigitte Zypries verteidigt im Gespräch mit Heribert Prantl ihr geplantes und schon viel kritisiertes neues Urheberrecht. Fritz Göttler hat mit Sven Nordqvist, dem Erfinder der Kinderbuch- und Trickfilmhelden Pettersson und Findus telefoniert, der ihm verriet, dass David Lynch zu seinen Lieblingsregisseuren zählt.

Besprochen werden Joseph Vilsmaiers und Dana Vavrovas Holocaust-Film "Der letzte Zug" ("penetrantes Einfühlungs- und Empathiekino", wie Fritz Göttler findet), Alberto Rodriguez' Film "7 Jungfrauen" (das Rainer Gansera als "realistisch-eindringliches Porträt" eines Jugendlichen auf Knasturlaub lobt), Ridley Scotts Komödie "Ein gutes Jahr" mit Russell Crowe, Didi Danquarts Film "Offset" mit Alexandra Maria Lara, Bernhard Studlars Theaterprojekt "Me and you and the EU-Kleine Grenzerfahrungen" am Hamburger Schauspielhaus, ein Daevid-Allen-Konzert in Amsterdam und Bücher, darunter Friedrich Wilhelm Grafs Monografie zu Geschichte und Gegenwart des Protestantismus (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 09.11.2006

Jonathan Littell hat wie erwartet für seinen Nazi-Skandal-Roman "Les bienveillantes" den Prix Goncourt bekommen, und Jürg Altwegg schildert noch einmal die höchst widersprüchlichen Reaktionen der französischen Öffentlichkeit auf dieses Buch: "Jorge Semprun hat das Buch .. als 'den Roman des beginnenden Jahrhunderts' begrüßt. Claude Lanzmann, der Regisseur des berühmten Dokumentarfilms 'Shoah', vertritt eine radikale Position: Diese Themenwahl sei nicht zulässig. Aber der Holocaustforscher Raul Hilberg hat mit Littell im Radio diskutiert. Der konservative Kulturkritiker Marc Fumaroli gestand, dass er 'ausgehungert' gewesen sei angesichts der üblichen Gegenwartsliteratur. Deshalb habe er die 'Bienveillantes' mit Heißhunger verschlungen."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann war dabei, als Jürgen Rüttgers den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen an Jürgen Habermas verlieh. Paul Ingendaay ist noch ganz atemlos über das Spektakel zweier wunderhübscher russischer Tennisspielerinnen, die in Madrid gegeneinander antraten. Jordan Mejias glossiert literarische Streitigkeiten am Rande der amerikanischen Kongresswahlen. Der Rechtsprofessor Christoph Mällers protestiert gegen die Praxis nachträglicher Sicherheitsverwahrung von Straftätern, die ihre Strafe schon abgesessen haben und den Richtern als Wiederholungstäter gelten. Christian Schwägerl schreibt zum Tod des Alterungsforschers Paul B. Baltes. Wolfgang Sandner würdigt seinen ebenfalls verstorbenen Musikkritikerkollegen Heinz Josef Herbort. Timo John begutachtet einen Bürobau der Architekten Wolfram Wöhr und Jörg Mieslinger (Architekturbüro wma) in Stuttgart. Michael Gassmann liest in Weimar wieder aufgetauchte Regieanweisungen Goethes zu einer "Zauberflöten"-Inszenierung.

Auf der Filmseite berichtet Hans-Jörg Rother über das Leipziger Dokumentarfilmfestival, und Verena Lueken erinnert an Louise Brooks, die in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Und Michael Althen schreibt über den rätselhaften Mord an der Schauspielerin Adrienne Shelley. Auf der Medienseite macht sich Michael Hanfeld Sorgen, dass ausgerechnet Silvio Berlusconi Pro 7 Sat 1 kaufen könnte. Marco Dettweiler schreibt über ein interessantes Urteil gegen den Internetdienstleister T-Online, der von einem Nutzer gezwungen wurde, seine IP-Nummer nicht mehr zu speichern. Und Nina Rehfeld berichtet über den Rücktritt des Chefredakteurs der Los Angeles Times, der sich weigerte, weiter Personal abzubauen.

Für die letzte Seite besuchte Gerhard R. Koch Leonard-Bernstein-Gedenkveranstaltungen an der Harvard University. Karol Sauerland zeichnet polnische Geschichtsdebatten über die schwierige Situation der Kaschuben während und nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Und Anna Loll porträtiert den sehr jungen Verleger und Herausgeber der Zeitschrift Belletristik Johannes Frank.

Besprochen werden eine Ausstellung mit venezianischen Zeichnungen von Tizian bis Tiepolo in Frankfurt, Joseph Vilsmaiers Film "Der letzte Zug" und ein Auftritt Juliette Lewis' mit ihrer Band in Frankfurt.

Zeit, 09.11.2006

Bartholomäus Grill besucht einen der international gefragtesten afrikanischen Künstler in dessen Heimat Benin. Wie alle seine afrikanischen Kollegen findet Romuald Hazoume (mehr und mehr) seine Kunden ausschließlich im Ausland. "Die reichen und korrupten Eliten Afrikas verschwenden ihr geraubtes Geld lieber für westliche Luxusgüter. Es gibt zwischen Dakar und Daressalam keinen Kunstmarkt, keine Kunstszene, keine Kunstkritik, und weil es an Galerien, Museen und Ausstellungsräumen fehlt, bleiben die Werke der einheimischen Künstler in der Region unsichtbar. Schon bei unserer ersten Begegnung im Jahre 1999 erzählte Hazoume von seiner Vision, ein richtiges Museum zu gründen. Das Problem war nur, dass sich für ein solches Projekt kein Mäzen findet. 'Kliniken, Aidsprogramme, Hungerhilfe, du kriegst für alles Geld, nur nicht für die Kunst.' Damals wurden die Beniner von rund 3000 humanitären Organisationen beglückt; die Menschen brauchen Brot, Bilder können sie nicht essen, hieß ihr Credo." (Braucht Afrika solche Helfer?)

Weiteres: Verleger Alexander Fest stellt fest, dass sein Vater die strittige Habermas-Anekdote über den verschluckten Zettel aus Krankheitsgründen nicht mehr korrigieren konnte. Thomas E. Schmidt hält die Verpflanzung des Berliner Kulturressorts in die Senatskanzlei von Klaus Wowereit für die Vorbereitung auf den kulturpolitischen Showdown mit dem Bund. Ira Mazzoni begeht Münchens neue Synagoge am Jakobsplatz, ein "Multifunktionsgigant", der seine benachbarten Bauten durch seine schiere Größe unfreiwillig dominiert. Christof Siemes unterhält sich mit dem Entertainer Hape Kerkeling über die Angst, sich als Reporter Horst Schlämmer mit dem Islam zu beschäftigen und seine Einsichten auf dem Jakobs-Pilgerweg: "Vor allem bin ich nicht ich. Verstehen Sie, was ich meine?"

Petra Reski sieht auch mit der neuen italienischen Linksregierung , die einen "Berlusconismus ohne Berlusconi" betreibe, keine Hoffnung für das verfallende Neapel. Die Rechtsanwältin Sabine Rudolph fordert angesichts des Rückgabedramas um Ernst Ludwig Kirchners "Straßenszene", dass der Herausgabeanspruch der Erben zumindest bei einer Enteignung während der NS-Zeit nicht verjähren sollte. Benjamin Meyer-Krahmer beobachtet auf Kunstmessen einen Drang zu immer aufwendigeren Präsentationen. Laut Michael Mönninger sind die Auszeichnungen für Jonathan Littell und seinen Roman "Les bienveillantes" der Beweis, dass selbst schwierige historische Stoffe Erfolg haben können. Claus Spahn schreibt zum Tod des Zeit-Musikredakteurs Heinz Josef Herbort.

Außerdem heute: eine Literaturbeilage und ein Musik-Spezial. Dort geht es unter anderem um Yusuf Islam alias Cat Stevens neues Album "An Other Cup" ("ein islamisches Pendant zum christlichen Gospel", staunt Thomas Gross), den jungen Blasmusiker Zach Condon und das Freiburger Barockorchester.

Besprochen werden Falk Richters Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" an der Berliner Schaubühne, Alfonso Cuarons Science-Fiction-Film "Children of Men", eine DVD-Kollektion mit Filmen von Gus van Sant sowie ein Auftritt der schwedischen Jazzcombo Esbjörn Svensson Trio.