Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2006. Die NZZ findet Klaus Wowereits Berliner Kulturmachtergreifung verheerend. Die Welt fragt: Würde so einer, wie einst der CDU-Kultursenator Peter Radunski, eine unbekannte Choreografin wie Sasha Waltz fördern? In der Berliner Zeitung und im Tagesspiegel sieht sich Opernstiftungschef Michael Schindhelm schon als nächstes Opfer der Kulturpersonalabschaffung. Die SZ sieht es ähnlich. In der taz fordert Emel Abidin-Algan das Kopftuch für Männer. Der Kölner Stadtanzeiger bringt eine ziemlich explosive Europa-Rede von Jürgen Habermas. Die FAZ kritisiert Auswüchse des Aufklärungsfundamentalismus in Nepal.

Welt, 08.11.2006

"Manche attestieren ihm etwas Straßenköterhaftes. Das ist aber durchaus freundlich gemeint. Gewitzt, schnell, robust, erdverbunden, aber immer die Nase witternd nach oben gestreckt." Manuel Brug sieht sich an, was Berlins Regierender Klaus Wowereit eigentlich für einen Kulturbegriff hat: "Würde so einer, wie einst der CDU-Kultursenator Peter Radunski, eine unbekannte Choreografin wie Sasha Waltz fördern? Heute tanzt sie in der Lindenoper, ist weltweit gefragt, hat in Berlin ihre eigene Kulturfabrik. Die Basiskultur, das Unbequeme, das Fragen Stellende hat Wowereit nämlich längst aus dem Blickwinkel verloren. Die Opernstiftung ist ihm höchstens Machtinstrument und Folterwerkzeug, inhaltlich scheint ihm vieles schnuppe."

Thomas Kielinger preist die große Velazquez-Ausstellung in der Londoner National Gallery: "Das Geheimnis von Velazquez und seinem Künstlertum wird im Nebeneinander der Etappen und ihrer Entfaltung sofort sinnfällig. Angestellt als Hofmaler seiner absolutistischen katholischen Majestät Philipp IV. bleibt Velazquez gegen alle Verführung durch Pomp und Prunk gefeit. Kein Propagandist von Habsburgs Größe wirft hier Porträt um Porträt auf die Leinwand, Velazquez bleibt immer der distanzierte Beobachter des Humanum, ob es sich um Spaniens Königshaus oder die Kanaille in den 'bodegones' handelt, seinen Genrebildern aus den städtischen Tavernen."

Weiteres: Peter Dittmar erwartet sich nicht viel vom Krisengipfel zur Raubkunst, zu dem Kulturstaatsminister Bernd Neumann geladen hat. Dafür sei die Materie inszwischen zu komplex. Herbert Kremp erinnert an den amerikanischen Journalisten Ben Hecht, der für die Chicago Daily News über die Revolution von 1918 berichtet (er hielt sie für einen Sturm im Wasserglas). Gabriela Walde wirft ein Schlaglicht auf das Berliner Museum für Ostasiatische Kunst. Besprochen werden Ridley Scotts Sentimental-Schinken "Ein gutes Jahr" und das neue Album der Lemonheads.

NZZ, 08.11.2006

In Berlin wird die Kultur vom Zugpferd zu Klaus Wowereits persönlichem Steckenpferd degradiert, klagt Claudia Schwartz. "In seiner Schnoddrigkeit merkt der Regierende Bürgermeister offensichtlich nicht, welch verheerendes Signal diese Entscheidung weit über Berlin hinaus aussendet. ... Die Kultur dürfte auch mit einem noch so kompetenten Vertreter in der Senatskanzlei in die Mühlen des machtpolitischen Gerangels geraten. Wowereits Kulturcoup ist dafür ein Beispiel, da er nicht zuletzt als persönlich motivierte Abrechnung des Bürgermeisters erscheint, der sich nun seines wenig profilierten PDS-Kultursenators Thomas Flierl entledigt."

Weiteres: In einem weiteren "Brief aus der Provinz" schreibt der Autor Martin R. Dean vom affenbevölkerten Felsen von Gibraltar. Barbara von Reibnitz wirft einen Blick in die erste Nummer der Zeitschrift für Politik, Theorie und Alltag "Polar".

Besprochen werden ein Konzert der NDR-Radiophilharmonie Hannover in der Zürcher Tonhalle, eine Holbein-Ausstellung in der Tate Britain und die Dauerausstellung im gerade eröffneten Weißenhofmuseum im Stuttgarter Haus Le Corbusier. Außerdem werden ausgiebig Bücher rezensiert, darunter eine Geschichte der Mischverfassung von Alois Riklin, Annette Pehnts Roman "Haus der Schildkröten" und Martin Stadlers Roman "Verteidigung" (mehr dazu wie immer ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 08.11.2006

Dem Chef der Berliner Opernstiftung Michael Schindhelm schwant im Interview mit Christine Lemke-Matwey und Rüdiger Schaper, dass er bald zum "Bauernopfer" des neuerdings für die Kulturpolitik verantwortlichen Regierenden Bürgermeisters werden wird: "Es geht in Berlin um handfeste politische Auseinandersetzungen, da spielt die Opernstiftung allenfalls eine metaphorische Rolle. Schon vor einem Jahr haben führende SPD-Politiker erklärt, dass der desaströse bauliche Zustand der Staatsoper keineswegs nur von Nachteil sei, sondern vielmehr ein willkommenes Symbol darstelle für die Armut der Stadt Berlin. Diejenigen, die Ansprüche an den Bund erheben, haben ein vitales Interesse an solchen Symbolen. Das Karlsruher Urteil hat diese Lage nicht eben entspannt. Man meint das Ganze, man meint den Bund - und wickelt den Konflikt, verkürzt gesagt, über die Staatsoper ab."
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Stichwörter: Berlin, Michael Schindhelm

TAZ, 08.11.2006

Emel Abidin-Algan (mehr), Tochter des Gründers der deutschen Milli-Görüs-Sektion, hat mit 44 Jahren das Kopftuch abgelegt und es dem Bonner Haus der Geschichte vermacht. Auf den Tagesthemenseiten erklärt sie ihre Gründe. "Was ist das für ein Verständnis von einem Schöpfer, der nur von der Frau die Uniformierung verlangt, mit der sie ihre Entscheidung zum Islam bewusst demonstriert? Wie sieht es denn mit einer Kennzeichnungspflicht für Männer aus? Der Glaube, die Religion bestünde aus angeblichen Gottesgesetzen und indiskutablen religiösen Pflichten, die nicht in Frage gestellt werden dürften, statt aus göttlichen Empfehlungen und Weisheiten - er blockiert die offene Kommunikation mit anders denkenden Menschen und die Bereitschaft, über den Sinn der Dinge, die man tut, noch einmal nachzudenken."

Im Kulturteil kommentiert Rolf Lautenschläger die Berliner Entscheidung, den Kultursenator abzuschaffen: "Kulturpolitik zählt ab sofort zu den Chefsachen und wird vom Roten Rathaus aus, als Anhängsel der Senatskanzlei, gestaltet - soweit von Gestalten überhaupt die Rede sein kann. Denn mit Andre Schmitz, Leiter der Rathauskanzlei, der im Rang eines Staatssekretärs künftig die Kulturgeschäfte verrichten soll, kommt kein Gegengewicht ins Amt. Er wird Wowereits Vorlagen gehorsamst bedienen."

Weiteres: Gregor Kessler porträtiert die amerikanische Sängerin und Harfenistin Joanna Newsom (Video), die gerade ihr neues Album "Ys" herausgebracht hat: "Etwas Besseres wird es diese Saison nicht mehr geben." In tazzwei schreibt Dorothea Hahn über den immensen Erfolg von Jonathan Littells Roman "Les Bienveillantes". Und Peter Nowak berichtet von einem Internetuser, der vor Gericht vom Provider erfolgreich die Löschung seiner Verbindungsdaten erstritt. Allerdings könnte dieser Erfolg bald hinfällig werden: "Denn eine EU-Richtlinie will die Speicherung sämtlicher Telekommunikationsdaten von Internet, Festnetz und Handy obligatorisch machen. Sie sollen ausdrücklich Strafverfolgungsbehörden für ihre Ermittlungen zur Verfügung gestellt werden können."

Besprochen werden die Aufführung von "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band" durch das Rimini Protokoll am Düsseldorfer Schauspielhaus und ein Konzert von George Michael in Berlin.

Schließlich Tom.

SZ, 08.11.2006

Die Angliederung des Kulturressorts an die Senatskanzlei in Berlin macht Jens Bisky keine Angst. Solcherlei Umstrukturierungen hätten sich in anderen Bundesländern nicht negativ ausgewirkt. Sorgenfalten verursacht eher der Regierende Bürgermeister selbst. "Wowereits Äußerungen zur Kultur nähren seit Jahren den Wunsch nach größtmöglicher Ferne zwischen dem Regierenden Bürgermeister und den Kultureinrichtungen der Stadt. Nach der Abschaffung des Kultursenators hat er eine Art Putsch angekündigt. Deren Opfer dürfte die Opernstiftung werden, die wichtigste, umstrittenste und fragilste Errungenschaft der Ära Flierl. Wowereit war nie ein Freund dieser Konstruktion, die Flierl und Christina Weiss gegen den Willen des Berliner Provinzpersonals durchgesetzt hatten. Diese Niederlage soll nun offenkundig korrigiert werden, als sei Genuss der Macht wichtiger denn die Logik der Sache." Im Interview hat der Leiter der Opernstiftung, Michael Schindhelm, nicht den Eindruck, "dass eine offene und kooperative Beziehung zwischen dem Kultursenator und mir besteht".

Weiteres: Der Komponist Bernhard Lang, der Gilles Deleuze als einen seiner Haupteinflüsse angibt, spricht mit Gerhard Persche über seine zweite Oper "I hate Mozart", die heute im Theater an der Wien uraufgeführt wird. Christopher Schmidt registriert in den Medien einen "regressiven Schub" hin zu mittelalterlichen bis biblischen Begriffen wie "Pranger" oder "Gier". Günter Beyer referiert eine Podiumsdiskussion über den Nutzen der Zuwanderung in der Evangelischen Akademie Loccum. Johannes Willms würdigt den gestern gestorbenen französischen Publizisten Jean-Jacques Servan-Schreiber. Auf der Medienseite wägt Stefan Ullrich die Chancen von Berlusconis Firma Mediaset ab, die Mehrheit bei ProSieben Sat.1 zu erlangen.

Besprochen werden die Ausstellung "Picasso und das Theater" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, Thirza Brunckens "brachiale" "Faust"-Collage in Dortmund, ein Konzert des norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes mit dem London Symphony Orchestara in München (der ruhige Andesnes liebt das "Schweigen des zufriedenen Elchs", weiß Helmut Mauro), Alfonso Cuarans "grandioser melancholischer" Science-Fiction-Film "Children of Men" (garniert mit einem Interview), und Bücher, darunter der Band "Die Herren der Schöpfung" mit Bildern des vor zwei Jahren gestorbenen Zeichners Bernd Pfarr und Andreas Urs Sommers Darstellung der Geschichtsphilosophie in der Aufklärung (mehr in unserer aktuellen Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 08.11.2006

Auch in der Berliner Zeitung gibt es ein Interview mit dem Direktor der Berliner Opernstiftung Michael Schindhelm. Dort erfahren wir, dass Schindhelm - dem Wowereit gerade gönnerhaft durch die Medien hat mitteilen lassen: "Wenn er seine Aufgabe gut macht, kann er bleiben" - schon längst ein Konzept für die Opernstiftung vorgelegt hat: "Dem Kultursenator wie auch Andre Schmitz als Leiter der Senatskanzlei ist das Konzept in wesentlichen Zügen vertraut. Vom Stiftungsrat war ich beauftragt, das Konzept erst vorzustellen, wenn der neue Kultursenator gewählt ist. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich im Sommer schon sagen können, wie sich die Probleme beheben lassen. Das hat allein die politische Situation verhindert. Vom künftigen Kultursenator lasse ich mir hier nicht den Schwarzen Peter zuschieben."

Kölner Stadtanzeiger, 08.11.2006

Jürgen Habermas hat auf dem Petersberg bei Bonn eine Rede über den stockenden europäischen Prozess gehalten, die es ziemlich in sich hat. Hier ein Stück aus dem Anfang, dokumentiert im Kölner Stadtanzeiger: "Das Europa-Thema ist entwertet, man beschäftigt sich lieber mit der nationalen Agenda. Bei uns umarmen sich in den Talkshows Großväter und Enkel in der Rührung über den neuen Wohlfühlpatriotismus. Die Gewissheit heiler nationaler Wurzeln soll eine wohlfahrtsstaatlich verweichlichte Bevölkerung für den globalen Weltkampf 'zukunftsfähig' machen. Diese Rhetorik passt zum gegenwärtigen Zustand einer sozialdarwinistisch enthemmten Weltpolitik." Mehr zum Anlass der Rede hier.

FR, 08.11.2006

"Die Berliner Kultur wird sich von einem wie Wowereit nicht aus dem Konzept bringen lassen", beruhigt Peter Michalzik und sieht denn auch gar nicht in der Degradierung der Kulturpolitik das Problem an der Abschaffung des Berliner Kultursenators: "Für Wowereit ist Kultur vor allem eine finanzielle Frage. Das offenbart zwar einen fragwürdigen Kulturbegriff, ist aber politisch durchaus verständlich. Das drängendste Problem der Berliner Kulturpolitik, die Opernstiftung mit den drei Berliner Opern, ist im Moment nicht anders als finanzpolitisch zu lösen. Wowereits Linie ist seit längerem klar: Er will die Staatsoper Unter den Linden an den Bund loswerden. Wie bei den Haushaltsproblemen sucht er den Ausweg beim großen Bruder. Dafür wird er jetzt das gesamte Gewicht seines Amtes und die gewachsene bundespolitische Bedeutung der Berliner SPD in die Waagschale werfen. Ob das ausreichen wird, die Widerstände und verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten zu überwinden, ist zweifelhaft. Ausgeschlossen ist es aber nicht."

Harry Nutt sammelt ungläubige bis entgeisterte Reaktionen auf Wowereits Entscheidung, sich nicht mehr von einem Kultursenator behelligen zu lassen, zum Beispiel von Adrienne Göhler: "Kultur muss auch die Hand beißen, die sie nährt".

Weiteres: Geradezu entsetzt zeigt sich Daniel Kothenschulte von Artur Brauners neuer Produktion, der von Joseph Vilsmaier verfilmten Geschichte "Der letzte Zug" über einen Transport jüdischer Häftlinge nach Auschwitz. "Kitsch mit dem Entsetzen ist unzumutbar." In Times mager knüpft sich Christian Thomas die Pläne der EZB für einen neuen Hauptsitz in Frankfurt vor.

Besprochen werden eine Ausstellung venezianische Zeichenkunst im Frankfurter Städel, ein Konzert des Frankfurter Museumsorchesters und ein Kabarettabend des Niederländers Hans Liberg.

FAZ, 08.11.2006

Kerstin Holm wurde von der FAZ eine Reise nach Kasachstan spendiert, wo ihr auch humorvolle offizielle Reaktionen auf den Film "Borat" begegneten. Im Interview mit Heinrich Wefing kündigt Bahnchef Hartmut Mehdorn an, eine Ausstellung über die Beteiligung der Bahn am Holocaust durch die deutschen Städte wandern zu lassen - allerdings nicht durch die Bahnhöfe selbst. In der Leitglosse meditiert Eberhard Rathgeb saisongemäß über Wildgänse und die Wildgänse besingendes Liedgut. Die Strafrechtsprofessorin Tatjana Hörnle beschreibt anhand jüngster Fälle, unter welchen Bedingungen das Zeigen des Hakenkreuzes straffrei bleibt.

Auf der Medienseite empfiehlt Jürgen Dollase eine heute laufende Dokumentation über Manipulationen im Weinbau, und Jochen Hieber hat für seine Reihe "Ein Fernsehtag" einen gesamten Tag mit RTL verbracht.

Auf der letzten Seite erklärt Patrick Bahners die Versuche, Menschenrechte für die in Nepal als Kindgöttin verehrte Kumari durchzusetzen, als Auswuchs des Aufklärungsfundamentalismus: "Da .. einer erwachsenen Frau schwer zu widersprechen ist, wenn sie ihre Freiheit in Anspruch nimmt, Kopftuch zu tragen, sind als Hebel zur Durchsetzung universalistischer Verhältnisse die Kinderrechte entdeckt worden." Helmut Kaiser schildert die Auswirkungen des Klimawandels auf den deutschen Weinbau. Und Catherine Newmark weist auf die heutige Bundestagsdebatte über den Gesetzesentwurf zur Einrichtung eines Deutschen Ethikrats hin.

Besprochen werden Alfonso Cuarons Film "Children of Men", eine Ausstellung über die Romantik in Heidelberg, eine Ausstellung über jünge chinesische Fotografie in Mannheim, eine "Boheme" unter Guy Joosten und Jean-Yves Ossonce in Hamburg und Konzerte des Berliner Jazzfestivals.