Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.04.2004. In der Zeit rät Imre Kertesz dringend zur Auflösung des ungarischen Schriftstellerverbands. In der taz denkt auch Wolfgang Benz über Antisemitismus in Osteuropa nach. Die FAZ vermisst eine Debatte über die Funktion der Kultur in Berlin. Die FR droht Chirac mit der Guillotine. In der Welt zeigt Juli Zeh Zweifel am Traum vom Nation Building.

Zeit, 01.04.2004

Imre Kertesz (mehr hier) hält die Auflösung des ungarischen Schriftstellerverbandes, eines "verknöcherten Rudiments der Kadar-Ära", für absolut überfällig. Und er stellt klar: "Wir haben es mit dem alten, klassischen, stupiden, bösen und schließlich in Auschwitz mündenden Antisemitismus zu tun und nicht mit dem neuen, wenn ich so sagen darf, Euroantisemitismus, der den klassischen Antisemitismus übrigens zutiefst verurteilt. Die Antisemiten des Ungarischen Schriftstellerverbandes wissen noch nichts von der europäischen Etikette und verrichten ihr Werk offen, ja ich muss sagen ungestört."

In ein ähnliches Horn stößt Richard Herzinger in der Leitglosse. Er gibt dem Zentralrats-Vize Salomon Korn Recht, der das Geschichtsbild der osteuropäischen Länder beklagt: "Ihre Geschichtserzählung stellt den Leidensweg der je eigenen Nation in den Mittelpunkt. Der Versuch, die vom kommunistischen Kahlschlag ramponierte Nationalidentität auf Hochglanz zu polieren, bringt neue Amnesie und wieder aufgewärmte Sündenbock-Projektionen mit sich."

Claus Spahn ärgert sich im Aufmacher gründlich über Christian Thielemann (mehr hier), der in dieser Saison gerade mal 19 Abende an der Deutschen Oper Berlin dirigiert. "Der Chef des Hauses ist der Mann für die schönen Stunden an der Bismarckstraße, aus ihrer Agonie kann er die Bühne nicht reißen." Aber so sei er halt, der Thielemann: "Ein schwankender Künstlertypus, der manchmal die musikalischen Sterne vom Himmel holt und sich im nächsten Augenblick in zäher Routine festfrisst. Er ist keineswegs der robuste Kapellmeister und solide Wertebewahrer, als der er sich so gerne präsentiert, oder gar der 'Preuße, wie Gott ihn erschuf' (Joachim Kaiser). Viel eher erscheint er wie eine flatterhafte Diva, eine eigenwillige Mischung aus polterndem Ochs auf Lerchenau und weh melancholischer Marschallin."

Weiteres: Roger Willemsen erinnert sich an Peter Ustinov und uns daran, dass Indira Gandhi auf dem Weg zum Interview mit Ustinov erschossen wurde. Im Interview erklärt Helge Schneider, warum Jazz und Humor doch zueinander passen: "Ich glaube, dass diese Ernsthaftigkeit, die den Jazz als Kunst verkauft, nicht von den Musikern selbst kommt, sondern von dem, was andere daraus gemacht haben. Der weiße Journalist beschreibt die Musik der Schwarzen ohnehin schon mit einer Träne im Knopfloch." Martin Warnke nimmt die großen Ausstellung zu Rubens und Rembrandt zum Anlass, zu fragen, wie barock das 21. Jahrhundert ist. Claudia Herstatt freut sich, dass auf der edlen und teuren Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht die Franzosen für etwas Abwechslung sorgten. Thomas Groß gedenkt des zehnten Todestags von Kurt Cobain.

Besprochen werden die beiden aktuellen "Lulu"-Inszenierungen in Hamburg und Berlin ("ödes Naturschauspiel", meint Peter Kümmel, "brutale gegen unschuldige Anima"), die Düsseldorfer Ausstellung zu William Kentridge, Andrej Swaginzews mystisch-mysteriöses Roadmovie "Die Rückkehr" und der Highschool-Horrorfilm "Elephant".

Im Aufmacher des Literaturteils feiert Ulrich Greiner Les Murrays gewaltiges Versepos "Fredy Neptune" und dessen großartige Übersetzung von Thomas Eichhorn (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 01.04.2004

"Im Duell zwischen globalem Kapital und nationalem Staat gibt es keine Waffengleichheit." schreibt der alte SPD-Recke Erhard Eppler auf der Meinungsseite. "Hat die eine Seite eine Kalaschnikow, so droht die andere mit einem Brieföffner." Aber es gibt Hoffnung, tröstet er uns: "1. Der Turbokapitalismus zerstört sichtbar seine eigenen Grundlagen. Wo der ausgehungerte Staat sein Gewaltmonopol verliert, wo nach Post und Wasserversorgung die Gewalt sich privatisiert, wie in Afrika und ansatzweise in Lateinamerika, merken die Bosse, dass ohne funktionierenden Staat keine Geschäfte zu machen sind. 2. Der alt-neue Kapitalismus, der es nicht mehr nötig hat, Schamgrenzen zu respektieren, provoziert weltweiten Widerstand. Der könnte sich diesmal von Schwellenländern wie Brasilien oder Argentinien in die alten Industrieländer ausbreiten.

Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, spricht im Interview über den Antisemitismus in Osteuropa: "Erstaunlich ist, dass zum Beispiel in Russland, in Weißrussland und in der Ukraine der christliche Antijudaismus nach 1989 einfach wiederbelebt werden konnte - als seien 70 Jahre Kommunismus spurlos verschwunden."

In der tazzwei schreibt Judith Hyams über MTV-geschulte junge amerikanische Juden, die erfolgreich Jüdisches mit Hippness, Religiöses mit Coolness verbinden. Auf der Medienseite kritisieren Arno Frank und Mia Raben Florian Illies' neues Kunstmagazin Monopol: "Was an reaktionärer Hybris in 'Generation Golf' keimte - hier entfaltet es sich zu voller Blüte und drängt vehement ans Licht des konservativen Establishments."

Im Kulturteil spricht die österreichische Regisseurin Barbara Alberts im Interview über ihren Spielfilm "Böse Zellen". Besprochen werden eine Geschichte der musikalischen Aufzeichnungsmedien "Playback. From the Victrola to MP3", Andrei Swjaginzews Filmdebüt "Die Rückkehr - The Return", P. J. Hogans Verfilmung des "Peter Pan", und Bruce LaBruces Film "The Rawspberry Reich" ("Eine Schrullen-Klamotte im Fahrwasser der aktuellen Terrorismushysterie? Oder eine schwul aufgebrezelte Version von Schlingensief?" fragt sich Harald Fricke.)

Schließlich TOM.

NZZ, 01.04.2004

Susanne Ostwald flaniert durch Hanoi auf der Suche nach zeitgenössischer vietnamesischer Kunst - doch vergeblich: die "McBet" Inszenierung ist "rührend dilettantisch" und die Nationalgalerie hat nur "scheuliche Propagandakunst im Stile des sozialistischen Realismus" zu bieten; für das traditionelle Wasserpuppentheater kann Ostwald sich jedoch sehr begeistern, so dass sie feststellt: "Für Hanois Kultur gilt: Je älter, desto besser" - und wünscht Vietnam für die nächsten tausend Jahre viel Glück im Setzen neuer künstlerischer Akzente. 

Weiteres Artikel: Paul Jandl hat sich in eine "Atmosphäre hoffnungsloser Indolenz" begeben, um bei Oscar Wildes "Salome" im Wiener Akademietheater Dimiter Gotscheffs Antwort auf die Frage zu erhalten, was mit der Leidenschaft in Zeiten des Fanatismus geschieht. Thomas Laux schreibt einen Nachruf auf Robert Merle und freut sich über die deutsche Ausgabe Pierre Michons "Leben der kleinen Toten". Beatrice von Matt bespricht Elisabeth Amans "zartes kleines Werk" "Manuel und das Mädchen". Matthias Boeckl stellt eine Monografie über Boris Podrecca, den Meister der Platzanlagen, vor, und Michael Schwalb prüft die "diskographische Hinterlassenschaft" des griechischen Dirigenten Dimitri Mitropoulos.
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Welt, 01.04.2004

In einem kleinen Essay zeigt Juli Zeh (mehr hier)) angesichts der neuesten Ereignisse im Kosovo leichte Zweifel am Traum vom Nation Building: "Leider wird das Konzept nation building von der internationalen Gemeinschaft aus Legitimationsgründen - erst militärisch eingreifen, dann zivil verwalten - als eine funktionierende Methode zur friedlichen Staatenerschaffung gepriesen. In der Realität ist es nicht mehr als ein Feldversuch in vielen Fällen, der sich bislang weder als scheiternd, noch als erfolgreich erwiesen hat."
Stichwörter: Kosovo, Juli Zeh

FR, 01.04.2004

Die französischen Wahlen sind ein Lehrstück über das Prinzip Demokratie, schreibt Martina Meister und empfiehlt dem "politikverdrossenen Deutschen, der den Gang zur Wahlurne als abstrakt und wirkungslos empfindet", einen Blick auf die Frankreichkarte zu werfen, die sich seit 1986 von blau nach rot gefärbt hat. "Auch wenn nach Wahlen der Abstrafung das Vokabular von Naturkatastrophen bemüht wird, wenn von Sintflut und Erdbeben die Rede ist, ist diese Katastrophe nicht Ergebnis einer unberechenbaren Naturgewalt. Es ist eine Katastrophe, von Menschen für Politiker gemacht. Der König und sein Hofnarr haben alles verloren. Nur nicht ihr Amt. Aber bei Louis XVI. hat es auch noch ein paar Jährchen gedauert, bevor die Revolte ihn den Kopf gekostet hat.

"Sogar der Kunstbanause wird sich angesprochen fühlen," schreibt Frank Keil über die große Mona-Hatoum-Schau in der Hamburger Kunsthalle. "So narrativ und mit einer Fülle von Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten gestalten sich die Arbeiten der Künstlerin, dass niemand ohne Anregung wieder nach Hause gehen muss. Einige Werke befinden sich gar so in Plauderlaune, dass man versucht ist, ihnen den Mund zuzuhalten, auf dass jene feine Balance zwischen Rätsel und Erkenntnis, zwischen Frage und Antwort wieder hergestellt wird, die der Kunst doch sonst ihre Eigensinnigkeit garantiert."

Weitere Artikel: Frank Schuster porträtiert den baskischen Popstar Fermin Muguruza, der jezt in die Politik gehen will: "Muguruza will keine Landesgrenzen um das Baskenland, ihm geht es um die Anerkennung der baskischen Identität. Wie viele gemäßigte Separatisten fordert er für seine Heimat einen Status, der dem von Quebec innerhalb Kanadas gleichkommt." In der Kolumne Times Mager erzählt Silke Hohmann von einem tödlichen Ohrwurm und Eric Burdon in Stammheim. Auf der Medienseite berichtet Claus Lochbihler von den Tutzinger Medientagen zum Thema "Glück in der Nische? Oder: TV-Quote für Kultur?" Besprochen werden Bücher, darunter Arno Münsters Bloch-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 01.04.2004

In einer tour d'horizon durch die Berliner Kulturpolitik fehlt Mark Siemons trotz seines spürbaren Wohlwollens für den Kultursenator Thomas Flierl vor allem eine Debatte über die Funktion der Kultur in der ausgepowerten Stadt: "In der Tat würde erst eine solche Diskussion über das Städtische an der Kultur und die Rolle der Kultur in der Stadt der Kulturpolitik ein verlässliches Fundament verschaffen. Aber es ist Flierl nicht gelungen, ein solches Gespräch in der Öffentlichkeit zu etablieren."

Weitere Artikel: In der Leitglosse erzählt Andreas Platthaus, dass in Großbritannien eine Siegesschale aus einem Golfturnier wiedergefunden wurde, das britische Golfer gegen Hitlers Golfer gewonnen hatten, was in Großbritannien offensichtlich für nationale Verzückung sorgt. Jürgen Kaube hörte einem Vortrag des Neocon William Kristol (vom Weekly Standard) in der Münchner Siemens-Stiftung zu. Jürg Altwegg schreibt zum Tod des französischen Schriftstellers Robert Merle. Rainer Blasius macht uns mit den aktuellsten Personalia im Institut für Zeitgeschichte bekannt. Andreas Rossmann stellt das Pixelprojekt Ruhrgebiet vor, das die Autorenfotografie im Ruhrgebiet durch eine Internetadresse stärken will und mit einer ersten Sammelausstellung in Gelsenkirchen auf sich aufmerksam macht. Robert von Lucius berichtet über eine von Daimler-Chrysler organisierte Ausstellung neuer Kunst in Südafrika, die auch durch ihre museumspädagogische Vermittlungsarbeit brilliert. Andreas Rossmanngratuliert dem Regisseur Roberto Ciulli zum Siebzigsten.

Für die Kinoseite hat Andreas Kilb die große Kubrick-Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum und im Filmmuseum besucht. Joseph Hanimann sieht sich Luc Bondys Film "Ne fais pas ca" an, der in Paris läuft. Und Andreas Platthaus berichtet, dass Disney seine umstrittenen Rechte an Winnie Pu nicht mit der Familie Schlesinger teilen muss.

Auf der Medienseite singt Rose-Maria Gropp eine ausführliche Hommage auf die neue Kunstzeitschrift Monopol, die von befreundeten Ex-Fazlern gemacht wird. Und Hajo Friedrich berichtet über Auseinandersetzungen zwischen Brüssel und Bild.

Auf der letzten Seite würdigt Renate Klett die Arbeit des Deutschen Theaters aus Almaty in Kasachstan, das vom deutschen Innenministerium subventioniert wird. Martin Kämpchen verweist auf einen Artikel des schottischen Autors William Dalrymple in Outlook, der V. S. Naipaul als antimoslemischen Autor kritisiert (wir haben auf denn Artikel verlinkt). Und Christian Geyer stöhnt über herrenlose Gepäckstücke, die heute immer wieder das öffentliche Leben behindern.

Besprochen werden eine Ausstellung in Troisdorf über fünfzig Jahre Pixi-Bücher, eine Tapies-Ausstellung in Bad Homburger Sinclair-Haus, ein Auftritt Eric Claptons in Stuttgart, und P. J. Hogans "Peter Pan"-Verfilmung (mehr hier).

SZ, 01.04.2004

"Der alte Picasso dürfte es gespürt haben, als er in seinen späten grafischen Selbstvergewisserungsversuchen Rembrandt zu seinem alter ego, zu einer seiner Masken machte: kein Maler der Geschichte hat das grafische Werk in vergleichbarer Weise zum Experimentierfeld für neue Ausdrucksformen gemacht, nirgendwo im Kosmos der Kunst kommt der Beobachter dem Wirken des Genies näher als in Rembrandts zeichnerischem und druckgrafischem Werk", schreibt ein begeisterter Gottfried Knapp angesichts der großen Rembrandt-Schau in Wien, die für ihn in den abgedunkelten Kabinetten der Albertina zum Erlebnis wurde.

"Wenn man zur Herstellung von Sicherheit nur Gewalt anwendet ... bedeutet das, dass man aufgegeben hat, sich auf die Sprache zu verlassen", sagt der Rektor des Päpstlichen Instituts für Islamkunde, der baskische Spanier Justo Lacunza Baldain in einem Interview mit Luttger Fittkau und Petra Gehring. "Deshalb lautet die entscheidende Frage: Sind wir darauf vorbereitet, in der Diskussion mit Andersdenkenden Sprache, Intelligenz und Wissen zu nutzen? ... Ich bin nicht an Debatten interessiert, in denen von den 'christlichen Wurzeln' Europas die Rede ist ... Meine Idee von Kultur ist: Kultur stellt nicht mehr und nicht weniger dar, als die Kunst, sich etwas anzueignen, was nicht das Meinige ist. Man kann kann dieses andere verändern und sich zu eigen machen."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld macht sich noch einmal Gedanken zu Nabokov, Michael Maar, der doppelten Lolita und die Rolle des Philologen als Detektiv. Fritz Göttler hat den russischen Regisseur Andrej Swjaginzew zu seinem gefeierten Film "Rückkehr" befragt. Andrian Kreye führt in die neueste gesellschaftspolitische Mode an US-Universitäten, die "degenderization" ein, in deren Folge für Studenten, die sich nicht geschlechtspezifisch festlegen wollen, sogar geschlechtsneutrale Toiletten eingeführt werden sollen. Christine Dössel gratuliert dem Theaterregisseur Roberto Ciulli zum siebzigsten Geburtstag. Stephan Schlak war beim "Theodor-Heuss-Kolloquium" in Marbach, dass der Erforschung der Populärhistorie ("Ceramik") galt. Sonja Zekri fasst die neuesten Standpunkte im Streit um das Münchener NS-Dokumentationszentrum zusammen. "zig" kommt angesichts der Doping-Vorwürfe gegen die Fußballweltmeister von 1954 ("und ausgerechnet Bild hilft mit!") zu dem Ergebnis: "Etwas anderes als Rücktritt von der gesamten deutschen Nachkriegsgeschichte kommt gar nicht in Frage."

Besprochen werden Barbara Alberts Film "Böse Zellen", ein Konzert des chinesischen Ausnahmepianisten Yundi Li im Münchener Prinzregententheater, P. J. Hogans (von Fritz Göttler als "ultimativ" gefeierte) Neuverfilmung von "Peter Pan". Der Film ist, lesen wir auch, Dodi Al-Fayed gewidmet, dessen Vater Mohamed Göttler zufolge die Peter-Pan-Rechte besitzt: Dodi, "der ultimative 'lost boy' unserer Zeit, der mit seiner Wendy, Lady Di, einen gemeinsamen Tod gefunden hat". Und Bücher, darunter Thor Kunkels Roman "Endstufe", der nach Ansicht des Rezensenten Robin Detje "leider doch" ein Skandal ist (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).