Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2006. Die SZ bringt die Eröffnungsrede, die Meinhard von Gerkan zur Eröffnung des neuen Lehrter Bahnhofs leider nicht halten durfte. Die FAZ recycelt die Eröffnungsrede Orhan Pamuks zum New Yorker Pen-Festival im April. Sofia Coppolas in Cannes gezeigter Film über Marie Antoinette erfreut als Porträt einer Unbekümmerten, die sich solange keinen Kopf macht, bis er ab ist.

Welt, 26.05.2006

Dass Sofia Coppolas "Marie Antoinette", der gerade in Cannes lief, sich nicht ums Historische schert, stört Hanns-Georg Rodek überhaupt nicht. Ihn erinnerte das Treiben an Neo-Royals wie die Bushs oder die Coppolas: "Ein Party-Film, in dem viel getanzt, gefeiert und gefeuerwerkt wird, so unbeschwert und unreflektiert, wie ihn vielleicht nur jemand drehen kann, der selbst in eine königliche Familie (des Kinos) hineingeboren wurde wie Sofia Coppola, die nicht nur Francis Ford zum Papa hat, sondern auch Jason Schwartzman (im Film Ludwig XVI.) und Nicolas Cage als Cousins, Talia Shira als Tante, sowie Regie-Wunderkind Spike Jonze als Ex-Gatten und Quentin Tarantino als neuen Busenfreund."

Weitere Artikel: Der Autor Zafer Senocak kritisiert die frauenfeindliche "Libidodiktatur" des Islam, die zu einem pathologischen Verhältnis zur Sexualität führt (Der zweite Teil muss extra angeklickt werden). Angesichts von Sao Paulo und der brasilianischen Mafia erklärt Ulrich Baron flugs die Überbevölkerung zum Menscheitsproblem Nummer 1. Die beiden Frauen, die sich in Maxim Billers Roman "Esra" dargestellt sahen, haben nun Schadenersatzklage eingereicht, was Uwe Wittstock um die Literatur fürchten lässt. Gerhard Gnauck resümiert das dritte jüdische Filmfestival in Warschau. Aus dem Empfang der Teilnehmer des Pen-Kongresses im Kanzleramt hätte Angela Merkel mehr machen müssen, meint ein enttäuschter Eckhard Fuhr.

Besprochen werden Konzerte der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Claudio Abbado und der Staatskapelle unter Pierre Boulez in Berlin ("Können diese Geigen lügen?", schwärmt Manuel Brug), das erneut Bush-kritische, dabei aber "verschwenderisch melodiöse" Album "Taking The Long Way" der Dixie Chicks, eine öffentliche Probe des für Oktober anvisierten Stücks "Ulrike Maria Stuart" bei den Hamburger Autorentheatertagen und eine Fotoausstellung über Räume der Stasi in der Münchner Villa Stuck.

Im Forum hält Hans Christoph Buch die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke für grundfalsch. "Ich allein gegen den Rest der Welt - ein megalomaner Geltungsdrang, den die Düsseldorfer Jury mit Mut zu verwechseln scheint." Und im Magazin spricht Claus Peymann über Flaschen im Theatergewerbe auf auf dem Fußballplatz: "Die heutige Rolle der Trainer hat viel von Theaterdirektoren. Gut, Theaterdirektoren, die Flaschen sind, können sich trotzdem fünf Jahre halten, was man in der Bundesliga nicht kann. Dazu ist die Bundesliga nicht subventioniert."

Tagesspiegel, 26.05.2006

Im Gespräch mit Andreas Schäfer hat Peter Brook letztlich auch keine Erklärung dafür, wie im Theater ein magischer Moment enststeht: "Das Geheimnisvolle kommt durch die Konkretion. Es gibt kein besseres Bild für diesen Vorgang als das Kochen. Wie entsteht ein gutes Gericht? Es gibt keine Antwort darauf, außer man greift auf konkrete Dinge zurück. Hat man auf dem Markt die richtige Auswahl getroffen? Wurde die Soße richtig angerührt? Ist das Feuer zu heiß? Wir müssen damit leben, dass wir nicht wissen, wie dieser Moment entsteht. Er ist da, wir können ihn oft nicht finden, aber wenn er geschieht (klatscht in die Hände), erkennen wir ihn."

NZZ, 26.05.2006

Auf der Medien- und Informatikseite empfiehlt ras. deutschen Medien sich über die Bespitzelung von Journalisten durch den BND nicht so aufzuregen: "Der Spiegel legte diese Woche den Sachverhalt in einem episch langen Artikel dar. Die Empörung über die Spitzeltätigkeiten wirkt allerdings etwas weinerlich." Viel gefährlicher für die Pressefreiheit sind seiner Ansicht nach die Kommunikationsmaschinen von Regierungen. "Die Skandalisierung behördlicher Verteidigungsmaßnahmen wirkt allerdings wie eine Ersatzhandlung angesichts der subtileren und nachhaltigeren Beeinflussungsversuche durch politische Akteure. Geld ist dabei vor allem im Spiel. Getarnt werden die Transaktionen als Produktionszuschüsse oder kostenlos zur Verfügung gestelltes Hintergrundmaterial. Da Letzteres professionell aufbereitet wird, gelangt es öfters eins zu eins in die Medienkanäle. Es gibt zahlreiche Medienbetriebe, die finanziell knapp dran sind und entsprechend an preisfreiem Material interessiert sind."

Außerdem: Islamische Theologen erlassen jedes Jahr Tausende von Fatwas. Viele davon werden im Internet veröffentlicht (zum Beispiel hier und hier). Heribert Seifert hat sich einige Seiten angesehen und ist auf irritierende Ratschläge zum Fußball spielen, Haare färben und Frauen züchtigen gestoßen.

"Die Leitkultur-Debatte ist in England angekommen", meldet Susanne Ostwald im Feuilleton. Etwas einsam, die Gegend rund um den neuen Berliner Hauptbahnhof, meint Claudia Schwartz. Und doch: "Wer mit der Fernbahn oder der S-Bahn über die Ost-West-Strecke ins Berliner Zentrum einschwebt, dem bietet sich im gläsernen Tunnel des neuen Berliner Hauptbahnhofes ein einzigartiges Panorama."

Besprochen werden Simon Stephens Stück "Motortown, aufgeführt vom Royal Court Theatre in Wien und das "erstaunliche" Debütalbum des Duos Gnarls Barkley.

Auf der Filmseite berichtet Urs Schoettli über die aufsteigende Filmmacht China. Besprochen werden Chen Kaiges Film "Wu Ji" und Ruxandra Zenides Film aus Donaudelta "Ryna".
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FR, 26.05.2006

Raoul Ruiz' Chuzpe zeigt sich nicht erst mit seiner höchst eigensinnigen Verfilmung von "Klimt" (mehr), sondern ist Schaffensprinzip des chilenischen Regisseurs, berichtet ein beeindruckter Michael Kohler. "Glaubt man der Legende, ist die Karriere von Raoul Ruiz eine einzige Wette mit sich selbst. Als Sechzehnjähriger machte er sich erfolgreich daran, innerhalb der nächsten fünf Jahre einhundert Dramen und Dramolette zu verfassen, als Regisseur setzte er sich früh dieselbe Zahl zum Ziel, und als dieses in erreichbare Nähe rückte, wollte er mehr Filme drehen als alle anderen chilenischen Filmkünstler zusammen. Auch seine einzelnen Arbeiten wirken oft genug wie selbst gestellte 'unlösbare' Aufgaben, deren Scheitern gleichwohl interessanter ist als jedes wohltemperierte Gelingen. Prousts 'Die wiedergefundene Zeit' in nicht einmal drei Stunden meistern zu wollen, ist ein zum literarischen Himmel schreiender Affront, der in Klimt sein leiseres, aber immer noch deutlich vernehmbares Echo findet. "

Weiteres: In Times mager meldet sich Harry Nutt vom offenbar wenig inspirienden Empfang der Teilnehmer des Pen-Kongresses im Kanzleramt. Jamal Tuschick kann den Schriftsteller Andreas Maier nach der Frankfurter Premiere als Poetikdozent wegen seiner Aufrichtigkeit nur empfehlen. Eine Besprechung widmet sich der Ausstellung mit neuen Werken von Jonathan Meese in den Deichtorhallen Hamburg.

SZ, 26.05.2006

Heute wird in Berlin der neue Hauptbahnhof eröffnet. Sein Architekt Meinhard von Gerkan klagt bekanntlich gegen die Verkürzung des Dachs und die Verhunzung der Decke im Untergeschoss. Seine geplante Eröffnungsrede darf Gerkan nicht halten. Die SZ druckt sie dankenswerter Weise ab: "Allen Bemühungen meinerseits, Politiker in den höchsten Rängen zu bewegen, diesem Unwesen Einhalt zu gebieten, war kein Erfolg beschieden. Gerhard Schröder meinte: 'Mensch, Gerkan, die Wurst ist lang genug; ich sehe sie jeden Tag.' Zwei Jahre später, bei seiner Kanzler-Abschiedsparty bekannte er: 'Der Architekt hat Recht, die Wurst ist abgebissen - vorne und hinten.'" In einem zweiten Artikel feiert Gerhard Matzig den Bahnhof trotz allem als "geglückte Erinnerung an die einstige Eisenarchitektur-Größe der Bahnhöfe" und hofft auf einen juristischen Erfolg des Architekten.

Weitere Artikel: Hubertus Knabe veröffentlicht eine Gegendarstellung zu einem Artikel Franziska Augsteins (unser Resümee) mit Passagen über die von ihm geleitete Gedenkstätte Hohenschönhausen. Fritz Göttler meldet, dass Cate Blanchett in einem Biopic den jungen Bob Dylan spielen wird. Bert Noglik unterhält sich mit dem Trompeter Till Brönner über Miles Davis, der heute achtzig Jahre alt geworden wäre. Christoph Wiedemann stellt den Augsburger "Glaspalast" vor, wo die Pinakothek der Moderne eine Dependance eröffnet. In seiner Cannes-Kolumne sieht Tobias Kniebe Sofia Coppolas Film über Marie-Antoinette, der bei den Franzosen wegen unzureichender Würdigung der Revolution für Ärger sorgte, als "die volle Konzentration auf eine große Unbekümmerte, die sich so lange keinen Kopf um gar nichts macht, bis er unter der Guillotine liegt". Jens Bisky berichtet vom Empfang Angela Merkels für die alten Herren vom Pen-Kongress. Auf der Literaturseite schreibt Jörg Magenau über die lange Autorennacht beim 72. Internationalen Pen-Kongress in Berlin. Und Florian Welle lauschte einer Münchner Podiumsdiskussion mit Martin Walser über die angebliche Wiederkehr des Erhabenen.

Besprochen werden Salvatore Sciarrinos Oper "Da gelo a gelo" in Schwetzingen und die "Cursive"-Trilogie des Choreografen Lin Hwai-min aus Taipeh.

TAZ, 26.05.2006

Meinhard von Gerkan allerorten: "Es war eine Vernichtungsaktion", schimpft er im Gespräch mit Rolf Lautenschläger auf der Tagesthemenseite der taz: "Wenn jemand, wie Herr Mehdorn, nur aus Böswilligkeit etwas kaputtmacht, ohne dass er, die Bahn oder die Reisenden einen Nutzen davon hätten und wenn Schaden in einem solchen Maße entsteht, ist das die Ausnahme. Das schadet der Bahn, dem Bahnhof, der im Blickpunkt weltweiter Öffentlichkeit steht, und das schadet der deutschen Architektur. Da muss man dagegenhalten."

Im Kulturteil bespricht Andreas Busche Jean-Marc Vallees Film "Crazy" und "Breakfast on Pluto" von Neil Jordan. In ihrer Cannes-Kolumne verteidigt Cristina Nord das Marie-Antoinette-Porträt von Sofia Coppola. Brigitte Werneburg berichtet vom Pen-Empfang bei Angela Merkel. Christoph Schröder lauschte der ersten Poetikvorlesung des Autors Andreas Maier in Frankfurt. Besprochen wird das neue Album der französischen Band Phoenix.

Imn tazzwei schreibt Dominik Schottner schon mal einen Nachruf auf die Talkshow von Sarah Kuttner, die im Sommer eingestellt wird.

Schließlich Tom.

FAZ, 26.05.2006

Die FAZ druckt die Rede, die Orhan Pamuk am 25. April zur Eröffnung des Pen-Kongresses in New York hielt (und nicht zum Pen-Kongress in Berlin, wie es eine kleine Umarbeitung des Originaltextes nahelegt). Pamuk spricht hier auch über den Karikaturenstreit: "Natürlich müssen wir uns dagegen wenden, wenn Einwanderer und Minderheiten wegen ihrer Religion, ihrer Abstammung oder wegen der in ihren Herkunftsländern vom Staat gegen das eigene Volk ausgeübten Unterdrückung gedemütigt werden. Die Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Minderheiten darf aber nicht so weit gehen, dass man es duldet, wenn unter dem Deckmantel des Schutzes religiöser Gefühle die Meinungsfreiheit angegriffen wird. Wir Schriftsteller sollten in dieser Hinsicht nicht ins Wanken geraten." Hier der Originaltext aus der New York Review of Books.

Weitere Artikel: Im Interview spricht der Komiker John Cleese (Wikipedia) über Cricket, aber auch über Jürgen Klinsmann: "Er sieht so intelligent aus. Mit dem würde ich gern essen gehen." Verena Lueken berichtet aus Cannes, wo Sofia Coppolas neuer Film "Marie Antoinette" auf gemischte Reaktionen stieß. Heinrich Wefing schreibt zur Eröffnung des neuen Hauptstadthauptbahnhofs. Bei einer Gedenkfeier der Universität Bielefeld zur Erinnerung an Reinhart Koselleck (mehr) war Patrick Bahners zugegen. Vom Besuch des Pen im Bundeskanzleramt berichtet Hubert Spiegel und konstatiert bei der Kanzlerin den "Gestus souveräner Pflichterfüllung". Über New Yorker Inszenierungen deutscher Stücke informiert Jordan Mejias. In der Reihe zur Eröffnung des Marbacher Literaturmuseums der Moderne stellt der Autor Marcel Beyer ein Telegramm Ingeborg Bachmanns an Paul Celan vor. Kerstin Holm porträtiert den Pianisten und Dirigenten Michail Pletnjew. Martin Kämpchen berichtet über Arundhati Roys Furcht vor einem Bürgerkrieg in Indien.

Besprochen werden Susanne Fischers Roman "Die Platzanweiserin" und Alexander Solschenizyns Erinnerungen an die Exilzeit "Zwischen zwei Mühlsteinen". Dazu gibt es auf der Sachbuchseite Rezensionen zu Matthias Mattuseks nationaler Streitschrift "Wir Deutschen", zu Anna Wahlgreens Kindererziehungsbuch "Kleine Kinder brauchen uns" und in der Kulinarik-Abteilung Sabine Herres Buch "Flusskrebse, Rübchen und Moorschnucken" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).