Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.02.2006. In der FAZ wirft Necla Kelek ihren Kritikern vor, den Islam zu verharmlosen. Die Welt geht einigen Spuren des "Da Vinci Codes" nach, findet aber keinen Gral, sondern überteuerte Totenmessen. Die NZZ fürchtet 50 Jahre nach Chruschtschows Rede vom 20. Parteitag eine Rückkehr des Stalinismus. In der Berliner Zeitung verlangt Yoko Ono eine Entschuldigung von Dänemark. In der SZ erklärt der Schriftsteller Richard Swartz, warum Serbien seine Kriegsverbrecher nicht ausliefert.

NZZ, 24.02.2006

Beunruhigt beschreibt Felix Philipp Ingold den neuen Patriotismus in Russland, zu dem sich inzwischen die unterschiedlichsten Fraktionen bekennen. Er beschreibt diesen neuen Geist als "reaktionäre Bewegung, die den Großmachtstatus des zerfallenen Imperiums wieder herstellen und - entgegen der zunehmenden Globalisierungsdynamik - einen russischen Sonderweg durchsetzen will, der allein geeignet sei, die durch Demokratisierung und Marktwirtschaft verelendete Bevölkerung erneut in eine 'lichte Zukunft' zu führen. Mit bemerkenswerter Einmütigkeit stimmen in dieser Zielsetzung Neostalinisten, Neofaschisten und Neoslawophile, Nationalbolschewiken, 'neue Heiden' und Jungorthodoxe überein - sie alle fühlen sich einem 'neuen Patriotismus' verpflichtet, der nun als 'neue russische Idee' mehr und mehr auch in der Publizistik, der Kulturologie und Philosophie um sich greift."

Dirk Pilz nimmt freudig die Eröffnung des Kunst- und Theaterhaus "Ballhaus Ost" auf, dessen Gründer um die Schauspielerin Anne Tismer keine Sicherheiten haben - "außer ihrer unbändigen Energie, dem eigenen Konto und 12 500 Euro Kredit". Was Pilz auch freut: "Nach Berlin zieht es nicht nur immer mehr arbeitslose oder durch verkrustete Strukturen frustrierte Theatermacher." Genevieve Lüscher liefert Hintergründiges zur Moschee von Samarra, die durch einen Bombenanschlag zum großen Teil zerstört wurde und als Grabstelle des zehnten und elften Imams eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten ist. Michael Braun schreibt den Nachruf auf die Dichterin Hilde Domin (mehr hier und hier). Roman Hollenstein empfiehlt die Ausstellung zur Architektur der Weißen Stadt Tel Aviv in der Galerie der Architekturakademie Mendrisio

Rainer Stadler staunt auf der Medienseite über die doppelten Maßstäbe, die einerseits im Karikaturenstreit und andererseits im Eklat um FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier angelegt wurden: "Im Karikaturenstreit kämpfte auch das FAZ-Feuilleton für eine harte Haltung gegenüber jenen, die sich durch die dänischen Cartoons angegriffen und beleidigt fühlten. Gemäß dieser Position hat die Äußerungsfreiheit für Produkte des schlechten Geschmacks ebenfalls zu gelten." Und Stadler beruhigt: "Zurzeit besteht unter Medienleuten die Tendenz, fragwürdige Episoden zu Schlüsselereignissen zu stilisieren, welche die Gefahren für die Medienfreiheit dokumentieren sollen. Abgesehen von einigen heiklen Fällen, geht jedoch von den westlichen Staaten keine Gefahr aus."

Heribert Seifert sichtet die neuesten Satirezeitschriften auf aktuell-explosive Karikaturen hin, findet jedoch - auch in der Titanic - nur "solide Schmunzelware". Gemeldet wird, dass im April die Voice of America ihre Sendungen in Berlin einstellt. Zu hören wird stattdessen National Public Radio sein.

Welt, 24.02.2006

Klaus Fritz geht einigen Spuren aus Dan Browns Bestseller "Da Vinci Code" nach, begibt sich nach Rennes-le-Chateau, wo ein Pfarrer zu rätselhaftem Reichtum gelangte und auch ein trotzkistischer Graf und ein französischer Konrad Kujau gewisse Rollen spielen, und findet heraus, dass der Reichtum des Pfarrers nicht aus einem Wissen um den Gral, sondern aus ganz anderen Quellen stammte: "Das Geld des Dorfpriesters kam zum Teil in kleinsten Beträgen über Jahre hinweg per Post in sein Haus. Abbe Sauniere verkaufte nämlich Totenmessen. Für Nichtkatholiken muss dies klingen, als wäre damals schon eine Art Ebay im Spiel gewesen. Und tatsächlich, Sauniere setzte Anzeigen in überregionale Zeitungen, bis hinüber nach Deutschland, und bekam Geld zugeschickt, ohne dass seine Kunden überprüfen konnten, ob er die Messen für die teuren Verstorbenen dann tatsächlich auch hielt. Erlaubt waren drei am Tag. Akquiriert hat der Priester aber tausende von Messen."

Weitere Artikel: Ulrich Weinzierl schreibt zum Tod der Dichterin Hilde Domin. Lothar Schmidt berichtet, das die Sammlung der deutsch-spanischen Galeristin Helga de Alvear in der Provinzhauptstadt der nördlichen Extremadura in Caceres ein Museum bekommt. L. Schmidt-Mühlisch gratuliert dem Schriftsteller Erich Loest zum Achtzigsten. Uta Baier meldet, dass der Leiter der Documenta 2007 Roger M. Buergel und seine Kuratorin (und Frau) Ruth Noack schon einige Künstler des Ereignisses vorstellten, dazu gehören der Koch Ferran Adria und Ricardo Basbaum, Imogen Stidworthy und Artur Zmijewski.

Besprochen werden die Ausstellung "Rembrandt-Caravaggio" im Van-Gogh-Museum in Amsterdam und ein Auftritt des britischen Duos Mattafix in Berlin.

Auf der Magazinseite begeht Manfred Quiring den fünfzigsten Jahrestag der berühmten Geheimrede, in der Nikita Chruschtschow den "Personenkult" um Stalin anprangerte - inzwischen, so Quiring, wird Stalin von Putin-nahen Funktionären wieder rehabilitiert.

TAZ, 24.02.2006

Die Wiener Philosophin Isolde Charim analysiert auf der Meinungsseite das "totalitäre Spiel" des islamistischen Terrors, das dem Westen einen Krieg der Kulturen aufnötigt. An eine Möglichkeit des Dialogs glaubt sie nicht mehr. "Denn dieser setzt den Liberalismus nicht nur als Dialogpartner voraus, sondern auch als Feld, auf dem ein solcher überhaupt stattfinden kann. Mit der religiösen Identität hat sich der Islamismus aber von vornherein auf einem anderen Terrain platziert: Er hat die Religion nicht nur zum Einsatz, sondern auch zum Medium der Auseinandersetzung gemacht. Damit findet sich der Westen nicht nur in einer ungewollten Freund-Feind-Konstellation wieder. Er sieht sich auch genötigt, seine Ordnung wie eine Glaubenswahrheit zu verteidigen. Kurz - der Islamismus zwingt den 'Westen' in die Irrationalität eines Glaubenskampfes."

Im Kulturteil untersucht Felix Klopotek neueste künstlerische Leistungen des amerikanischen Indierock. Daniel Bax wendet sich gegen ein Verbot des türkischen Films "Tal der Wölfe". Besprochen werden neue CDs mit brasilianischer Musik.

In tazzwei geht Dieter Grönling Vorwürfen einer vorauseilenden Zensur durch Google in China nach - und findet sie bestätigt: "Kritische Webseiten werden vom chinesischen Google nun einfach nicht gefunden, beim Suchbegriff 'Tiananmen Square' zum Beispiel gibt's in China Touristen und Blümchen - statt wie überall Panzer und Studenten."

Auf der Medienseite schildert Gabriele Lesser den brutalen Kampf der Zeitungskonzerne Springer und Agora in Polen: "Schon im April, so spekulieren viele Medienbeobachter, könnte ein polnischer Verschnitt von Springers Welt auf den Markt kommen. Seit Monaten schon arbeiten rund 200 Journalisten, Grafiker, Fotografen und Techniker an dem neuesten Blatt des Konzerns, der nach dem Scheitern der geplanten Fusion mit der ProSiebenSat.1-Sendergruppe angekündigt hat, sein Heil dann eben wieder vor allem im Ausland zu suchen."

Schließlich Tom.
Anzeige

Berliner Zeitung, 24.02.2006

In der Berliner Zeitung sendet Yoko Ono, die in Berlin eine Ausstellung hat, im Gespräch mit Sebastian Preuss eine Friedensbotschaft Richtung Dänemark aus: "Ich will die Karikaturisten nicht kritisieren, denn ihnen war sicherlich nicht bewusst, welchen Schmerz sie anderen Menschen verursachen würden. Aber ich denke, es war falsch, diese Bilder zu zeichnen. Eine Entschuldigung ist nötig. Das Wichtigste ist doch das Verständnis für andere Meinungen und Lebenseinstellungen."
Stichwörter: Berlin, Dänemark, Yoko Ono

FR, 24.02.2006

Auf der Dokumentationsseite übernimmt die FR einen Text von Wole Soyinka aus den Blättern für deutsche und internationale Politik, in dem der Schriftsteller über den Dialog der Kulturen aus afrikanischer Sicht nachdenkt: "Ein Dialog der Zivilisationen kann - in Bezug auf die meisten Entwicklungsländer und so vor allem für den afrikanischen Kontinent - nicht aus derselben Perspektive oder vom gleichen Startpunkt, wie er für andere Partner im Dialog gelten mag, unternommen werden. In Bezug auf Afrika sind wir gezwungen, die Aufgabe, das Verlorengegangene zurückzugewinnen, als Ganzes anzugehen. Auf dem afrikanischen Kontinent ist durch die unüberlegte Annahme der Entwicklungskriterien der europäischen Nationen viel verloren gegangen. Mit der Folge, dass der bloße Begriff eines Dialogs der Zivilisationen eine ungleiche Übung ist; der Rest, über den noch dialogisiert wird, ist häufig nur eine verstümmelte Einschätzung existierender Zivilisationen."

Julia Große stellt Londons neuen Stararchitekten vor, den in Tansania geborenen David Adjaye. Seine Häuser sind meistens schwarz: "Adjaye, der am Royal College of Art studierte, arbeitet häufig mit vorhandener Bausubstanz, das bunkerartige Dirty House war ein ehemaliges Lager: 'Es ist alt und neu, eine Architektur des ?Dazwischenseins', da sie nicht kategorisierbar ist.' Ein anderes Objekt, das Lost House (2004), geplant für eine Modedesignerin mit starken Nerven, strich er sogar innen teilweise schwarz. Wer hier morgens in einem schlauchartigen Pool seine Runden dreht, muss sich fühlen wie im Geburtskanal."

Weiteres: Einen Nachruf auf die Dichterin Hilde Domin gibt es von Michael Braun. Jürgen Verdofsky gratuliert dem Schriftsteller Erich Loest zum Achtzigsten. In Times Mager staunt Ina Hartwig über den Optimismus des Suhrkamp Verlages, der gerade in Berlins Westen eine Repräsentanz eröffnet hat.

FAZ, 24.02.2006

Necla Kelek wirft ihren Kritikern im Interview noch einmal vor, auf einem Auge blind zu sein: "Wir vergessen, dass sehr viele muslimische Migranten in Kollektiven leben, deren Weltbild der Islam ist. Was wir liebevoll Großfamilie nennen, lebt nach anderen Regeln, es gibt keine individuelle Freiheit, kein Ja oder Nein zum Kopftuch, zu importierter Braut oder Bräutigam. Wer dieses Kollektiv verlässt, begeht Verrat. Das wagen nicht viele, und weder die Schulen noch die Arbeits- oder Sozialämter senden so starke Signale aus, dass sich das ändern könnte. Ich habe in meinen Interviews mit muslimischen Jugendlichen gefragt: Habt ihr deutsche Freunde? Nein, war die häufigste Antwort, die haben keinen Stolz, keine Ehre. Meine Hoffnung, das werde sich erledigen, weil die Moderne ihre Kraft entfaltet, habe ich verloren. Wir können die Entwicklung doch sehen, spätestens seit den neunziger Jahren. Ich habe viele Interviews nach zwei Jahren wiederholt. Die Haltungen hatten sich noch verfestigt."

Weitere Artikel: Salman Rushdie feiert "seinen" Beckett. Patrick Bahners berichtet empört, dass die Bayerische Regierung dem Historischen Kolleg ab 2006 die finanzielle Grundsicherung gestrichen hat. Christian Geyer fragt sich, wie ernst er die Vogelgrippe nehmen soll. Gisela Schirmer berichtet von einem kleinen Büroraum im Rathaus von Montecchio Maggiore, in dem drei Wandzeichnungen jetzt dem Maler Willi Sitte zugeordnet werden konnten. Wolfgang Sandner schreibt zum sechzigsten Geburtstag des tschechischen Dirigenten Jiri Belohlavek, Frank Pergande zum Achtzigsten des Schriftstellers Erich Loest. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Regisseurs Benno Besson. Harald Hartung und Marcel Reich-Ranicki würdigen die verstorbene Dichterin Hilde Domin.

Auf der Medienseite berichtet Petra Tabeling, dass Journalisten die Richtlinie zur EU-Vorratsdatenspeicherung für die Telekommunikation kritisieren. Nach der Richtlinie gilt "für 450 Millionen Bürger: Wer künftig in einem EU-Land Anrufe tätigt, E-Mails verschickt, im Internet surft oder andere Dienste nutzt, muss davon ausgehen, dass seine elektronischen Spuren sechs bis 24 Monate lang gespeichert werden können - wenn der Verdacht einer schweren Straftat besteht oder es der Terrorbekämpfung dient." Dies gefährde die vertrauliche Kommunikation zwischen Journalisten und Informanten. Auf der letzten Seite porträtiert Dolores Kummer Georg P. Salzmann, Besitzer einer "'Bibliothek der verbrannten Bücher', einer Sammlung von mehr als 10000 Bänden, die der Achtundsiebzigjährige in fünfzig Jahren zusammengetragen hat". Jürgen Kaube ärgert sich über die Abwicklung der Lehrstühle für Islamwissenschaften und Parteienforschung an der Georg-August-Universität Göttingen

Besprochen werden eine Hommage an Joseph Beuys im Düsseldorfer Museum "kunst palast", ein Konzert des Pianisten Lang Lang in Frankfurt und Bücher, darunter Frank Zöllners Monografie über den Maler Sandro Botticelli (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 24.02.2006

Der Kriegsgeneral Ratko Mladic wird nicht nach Den Haag gebracht, weil das Militär jede politische Entwicklung in Serbien blockiert, schreibt der Schriftsteller Richard Swartz. "Bei der Armee weiß man, dass mit der Auslieferung Mladics für Serbien das Programm 'Partnership for Peace' (PfP) der Nato gekommen wäre. Dieser Prozess ist im Nachbarland Kroatien schon eingeleitet worden und verändert dort unterschwellig die Bedingungen für jegliche Form politischen Handelns. Mit der Nato kommt die Forderung nach einer professionalisierten und radikal abgespeckten Armee auf die Balkanländer zu, nach Transparenz und parlamentarischer Kontrolle. Sobald eine Generation junger, im Westen ausgebildeter Offiziere das Ruder übernimmt, ist Schluss mit den schwarzen Limousinen und den luxuriösen Ferienhäusern für die Generäle."

Eine Doppelseite widmet sich geraubter Kunst. Stefan Koldehoff entzaubert die Mär vom kunstverrückten Milliardär und identifiziert die drei gängigsten Motivationen: die Erpressung von Lösegeld, das Pfand für Strafmilderung in anderen Verbrechen oder die Möglichkeit der Geldwäsche im organisierten Verbrechen. Ulli Seegers, Geschäftsführerin des Art Loss Register in Köln, beklagt im Gespräch mit Holger Liebs das immer noch geringe Engagement der Händler für eine lückenlose Provenienz ihrer Stücke. Abgedruckt wird außerdem ein kurzer Text von William Somerset Maugham, den dieser in einem Katalog von Sothebys veröffentlichte, als er seine Gemäldesammlung 1962 zum Verkauf anbot.

Weitere Artikel: Sonja Zekri erläutert die Bedeutung der am Mittwoch durch einen Bombenanschlag zerstörten Moschee in Samarra. Christina Maria Berr berichtet, dass ein Porträt und eine Büste von Shakespeare nun für echt befunden wurden. Nach einer Tagung des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung über die Zukunft der Historischen Institute erkennt Jens Bisky, dass das eigentliche Problem der Geisteswissenschaften in der PR liegt. Jürgen Schmieder hält unfaires Verhalten für eine Grundbedingung des Wettkampfsports. "Remakes sind Kolonialismus", konstatiert Schauspielerin Martina Gedeck im Gespräch mit Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler.

Das Archiv von Christoph Martin Wieland in Biberach soll aus Geldmangel geschlossen werden. Auf der Literaturseite wirbt Jan Philipp Reemtsma gegenüber Thomas Steinfeld für den Verkauf des Archivs an eine von ihm gegründete Stiftung - doch noch sind die Biberacher dagegen. Albert von Schirnding schreibt zum Tod der Dichterin Hilde Domin. Im Medienteil kolportiert Hans-Jürgen Jakobs, dass das Kartellamt gegen die satellitengestützten Pay-TV-Pläne der deutschen Privatsender vorgeht. Rene Martens skizziert die durch Pilotprojekte näher gerückte Zukunft des mobilen Fernsehens hierzulande.

Besprochen werden die Ausstellung "100 Jahre Brücke" mit einer Auswahl der in Berlin gezeigten Bilder in der Hypo-Kunsthalle in München, und Bücher, darunter Erich Loests Roman "Sommergewitter" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).