Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2005. In der Zeit weist Philip Roth nach: Die schlechtesten Rezensenten der Welt sind die der New York Times, denn sie verstehen seine Bücher nicht. Die SZ ist erschüttert: Streit in dieser Gesellschaft! Auch der Strandurlaub in Italien ist viel zu teuer geworden, kritisiert die FAZ. Außerdem herrscht Dissens über eine kulturpolitische Diskussion in Berlin: Wer ist inkompetenter - die Politiker oder die Kulturschaffenden? Im Spiegel warnt Gerhard Richter vor überteuerten Gerhard-Richter-Bildern.

Zeit, 18.08.2005

"Die schlechtesten Rezensenten sind die der New York Times", findet der Schriftsteller Philip Roth - alle haben sie seinen neuen Roman missverstanden! Im Interview mit Sacha Verna erklärt Roth, worum es in "Verschwörung gegen Amerika" wirklich geht: Um das Erfahren von Geschichte: "Geschichte stürzt zu einem ins Wohnzimmer wie ein verrücktes Pferd. Doch nicht mit Geschichte versucht man fertig zu werden, sondern mit dem Pferd im Wohnzimmer. Man ist vollkommen hilflos. Die Familie Roth meines Romans treibt diese Hilflosigkeit zur Verzweiflung. Es kann jedem von uns ebenso ergehen. Im Grunde muss man dankbar sein für jeden Moment, in dem die Geschichte einen in Ruhe lässt."

Die beiden Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg sprechen im Interview mit Hanno Rauterberg über das Grauen moderner Plätze, die Ungleichzeitigkeit der Architektur und ihre Pläne für die Stadt Lingang, die sie in China für 800.000 Menschen entwerfen: "Wir legen im Zentrum einen See an, der nie zugeschüttet wird, stellen auf ein paar Inseln die Kulturbauten und schaffen am Ufer dieses Sees lauter erste Adressen. Alle haben sie die gleiche Lage, und alle schauen sie auf die Mitte, die kollektiv ist."

Thomas Groß versucht auszuloten, wie gefährlich die Berliner Grusel-Rapper Bushido, Sido und Konsorten nun wirklich sind. Sein Befund: "Sie sind in einem Umfeld groß geworden, in dem jeder Konflikt untereinander geregelt wird. Im Zweifelsfall behält der die Oberhand, der das größere Maul hat. Oder den krasseren Cousin. Das Drohpotenzial, das diese Kultur von unten für die Majorität entfaltet, liegt weniger in der obszönen Sprache als in der Ungewissheit, ob hier Werte der Zukunft generiert werden. Man weiß ja nicht, was noch alles kommen wird in Zeiten von Hartz IV und Alg II."

Salman Rushdie fordert eine muslimische Reformation, die sich gegen "die fundamentalistischen Ideologen und die verstaubten, engen Seminare der Traditionalisten wendet". Und er erinnert daran, dass der Vorsitzende des Muslimischen Rates Iqbal Sacranie, den Tony Blair gerade geadelt hat, derjenige war, der die Fatwa gegen ihn selbst noch viel zu milde fand. (Hier der Originalartikel.) Der indische Psychologe Sudhir Kakar bemüht sich zudem um Aufklärung eines Missverständnisses: "Für den Außenstehenden ist der Fundamentalismus eine Krankheit, für den Insider der Weg zur Genesung."

Weiteres: Der französische Philosoph Emmanuel Faye unterstreicht noch einmal seine Vorwürfe gegen Martin Heidegger. "Am Fundament von Heideggers Werk findet man keinen philosophischen Gedanken; man findet den völkischen Glauben an die ontologische Überlegenheit eines Volkes und eines Stammes." Hanno Rauterberg verspürt Anzeichen eines Epochenwechsels: Die bereits tot gesagte Stadt erwacht wieder zu neuem Leben, Suburbia verliert an Wert. "Das liegt nicht daran, dass der Bund die Eigentumsförderung streicht. Es sind vielmehr die Banken, die neuerdings die Zukunft von RH, EFH und DHH eher trübe sehen." Wolfram Goertz trifft den Dirigenten Masaaki Suzuki, der gerade mit seinem "hinreißenden" Bach Collegium Japan durch Deutschland tourt. In der Randglosse kommentiert Gunter Hofmann Angela Merkels Position zum Zentrum gegen Vertreibung.

Besprochen werden Kim Ki-duks Film "Bin-jip", die Ausstellung zu Jan van Eyck im Dresdner Kupferstich-Kabinett, die Opernarien des "atemberaubenden" Bassbaritons Jonathan Lemalu, Georges Simenons Maigret-Krimis als Hörbucher und Billy Wilders Klassiker "Eins, zwei, drei" auf DVD.

Für das Dossier reist Erwin Koch zu den Siedlern im brasilianischen Amazonien. Im Wirtschaftsteil rät Peter Glotz, Springers Medienmacht mit weniger Empörung und mehr List zu begegnen.

NZZ, 18.08.2005

Knut Henkel porträtiert (nicht online) den puertoricanischen Reggaemusiker Daddy Yankee, der mit seiner fünften CD "Barrio Fino" zum "Superstar" des jungen karibischen Pop aufgestiegen sei: "Für seinen Durchbruch hat Daddy Yankee den amerikanischen Markt intensiv beackert, als Sprungbrett diente ihm die puerto-ricanische Gemeinde in New York - die rund 900.000 Nuyoricans. Dort werden Musiker wie Don Omar, Ivy Queen, Speedy oder Daddy Yankee schon lange als Superstars gefeiert. Doch zwischen diesen Musikern gibt es handfeste Unterschiede. So fühlt sich Daddy Yankee seinem Stadtviertel, dem Barrio Villa Kennedy, verbunden; seine Texte beziehen sich immer wieder auf den Alltag im Viertel. Er setzt sich für das Aufbrechen von Barrieren ein und fordert die Leute im Barrio zur Zusammenarbeit auf, damit sie ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten können. Nicht unbedingt typisch für die Szene."

Weitere Artikel: In der Reihe "Europäischer Kulturhorizont" erzählt Iso Camartin vom Einbruch des Absurden in die Lebensroutine, wie ihn 1956 Camus in seiner Erzählung "La chute - der Fall" beschrieben hat. Peter Kraut beschreibt die Entwicklung der Verbindung von Musik, Rhythmus, Farbe und Licht in der Kunstmusik, im Film und im Pop. Marc Zitzmann schreibt den Nachruf auf Frere Roger, der am Dienstag abend erstochen wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Porträts von Francis Bacon in der Scottish National Gallery of Modern Art in Edinburgh und Bücher, darunter Sudhir Kakars Buch über "Die Frau, die Gandhi liebte" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 18.08.2005

"So hat man sich eine peinliche Parodie auf den gern beschworenen Dialog zwischen Geist und Macht immer vorgestellt", schimpft Peter Laudenbach über eine Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste, auf der die Kulturpolitiker Norbert Lammert (CDU), Eckhardt Barthel (SPD), Antje Vollmer (Grüne), Hans-Joachim Otto (FDP) mit den Kulturlobbyisten Adolf Muschg (Akademiepräsident), dem Theatermann Ivan Nagel und dem Opernintendanten Udo Zimmermann diskutierten. "Die Kunstlobbyisten auf dem Podium erreichten einen Phrasen-Output, der dem Antje Vollmers in nichts nachstand. Je länger man ihnen lauschte, desto unangenehmer drängte sich die Vermutung auf, dass die Subventionskultur eine Mentalitätsmischung aus Selbstgerechtigkeit, Larmoyanz und mit Moralparolen kaschierter Geldgier produziert."

Daniel Brühl, Sohn einer spanischen Mutter und eines deutschen Vaters, dreht zur Zeit einen Film mit Manuel Huerga über den 1974 hingerichteten Anti-Franco-Kämpfer Salvador Puig Antich (mehr hier). Es war nicht schwer, etwas über den Mann herauszufinden, meint Brühl im Interview. "Wenn wir während des Drehs von Leuten auf der Straße gefragt werden, was wir machen, sagen schon viele: 'Jaja, den kannte ich.' Plötzlich kennen sie ihn alle und waren natürlich auf seiner Seite - wobei sich damals kein Arsch gerührt hat, als er im Gefängnis war. Die Vergangenheit liegt in Spanien in der Luft. Jeder über 40 hat das ja direkt miterlebt. Mein Vater wusste sofort über Salvador Puig Antich Bescheid, weil mein Onkel damals als deutscher Journalist über den Burgos-Prozess berichtet hat. Es ist ein großer Vorteil, dass man eigentlich jeden fragen kann, wie es damals war."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals erinnert sich in der etwas rührseligen taz-Serie "Kino der Kindheit" an die Kurlichtspiele in Westerland auf Sylt. In der tazzwei bestaunt Jan Feddersen in seinem Nachruf auf den ermordeten Frere Roger das theologische Wunder, dass die Trauer, die gestern den katholischen Weltjugendtag überschattete, einem Protestanten galt, den Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, sogar einen Heiligen nannte.

Besprochen werden Bertrand Taverniers Spielfilm "Holy Lola", Mike Bigelows Callboy-Komödie "Deuce Bigalow - European Gigolo" und Mathilde Monniers Choreografie "Frere et soeur" im Rahmen des Berliner Festivals Tanz im August.

Schließlich Tom.
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FR, 18.08.2005

Auch Thomas Medicus hat in der Berliner Akademie der Künste der Podiumsdiskussion über die "Kultur der Republik" zugehört. Besonders unangenehm aufgefallen sind ihm dabei die Kulturschaffenden. Während die Mehrzahl der Politiker vorwiegend Sachkompetenz demonstriert habe, "brachen Akademiedirektor Adolf Muschg, Ivan Nagel, Mitglied der Sektion Darstellende Kunst, sowie vor allem der Komponist und Dirigent Udo Zimmermann in ein herzzerreißendes Lamento nimmersatten Anspruchsdenkens aus. 'Staat, Staat, Staat' schallte der sich sozialdemokratischer als die gesamte Sozialdemokratie gebärdene Muschg. Über Platitüden vom Schlage 'Kultur darf keine Ware werden' kam der in literarischen Dingen beschlagene, ansonsten immer heitere Muschg an diesem Abend kaum hinaus. Im Part des Alarmisten gefiel sich Udo Zimmermann... Die Larmoyanz des nicht mehr ganz jungen Trios legte den Verdacht nahe, außer den sogenannten Kulturschaffenden gebe es wohl kaum eine andere soziale Gruppe, die derart unbelehrbar davon überzeugt ist, ihr Partikular- sei zugleich immer auch Allgemeininteresse."

Für Norbert Seitz ("Der Kanzler und die Künste") macht die Nominierung des derzeitigen Bundestags-Vizepräsidenten Norbert Lammert zum Kulturstaatsminister in Merkels Schattenkabinett dreierlei deutlich: "Erstens, dass Merkel klug beraten ist, die Kultur mit einem eher konsensorientierten Politiker in ihrer Umgebung zu belassen, statt sie der profilneurotischen Schaumschlägerei von Guido Westerwelle auszuliefern.Zweitens wurde damit wohl auch eine Vorentscheidung gefällt, dass es bei der bisherigen Ressortkonstruktion bleiben und es kein Bundeskulturministerium geben wird. Und drittens setzt Merkel mit Lammert weitgehend auf eine inhaltliche Kontinuität, wohlwissend, dass es für kulturkonservative Kreuzzüge jenseits von Rot-Grün keine Mehrheiten gibt - trotz Ratzinger-Boom und Peter Hahnes Bestsellern."

Weitere Artikel: Renee Zucker erzählt von einer Reise durch das "Valley of Trauma" in Kaschmir. Elke Buhr widmet die heutige Kolumne "Times Mager" Betrachtungen über den Einfluss kalifornischer Garagen auf das Bewusstsein der Welt. Außerdem kommentiert sie die Berufung Michael Brands zum Direktor des Getty-Museums in Los Angeles.

Der Aufmacher der Kulturbeilage (e-paper) ist dem Weltjugendtag gewidmet. Krystian Woznicki beschreibt am Beispiel von "geringförmigen Eingriffen in die Benutzeroberfläche" der Städte, wie Sicherheitsarchitektur den öffentlichen Raum zu disziplinieren beginnt. Und Bertrand Tavernier, dessen Film "Holy Lola" heute ins Kino kommt, spricht im Interview über die Authentizität der Fiktion und Romy Schneider, mit der er "Der gekaufte Tod" drehte: "Sie war als Schauspielerin sowohl unglaublich großzügig im Geben als auch zerbrechlich. Sie dachte immer, sie sei nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht intelligent genug. Obwohl sie viel lachen konnte, wenn sie glaubte, wir machten uns über sie lustig. Sie wollte geliebt werden, sie brauchte diese Liebe, insbesondere vom Regisseur. Sie hat mir sehr viel beigebracht, besonders nicht zu früh zu schneiden. Ihr Zeit zu geben, sich einzufühlen. Manchmal braucht sie nur drei oder vier Sekunden mehr, um mir alle Reaktionen zu geben, die ich wünschte. Sie hatte einen unglaublichen Sinn für das Mögliche. Bat sie um eine weitere Aufnahme, hatte sie immer Recht. Dann steigerte sie sich wirklich, das können Schauspieler sonst nie einschätzen."

Besprochen werden die Ausstellung "Ein Fest der Malerei" im Düsseldorfer Museum Kunst Palast, Iain Softleys abschließende Folge der "Scream"-Trilogie "Der verbotene Schlüssel/ The Skeleton Key", Bertrand Taverniers Adoptionsdrama "Holy Lola", Gurinder Chadhas neuer Film "Liebe lieber Indisch", Matias Bizes Film "Sabado - das Hochzeitstape", Lali Punas Album "I thought I was over that" und Jochen Missfelds Roman "Steilküste" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Spiegel Online, 18.08.2005

Der Spiegel hat nun auch sein Gespräch mit dem Maler Gerhard Richter online gestellt. Heillos überteuert findet Richter etwa seine eigenen Bilder: "Von solchen Rekordsummen zu hören ist natürlich erst mal sehr erfreulich, und zugleich ist es erschreckend. Vor allem aber taugt so was nicht als Motivation zur Arbeit. Wenn ich nicht gut drauf bin, nehme ich solche Erfolge sogar als Zeichen, dass die Zeiten verdorben sind, dass die Käufer nichts von Kunst verstehen, dass ich sie vielleicht betrogen habe und dass sie viel zu viel bezahlt haben. Und das tun sie ja nun tatsächlich: allgemein viel zu viel für Kunst zahlen. Da besteht doch ein völliges Missverhältnis zwischen dem Wert und der Relevanz von Kunst und diesen wahnwitzigen Preisen, die dafür gezahlt werden."

Berliner Zeitung, 18.08.2005

Der Religionsphilosoph Thomas Brose versucht sich zu erklären, wie sich die katholische Kirche auf dem Markt der Sensationen so erfolgreich positionieren konnte: "Die katholische Kirche hat sich damit wieder auf traditionelle Stärken besonnen: Glaube nicht bloß als nüchternen Bericht weiterzusagen, sondern bildhaft-anschaulich zu dramatisieren. Und das scheint, wie Christoph Türcke in seinem Buch 'Die erregte Gesellschaft' analysiert, genau das zu sein, was derzeit notwendig ist. Der Leipziger Philosoph konstatiert nämlich als Zeichen einer erregten Zeit den neuen Imperativ, sich anderen sinnlich wahrnehmbar zu machen. 'Das Nicht-Wahrgenommenwerden heißt Draußen-Sein, und Draußen-Sein ist wie tot sein bei lebendigem Leibe.' Permanent schicken sich darum nicht nur junge Leute SMS und E-Mails, filmen und fotografieren die Welt, um sich ihrer eigenen Existenz immer wieder zu versichern."
Stichwörter: Christoph Türcke

FAZ, 18.08.2005

In bewegenden Szenen schildert Dirk Schümer den Niedergang des Urlaubslandes Italien, wo zumal an den Stränden in diesem Jahr Hunderttausende von Touristen ausblieben. Das Land scheitert an seinem Erfolg: "Die einstige Zauberformel ist unter dem Druck eines skandinavischen Steuersystems und hoher Gehälter schlicht zu teuer geworden. Die derzeitige Lage mit Hotelpreisen von 100 Euro an im kargen Dreisternehotel, mit astronomischen Kosten für Liegestuhl, Sonnenschirm, Speiseeis und Parkplatz, können nicht einmal mehr deutsche Proleten, einst Inbilder der Bedürfnislosigkeit, überzeugen. Die fliegen nämlich mit Billiglinien längst auf die Antillen, nach Nordafrika oder in die Türkei, wo sie das Tagesprogramm genausoviel kostet wie in Italien das durchgelegene Doppelbett."

Heinrich Wefing stellt den CDU-Politiker Norbert Lammert vor, den Angela Merkel als Kulturbeauftragten in ihr Kompetenzteam aufnahm: "Gleich nach der Ankündigung von Neuwahlen durch Gerhard Schröder hatte er die Umrisse einer christdemokratischen Kulturpolitik skizziert und dabei stets betont, diese werde sich nicht fundamental, sondern eher in Nuancen und Akzentsetzungen von der rot-grünen unterscheiden, etwa in der auswärtigen Kulturpolitik oder beim Zuschnitt von Länder- und Bundeskulturstiftung. Die ideologische Kehrtwende jedoch findet nicht statt." (Wefing spielt hier auf ein SZ-Interview an, das wir hier resümierten.)

Weitere Artikel: Rainer Flöhl beklagt die Schwierigkeiten einer von Kassen und Politikern im Stich gelassenen Psychiatrie in Deutschland. In der Leitglosse schimpft Edo Reents über "dieses schwachsinnige Politbarometer, mit dem man uns regelmäßig aus der Abenddösigkeit zu schrecken versucht". Michael Gassmann schildert, wie die Nachricht von der Ermordung des Frere Roger die Kölner Taize-Gemeinde traf. Dietmar Dath gratuliert dem Science-fiction-Schriftsteller Brian Aldiss zum Achtzigsten.

Auf der Kinoseite erzählt Andreas Kilb, wie er im Beisein von Franz Müntefering und weiteren Betroffenen aus Politik und Gewerkschaften der Pressevorführung von Michael Glawoggers Dokumentarfilm "Workingman's Death" beiwohnte. Andreas Platthaus besucht eine Ausstellung über Tricktechniken in Frankfurt. Andreas Rossmann berichtet, dass an der Ruhr-Universität Bochum ein Lehrstuhl für den Industriefilm gegründet wird. Und Michael Althen erklärt, warum der Film "Die Insel" trotz Ewan McGregor und Scarlett Johansson floppte. Auf der Medienseite stellt Thomas Thiel neue Sportzeitschriften vor. Hansgeorg Hermann erzählt, "wie Griechenlands Fernsehen den Absturz von Athen inszeniert". Und Michael Hanfeld meldet, dass Harald Schmidt eine elf Minuten lange Satire für Musikplayer zum Herunterladen eingespielt hat.

Auf der letzten Seite meldet Christian Schwägerl, dass der "Familien-Papst" Hans Bertram der Familienministerin einen Familienbericht überreichte, den man aber noch nicht lesen darf. Und Kerstin Holm las einen Artikel von Michail Chodorkowski in der Zeitung Wedomosti, in dem der inhaftierte Ex-Oligarchen vor der Heraufkunft eines extrem autoritären linken Regimes warnt. Abgedruckt wird eine Laudatio Michael Maars auf Julian Barnes, der den Österreichischen Staatspreis erhalten hat.

Besprochen werden der Comic "Schiller!" des Zeichners Horus, dem in Marbach auch eine Ausstellung gewidmet ist, Bertrand Taverniers Film "Holy Lola" (mehr hier) über ein Paar, das in Kambodscha ein Kind adoptieren möchte, eine Ausstellung mit Radierungen Alfred Hrdlickas zu Canettis "Masse und Macht" in Wien und die "Walküre" im Teatro Colon in Buenos Aires.

SZ, 18.08.2005

Die streiten sich schon wieder, und das im Wahlkampf, diagnostiziert Lothar Müller - allerdings drückt er es vornehmer aus: "Der Wahlkampf ist noch jung, aber schon lässt er erkennen, dass sich die Politik ungeachtet der rituellen Selbstermahnungen, keine Gräben aufzureißen, an der Aufgabe erprobt, die in der Gesellschaft zirkulierenden antagonistischen Energien zu bewirtschaften." Das ganze ist Auftakt einer SZ-Serie, die in den kommenden Wochen das Auseinanderfallen des sozialen Konsenses in der deutschen Gesellschaft mustern will. Johan Schloenemann läutet Runde eins der Debatte ein: Arbeitslose gegen Arbeitsplatzbesitzer: "Und nun machen wirtschaftlicher Wandel und Wachstumsschwäche aus dem Nebeneinander der Gruppen eine Konfrontation."

Weitere Artikel: Andrian Kreye hat sich mit dem Schriftsteller Jonathan Safran Foer über dessen neues Buch "Extrem laut und unglaublich nah" unterhalten: "Sprache ist so ungenau, dass man meistens weniger als ein Prozent von dem sagt, was man sagen könnte... ein Blog ist eher null Prozent." Jens Bisky reagiert leicht bestürzt auf eine Veranstaltung des Rings Christlich-Demokratischer Studenten RCDS mit dem Titel "Jugend für Merkel". Susan Vahabzadeh warnt vor einer kommenden Flugzeughorrorfilmflut. Rainer Gansera und Fritz Göttler haben Bertrand Tavernier zu alten Filmen, Kambodscha sowie seinem neuesten Werk "Holy Lola" befragt, dem ein Roman von Taverniers Tochter Tiffany zugrunde liegt.

Ralf Berhorst hat in der Berliner Akademie der Künste der hochkarätig besetzten Diskussion zur Kulturpolitik zugehört. Es regierte auf allen Seiten der "pragmatisch-defensive Realismus". Sonja Zekri fasst die russische Debatte über Oksana Robskis Roman über das Leben der Superreichen "Casual" zusammen, der auf der Liste der schädlichsten Bücher für Russland steht, welche die Zeitung Nowyje Iswestija veröffentlicht hat. Jo Lendle übermittelt Schrulliges vom Weltjugendtag in Köln. Anna Kemper staunt über Salzburg, wo der alte Spielfilm "The Sound of Music" mit Julie Andrews Anna Netrebkos "La Traviata" Konkurrenz machen konnte.

Besprochen werden Stefan Betz' Comming-of-Age-Kommödie "Grenzverkehr", Iain Softleys "leiser, fieser" Horrorfilm "Der verbotene Schlüssel/ The Skeleton Key", Beethovens Oper "Fidelio" in der Fassung von 1805, dirigiert von Bertrand de Billy und inszeniert von Regisseur G. H. Seebach beim Klangbogen im Theater an der Wien und Rainer Guldins Villem-Flusser-Buch "Philosophieren zwischen den Sprachen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).