Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2004. In der taz stöhnt Jochen Schmidt über das infantile Abkürzungskauderwelsch der Westler. In der SZ befürchtet Salomon Korn ein Kraftdreieck des Antisemitismus. Die NZZ hat in Berlin einen sozialkritischen Softporno gesehen. In der FAZ fordert Juan Goytisolo in Europa lebende Muslime auf, sich an die hiesigen Gesetze zu halten.

TAZ, 31.03.2004

Der Schriftsteller Jochen Schmidt (mehr hier) stöhnt ausgiebig über all die Wörter, die nach 1989 vom Westen in den Osten schwappten, also die "Sprachokkupation, die keinen Widerstand mehr zulässt": "Das erste Wort von drüben, das dann alle infizierte, war 'Teil'. Plötzlich war alles ein 'supergeiles Teil'. Dann schmeckte das Essen nicht mehr 'gut', sondern 'lecker'. Sicher, auch in der Odyssee steht: 'Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle', aber ich könnte schwören, dass ich das Wort vor 89 nie benutzt habe, es klingt für mich nach wie vor irgendwie lasch. Die Westberliner Hausbesetzer, die sofort in den Osten übersiedelten, pflegten ein infantiles Abkürzungskauderwelsch. Es hieß nur noch 'Studi', 'Flugi', 'Touri', 'Demo', 'AB', 'O-Saft'. Manchmal klang das sehr kryptisch: 'Bei Faschoalarm kein Alk und kein Kiff.'"

Weiteres: Thomas Winkler bezweifelt, dass die Musikindustrie mit einem schärfere Vorgehen gegen private Musikpiraten Erfolg haben wird. Das Münchner Lenbachhaus und das Kölner Museum Ludwig tauschen ihre Sammlungen, Ira Mazzoni kommt "bei allen moralischen Bedenken" nicht umhin "zu staunen". Heide Platen bespricht die Frankfurter Ausstellung zum Auschwitzprozess im Bürgerhaus.

Und noch Tom.

NZZ, 31.03.2004

Barbara Villiger Heilig hat sich Thomas Ostermeiers "sozialkritischen Softporno" angesehen und ist abgestoßen: die Berliner Inszenierung von Wedekinds "Lulu" sei vollkommen geistlos und misslungen. Denn erstens könne man die pornosüchtige Gesellschaft nicht dadurch kritisieren, wenn man allein auf "sex sells" setzt und zweitens habe sich der Regisseur als vollkommen ahnungslos erwiesen gegenüber dem "Skandal, der dieses Stück immer noch ist", schimpft Villiger Heilig. Vollkommen begeistert ist sie dagegen von der Hamburger Inszenierung: "Eine hochintelligent gekürzte und gleichwohl staunenswert integrale 'Lulu' ? nichts vom Berliner Belle-Epoque-Klimbim bei Thalheimer", der auf der Bühne mit nur sparsamen Gesten die "naturhafte Urkraft" weiblicher Sexualität sich entfesseln lässt.

Weitere Artikel: Hubertus Adam besuchte die große Jugendstilausstellung in der Villa Stuck: dem Anspruch einer "großen Schau" zum Thema werde sie zwar nicht gerecht, ein Besuch in München lohne sich dennoch. Claudia Schwartz kommentiert den Rücktritt Reinhard Rürups: Es reiche nicht, meint sie, dass Bund und Land "wohlwollend Gesinnung" kundtun. "Es geht darum, Verantwortlichkeit in die Tat umzusetzen", denn: "Das ist keine berlinische Angelegenheit, sondern eine der Berliner Republik".

Drei Bilderbücher, die Kindern erklären sollen, was Kunst ist, hat sich Christine Jenny angesehen und ist überrascht, dass ausgerechnet "diese explizite Sachbuch-Publikation aus der Fülle an Kunst-Bilderbüchern hervorsticht": "Tatort Leinwand - Eine Reise mit den Augen". Gerd Hammer berichtet über das Erscheinen Jose Saramagos Roman-Essay, der in Portugal als Kultursensation gefeiert wird (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 31.03.2004

Karl Grobe berichtet, dass der deutsch-koreanische Wissenschaftler Song Du Yul (mehr hier) von einem Gericht in Seoul verurteilt wurde: Ihm wurde vorgehalten, dass er sich der "immanenten Methode" bedient habe, "um das Funktionieren des nordkoreanischen Systems zu erforschen", wie Grobe es nennt. Mit anderen Worten: Er hat sich unter falschem Namen zum Mitglied des nordkoreanischen Politbüros gemacht. Was Grobe besonders empört ist die Urteilsbegründung: "Die Freiheit der Forschung und des Gewissens kann aus Gründen der nationalen Sicherheit und Ordnung begrenzt werden."

Rupert von Plottnitz wendet sich angesichts des spanischen Wahlausgangs gegen die Rede von einem "Triumph des Terrors": "In Spanien hat die konservative Regierung der Partido Popular den erbärmlichen Versuch unternommen, aus den 200 Toten und 1500 Verletzten der Anschläge von Madrid wahlpolitische Münze zu schlagen....Dass sich in der spanischen Wählerschaft keine Mehrheiten für solche Machenschaften finden ließen, ist kein 'Triumph des Terrors', sondern eher ein Triumph der Demokratie über die politische Lüge."

In Times mager fragt sich Gunnar Luetzow nach einer Tour durchs Berliner Nachtleben, was eigentlich schlimmer ist: Die Rede von der "Spaßgesellschaft" oder Forderung nach ihrem Ende?" Besprochen werden die große Schau "Stanley Kubrick" in Frankfurt, die Ausstellung zum Auschwitz-Prozess ebenfalls in Frankfurt, Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Brechts "Puntila" in Zürich und Patti Smith' neues Album "Trampin".
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FAZ, 31.03.2004

Der Schriftsteller Juan Goytisolo rechnet mit der Regierung Aznar ab und überlegt dann, wie Europa und die Muslime zusammen leben können: "Was wir von den Muslimen, die in Europa leben, verlangen müssen, ist die Einhaltung der Gesetze. Zugleich müssen wir ihnen die Rechte anbieten, die alle europäischen Bürger genießen, und ihre Integration fördern, also individuelle Freiheit, Gleichstellung der Frau, Achtung des Glaubens und der Traditionen, sofern und soweit sie der Rechtsprechung des Aufnahmelandes nicht widersprechen ... Gefordert sind außerdem: die Legalisierung der ohne Papiere in Spanien lebenden Ausländer; eine neue Politik, die entsprechend dem Bedarf an Arbeitskräften in den verschiedenen spanischen Regionen die legale Einwanderung fördert; das Gespräch mit den Gemeinden aus den Maghreb-Staaten, um den Wogen rassistischer Übergriffe vorzubeugen, die auf uns zukommen. Lassen wir uns nicht auf das Spiel der Extremisten ein."

Weitere Artikel: Patrick Bahners vergleicht den Streit ums Kopftuch mit dem Kulturkampf Bismarcks und der Liberalen gegen die Katholiken. Christian Schwägerl berichtet über eine europäische Wissenschaftsdebatte in Genua. Fvl. war bei der Lesung Les Murrays in Frankfurt. In der Reihe "Christentum als Kulturgrenze" schreibt Stefanie Peters über die Polen, die Religion "zunehmend als Privatsache" betrachten.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld ausführlich über die Bilanzpressekonferenz von Bertelsmann: 1,123 Milliarden Euro operativen Gewinn habe das Unternehmen im letzten Jahr gemacht. Auf der letzten Seite porträtiert Dieter Bartetzko den Archäologen Manfred Korfmann. Ludger Fittkau schreibt über katholische Krankenhäuser in Belgien, die sich auf die Sterbehilfe einstellen. Und Jürg Altwegg betrachtet Jacques Chirac als Verlierer des "Krieges gegen die Kultur": "Der Widerstand der Kultur war die Speerspitze des Kampfs gegen die Reformversuche der Regierung, die zumindest in Umfragen von zwei Dritteln der Bevölkerung begrüßt werden. Ihre Notwendigkeit müsste eigentlich auch von den Intellektuellen eingesehen werden."

Besprochen werden die Tilman Riemenschneider-Ausstellung im Mainfränkischen Museum und im Dom Museum Würzburg, Andrej Swjaginzews "großartiges" Kinodebüt "Die Rückkehr", Friedrich Cerhas Oper "Der Rattenfänger" in Darmstadt, Gerhard Polts Film "Germanikus", Donizettis Oper "Viva la Mamma!" an der Semperoper und eine Ausstellung über die französischen Einflüsse auf Sachsen im Leipziger Stadtmuseum.

SZ, 31.03.2004

Im Aufmacher begründet Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warum er bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse während der Rede der ehemaligen lettischen Außenministerin Sandra Kalniete den Saal verlassen hat: Weil er in Kalnietes Aussagen eine Gleichsetzung der kommunistischen und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sah, eine Gleichsetzung, die er als "gefährlich für ein weiteres Erstarken des Antisemitismus" einschätzt. Und er geht noch weiter: "Der gleichzeitig von Südeuropa vordringende islamistische Antisemitismus und der aus dem Osten Europas in die bisherige Europäische Union einsickernde 'klassische' Antisemitismus werden eine 'Zangenbewegung' vollziehen, die den in Westeuropa vorhandenen sekundären oder 'schuldreflexiven' Antisemitismus vermutlich stärken wird. Die Folge wäre womöglich eine Art 'Kraftdreieck des Antisemitismus' - eine sich wechselseitig stützende Allianz unterschiedlich ausgeprägter Formen der Judenfeindschaft."

Tobias Timm beobachtet argwöhnisch den Aufbau einer "feinen Gesellschaft" in Berlin und fragt sich, für wen die geradezu "irrationalen Investitionen" in Luxusquartiere aller Art eigentlich sein sollen: "Was soll die Reichsten der Reichsten in die Stadt der Pleite drängen, was wollen die hier? ... Im Bezirk Mitte sind 17 Prozent der Bevölkerung Sozialhilfeempfänger. Soll man vom Grand Hotel aus also auf Armut-Safari gehen?"

Weiteres: Thomas Urban denkt über Nato, EU und Osterweiterung nach: "Die neue Ostgrenze von Nato und EU verläuft weitgehend auf der alten Kulturscheide zwischen dem Europa der katholischen Kirche, der Reformation und der Aufklärung einerseits, und dem Herrschaftsgebiet der Orthodoxie, die weder Gewaltenteilung noch Bürgergesellschaft kannte." Sonja Zekri stellt das Okkupationsmuseum in der lettischen Hauptstadt Riga vor, in dem das "Trauma einer dreifachen Besetzung" dokumentiert ist. Alexander Kissler resümiert eine Tagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart im oberschwäbischen Weingarten, auf der es um patriotische Heilige und ihre Rolle als Stifter des Nationalbewusstseins ging. "pst" sinniert über erlaubte und verbotene Autokennzeichen in New York (so wurde "DUMPBUSH" - haut Bush auf den Müll" - verboten, "YES2KERRY" wäre dagegen statthaft). Und auf der Medienseite wird das neue "Magazin für Kunst und Leben" von Florian Illies vorgestellt: "Monopol": "132 Seiten elitär, höflich romantisch". Gemeldet wird schließlich, dass die Phonoindustrie Anzeige gegen illegale Tauschbörsen im Internet gestellt hat.

Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung von Hauptmanns "Die Ratten" am Hamburger Thalia Theater, der in Venedig ausgezeichnete "faszinierende" Debütfilm von Andrej Swjaginzew "Die Rückkehr", unter der schönen Überschrift: "Balsamisch schauerlich", ein Münchner Musikabend, auf dem Kurt Moll Schuberts "Winterreise" sang, und Bücher, darunter der Roman "Franklin Flyer" von Nicholas Christopher, die Studie "Tellergerichte. Die Deutschen und das Essen" von Ullrich Fichtner und das "Falschwörterbuch" von Ivan Nagel, das sich mit Krieg und Lüge am Jahrhundertbeginn" beschäftigt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).