Ludolf Herbst

Komplexität und Chaos

Grundzüge einer Theorie der Geschichte
Cover: Komplexität und Chaos
C. H. Beck Verlag, München 2004
ISBN 9783406494550
Paperback, 336 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Ludolf Herbst entwickelt in diesem Buch erste Grundzüge einer Theorie der Geschichte, die Komplexität und Chaos als zwei Merkmale moderner Gesellschaften in den Mittelpunkt rückt. Anders als andere Disziplinen hat es die Geschichtswissenschaft bislang vermieden, sich in theoretischer Hinsicht mit komplexen Systemen zu beschäftigen. Der Autor stellt wichtige Methoden und erkenntnistheoretische Probleme vor, mit denen der Historiker bei seiner Arbeit konfrontiert ist. Dabei werden "klassische" Verfahren ebenso berücksichtigt wie jene, die die postmodernen Richtungen der Geschichtswissenschaft entwickelt haben. Gegen die erkenntnisskeptischen Einwände, die von ihnen ausgehen, wird eine Grenze im Pragmatismus und in der Verantwortung des Zeithistorikers gezogen, der die Aufgabe hat, Ideologiekritik zu leisten und Erklärungen für die Katastrophen der Geschichte zu entwickeln.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004

Außerordentlich kritisch geht Rezensentin Marie Theres Fögen mit Ludolf Herbsts Versuch, die "Grundzüge einer Theorie der Geschichte" zu skizzieren, ins Gericht. Denn eine Theorie kann Fögen hier nicht ausfindig machen. Stattdessen erkennt sie auf knappen Raum eine Unmenge an Theorie-Fragmenten aus den letzten 200 Jahren. "Unwahrscheinlich" erscheint ihr, dass Studierende, für die das Buch primär geschrieben sei, aus Herbsts Synthesen "viel mehr als ein Viertelwissen beziehen können." Auf die Frage, ob und wie das alles zusammenpasse, antworte Herbst mit "Methodenpluralismus". Schon richtig, meint die Rezensentin. Nur alles gleichzeitig gehe nicht. In Herbsts Unterfangen einer "historischen Chaostheorie" sieht sie einen eklektischen Mix aus Systemtheorie und anderen Theoriebausteinen, der das "helle Licht der Systemtheorie" trübe. Auch seinen Ausführungen über die Geschichte als Wissenschaft vom Menschen kann sie nichts abgewinnen. "Zu einem Lehrbuch zusammengeklebte Scherben", resümiert die Rezensentin ungnädig, "verhelfen nicht zu einem neuen Weltbild."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2004

Nicht wirklich überzeugt zeigt sich Rezensent Marcus Völkel von diesem Band des Historikers Ludolf Herbst. Den hohen Erwartungen, die der Titel "Komplexität und Chaos. Grundzüge einer Theorie der Geschichte" weckt, wird das Buch seines Erachtens nicht gerecht. Bei Herbsts Überlegungen zur "historischen Methode als Komplexitätslehre" und seinen Reformulierungen der historischen Anschauungsformen Raum und Zeit, Sprache und Begriff, Mensch und Umwelt im Hinblick auf Komplexität, macht sich bei Völkel vor allem Ernüchterung breit. Einen ausgearbeiteten Begriff von historischer Komplexität findet er hier nicht. Stattdessen die wenig aufregende Aussage, komplex seien natürlicherweise alle Verfahren des Historikers. Wer schließlich auf eine gründliche Adaptation der gegenwärtigen Chaostheorie auf die Verhältnisse der historischen Interpretation hofft, wird nach Ansicht Völkels ebenfalls enttäuscht. Er erblickt in Herbsts Chaosbegriff nichts anderes als eine Umprägung von Kants geschichtsphilosophischem Konzept des Antagonismus, wonach Gegensätze die Menschheitsgeschichte voran treiben. Hinter Herbsts Begriffen von Komplexität und Chaos erkennt der Rezensent die Rückkehr zur geschichtsphilosophischen Position einer unsichtbaren Selbststeuerung des historischen Prozesses. Ob das ein zukunftsweisender Typ von Theorie ist, lässt Völkel dahingestellt sein. Gut bedient werde bei Herbst, wer nach einem Überblick über die Gemeinplätze der heutigen Geschichtsforschung sucht. Herbst kehre durch Chaos und Komplexität unbeirrbar zum Altvertrauten, zum Methodenpluralismus und zur beschädigten Aufklärung zurück. Damit sieht der Rezensent einmal mehr seinen "schmerzlichen Verdacht" bestätigt, dass die "historische Theorie" in Deutschland seit zwanzig Jahren ein grundkonservatives Metier ist. "Sie reproduziert sich nur noch selbst", resümiert Völkel, "so bleibt die Aufmerksamkeit mit Recht gering."
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