Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2005. In der FR wendet sich der Systemtheologe Peter Fuchs angwidert vom "betäubenden Spektakel der Gefühlsduselei" beim Weltjugendtag ab. Die taz lädt die Internetfilmserie "The Scene" herunter. Die FAZ erzählt die tragische Geschichte der von Gerhard Richter porträtierten Tante Marianne. Die SZ richtet  mahnende Worte an die FAZ, deren groß angekündigte "Frankfurter Allgemeine Bücherei" nun nicht von Hans-Magnus Enzensberger herausgegeben werden darf.

NZZ, 19.08.2005

Auf der Medien- und Informatikseite berichtet Karl Lüönd über ein interessantes Symposium, das sich im Mainzer Gutenberg-Museum der Geschichte der Zeitung (mehr) widmete. Einige Beiträge waren geeignet, "Journalisten und Redaktoren, die von ihrer Bedeutung besonders eingenommen sein sollten, Demut zu lehren. Forschungen in England, Frankreich, Skandinavien und anderswo bestätigen übereinstimmend, dass nicht die Verbreitung von redaktionellem Inhalt, sondern von Anzeigen das Motiv für die Gründung von Zeitungen gewesen ist. Im London des späten 17. und des frühen 18. Jahrhunderts investierten Buchhändler, Theaterunternehmer und Patentmediziner in Zeitungsgründungen, weil sie Plattformen für die Ankündigung ihrer aktuellen Angebote benötigten." Sogar der Zeitungsunternehmer als "medienneutraler 'content provider'" ist eine Erfindung des 17. Jahrhunderts, erfahren wir.

Weitere Artikel: Manfred Weise schildert die Krise der Schweizer Computerfachpresse. Eine Meldung informiert uns, dass Besitzer von Mobiltelefonen sich zum 20. Weltjugendtag das Neue Testament auf ihr Gerät laden können. Das Alte Testament soll folgen.

Im Feuilleton berichtet der Kulturanthropologe Carlo Caduff über neueste Entwicklungen bei Reality Shows: Channel Four etwa hat sieben Kandidaten den Bedingungen ausgesetzt, die im Gefangenenlager Guantanamo herrschen. Und in Russland haben sich zwölf Menschen vor laufender Kamera durchs Leben gebettelt. Welche Wirklichkeit wird da eigentlich gezeigt, fragt sich Caduff. "Von den Reality-Shows, die gegenwärtig über den Bildschirm flimmern, kann nicht gesagt werden, dass sie mit der Wirklichkeit ein Spiel treiben, sie geben vielmehr die Wirklichkeit als Spiel aus. Möglich gemacht hat das Reality-Format die Tatsache, dass die Wirklichkeit im Alltag selbst vermehrt als Spiel wahrgenommen und der Mensch seinerseits als homo ludens aufgefasst wird. Nicht zufällig stammt ein Stichwort der Zeit, das vielbeschworene 'Risiko', aus dem metaphorischen Arsenal des Spiels."

Weiteres: Uha. führt die Reihe "Aus den Anfängen der NZZ" fort. Besprochen werden eine Ausstellung über Nelson und Napoleon im Maritime Museum Greenwich, eine Ausstellungsreihe zur künstlerischen Produktion auf Korsika und Sardinien, die der korsische Fonds Regional d'Art Contemporain (FRAC) unter dem Titel "Le reflet, le doute, la menace" an verschiedenen Orten präsentiert, und Neuproduktionen beim Rossini-Festival in Pesaro.

Auf der Filmseite widmet sich Andreas Maurer dem Dokumentarfilm "Inside Deep Throat", in dem Fenton Bailey und Randy Barbato die sexuelle Befreiung der Leinwand "mit einer Parade der damaligen Protagonisten (feiern), die unwillkürlich als ihre eigenen Karikaturen erscheinen: Gerard Damiano, der auteur des Porno-Chic ('Ich filmte wie Godard . . .'); der standhafte Hauptdarsteller Harry Reems ('Er bekam schon vom Surren der Kamera eine Erektion'); Politiker und Ex-FBI- Agenten, die über das Mysterium des klitoralen Orgasmus staunen ... Was in die verkaterte Feststellung aus P. T. Andersons Szenesatire 'Boogie Nights' mündet: Einst, ach, war man naturgeil, heute lediglich geldgeil. Dabei war es gerade 'Deep Throat', der das Profitpotenzial von Pornos erst vor Augen führte - indem die Sexnummern auf Spielfilmlänge aufgeblasen wurden."

Besprochen werden weiter Frank Millers Verfilmung der Comic-Serie "Sin City", Byambasuren Davaas Film "Die Höhle des gelben Hundes", Sabus Roadmovie "Blessing Bell" und Fernando Eimbckes Debütfilm "Temporada de patos".

TAZ, 19.08.2005

Wegen ihrer oberflächlich kirchenkritischen Attitüde wollen wir die Schlagzeile auf Seite 1 - "Wenn Gott das noch erlebt hätte" - hier gar nicht erwähnen.

Tilman Baumgärtel stellt im Kulturteil die Filmserie "The Scene" vor, die ausschließlich im Internet auf P2P-Tauschbörsen zirkuliert. Und hier der Plot: "Um in der 'Scene' der Raubkopierer und Filmpiraten Ansehen zu gewinnen, laden Sandro und seine Gang die neuesten Hollywood-Blockbuster ins Netz am besten noch vor dem Kinostart in den USA. Um immer die aktuellsten Filme zu bekommen, pflegt Sandro seine Kontakte zu Angestellten in DVD-Presswerken und in der Filmindustrie. Hat er eine DVD mit einem neuen Film bekommen, organisiert er das 'Rippen' und die Veröffentlichung im Internet. Seine Helfershelfer, die die Pseudonyme Teflon, Trooper und c0da tragen, sind reine Internet-Bekanntschaften; er hat sie nie persönlich getroffen. Sie agieren nicht aus Profitgier. Ihnen geht es nicht ums Geld verdienen, sondern um Reputation in der 'Scene'."

Besprochen werden eine CD von Richard D. James alias AFX und eine Ausstellung der britischen Künstlerin Sarah Lucas in Hamburg. Verwiesen sei auf einen interessanten Hintergrundartikel des Turkologen Efkan Barin auf der Meinungsseite über die Abschaffung des Kalifats durch die laizistische Türkei, die von Islamisten bis heute übelgenommen wird.

Und hier Tom.

FR, 19.08.2005

Der Soziologe und praktizierende Katholik Peter Fuchs wendet sich angewidert vom "betäubenden Spektakel der Gefühlsduselei" beim Weltjugendtag ab. "Zum Beispiel werden wir Zeugen riefenstahlscher Masseninszenierungen. Das ist nicht nur formal so, sondern auch funktional äquivalent: Es geht um Giga-Appelle ans Emotionale, um bedenkenlose Gefühlsausschüttung, die als Instrument der Reflexionsblockade genutzt wird. Das Herdersche 'Ich fühle, ich bin!', das Goetheische 'Gefühl ist alles!' gewinnt dabei aktuelle Bedeutung. Es heißt jetzt: 'Wir fühlen, wir sind jung, wir sind, und das ist alles!' Es ist mehr als bezeichnend, dass im Zentrum dieser gewaltigen Schaustellungen ein nachgerade fiebrig-frenetischer Personenkult exerziert wird, der nichts gemein hat mit dem gleichsam zusammengenommenen, schlichten Leben des Jesus von Nazareth, der sich diesen Lärm verboten hätte."

In ihrem Flatironletter findet Marcia Pally, auch der Iran habe ein Recht auf Atombomben: "Ich bin für Iran, weil ich finde, dass jeder seine eigenes nukleares Spielzeug haben sollte. Denn so lange es ein paar gibt, die mit Atömchen spielen, warum sollten die anderen dann darauf verzichten? Warum sich selbst behindern? Würden Sie etwa Monopoly spielen, ohne über 'Los' zu gehen und 4.000 Mark einzuziehen?"

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod des "Meisterkameramanns" Tonino Delli Colli. In Times Mager verrät Hilal Sezgin schon mal soviel zum Ende des Schafskrimis "Glennkill" von Leonie Swann: Der Metzger war es nicht.
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FAZ, 19.08.2005

Auf zwei Seiten druckt die FAZ Passagen aus Jürgen Schreibers Buch "Ein Maler aus Deutschland - Gerhard Richter" vorab. Schreiber hat hier unter anderem die Geschichten jener Familienmitglieder recherchiert, deren Familienfotos Richter in frühen Jahren großformatig abmalte. Hinter dem Porträt der Tante Marianne etwa verbirgt sich eine tragische Geschichte - Richters Tante war 1938 in die Psychiatrie gesteckt und 1945 ermordet worden. Schreiber erzählt: "Der Bub ist doch noch klein, da schließen sich hinter Marianne Schönfelder 1938 schon die Psychiatrie-Pforten für immer. Trieb Gerd es gar zu toll, drohte ihm die Mama, 'du endest wie Tante Marianne'. In momentaner Verärgerung leicht dahingesagt, ohne gleich daran zu denken, was eine solche Prophezeiung in einem Kind auslösen kann. Ihm wurde mulmig ob der Drohung. Über die Jahre wuchs sich Tante Marianne zu einer Angstfigur für ihn aus, ein Schatten, der sich über die Familie legte..." (Hier nochmal ein Link auf das schöne Spiegel-Gespräch mit Richter.)

Weitere Artikel: Im Aufmacher resümiert Mark Siemons einen Berliner Vortrag Wolfgang Schäubles über die Frage "Was ist konservativ?" Hannes Hintermeier erinnert an die Bonner Studienzeit des Papstes Benedikt XVI. Christian Geyer greift in der Leitglosse ein Jan-Ullrich-Interview aus der Zeit auf. In seinen "lexikalischen Grenzgängen" zwischen Deutschland und Frankreich meditiert Joseph Hanimann über die Prägungen "Ost-West" und "Nord-Süd". Andreas Kilb schreibt zum Tod des italienischen Kamermanns Tonino Delli Colli. Andreas Platthaus war Zeuge bei einer kulinarischen Wahlkampfveranstaltung des hessischen Bundestagsabgeordneten Matthias Berninger. Jürg Altwegg meldet, dass der Figaro Michel Houellebecqs stark erwarteten neuen Roman "La possibilite d'une ile" unerlaubter Weise vorab rezensierte - und verriss. Matthias Grünzig besucht das städtebaulich interessante "Französische Quartier" in Potsdam.

Auf der Medienseite erzählt Irene Hell, dass Jahre nach der gefloppten Fusion von AOL und Time Warner die seinerzeit beschworenen Synergien zwischen Internet und anderen Medien endlich eintreten. Michael Hanfeld beklagt die Lage junger Filmemacher, die von den öffentlich-rechtlichen Sendern trotz anderslautender Aufträge kaum noch gefördert werden. Und Patrick Bahners schreibt eine geistreiche Kritik des aus Anlass des fünfzigjährgen Totseins von Thomas Mann exhumierten "Literarischen Quartetts".

Auf der letzten Seite erinnert Frank-Rutger Hausmann an Tierschriftsteller wie Svend Fleuron oder Bengt Berg, die durch Applikation von Rassenideologien auf Flora und Fauna zu verehrten Autoren der Nazizeit wurden. Martin Otto warnt Angela Merkel, dass sie mit ihrer Vorliebe für Heiner Müllers Bayreuther "Tristan"-Inszenierung bei orthodoxen Wagnerianern keinerlei Stimmen fischen wird. Und Tilman Spreckelsen porträtiert den koreanischen Autor Lee Sung-U, der auch dem Gastauftritt seines Landes bei der Buchmesse beiwohnen wird.

Besprochen werden Rossini-Opern beim Rossini-Festival in Pesaro, ein Musical, das auf der Biografie John Lennons beruht, in New York, der Film "Liebe lieber indisch" und Sachbücher, darunter ein nach Jahrzehnten übersetztes Werk des französischen Kunsttheoretikers Louis Marin.

Von der Meldung, dass Hans-Magnus Enzensberger die groß angekündigte "Frankfurter Allgemeine Bücherei" laut einem Gerichtsurteil nicht herausgeben darf, findet sich im Feuilleton der FAZ keine Spur.

SZ, 19.08.2005

Die von Hans Magnus Enzensbergers mit der FAZ geplante Buchreihe "Frankfurter Allgemeine Bücherei" darf nicht erscheinen, hat das Oberlandesgericht Frankfurt geurteilt, Enzensbergers Vertrag mit dem Eichborn Verlag sei bis Ende 2007 verbindlich. Schon imponiert hat Ijoma Mangold die Kombination aus "Gutgelauntheit und Affront, aus Lockerheit und Rechtsbruch", mit der Enzensberger im vergangenen Jahr verkündete, das Projekt Andere Bibliothek im Eichborn Verlag zu beenden. Doch, mahnt er jetzt streng in Richtung Frankfurt: "Leichtigkeit war hier in Leichtfertigkeit umgeschlagen... Verantwortungslos war es, Autoren in ein Projekt einzubinden, das juristisch so offensichtlich auf tönernen Füßen stand."

Weiteres: Die beiden Völkerrechtler Michael Bothe und Andreas Fischer-Lescano legen im Aufmacher dar, wie und warum sie einen deutschen Prozess gegen den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und weitere hohe Militärs wegen der Misshandlungen in Abu Ghraib wollen. Petra Steinfeld stellt die neue Generation israelischer Siedler vor, die im Vergleich zu ihren Eltern noch radikalere "Hilltop Youth". Anlässlich des heutigen Synagogenbesuchs des Papstes schreibt Alexander Kissler über das Verhältnis des Vatikans zum Judentum und Israel. Mit Alex Rühle hat sich ein weiterer Journalist vergeblich auf die Suche nach den Gebrüdern Albrecht begeben: "Die Albrechts leben zurückgezogener als der Yeti", zitiert er das Forbes-Magazine. Katharina Wulffius instruiert uns, dass der Salesianer-Orden Don Bosco unter www.heiligenbildchen.de Downloads fürs Handy anbietet.

Jörg Magenau erzählt vom Projekt "young.euro.connect", bei dem junge Europäer leider nur "brave und vor allem am Status quo orientierte" Pflichtaufsätze über den Kontinent und seine Zukunft ablieferten. Der Dirigent Peter Jan Marthe spricht im Interview mit Reinhard Schulz über Bruckners Dritte, die er heute in einer Länge von eineinhalb Stunden aufführen wird (Bruckner selbst hat nur eine Stunde gebraucht). Henning Klüver besucht das Rossini Opera Festival in Pesaro. Gerhard Matzig gratuliert dem "Ex-Ex-Ex-Sänger" von Deep Purple, Ian Gillan zum Sechzigsten.

Besprochen werden die Geschmeideschau und Wissenschaftsausstellung "Diamanten" im Londoner Natural History Museum, und Bücher, darunter Hans-Ulrich Treichels Roman "Menschenflug" (der Stephan Maus zu der Frage verleitet, ob Menschen in unkündbarer Stellung interessant sein können) und Salvatore Settis "Die Zukunft des Klassischen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).