Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2005. Die FAZ ist empört über die Abwicklung des SWR-Vokalensembles durch den SWR-Intendanten Peter Voß. Die FR feiert "eine kostbare Paradiespflanze", die Frankfurter Schauspielerin Friederike Kammer. Die taz erinnert sich voll Wehmut an die Ulmer Hochschule für Gestaltung. Die NZZ flaniert durch die russische Kulturszene in Israel. Und im Tagesspiegel erklärt Andras Schiff, warum er den ersten Satz der Mondscheinsonate ohne Pedal spielt.

FR, 09.03.2005

Peter Michalzik hat im Ensemble des Schauspiels Frankfurt "eine kostbare Paradiespflanze" gefunden: die Schauspielerin Friederike Kammer. "Ins Bewusstsein der Frankfurter drang sie so richtig erst mit 'Endstation Sehnsucht', eine Aufführung, die nicht nur die Frankfurter Theatersehnsüchte ziemlich genau trifft: metropolitan, verständlich, Action, Psychologie, die Behauptung prallen Lebens. Neben einer Schauspielerin, die wie keine andere verlottert, fertig, sogar abgefuckt wirken kann, neben Susanne Lothar, dem großen Gast-Star, erschien unerwartet eine andere, der das Stück die Rolle des Weibchens und Heimchens zuwies, die hier aber Ausstrahlung und Sex hatte, die verführerisch war. Friederike Kammer spielte - gegen Stück, Inszenierung, Rolle und Mitspieler, gegen alles also - die Stella so offensiv, dass sie zeitweise zur Hauptfigur der Inszenierung wurde. Hier wurzelt die Spannung, die diese Aufführung trotz allem und bis heute zum Frankfurter Publikumsmagnet macht." Ab Freitag spielt Kammer die Titelrolle in Armin Petras Inszenierung von Victor Hugos "Lucretia Borgia".

Auf der Medienseite berichtet Oliver Gehrs über eine Podiumsdiskussion in Berlin zum Thema "Prominentenanwälte contra Pressefreiheit". Zwei Dinge hat er dort erfahren: dass in Berlin "eine besonders pressefeindliche Stimmung herrscht. Walter Seitz, der ehemalige Vorsitzende des Pressesenats am Oberlandesgericht München, weiß von Anwälten, die im Kampf gegen eine bestimmte Berichterstattung stets vor das Berliner Landgericht ziehen. 'Wenn ich eine einstweilige Verfügung will, gehe ich nach Berlin, dort bekomme ich die immer.'" Außerdem sei es nicht mehr selbstverständlich, erklärte der Presseratsvorsitzende Lutz Tillmanns, "dass verklagte Journalisten von ihren Verlagen oder Sendern Rückendeckung im Rechtsstreit erhielten. Werde der Reporter verklagt, zögen sich manche Pressehäuser ganz diskret zurück. Ein beliebtes Mittel sei auch, dass nur die Journalisten verklagt würden, und nicht die Zeitungen, um sie so einzuschüchtern oder mundtot zu machen."

Weitere Artikel im Feuilleton: In der Reihe "Inventur", die sich Kunstwerken aus dem Jahr 1945 widmet, erklärt Elke Buhr, wie der Kampfflieger Joseph Beuys nach dem Krieg zum Heiler werden konnte. In Times Mager widmet sich Jürgen Roth rauchenden Taxifahrern. Besprochen werden "Gunner Palace", ein Dokumentarfilm über den Irak-Krieg, und Bücher, darunter Eva Menasses Familienroman "Vienna" und ein Band mit Fotos von Ralph Eugene Meatyard (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 09.03.2005

Nun tritt ein, wovor die FAZ schon mehrfach warnte: Wegen einer unangemessen niedrigen Gebührenerhöhung und weil der Sender SWR sein Weltniveau bei der Übertragung von Fußballspielen und Volksmusiksendungen verteidigen muss, wird das einzigartige SWR-Vokalensemble zur Unkenntlichkeit verstümmelt - von 36 auf 18 Sängerstellen. So sieht es ein Papier mit dem hübschen Titel "Fortgeschriebener Sachstandsbericht" des SWR-Intendanten Peter Voß vor. Eleonore Büning kommentiert: "Hinter den verschraubten Wortungetümen der in den Sendern kursierenden Papiere versteckt sich ein Akt der Barbarei; die Unterpunkte 2.4.2. und 2.4.3. des 'Fortgeschriebenen Sachstandsberichts', die ganz unverhohlen mit 'Auflösung' als 'maximaler Personaleinsparung' drohen, sprechen eine deutliche Sprache. Als ein halbierter, semiprofessioneller Chor wäre das SWR Vokalensemble, vormals 'Südfunk Chor', aber ohnehin ein totes Ensemble. Die hochqualifizierten Sänger werden zweifellos einen anderen Job finden. Doch die Region verliert ein Bündel Konzerte, das Bundesland verliert einen der profiliertesten Kulturbotschafter, die deutsche Musiklandschaft einen ihrer Leuchttürme."

Weitere Artikel: FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher stellt dem bekannten Autor gleichen Namens zwei ganze Seiten für ein Interview mit dem Sohn des Hitler-Fotografen Walter Frentz, Hanns-Peter Frentz zur Verfügung. "boom" schreibt eine Leitglosse über den in Russland mit großem Aufwand begangenen gestrigen Tag der Frau. "küg" meldet, dass das ehemalige Landhaus Joan Miros im katalanischen Montroig zum Verkauf steht. Eine weiter Meldung besagt, dass der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Adolf Muschg, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel in einem Brief beschwört, auf eine Verfassungsklage gegen die Übernahme des Instituts durch den Bund zu verzichten. Andreas Rosenfelder verfolgte eine Tutzinger Tagung über Archive. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod von Wilhelm Melcher, dem ersten Geiger des Melos-Quartetts. Dieter Bartetzko gratuliert der Schlagersängerin Katja Ebstein zum Sechzigsten. Gerhard Rohde hörte Konzerte des für fünf Tage in Köln residierenden Los Angeles Philharmonic unter seinem Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen. Andreas Rossmann gratuliert dem Kunsthistoriker Roger Goepper zum Achtzigsten.

Auf der Medienseite stellt Matthias Schümann die Rostocker Produktionsfirma "Looks" unter Gunnar Dedio vor, die für eine Serie über die DDR-Vergangenheit einen der Grimme-Preise bekommt. Jürg Altwegg berichtet vom Einstieg der Prisa-Pressegruppe um El Pais bei Le Monde. Und Robert von Lucius meldet, dass der schwedische Metro-Pressekonzern Deutschland mit Gratisblättern beglücken möchte.

Auf der letzten Seite stellt Tilman Spreckelsen Pläne zur Neugestaltung der Kasseler Museumslandschaft vor. Paul Ingendaay staunt über die Erfolge des Kölner Kinderbuchillustrators Nikolaus Heidelbach und einer von ihm illustrierten Ausgabe der Andersen-Märchen in Spanien. Und Jürg Altwegg stellt Ivan Jablonkas nur auf französisch erschienene Biografie (mehr hier) über Jean Genet heraus, in der sich herausstellt, dass der verehrte Dichter ein Nazi war: "Auf die drei Begriffe Heiliger, Komödiant, Märtyrer brachte Sartre Genets Leben und Schreiben. Seinen Antisemitismus tat er als Masochismus ab. Doch Genet war weder ein Heiliger noch ein Märtyrer. Zutreffend ist nur die Bezeichnung Komödiant."

Besprechungen gelten dem Film "Das Meer in mir" von Alejandro Amenabar, den von mehreren Autoren verantworteten "Glaubenskriegen" an den Münchner Kammerspielen und einer Schlamminstallation von Santiago Ferra in der Hannoverschen Kestner Gesellschaft.

TAZ, 09.03.2005

Ronald Berg empfiehlt eine Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum zum fünfzigsten Geburtstag der Ulmer Hochschule für Gestaltung (mehr), die 1953 gegründet und 1968 von Hans Filbinger abgewickelt worden war. Dennoch gilt sie heute, so Berg, "weltweit als eine Art Markenzeichen für deutsche Wertarbeit in Sachen Design". Die Ausstellung zeige, "was es mit dem 'Ulmer Modell' auf sich hatte. Anders als viele am Bauhaus verstanden sich die Ulmer nämlich ausdrücklich nicht als Künstler, sondern als Gestalter 'industrieller Produkte' und 'bildhafter und sprachlicher Mitteilungen'. Gleichwertige Partner im Produktionsprozess wollten sie sein. Anerkennung und Erfolg der HfG weltweit gründen sich aber wahrscheinlich auf den puristischen Stil der Ulmer Produkte. Dabei war Stil das Letzte, um das es den Ulmer Gestaltern ging. Ihnen ging es um 'Zivilisationskultur', wie Otl Aicher es etwas pathetisch formulierte. Die Phonogeräte der Firma Braun sind die konkreten Resultate des systemischen Denkes an der HfG. In Form und Farbe auf eine geometrischer Schlichtheit reduziert, werden die einzelnen Komponenten je nach ihrer Funktion als Verstärker, Radio etc. zu einem System zusammengestellt. Ähnlich systemisch funktioniert das bis heute produzierte Stapelgeschirr TC 100, eine Diplomarbeit von Hans (Nick) Roericht von 1958/59."

Weiteres: Thomas Meinecke, Klaus Walter und Frank Witzel führen eine Art Gespräch über Leute, die sie nicht leiden können: etwa Joschka Fischer, Sibylle Tönnies und Reinhard Mohr. Das geht immer "irgendwie so eine Schraubendrehung weiter". Auf einer Tagesthemenseite porträtiert Ingo Malcher den Schauspieler Jacques Arndt, den SA-Männer 1938 aus dem Wiener Burgtheater geprügelt hatten und der dann nach Argentinien floh.

Besprochen wird ein Band über die 101 wichtigsten Fragen zur modernen Kunst (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier Tom.
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NZZ, 09.03.2005

Angelika Timm stellt die russische Kulturszene in Israel vor: "Wie die Tageszeitung Haaretz vermerkt, ist Israel mit über einer Million russischsprachiger Menschen nunmehr das Zentrum russischen Judentums. Insbesondere die 1989 einsetzende Masseneinwanderung aus der sich auflösenden Sowjetunion prägt nachhaltig das politische und soziale Leben, vor allem jedoch auch das kulturelle Antlitz des jüdischen Staates. Allein in den Jahren 1989 bis 1995 suchten 14.100 Schauspieler, Musiker und Schriftsteller hier eine neue Heimat. Sie gründeten Orchester, Theatergruppen und künstlerische Vereinigungen, mit denen sie der multikulturellen Landschaft Israels ein spezifisches Element hinzufügten."

Besprochen werden eine Werkschau zu Valie Export in Klosterneuburg, eine Anthony-Caro-Ausstellung in der Tate Britain, eine Ausstellung über das schöne Thema Schreiben und Geld des Schweizerischen Literaturarchivs in Bern und Bücher, darunter Adolf Muschgs Roman "Eikan, du bist spät" und Norbert Freis Buch "1945 und wir" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 09.03.2005

Der Pianist Andras Schiff erzählt im Gespräch mit Jörg Königsdorf, wie er zu Beethoven kam - und wie man ihn besser spielt als Schnabel, Kempff und Arrau. Nämlich mit Humor! "Je mehr ich mich mit den Sonaten beschäftigt habe, desto mehr habe ich festgestellt, dass vieles von der Tradition zwar wunderbar, vieles aber auch Schlamperei ist. Nehmen Sie ein ganz berühmtes Beispiel: Vor dem ersten Satz der 'Mondschein-Sonate' hat Beethoven ganz deutlich senza sordino geschrieben, ein klarer Hinweis, dass man auf dem modernen Klavier nur sehr wenig Pedal einsetzen sollte. Aber wie oft ertrinkt dieser Satz in bleierner Sentimentalität, weil da irgendwelche Ideen einer verqueren Romantik durch die Köpfe spuken, die nichts mit Beethoven zu tun haben. Dabei ist das eigentlich ein ganz revolutionäres Stück."

SZ, 09.03.2005

Kristina Maidt-Zinke berichtet vergnügt von der Martin-Walser-Ausstellung "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr" im Literaturhaus München: "In wesentlichen Teilen hat Martin Walser sich hier als sein eigener Ausstellungsmacher betätigt, indem er Briefe, Fotos, Manuskripte, Erstausgaben und Plakate aus seinem Privatarchiv zur Verfügung stellte. Da findet sich zum Beispiel, so entlarvend wie anrührend, ein Briefwechsel mit Uwe Johnson aus dem Winter 1960/61, in dem Walser sich gegen den Vorwurf verteidigt, es mangele ihm an menschlicher Wärme. 'Ich hab keine Wärme und keine Kälte', schreibt er, 'und die Lauen müssen auch leben, mehr an- als ausgespuckt'. Johnson antwortet ziemlich gnadenlos: 'Der Herr Walser ist steif... Sich selbst liebt er wehleidig, mit Hass gegen die Gesellschaft verteidigt er sich, der Erfahrene erkennt den bösen Blick schon früher."

Zehn deutsche Städte bewerben sich um das Prädikat "Kulturhauptstadt 2010". Zur Vorentscheidungen dürfen noch einmal die Fans von Braunschweig Kassel, Karlsruhe, Regensburg, Potsdam, Bremen, Braunschweig, Essen, Görlitz, Halle und Lübeck kleine Hymnen-Schnipsel in die Waagschale werfen. Gerhard Matzig findet die Konkurrenz unter Europas Städten eigentlich ganz in Ordnung - solange sie sich nicht gegenseitig mit Spezialitäten bewerfen: "Bamberg wetteiferte einst mit Würzburg oder Nürnberg, Florenz forderte Rom heraus, Oxford und Cambridge stehen selbstverständlich im Wettbewerb. Aber im Zuge dieser urbanen Komparatistik sind immer auch Kulturgüter entstanden - denn der Wettbewerb war tatsächlich einer der kulturellen Differenz. Es ging um die besseren Plätze, die schöneren Bildwerke, die schmuckvolleren Häuser und um die klügeren Gedanken. Heute entstehen zwar vereinzelt immer noch neue Museen (wie zuletzt beispielsweise in der Kulturhauptstadt Graz 2003), aber leider zunehmend auch jene Events, die sich rasch in ihr ödes Gegenteil verkehren: in Belanglosigkeit und Langeweile. Die Städte sollen wetteifern, kämpfen und konkurrieren. Aber sie sollen Haltung bewahren."

Weiteres: Michael Struck-Schloen erzählt von einer Kölner Konzert-Reihe, die dem italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino gewidmet war. Christian Kortmann ist in der winterlichen Kälte auf den Gedanken gekommen, dass der Hochsommer gar nicht zu Deutschland passt: "Es ist die kühle Eleganz des Dauerfrostes, die dem Land gut steht." Ulrich Kühne verabschiedet ehrfurchtsvoll den Physiker und Nobelpreisträger Hans Bethe, dem wir die Sonnenenergie verdanken, zumindest die Lösung ihres Rätsels. Einen Nachruf auf die amerikanischen Filmschauspielerin Teresa Wright liefert Fritz Göttler.

Besprochen werden Alejandro Amenabars Oscar-prämierter Film "Das Meer in mir" (den Rainer Gansera für einen "wunderbar gelungenen Balanceakt" zum Thema Sterbehilfe hält), die Schau "A Journey of a Thousand Years", die Schätze der Turk-Imperien in der Royal Academy of Arts in London zeigt, Ulrich Zaums Stück "Himmelsleiter" am Potsdamer Hans-Otto-Theater, ein Konzert des Pianisten Denys Proshayev in München und Bücher, darunter Christian Hallers Geschichte der Schweiz "Das schwarze Eisen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).