Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2004. In der Zeit verteidigt Helmut Lachenmann die Kunst gegen den Pop. In der FAZ verteidigt Michael Maar seinen "Lolita"-Fund gegen seine Kritiker. Im Spiegel findet Andrzej Stasiuk, dass sich der provinzielle Westen über den EU-Beitritt des kosmoplitischen Ostens freuen kann. Die FR bringt eine Hymne auf den großen Unangepassten J.M. Coetzee. In einem SZ-Beitrag bekennt Tony Blair seinen Glauben an Großbritanniens zentrale Rolle in Europa.

Zeit, 29.04.2004

Der Komponist Helmut Lachenmann verteidigt im Interview die Kunst gegen die Oberflächlichkeit des Pop: "Es wird gern behauptet, Pop sei der wahre Ausdruck unserer Zeit und unseres Lebensgefühls. Das mag zutreffen, wo sich die Gesellschaft Musik als warme Bettdecke über den Kopf gezogen hat. Aber die Kunst ist nicht Ausdruck unseres Lebensgefühls, sondern eher das, was uns fehlt in unserem Lebensgefühl."

Droht den heute Vierzigjährigen ein Komplott, ein wie Frank Schirrmacher in seinem Buch behauptet? Unsinn, meint Bernd Ulrich. Die Vierzigjährigen sind gerade dabei, die 68er in den Machtzentralen abzulösen. "Niemand sollte sich im Ernst darüber beschweren, 'erst' mit 40 in die Zentren von Gesellschaft, Medien, Politik und Wirtschaft vordringen zu können. So gut wird es die nächste Generation nicht haben. Sie hat etwas anderes vor sich: uns." Wehe den nachfolgenden geburtenschwachen Jahrgängen! Die Vierzigjährigen "können noch Ideologie, ohne ihr zu verfallen, können Sinn simulieren und Thesen aufstellen, Linien ziehen und nicht nur Pirouetten drehen. Sie haben an Küchentischen Machtdiskurse gelernt und können darum verdeckt und lächelnd Vorteile erkämpfen. Sie waren im Sparring mit den 68ern und haben noch selbst Demos organisiert. Kurzum: Sie sind für die Jüngeren die sympathischste und verständnisvollste Hölle, die sich diese nur wünschen können."

Nach elf Jahren wurde mit Hans Weingartners Film "Die fetten Jahre sind vorbei" erstmals wieder ein deutscher Film nach Cannes eingeladen. Wir sind nicht dankbar, ruft Katja Nicodemus den Festivalleitern zu. "Cannes muss uns dankbar sein. Dafür, dass in Deutschland seit Jahren ein Kino vor sich hin wächst, das dem konservativsten der großen Festivals nun endlich den Spiegel der eigenen Verbohrtheit vorhält. Mit seiner Fixierung auf ein vermeintliches Establishment war der Wettbewerb von Cannes schlichtweg zu altväterlich, um Regisseure wie Andreas Dresen, Wolfgang Becker, Fatih Akin oder Christian Petzold wahrzunehmen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher erklärt Thomas Assheuer, warum es nicht ausreicht, den militanten Islamismus einfach nur als neuen Totalitarismus zu bekämpfen, wie der Publizist Paul Berman vorschlägt. Mit Joseph Stiglitz und John Gray will Assheuer den Islamismus auch als Nebeneffekt der Globalisierung verstanden wissen. Der Historiker Norbert Frei ärgert sich über die "Kosten-Killer" in den Geisteswissenschaften: "Wer über die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen nicht reden will, der sollte von Eliteuniversitäten und Reformen schweigen." Volker Schlöndorff schickt einen kurzen Glückwunsch zum 50. Geburtstag der Oberhausener Filmtage. Evelyn Finger hat die letzte Premiere der Ballett-Kompagnie der Komischen Oper besucht und stellt fest: Die Stadt Berlin schafft das falsche Ballett ab. Petra Kipphoff annonciert die Wiedereröffnung des Dresdner Kupferstichkabinetts. Hanno Rauterberg fragt sich, warum neuerdings so viele Künstler Obdachlose und Behinderte ins Zentrum ihrer Kunst stellen: Nichts gegen pragmatische Sozialarbeit, aber "warum müssen die Künstler dabei als Künstler auftreten? Weshalb können sie nicht schlicht als Menschen sich ihrer Mitmenschen annehmen? Wieso wollen sie ihre Formen der Nächstenliebe verkunsten und sich selbst erhöhen?" Ulrich Stock porträtiert den norwegischen Musiker Bugge Wesseltoft, der ab Montag durch Deutschland tourt. Claudia Herstatt stellt das einzige Auktionshaus in Deutschland vor, das auf Fernost spezialisiert ist: Klefisch in Köln.

Besprochen wird die Tilman-Riemenschneider-Ausstellung in Würzburg. Im Aufmacher des Literaturteils stellt Reinhard Blomert neue Wirtschaftsbücher von Joseph Stiglitz, Paul Krugman und Lester Therow vor (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr). Und im Politikteil versichert Gesine Schwan im Interview: "Ich bin kein Bürgerschreck."

NZZ, 29.04.2004

Andrea Köhler widmet sich dem Zusammenhang zwischen Selbstmord und Sonetten: "Von allen Schreibenden, hat nun eine Studie des amerikanischen Psychologen James C. Kaufman, Direktor des Learning Research Institute an der California State University, San Bernardino, herausgefunden, sind die Lyriker ganz besonders gefährdet. Demnach sterben die Verseschmiede durchschnittlich gut ein Jahr früher als Dramatiker und knapp vier Jahre früher als Romanciers. Den Verfassern von Sachbüchern, die geübter im Umgang mit den Forderungen des Faktischen sind, bescheinigt die Studie die längste Lebenserwartung unter den Autoren." Erschienen ist die Studie in dem Journal Death Studies, online haben wir sie leider nicht gefunden.

Besprochen werden die große Rembrandt-Werkschau in Wien ("Die Albertina präsentiert Rembrandt in all seiner Kunst, sie zeigt ihn schlicht, und sie zeigt ihn ergreifend", schreibt Paul Jandl), das Album "Heroes To Zeros" von der Beta Band, neue Alben von vier Schweizer Jazzsängerinnen, Ausstellungen der Designer Yves Behar und Ruedi Baur im Mu.dac Lausanne und Bücher, darunter Christoph Hölz' Biografie des Civil-Ingenieurs Franz Jakob Kreuter und Hugo Hamiltons Kindheitsroman "Gescheckte Menschen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 29.04.2004

In Spiegel online - sehr gut versteckt - spricht der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk im Interview über die EU-Osterweiterung, das schwierige Verhältnis der Polen zu den Deutschen und die Eigenheiten seiner Landsleute, die mit Linienbussen 1600 Kilometer zur Arbeit nach Brüssel pendeln: "Diese Leute jagen einer Fata Morgana nach. Die letzten soziologischen Umfragen zeigen, dass ungefähr 30 Prozent der jungen Leute abhauen möchten. Paradoxerweise gehören sie ganz und gar nicht zur Intelligenz, zur Elite, das sind einfache Arbeiter, aber gleichzeitig haben sie diese kosmopolitische Perspektive. Mir scheint, dass - wenn es um das Überschreiten von Barrieren geht - der Osten immer kosmopolitischer und der Westen eher provinziell war. Seit der Entdeckung Amerikas interessiert sich der Westen doch nur noch für sich selbst. Schon Metternich hat gesagt, dass östlich von Wien Asien anfängt."
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FR, 29.04.2004

"Von einer 'Romanfigur' zu sprechen, würde einen falschen Eindruck erwecken", schreibt Hilal Sezgin über die Titelheldin des neuen Buchs von J.M. Coetzee, 'Elisabeth Costello', das großen Eindruck auf sie gemacht hat: "Das Bild, das Coetzee von Elizabeth Costello zeichnet, ist manchmal detailliert, mal hat es Lücken; der Autor fühlt sich offensichtlich weder der Vollständigkeit noch der Konsistenz unbedingt verpflichtet, auch nicht erzählerischer Geschmeidigkeit...Und so reiht sich im Grunde eine Unangepasstheit, eine schriftstellerische Regelverletzung an die nächste; jede davon geschieht mit Bedacht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).

Weiteres: Frank Keil begutachtet mit einiger Zufriedenheit die neue Hamburger Kultursenatorin Karin von Welk, und Adam Olschewski formuliert in Timnes mager die Arbeitsthese: "Der Arbeitslose von heute ist der Selbstmordattentäter von morgen. Punkt. Ausrufezeichen. Bombe."

TAZ, 29.04.2004

Dietmar Kammerer stellt bei genauer Betrachtung der Detektivrollen, die Gene Hackman in den letzten dreißig Jahren gespielt hat, zu seinem Bedauern fest, dass "die Abgründe der menschlichen Seele und die moralischen Ambivalenzen, im New Hollywood noch zentrales Erkenntnisproblem und Motor der filmischen Erzählung", nicht mehr die Sache des zeitgenössischen Kinos sind.

Weitere Artikel: Cristina Nord  berichtet vom Internationalen Festival des Unabhängigen Films in Buenos Aires. Christian Semler freut sich, dass das ehemalige Online-Kulturmagazin "Die Gazette" jetzt als gedrucktes Heft erscheint. Peter Nowak schreibt über den Streit zwischen der Witwe des Politologen Johannes Agnoli und dem Ca-Ira-Verlag: Barbara Agnoli wirft dem Verlag offenbar vor, Texte ihres Mannes sinnentstellt abgedruckt zu haben. Auf der Meinungsseite hofft Adam Krzeminski schließlich, dass der EU-Beitritt der polnischen Gesellschaft helfen wird, ihre "schizophrene Haltung gegenüber den Juden" zu überwinden." Jens König hat in der tazzwei das neueste und brisanteste Gerücht im politischen Berlin parat: "Gerhard Schröder ist müde." 

Besprochen werden Mennan Yapos Spielfilmdebüt "Lautlos" und Sören Kragh-Jacobsens Film "Skagerrak".

Und hier ist TOM.

SZ, 29.04.2004

"Wir werden auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben," schreibt Tony Blair, Premier der euroskeptischen Briten, zur anstehenden EU-Erweiterung, doch es steht für ihn "außer Zweifel, dass die Chance, die in der Erweiterung liegt, jedes mögliche Risiko bei weitem überwiegt. Meine Ankündigung, ein Referendum über Europas neue Verfassung abhalten zu wollen, sobald wir uns auf einen zufriedenstellenden Entwurf geeinigt haben, hat die Debatte neu entfacht. Für einen, der wie ich überzeugt ist, dass Großbritannien ins Zentrum der europäischen Entscheidungsprozesse gehört, ist es bitter mit ansehen zu müssen, wie grob dieses Anliegen in der Debatte in Großbritannien in den letzten Jahren verzerrt wurde... Deshalb fand ich es an der Zeit, dass die Euroskeptiker ihre Argumente auf den Tisch legen. Gleichzeitig werden wir, die wir an Großbritanniens zentrale Rolle in Europa glauben, unser Plädoyer ablegen. Und dann soll das britische Volk entscheiden."

"Ist unsere Welt erkennbar?" fragt Frank Castorf, neuer Leiter der Ruhrfestspiele Recklinghausen in einem Gespräch mit Christine Dössel. "Ja, sagt der Marxismus, und daraus folgt, dass die Welt beherrschbar ist. Das sieht die Deutsche Bank ja genauso."

Weitere Artikel: Alex Rühle hat sich mit 50 Jahren Pixi-Büchern befasst und stellt fest: "Pixibücher gehören zur bundesdeutschen Kindheit wie der Sandkasten, das Kasperltheater und Playmobil. Was rückblickend auch etwas Unheimliches hat." Jens Bisky berichtet vom Berliner Forum der Nichtregierungsorganisationen, wo sich 400 Teilnehmer aus 29 Ländern auf Einladung des American Jewish Commitee, des Zentralrats der Juden in Deutschland, des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, der Amadeu-Antonio-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Initiative "Honestly Concerned" mit dem neuen Antisemitismus befasst haben. Fritz Göttler macht mit dem Deere X595, einem hochgezüchteten Rasenmäher bekannt: "ein Renner mit Servolenkung, Automatik-Getriebe, cruise control - zu haben für 17 000 Dollar". Wolfgang Schreiber gratuliert dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke zum siebzigsten Geburtstag. Christoph Bartmann unterrichtet über sich abzeichnende Großereignisse zur Feier des Hans-Christian-Andersen Jahrs 2005, sowie gedruckte Produkte der "herkömmlichen Dichterpflege" im Vorfeld des Andersen-Marketings.

Besprochen werden Mennan Yapos Spielfilmdebüt "Lautlos" ("Endlich! Ein Kinothriller made in Germany", jubelt Anke Sterrneborg, die sich außerdem mit dem Regisseur und seinem Drehbuchautor Lars-Olaf Beier unterhalten hat), David Koepps Steven-King-Verfilmung "Secret Window", Zack Snyders Zombie-Remake "Dawn Of The Dead", eine Aufführung des legendären Abel-Gance-Films "Napoleon" in der Pariser Oper, die Deutsche Erstaufführung des Stückes "Terrorismus" der Brüder Presnjakow am Berliner Maxim-Gorki-Theater und Bücher, darunter Karl Heinz Bohrers Aufsatzsammlung "Imagination des Bösen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 29.04.2004

Michael Maars Entdeckung der Erzählung "Lolita" des heute vergessenen Autors Heinz von Lichberg (unser Resümee), die ein mögliches Modell für Vladimir Nabokovs Meisterwerk gleichen Titels sein könnte, hat international einigen Wind gemacht, aber auch zu brüsk ablehnenden Reaktionen geführt, etwa bei dem verdienstvollen deutschen Nabokov-Herausgeber Dieter E. Zimmer in der Zeit (sein Artikel ist nicht online). Maar zeigt heute in einer souveränen Antwort noch einmal die stupenden Ähnlichkeiten zwischen den beiden Werken auf: "Erstens: Es ist derselbe Name der Heldin und der identische Titel. Zweitens: Sie ist blutjung. Drittens: Sie ist die Tochter des Vermieters einer Pension am Meer (eines Sees), in der der Icherzähler Urlaub verbringen will. Viertens: Sie hat eine Affäre mit diesem Erzähler und verführt ihn. Fünftens: Sie ist wie das spätere Nymphchen eine Wiedergängerin, und wie in der späteren 'Lolita' ist das Thema der Bann der Vergangenheit. Sechstens: Das Finale ist eine groteske, traumartige Mordszene. Siebtens: Nabokovs Lolita stirbt nach der Entbindung eines Mädchens, Lichbergs Lola wird nach der Geburt ihrer Tochter ermordet. Der Erzähler bleibt gebrochenen Herzens zurück, wurde aber von Lolita zum Dichter gemacht."

Auch in der Leitglosse geht's um den Casus. Hubert Spiegel verweist auf einen Artikel Wolfram Schüttes in einem Internetmagazin, dessen Titel er vornehmer Weise nicht nennt (wir verlinken selbstverständlich sehr gern auf den Artikel im Titel-Forum), wo Schütte wiederum auf einen Fund des Literaturwissenschaftlers Reinhard Pabst hinweist: "Unter Kranken und Gesunden in Davos - Die Geschichte eines Kuraufenthalts" ein von einem gewissen Johannes Uhtenwold im Selbstverlag publiziertes Buch aus dem Jahr 1907 - und möglicherweise ein Vorbild für den "Zauberberg".

Weitere Artikel: Auf Seite 3 des Feuilletons äußern sich einige Schriftsteller aus Beitritts- und Nicht-Beitrittsländern zum EU-Beitritt. Andreas Rosenfelder berichtet über eine Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor einer begeisterten Menge in einer wenig feierlichen Kölner Sporthalle. Gerhard R. Koch gratuliert dem Musiker und Autor Peter Gülke zum Siebzigsten.

Auf der Kinoseite besucht Andreas Rossmann den Sammler Werner Nekes, der sich für die Vor- und Urgeschichte der Kinotechnik interessiert. Hans-Jörg Rother resümiert die Visions du reel in Nyon. Und Peter Körte preist eine segensreiche Einrichtung: Vormittagsvorstellungen in den Kinos für die Eltern von Kleinkindern, welche mitgebracht werden und in den nicht ganz abgedunkelten Sälen herumkrabbeln dürfen.

Auf der Medienseite schildert Jürg Altwegg seine Eindrücke über den Fernsehmehrteiler "Colette", in dem Marie Trintignant ihre letzte Rolle spielt. Der Film wurde bekanntlich von ihrer Mutter Nadine gemacht - und erweist sich bei allem Respekt für den tragischen Hintergrund laut Altwegg als Schmonzette. Franz Solms-Laubach resümiert außerdem die 37. Mainzer Tage der Fernsehkritik.

Auf der letzten Seite stellt Ute Diehl das neue, hart erkämpfte Denkmalschutzrecht in Italien vor. Gina Thomas referiert einen Bericht der Libri Foundation über die Bibliotheksnutzung in Großbritannien, der einen drastischen Rückgang der Besuche um die Hälfte seit dem Jahr 1984 konstatieren muss. Und Andreas Rossmann porträtiert Lars Henrik Gass, den Chef der Oberhausener Kurzfilmtage, die heute Abend von Gerhard Schröder höchstpersönlich eröffnet werden.

Besprochen werden Francesco Cavallis Oper "Eliogabalo", komponiert 1668, in einer denkwürdigen Brüssler Aufführung unter Rene Jacobs und Vincent Boussard, die ebenso denkwürdige Ausstellung "Les primitifs francais" im Louvre, die an eine berühmte Ausstellung vor hundert Jahren anknüpft, in der die mittelalterliche französische Malerei wiederentdeckt wurde - so der stets instruktive Werner Spies, außerdem der Film "Lautlos" von Mennan Yapo und Lars-Olav Beier und die Wittener Kammermusiktage.