Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2006. In der NZZ ruft Sonja Margolina die Weißrussen und die Ukrainer auf, den Anschluss an Europa aus eigener Kraft zu schaffen. In der FAZ beneidet Iris Hanika die jungen Türkinnen um die koketten Drapierungen ihrer Kopftücher. Die SZ feiert Hans Holbein als brillant und kalt, hochintelligent. Die Welt genießt den köstlichen Revolutionskitsch in Jürgen Kuttners Revue "Lovely Lenin". Die taz lacht mit Moritz von Uslar. Im Tagesspiegel fragt Moritz Rinke: Für was aber stehen Merkel und Klinsmann? In der SZ spricht Jutta Limbach über die Budgetkürzungen in den Goethe-Instituten.

NZZ, 11.04.2006

Dass die Ukraine und Weißrussland weiterhin in der Klammer ihres großen russischen Nachbarn liegen, sei keineswegs ein einseitiger "Verrat des geschichtsvergessenen München/Jalta-Krämerladen-Europa", glaubt die Publizistin Sonja Margolina: "Wer nach Hilfe ruft, muss auch zugeben, dass es zwar viele gab, denen geholfen wurde, dass aber gerade diejenigen, denen es gelang, sich den Weg in die EU zu bahnen - wie die Tschechen, Polen, Ungarn und Balten -, dies überwiegend aus eigener Kraft schafften. Keine Zuwendung von außen und keine Beratung durch Fremde erspart es einem, eine andere Elite heranzuziehen, moderne Institutionen aufzubauen und für die eigene Nation auch geistige Grundlagen zu schaffen."

Weiteres: Zu Volker Weidermanns heftig diskutierter Literaturgeschichte schreibt nun auch Martin Krumbholz: "Nicht dass bestimmte (wichtige) Autoren fehlen, ist das Problem - sondern eher, dass Weidermann sich nicht rigoros zu seinem beklemmenden Gute-Laune-Ansatz bekennt und sich von der Idee der Geschichtsschreibung nicht konsequent verabschiedet.... Wer scharfe Urteile fällt, und seien sie noch so charmant verkleidet, der läuft Gefahr, auf Minen zu treten. Und manchmal gehen sie auch los."

Besprochen werden unter anderem Giancarlo del Monacos Inszenierung von Puccinis "Turandot" im Zürcher Opernhaus und Louis Auchincloss' Erzählband "Die Manhattan-Monologe" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 11.04.2006

Der Dramatiker Moritz Rinke stellt 59 Tage vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft schwerwiegende Fragen: "Es wird oft gesagt, eine deutsche Nationalmannschaft spiegele bei großen Turnieren auch immer den Zustand des Landes wider. Sepp Herberger und Adenauer stünden für die Gründungsmythen und keinerlei Experimente; Willy Brandt und Helmut Schön für 'Mehr Demokratie wagen' oder Kohl und Berti Vogts für Höhen und Tiefen, beides behäbig hinnehmend ("Das Spielfeld war zu lang für Doppelpässe"). Für was aber stehen Merkel und Klinsmann?"

TAZ, 11.04.2006

Andreas Merkel hat sich mit Moritz von Uslar getroffen, dem "Last Man Standing der Popliteratur", dessen neuer Roman "Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005" jetzt erscheint: "Uslar, Jahrgang 1970, ist in unsicheren Zeiten zum Chronist eines Lebens geworden, von dem man irgendwann ab 30 nichts mehr wissen will, nachdem es immer noch das eigene und trotzdem härter geworden ist. Aber nur weil die Leute jetzt lieber Geschichten über Hitler oder Humboldt, über die fiese Kirche und den schlimmen Osten lesen wollen, leiden sie ja weiter unter James Blunts Telekomwerbung, hängen sie weiter arbeitslos im Internet, bekommen sie keine Kinder. Darüber darf hier nachgedacht werden - und gelacht."

Matthias Reichelt berichtet von der New Yorker Whitney Biennale, die sich nun nicht mehr exklusiv auf die US-Kunst beschränkt. Jan-Hendrik Wulf liest neu entdeckte Texte Sigmund Freuds in der Neuen Rundschau. Besprochen werden Armin Petras' Stücke in Frankfurt und Leipzig "Deutschlandprojekt" Robert Bramkamps Film "Der Bootgott vom Segelsportclub".

Und noch Tom.
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FAZ, 11.04.2006

In einem Artikel mit der neobourgeoisen Unterzeile "Unsereine erblasst vor Neid: Viele junge Türkinnen Berlins wissen Anstand und Erotik zu verbinden" kann die Autorin Iris Hanika gar nicht genug bekommen von den modischen Variationen, die junge Berlinerinnen türkischer Herkunft ihren Kopftüchern zu geben wissen: "Es handelt sich hier nämlich um eine aktuelle Ausprägung von radical chic. In den zwanziger Jahren war es in den europäischen Salons schick, Kommunist zu sein, 1970 fanden es reiche weiße New Yorker schick, die Black Panthers zu ihren Partys einzuladen, heute ist es in den Zuwandererquartieren Europas schick, sich zum Islam zu bekennen. Die jungen Türkinnen in Kreuzberg allerdings drehen die Schraube noch eins weiter, denn sie finden nicht einfach nur das Radikalsein schick, sondern wollen dabei auch noch radikal schick sein. Was ihnen meisterhaft gelingt. Es sind wunderbare Frauen."

Weitere Artikel: Henning Ritter erinnert an Fresken Schinkels, die einst das Alte Museum in Berlin zierten und später in Vergessenheit gerieten - eines davon handelte vom Zusammenstehen der Menschen in einer Flut. Ingeborg Harms besucht das von der Überschwemmung heimgesuchte Dorf Walmsburg an der Elbe. Christian Geyer begrüßt in einer launigen Leitglosse Kurt Beck in seinem neuen Amt. Jordan Mejias verweist auf einen langen und umstrittenen Essay der Politologen Stephen M. Walt und John J. Mearsheimer auf der Website der Harvard University (der später in der London Review of Books nachgedruckt wurde) über das Wirken einer angeblichen "Israel Lobby" in der amerikanischen Politik. In seinen "lexikalischen Grenzgängen" zwischen Deutschland und Frankreich meditiert Joseph Hanimann über das deutsche Ja und Nein und das französische Oui und Non. Michael Jeismann gratuliert dem Historiker Franz Herre zum Achtzigsten. Martin Lhotzky schildert Budget-Schwierigkeiten am Wiener Volkstheater. Matthias Oppermann verfolgte in Paris ein Symposion über "Varianten der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg".

Auf der Medienseite berichtet Reinhard Veser über Einschränkungen der Pressefreiheit in Armenien. Melanie Mühl meldet, dass der SWR die zunächst abgesetzte Dokumentation über Gewalt gegen Christen in islamischen Ländern in veränderter Form senden wird. Martin Kämpchen stellt die neue Zeitschrift Asia News vor. Auf der letzten Seite würdigt Heinrich Wefing den brasilianischen Architekten Paulo Mendes de Rocha, der in diesem Jahr den Pritzker-Preis erhält. Und Kerstin Holm stellt eine musikalische Edition vor, die an das Wirken deutscher Komponisten in Sankt Petersburg erinnern soll.

Besprochen werden Sebastian Nüblings Inszenierung von Henry Purcells "Dido und Aeneas" in Basel, eine Ausstellung über den unter Bezeichnung "Der Furienmeister" bekannten manieristischen Bildhauer im Frankfurter Liebighaus, eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag Wolfgang Koeppens in München, ein Auftritt der Band Tocotronic in Köln, eine Ausstellung über die Geschichte der Hamburger Gartenkunst ebendort, Jan Müller-Wielands neue Oper "Der Held der westlichen Welt" in Köln und eine Ausstellung mit Bilderbuchkunst in Troisdorf.

Welt, 11.04.2006

Reinhard Wengierek lässt sich vom Revolutionsfieber anstecken, das Jürgen Kuttner mit "Lovely Lenin" in der Berliner Volksbühne entfesselt. "Keine Angst, der Staatsschutz braucht nicht gerufen zu werden, so lauthals Genosse Kuttner auch vorsichtig tönt, sein 'bolschewistisches Reanimationsprogramm' - Motto 'Revolution ist machbar, Herr Nachbar' - wolle die Zweifel an der Alternativlosigkeit der herrschenden Verhältnisse nähren. 'Lovely Lenin' hungert solche Zweifel eher aus. Durch ein satt dadaistisches Ironieprogramm mit dem absurden Gegenmotto 'Kopf in den Sand und Augen auf'. Schon ein Filmdokument aus dem DDR-Staatsbürgerkundeunterricht macht die Lenin-Lehre zum Witz. Und wenn Kathrin Angerer den Kommune-Hit vom Zuschandenreiten der Schinder schmachtet, sind wir längst beim köstlichsten Revolutionskitsch."

Der französische Regisseur Arnaud Desplechin wird nicht bestraft, weil er biografische Details der Schauspielerin Marianne Denicourt für seinen Film "Rois et reine" verarbeitet hat, berichtet Gerhard Midding. Marion Leske vermutet hinter dem Rücktritt des Direktors des Düsseldorfer Museums Kunst Palast Jean-Hubert Martin Ärger mit den Finanziers von Eon. Michael Stürmer meditiert über Ariel Scharon, Tito, Mao und das Ende. Tilman Krause schreibt zum Tod des niederländischen Autors Gerard Reve. In der Reihe "Haare & Federn" würdigt Berthold Seewald den Esel.

Für das Magazin besucht die italienische Journalistin und Politikerin Lilli Gruber Zahra Khomeini, Tochter des Revolutionsführers und Präsidentin des iranischen Frauenverbandes, in Teheran. Auf die Frage, warum 28 Prozent der Frauen psychologischen Beistand und Antidepressiva brauchen, antwortet Khomeini - wie auf alle anderen Fragen- recht bündig. "Zunächst einmal: Wenn einige Frauen psychische Probleme haben, so muss das nicht auch für alle Übrigen gelten. Ich bin von Natur aus Optimistin und betrachte das Glas lieber als halb voll statt als halb leer."

Michael Pilz hört aus den neuen Alben von Britta, Die Sterne und Blumfeld einen ergebenen Realismus heraus. Besprochen werden zudem die Schau "Mythos Dresden" zum 800. Geburtstag der Stadt im Deutschen Hygiene-Museum, eine Salzburger Aufführung von "Pelleas et Melisande" in Salzburg mit einem enttäuschenden Simon Rattle, der laut Manuel Brug "einen Debussy auf Prozac als schläfrig dahinlullende Glückspille" dirigierte.

FR, 11.04.2006

Manfred Schneider, Professor für Neugermanistik in Bochum, fordert angesichts der Rütli-Schule, Erfurt und Pisa eine soziale Neurodnung des Schulsystems. "Die vergleichsweise schlechten Pisa-Ergebnisse des Jahres 2001 haben nicht in erster Linie ein unterrichtsdidaktisches oder gar lernpsychologisches Defizit abgebildet, sondern ein soziales. Die radikale Selektion nach Leistungskriterien, die unser Schulsystem trägt, hat die Hauptschule in vielen Städten und Kreisen zerstört und zu Entsorgungsanstalten sozialer und intellektueller Problemkinder herabgestuft."

Annette Spiro und Peter Neitzke porträtieren den brasilianischen Paulo Mendes de la Rocha, der mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wird. Die New Yorker Künstlerszene zieht nach Downtown Manhattan um, informiert Sebastian Moll.

Im Medienteil führt Peter Rutkowski in das Problem der Musikrotation ein, die Radiosendern Geld spart, aber auch imemr mehr Hörer entnervt.

Besprochen wird Stefan Bachmanns Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" mit einer Kulisse vom Architekturbüro Herzog & de Meuron an der Berliner Staatsoper, die laut Georg-Friedrich Kühn "etwas von einem Computerspiel" hat.

SZ, 11.04.2006

Der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer preist eine fesselnde Ausstellung des Renaissancemalers Hans Holbein im Kunstmuseum Basel: "Dürers Werk gehört zum Bilderschatz der Nation. Grünwalds Bilder erschüttern durch die Maßlosigkeit ihrer farbigen Visionen, ihre religiöse Unruhe. Dagegen steht Holbeins Oeuvre vor uns brillant und kalt, hochintelligent, doch unpersönlich, so undurchschaubar wie die Gesichter auf seinen formvollendeten Porträts. Die Forschung tut sich schwer mit ihm, denn der Mensch, die künstlerische Person, werden in seinen Bildern nie recht fassbar. Schon sein Lebenslauf, von dem wir wenig wissen, deutet auf Entwurzelung und Entfremdung. Vielleicht ist dieses heimatlose Curriculum die Signatur seiner Modernität: Er ist mehr als ein Vierteljahrhundert jünger als Dürer, gehört einer Zeit der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, religiösen Umbrüche an."

Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts spricht im Interview mit Thomas Steinfeld und Johan Schloemann über die anstehenden Budgetkürzungen und verteidigt die geplanten Umschichtungen: "Heute verwendet das Goethe-Institut 42 Prozent seiner Mittel auf die Kulturarbeit im alten Westeuropa, also auf die Staaten, mit denen die Bundesrepublik nun schon seit Jahrzehnten befreundet ist. Dagegen sind wir in der Subsahara, in Russland oder in China nur mit wenigen Instituten vertreten. Bereits 2003 ist mit den europäischen Institutsleitern über eine teilweise Umschichtung des Budgets zu Gunsten anderer Weltregionen gesprochen worden. Das heißt nicht, dass wir uns aus Westeuropa zurückziehen wollen. Aber wir müssen unsere Aufmerksamkeit angemessener verteilen... Gerade weil wir mehr deutsche Kultur im Ausland präsentieren wollen, müssen wir Strukturen abbauen, um mehr Mittel für künstlerische und literarische Projekte freizubekommen. Das wird Einschränkungen im europäischen Institutsnetz, vor allem in der Ausstattung der Institute zur Folge haben."

Weiteres: Der Theologe Peter Lampe bewertet das Judas-Evangelium als typisches Produkt der gnostischen Lehre: "Einigen Auserwählten wie Jesus und den Gnostikern wohnt ein göttlicher Energiepartikel inne, der, vom obersten Gott herkommend, in die Materie der Welt versprengt wurde." Peter Burghardt hat sich in Spanien schon Pedro Almodovars neuen Film "Volver" angesehen. Tim B. Müller hat Jerry Mullers Biografie des sagenumwobenen Philosophen Jacob Taubes gelesen. Stefan Koldehoff meldet, dass Salomon van Deventers Kunstsammlung dem Kröller-Müller-Museum vermacht wird. Volker Breidecker war auf einer Tagung über die Altertumsrezeption in der Barockzeit in Wolfenbüttel.

Besprochen werden Sebastian Nüblings "irrwitzige, hinreißende, konsequente und fetzige" Inzenierung von "Dido und Aeneas" in Basel, Nils Daniel Finckhs "Dogville"-Adaption (die Till Briegleb als "biedere Nacherzählung" von Lars von Triers Film empfunden hat, die nur ein paar eigene antiamerikanische Klischees beitrage) und Bücher, darunter ein Band zum Transhumanismus "No body is perfect" und Bartolome de las Casas "Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).