Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2002. Die SZ beklagt das "Extrem der Skandalisierung" in der Walser-Affäre. Die FR sieht die Kritik auf dem Weg in ein fiktionales Genre. In der taz analysiert Richard Chaim Schneider das "Mantra der FDP". In der FAZ entwirft Salman Rushdie düstere Perspektiven für den Kaschmir-Konflikt. Und auich die NZZ fürchtet die Atomwaffen in der Region.

SZ, 04.06.2002

Weiter mit Walser. Thomas Steinfeld fühlt sich durch Schirrmachers Vorgehen an Zolas "J'accuse" erinnert. Schirrmachers Offener Brief unterstelle "die Evidenz des Urteils, das er fällt: Alle, die diesen Text lesen werden, so die Suggestion, werden sich meinem, dem Urteil des Anklägers, anschließen müssen." Steinfeld rügt auch Kritikerkollegen und prominente Meinungsführer, die allzu schnell oder ohne den Text zu kennen, urteilten. "Denn was Evidenz sein sollte ... gründet auf einer Hermeneutik und Philologie des Verdachts. Die deutschen Literaturkritiker beugen sich jetzt zuhauf über dieses Manuskript. Die meisten haben sich über Nacht in Experten für den Antisemitismus verwandelt. Sie studieren diesen Text wie Pornographen einen angeblich erotischen Roman." Schirrmachers "Offener Brief an Martin Walser", so Steinfeld weiter, "ist das Extrem einer Skandalisierung. Und er ist zugleich selbst Skandal. Im gestrigen Spiegel erreicht nur das Interview mit Walser normales Niveau. .... Im Interview mit Schirrmacher bleibt es bei zahnlos-devoten Fragen. Dabei wäre es längst an der Zeit, die Asymmetrie des Legitimationsdruckes zu korrigieren. Derzeit muss sich vor allem Martin Walser immer neu rechtfertigen, nicht aber derjenige, der ihn an den Pranger gestellt hat."

Jürgen Berger berichtet dazu aus Waldshut, wo Martin Walser den Alemannischen Literaturpreis entgegennahm und den Abend zur Stellungnahme in eigener Sache nutzte. "In der ihm eigenen Mischung aus gespielter Jovialität und plötzlicher Verbalattacke" habe er dabei "eine Aura des 'Ich habe schon alles erlebt, was der Mensch erleben kann'" verbreitet. Gegen Ende sei es ihm dann aber doch "etwas mulmig" geworden: denn "ob er etwas dagegen hatte oder nicht, rund um den Bodensee wurden Steckbriefe des FAZ-Herausgebers verteilt".

Ijoma Mangold porträtiert Chinua Achebe, den nigerianischen Träger des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (mehr hier). In einem weiteren Porträt stellt Michael Struck-Schloen den Dirigenten Antonio Pappano vor, der von Brüssels La Monnaie nach Londons Covent Garden wechselt. Andrian Kreye erklärt uns, inwiefern in den USA rigide Gesetzespakete den Strafverteidiger zum Bittsteller degradieren. Dirk Peitz resümiert das Verbots-Spektakel um die Herforder Ausstellung "Black Low" des norwegischen Künstlers Bjarne Melgaard. Arno Orzessek liefert die Zusammenfassung einer Podiumsdiskussion im Berliner "Streitraum", in der Joschka Fischer mit Matthias Greffrath, Caroline Fetscher und Thomas Ostermeier über "Europas Rolle in der neuen Weltunordnung" diskutierte, und Henning Klüver berichtet über die Aufnahme des Kunsthistorischen Instituts in Florenz in die Max-Planck-Gesellschaft.

Besprochen werden das Filmporträt "Meine Schwester Maria" von Maximilian Schell, die Choreografie "Borderline" von Blanca Li an der Komischen Oper Berlin, zwei Aufführungen von Puccinis "Turandot" mit neuem Schluss von Luciano Berio, einmal unter Kent Nagano in Los Angeles und noch einmal unter Riccardo Chailly in Amsterdam, Jan Bosses Inszenierung von "Roberto Zucco" am Hamburger Schauspielhaus sowie Bücher, darunter Brigitte Hamanns Biografie von Winifred Wagner (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 04.06.2002

Ursula März steuert zur Walser-Debatte Überlegungen zum neuen "Skandalstil" in der Literatur und in der Literaturkritik bei. "Vom ersten Moment an besaß der Skandal um Walsers Text eine romanreife Form. Es begann mit einem zum Brief umstilisierten, gleichsam literarisierten Verriss und setzte sich in Windeseile in einer Flut von Erzählungen und Nacherzählungen fort, über die lange Beziehung zwischen Walser und Reich-Ranicki, über die ebenfalls schon einige Zeit währende Beziehung zwischen Walser und Schirrmacher, über die Geschicke des Hauses Unseld etc. p. p., Geschichten also, aus denen wiederum der Stoff des Romans ... direkt und indirekt besteht". Die Literaturkritik hinke dieser Literatur der "Skandalisierung des Sekundären" derzeit noch etwas hinterher, unternehme aber immerhin "erste vorsichtige Schritte auf dem Weg ihrer Verwandlung in ein fiktionales Genre, meint März.

Weitere Themen: Für die FR porträtiert Ulrich Speck den nigerianischen Friedenspreisträger Chinua Achebe. Friedrich Tietjen stellt Positionen auf der fünften Dakar-Biennale für zeitgenössische afrikanische Kunst vor. Simone Meier informiert erleichtert über den Ausgang der Zürcher Volksabstimmung, die das Schauspielhaus sowie Christoph Marthaler und seine Crew vorläufig gerettet hat. Martin Hartmann berichtet über einen Kongress der Oper Frankfurt über Gefühle in der Kunst, auf dem versucht wurde, "die 'Theoriefähigkeit aller die Emotionen betreffenden Äußerungen' unter Beweis zu stellen". Um die Vielfalt Afrikas, die sich keineswegs "im Klischee des Krisen- und Katastrophenkontinents erschöpft, ging es dagegen auf einer Hamburger Tagung, die Andreas Eckert zusammenfasst. In der Kolumne "Times Mager" räsoniert H.K.J. über eine Plakataktion von Tierschützern gegen Dressur, die zum Zirkusboykott auffordert. Gemeldet werden schließlich noch zwei Todesfälle: Verunglückt ist der Schriftsteller Heiner Link, nach langer Krankheit verstarb der Schauspieler Jürgen Rohe.

Besprechungen gibt es natürlich auch. Nicht gefallen hat Binca Lis Tanzprogramm "Borderline" an der Komischen Oper in Berlin ("nicht mehr als fünfeinhalb Bewegungsmuster aus dem Repertoire rhythmischer Sportgymnastik"), und auch Daniel Besses Stück "Direktoren" am Schauspielhaus Bochum (mehr hier) tauge trotz Harald Schmidt und weiterer guter Akteure "nur zum mittelmäßigen Fernsehfilm". Ebenfalls gedämpft fällt der Rückblick auf die Dresdner Musikfestspiele in der Semperoper aus, gelobt wird allein die Ausstellung des Frankfurter Konzeptkünstlers Jochem Hendricks im Freiburger Kunstverein (flash), dessen Objekte offenbar ausnahmslos aus geklauten Materialen bestehen.

NZZ, 04.06.2002

Urs Schoettli hält es für möglich, dass erstmals seit Hiroshima und Nagasaki in Südasien Atomwaffen eingesetzt werden können. Die Abschreckungstaktik des Kalten Krieges, als die Existenz von Atomwaffen einen Krieg verhindert habe, könnte im Konflikt zwischen Indien und Pakistan versagen. Schoettli macht dafür "kulturelle wie historische Gründe" aus: "Der Kalte Krieg mag von schweren Rivalitäten und tiefgreifendem Misstrauen zwischen den verfeindeten Blöcken geprägt worden sein, beim indisch-pakistanischen Konflikt handelt es sich jedoch um einen Bruderkrieg voller Hass und Ressentiments." Ein weiterer Grund könnte sein, dass "Südasien von den Massenvernichtungskriegen des 20. Jahrhunderts, die in Europa, Russland, China, Vietnam und Japan Millionen Opfer gefordert haben, bisher verschont geblieben ist."

Weitere Artikel: Ein Kapitel Schweizer Geschichte erklärt uns Thomas Maissen: Am 4. Juni feiert Glarus den Beitritt zur Eidgenossenschaft vor 650 Jahren. Maissen fragt nun, ob der Vertrag von 1352 zunächst mehr darstellte als eine dreimonatige Unterwerfung des Alpentals unter seine Nachbarn. Martin Krumbholz schreibt zum Tod des Schriftstellers Heiner Link, der am Donnerstag bei einem Motorradunfall starb. Kurz vorgestellt wird Chinua Achebe, der den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat. Gemeldet wird, dass die Madrider Germanistikprofessorin Isabel Hernandez erstmals Kellers "Grünen Heinrich" auf Spanisch übersetzt hat. Abgedruckt ist schließlich "September", ein literarischer Text von Zsuzsanna Gahse.

Besprochen werden Aufführungen von Houellebecqs "Elementarteilchen" und Ostermeiers "99 Grad" in München, Berlioz' Oper "Beatrice et Benedict" im Lausanner Theatre Municipal, Lortzings Oper "Zar und Zimmermann" im Stadttheater Bern und Bücher, darunter Stephan Krass' Anagrammgedichte (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Anzeige

TAZ, 04.06.2002

In einem Essay auf den Tagesthemen-Seiten erzählt der Publizist Richard Chaim Schneider (mehr hier) die Geschichte der jüdischen Deutschen nach 1945 und erklärt, warum das jüdische Leben in Deutschland nicht in einem "besten Sinn 'normal' ist" wie etwa in Paris, London, New York oder Tel Aviv. Noch immer gebe es bei den deutschen Juden "eine gewisse Skepsis gegenüber der deutschen Öffentlichkeit". Wohl zu Recht: "Das neue Mantra der FDP, dieses 'auch als Deutscher muss ich Israel kritisieren dürfen', ist die Inszenierung eines 'Tabubruchs'. Wen kümmert es schon, dass auch scharfe Kritik an Israel in der deutschen Politik und in den hiesigen Medien nie verboten oder gar tabuisiert waren ... Nein, Westerwelle und seine Verbündeten benutzen dieses Argument, um von der eigentlichen Problematik abzulenken und sich gleichzeitig als besonders progressiv darzustellen. ... Die Behauptung, Juden seien quasi selbst schuld an ihrem Unglück (...), sind die Ungeheuerlichkeiten, die jetzt in der Mitte der deutschen demokratischen Parteienlandschaft etabliert werden sollen."

Im Kulturteil heute ansonsten viel Kunst: Stefan Koldehoff interviewt den US-Künstler Matthew Barney (mehr hier und hier), dessen "Cremaster Cycle" und andere Arbeiten derzeit im Kölner Museum Ludwig zu sehen sind. Barney, der seine Filme als "Skulpturenprojekte" versteht und darin als Massenmörder, Meeresgott oder Satyr auftritt, gibt vor allem über Entstehungs- und Arbeitsbedingungen der Filme Auskunft, nicht aber über seine Freundin Björk (nach der er allerdings auch ausdrücklich nicht gefragt wurde).

Hias Wrba stellt die Ausstellung " "Protest! Respect!" in der Kunsthalle St. Gallen vor, die Auswege "aus der Referenzhölle der Postmoderne" weist. Helmut Höge schließlich analysiert den neuen Berliner Förderungsboom.

Besprochen werden auch Bücher: eine Polemik von Heribert Prantl zur "Politik der Inneren Unsicherheit" und ein Joschka Fischer-Porträt von Bernd Ulrich und Matthias Geis (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier Tom.

FAZ, 04.06.2002

Salman Rushdie entwirft (in einem Text, der zuerst im Guardian erschien) reichlich dunkle Perspektiven für den Kaschmir-Konflikt: "Musharraf sieht nicht aus wie ein Märtyrer. Aber was, wenn er einen konventionellen Krieg verlieren sollte? Wenn Indien mit seiner zahlenmäßigen Überlegenheit zu Land, zu Wasser und in der Luft den Sieg davonträgt und Pakistan sein kostbares Kaschmir verliert - hätte die Vernunft dann noch eine Chance? Und wenn eine Niederlage dazu führen sollte, dass Musharraf von islamistischen Fundamentalisten gestürzt wird, könnte das pakistanische Atomwaffenarsenal in die Hände von Menschen fallen, denen Märtyrertum mehr bedeutet als Frieden, von Menschen, die den Tod über das Leben stellen." Am liebsten sähe Rushdie ein autonomes Kaschmir, das von internationalen Friedentruppen überwacht würde - "aber wer im Westen will das schon?"

Eva Menasse analysiert Österreichs Verhältnis zu Israel und kommt dabei auf Bruno Kreisky zurück, der als jüdischer Politiker eine israelkritische Position bezog und darum vielen Ressentiments gegen Israel als Schutzschild diente. Heute stellt sich die Lage so dar: "Österreichische Juden schlagen sich öffentlich mit österreichischen Sozialdemokraten, die Besonneneren auf beiden Seiten stehen entgeistert daneben, während jene, die, mit einem berüchtigten Wort Jörg Haiders aus dem richtigen thematischen Zusammenhang, eigentlich den 'Dreck am Stecken haben', sich in der Rolle hämischer Kommentatoren gefallen."

Weiteres: Tobias Döring kommentiert die Friedenspreis-Entscheidung für Chinua Achebe (mehr hier). Edo Reents fragt, ob das Feuer im Buckingham-Palast zum Tag des Jubiläums der Queen als schlechtes Omen zu verstehen sei. Achim Bahnen schreibt zum Ende des Ausstellungsprojekts "Der (im-)perfekte Mensch" in Berlin. Wolfgang Sandner berichtet vom Chorfest in Cincinnati, das vom Dirigenten James Conlon geleitet wurde. Auf der Medienseite erfahren wir, dass die Fußball-WM-Berichtertstattung von ZDF und ARD in den Quoten vorne liegt, obwohl die Berichterstattung von Sat 1 besser sei. Außerdem erfahren wir, dass jüdische Organisationen in den USA zum Boykott der New York Times auffordern - wegen angeblich antiisraelischer Berichterstattung. Während Lorenz Jäger das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung vorstellt, das für das American Jewish Committee die Israel-Berichterstattung der deutschen Medien analysierte, von der FAZ aber nicht als seriös angesehen wird.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite liest der Kulturwissenschaftler Kaspar Maase klassische Studien zum Thema Medien und Jugendgewalt. Auf der letzten Seite stellt uns Christian Schwägerl den amerikanischen Gesundheitsminister Tommy Thompson vor, der gerade in Berlin weilte. Und Patrick Bahners hat einen Kabarettabend in Bonn besucht.

Besprochen werden eine Cranach-Ausstellung im Statens Museum Kopenhagen, eine Ausstellung in Sankt Gallen, welche Warhol mit Werken der Ostschweizer Bauernmalerei konfrontiert, Michael Simons Dramatisierung von Gustav Meyringks "Golem" in Basel, , der Film "Das Tribunal" mit Bruce Willis, eine Giovanni Lanfranco-Ausstellung im Palazzo Venezia in Rom, Leos Janaceks "Schlaues Füchslein" an der Bayerischen Staatsoper und Tom Lanoyes Stück "Mamma Medea" bei den Braunschweiger "Theaterformen".