Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.03.2006. Die NZZ attestiert den neuen Entwürfen für das Gebäude der Topografie des Terrors eine deprimierende Mutlosigkeit. Die FR feiert Louise Bourgeois. Die taz porträtiert eine neue türkische Aufsteigerschicht in Deutschland. Die SZ fragt, warum Deutsche, die Polen kritisieren, in polnischen Medien immer gleich als Nazis karikiert werden. Die Welt und der Rest der Welt sind deprimiert über die Echo-Verleihung.

NZZ, 14.03.2006

"Bemerkenswerte Mutlosigkeit, was den architektonischen Gestus anbelangt" sieht Claudia Schwartz in den neuen Entwürfen zur Topografie des Terrors. "Selten hat man ein in den einzelnen Beiträgen insgesamt derart gleichförmiges Ergebnis zu Gesicht bekommen, da die Entwürfe die Zielsetzung architektonischer Zurücknahme teilweise bis zur Selbstverleugnung zum Programm erklären. Unspektakulär, unscheinbar und konventionell, sprich: unbeteiligt, geben sich die meisten der präsentierten Architekturen angesichts ihres historisch kontaminierten Standortes." Das schaffe ein ungutes Gleichgewicht in Berlin. "Während die beiden Berliner Orte, die an die jüdischen Opfer erinnern, das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal, längst zu hauptstädtischen Wahrzeichen avancierten, bleibt die Topografie des Terrors als einer der wichtigsten Orte in Deutschland, wenn es um die Aufklärung über die Täter geht, ohne Konturen."

Besprochen werden eine Retrospektive zum malerischen und plastischen Werk Le Corbusiers im Musee Rath in Genf, die Ausstellung "Die obere Hälfte. Die Büste von Rodin bis Wang Du" im Museum Liner Appenzell, ein Konzert des Zehetmair-Quartetts in Zürich und Bücher, darunter Hugo Balls "Kritik der deutschen Intelligenz" und Margrit Schribers historischer Roman "Das Lachen der Hexe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 14.03.2006

Nach der Echo-Verleihung stellt Michael Pilz resigniert fest: "Wer bei deutschen Plattenfirmen für erfreuliche Bilanzen sorgt, ist deswegen ein Star, weil er gewöhnlich ist wie wir. Der deutsche Popstar wirkt bescheiden, emsig, bieder. Er verehrt den Rock 'n' Roll so sehr, dass er ihn munter übersetzt wie Peter Kraus und fleißig anverwandelt wie Bushido den empörenswerten Gangster-Rap Amerikas. Der deutsche Pop verzichtet auf Distanz und disparate Wucht, er provoziert nicht, zeigt sich niemals arrogant und bietet keine unhaltbaren Utopien an. Er ist also nie großartig."

Wolf Lepenies ist bei Julien Bendas "Der Verrat der Intellektuellen" von 1927 auf interessante Passagen zum "Kampf der Kulturen" gestoßen. Benda spricht darin vom "guerre des cultures", den als erstes die Deutschen gegen Napoleons Armeen führten. "Die französischen Revolutionsheere, die in Europa die Monarchie beseitigen wollen, führen keinen Kulturkrieg. Sie kämpfen nicht für französische Werte, sondern für die allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte. Die deutschen Dichter und Denker dagegen, schreibt Benda, verraten die Sache des Geistes: Ihr militanter Kulturpatriotismus wird zum Handlanger nationalistischer Politik."

Weitere Artikel: Andres Lepik bemerkt zur Fertigstellung von Norman Fosters Hearst Towers zufrieden: "Die Wolkenkratzer in New York werden kürzer, aber besser." Rolf Giesen berichtet von der Filmmesse "Cartoon Movie" in Potsdam. Im Magazin erklärt Ulli Kulke, dass nicht Jagdglück den Menschen geprägt hat, sondern die Angst vor der Bestie.

Besprochen werden die Ausstellung "Click doubleclick" über das dokumentarische Moment der zeitgenössischen Kunstfotografie im Münchner Haus der Kunst und ein Ballettabend in der Deutschen Oper Berlin.

TAZ, 14.03.2006

In der Serie über Bürgerlichkeit stellt Daniel Bax eine neue türkische Aufsteigerschicht in Deutschland vor: "Es gibt inzwischen eine breite türkische Mittelschicht in Deutschland. Sie zeichnet sich allerdings durch einen relativ konventionellen Geschmack aus, der an H & M und Peek & Cloppenburg geschult ist, sowie durch einen Hang zu Statussymbolen von der Gucci-Uhr bis zum BMW. Markenbewusstsein und ein ausgeprägter Materialismus dienen dazu, die Entbehrungen der Jugend zu kompensieren. In der Wahl solider Studienfächer wie Medizin oder Jura manifestieren sich Aufstiegswille und Ehrgeiz. (...) Statt wie früher in die Türkei zu fahren, um Verwandte zu besuchen, buchen sie heute ihren Pauschalurlaub bei Öger-Tours. Dennoch bildet die Türkei für viele noch immer den Maßstab für die Versöhnung von Modernität und türkischer Lebensart."

Weitere Artikel: Robert Misik stellt das "Manifest der Zwölf" gegen den Islamismus, das unter anderem von Salman Rushdie lanciert wurde, in die Nähe der Jungen Freiheit, weil sich dem Aufruf nun auch Deutsche wie Alice Schwarzer, Necla Kelek, Robert Gernhardt und Helmut Markwort angeschlossen haben. David Denk resümiert ein deutsch-türkisches Filmfestival in Nürnberg. Und Helmut Höge trifft, wenn man seine Ausdrucksweise zutreffend deutet, die beiden Schizophrenen, die einst die Attentate auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble verübten. Jan-Hendrik Wulf liest die neueste Nummer der Zeitschrift Vorgänge, die die deutsche Linke nach Lebenszeichen absucht. Besprochen werden einige Münchner Theaterpremieren.

Auf der Tagesthemenseite unterhält sich Susanne Kaul mit dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas. Und Sven Hansen porträtiert die 41-jährige Frauenrechtlerin Monira Rahman (mehr hier), die sich in Bangladesch für Frauen einsetzt, die Opfer von Säureattentaten wurden, weil sie nicht heiraten wollten oder ihre Familie die Mitgift nicht zahlte. Sie erhält heute den Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von amnesty international.

Schließlich Tom.
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FR, 14.03.2006

Elke Buhr preist eine Ausstellung über Louise Bourgeois in der Kunsthalle Bielefeld: "Bei Gott, Louise Bourgeois hat ihre Geschichte erzählt. Sie hat sie erzählt, wie es einer gebührt, die das Jahrhundert der Psychoanalyse ganz durchlebt hat, immer wieder, in Worten und Werken. Sie hat Skulpturen und Konstellationen geschaffen, die einen treffen wie ein Schock und einen dann nie mehr verlassen; weil sie Erinnerungsbilder sind, voller Affekte, voller Schönheit, voller Magie."

In der Frankfurter Fachwerk-Debatte meldet sich die Schriftstellerin Ulrike Kolb zu Wort und wünscht sich, "dass endlich mit modernen Mitteln das hergestellt wird, was wir an den alten Städten so lieben... Vielleicht sollte man sich auch wünschen, dass Architekten den Mut haben, nicht für die Anerkennung unter Architekten zu bauen, sondern für die Benutzer."

Weiteres: Christoph Schröder findet es ebenso gerecht wie paradox, den ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch mit dem "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung" auszuzeichnen: "Denn abgesehen von der Tatsache, dass er ein großartiger Schriftsteller ist, besteht sein Beitrag zur Verständigung darin, dem Westen vorzuführen, was da noch alles auf ihn zukommt." Vilkmar Sigusch bemerkt zur "sexuellen Frage", dass seit dem Sieg des Cartesianismus über den Montaigneismus der Eros auf der Flucht sei. In Times mager nimmt Daniel Kothenschulte den spanischen Künstler Santiago Sierra in Schutz, der mit seiner Idee, Autoabgase in die ehemalige Synagoge in Stommeln zu leiten, große Empörung auf sich gezogen hat.

SZ, 14.03.2006

Immer wieder werden Deutsche in polnischen Medien als Nazis dargestellt, wenn sie es wagen, irgendeinen Aspekt der polnischen Politik zu kritisieren, während die deutsche Vergangenheitsbewältigung nicht gewürdigt wird, schreibt Polen-Korrespondent Thomas Urban: "Nur wenige Publizisten haben den Mut, darauf hinzuweisen, dass die Ignorierung der deutschen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus letztlich auf Polen zurückfällt. In der Tat hat die aggressiv-ablehnende Haltung des nationalpatriotischen Lagers in den heftigen Debatten der letzten Jahre um Antisemitismus und Vertreibung einen Schatten auf das Bild der Polen geworfen. Man unterstellt ihnen in der Bundesrepublik - keineswegs ungern, weil das auch die Deutschen entlastet -, dass sie düstere Kapitel der eigenen Vergangenheit tabuisieren wollen."

Weitere Artikel: Sonja Zekri berichtet über den Streit um NS-Akten im Archiv des internationalen Suchdienstes. Lothar Müller schreibt zum Tod des sorbischen Schriftstellers Jurij Brezan. In der Kolumne Zwischenzeit kritisiert Evelyn Roll Fernsehkollegen, die immer nur noch die "Stimmung vor Ort" einfangen, statt Fakten zu recherchieren. Henning Klüver war dabei, als Harold Pinter in Turin der Europäische Theaterpreis verliehen wurde. Dirk Peitz schreibt das "Protokoll eines bunten Abends", bei dem in Berlin die Echo-Musikpreise vergeben wurden.

Auf der Literaturseite resümiert Tim B. Müller ein Editionsgespräch über den Fortgang einer Carl-Schmitt-Gesamtausgabe in Marbach. Besprochen wird hier unter anderem Paul Ingendaays Roman "Warum du mich verlassen hast". Andere Besprechungen im Feuilleton gelten einer Ausstellung der Bauhaus-Meister Josef Albers und Laszlo Moholy-Nagy in der Tate Modern, Michael Thalheimers Inszenierung von Hauptmanns "Rose Bernd" am Hamburger Thalia Theater, Jorge Sempruns Stück "Gurs" am Pariser Theatre du Rond-Point, Ballett-Abenden in Leipzig und Berlin und dem französischen Fliegerfilm "Sky Fighters" (eigentlich "Les chevaliers du ciel").

Auf der Medienseite berichtet Stefan Ulrich über einen Eklat im italienischen Wahlkampf - Silvio Berlusconi stand mitten in einem Fernsehinterview, das ihm nicht passte, auf und verließ das Studio.

Außerdem bringt die SZ heute eine schmale Frühlings-Literaturbeilage. Im Aufmacher meditiert der neokatholische Autor Martin Mosebach über Spuren des Religiösen in unserem säkularisierten Alltag: "Die sonst geleugnete Schuldfähigkeit und als Repressionsinstrument entlarvte Sünde, bei den Diätfehlern ist sie wieder da und ergreift den ganzen Menschen mit aller Gewalt." In den wichtigsten Besprechungen schreiben Thomas Steinfeld über Sibylle Lewitscharoffs neuen Roman "Consummatus" und Gustav Seibt über Gerhard Schulzes Essay "Die Sünde - Das schöne Leben und seine Feinde". Wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus.

FAZ, 14.03.2006

Der neue Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Ayyub Axel Köhler, ein "freundlicher Herr", hinterlässt bei Andreas Rosenfelder den Eindruck, dass er es ernst meint mit der Integration des Islam in die deutsche Staatsordnung. "Dass Köhler tatsächlich eine Alternative ist und nicht bloß ein Strohmann zur Beschwichtigung der deutschen Mehrheitsgesellschaft, dafür spricht der erstaunliche Rückhalt, den er sogar unter säkularen Muslimen findet. So bezeichnet ihn Lale Akgün, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Köln und im Kopftuchstreit eine erbitterte Gegnerin Köhlers, als 'Glücksfall für den Zentralrat und für die Muslime in Deutschland'. Er vertrete einen 'sehr liberalen Islam', sei 'ohne politische Ambitionen' und stehe nicht unter dem Einfluss des Auslands. Akgün lacht: 'Der hört nur auf seine Frau.'"

Dietmar Dath diskutiert eine These des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Gary Westfahl, der Menschen, die sich wie die heutigen Asperger-Autisten (Wikipedia) nur auf ihre Arbeit und nicht mehr auf ihre Mitmenschen konzentrieren, als nächste Stufe der Evolution ansieht. Rose-Maria Gropp hält die Aktion des Künstlers Santiago Sierra, eine ehemalige Synagoge in Pulheim-Stoppeln mit Kohlenmonoxid zu füllen, für eine "unerträgliche Metapher".

Anlässlich der Echo-Verleihung macht Dieter Bartetzko die FAZ-Leser mit dem sehr erfolgreichen und christlich inspirierten Popsänger Xavier Naidoo bekannt. Der Komponist Hans Zender ist der nächste Hausgast im Wissenschaftlichen Kolleg in Berlin, weiß Martin Wilkening. Judith Leister schildert Eindrücke vom Münchner Literaturfestival "Wortspiele". Michael Jeismann hat auf der Lit.Cologne erlebt, wie die serbische Schriftstellerin Vesna Goldsworthy die politische Korrektheit Elke Heidenreichs ausgebremst hat. Richard Pohle referiert eine Königswinterer Tagung zu den Universitäten im Dritten Reich.

Auf der letzten Seite begeht Ursula Böhmer den sechzigsten Geburtstag des Kinder- und Jugendtheaters nach dem Zweiten Weltkrieg. Andreas Rossmann hört aus den in Köln vorgetragenen Briefen Wolfgang Koeppens eine "zwanghafte Schreibhemmung" heraus. Jürg Altwegg stellt die Direktorin des Literaturhauses Basel und ehemalige Schauspielerin Margit Manz vor.

Im Medienteil berichtet Dirk Schümer, dass Silvio Berlusconi ein Fernsehinterview mit der kritischen Kommentatorin der Turiner La Stampa, Lucia Annunziata, vorzeitig und "ungalant" abgebrochen hat. Peer Schader preist die ARD-Vorabendserie "Türkisch für Anfänger" über das Zusammenleben einer deutschen und einer türkischen Familie als das Beste, "was dem Ersten seit langer Zeit passiert ist".

Besprochen werden Werner Schroeters Inszenierung von Roland Techets Oper "Die Schönheit der Schatten" zu Heine und Schumann in Düsseldorf, ein dreiteiliger Abend des Staatsballetts Berlin mit dem Titel "Triple Bill", also "dreiteiliger Abend", eine Ausstellung zur Dunkelheit mit Werken 17 zeitgenössischer Künstler im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam, ein Auftritt der Rockband "The Darkness" in Hamburg, sowie John Irvings Roman "Bis ich Dich finde" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).