Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.06.2002. Die SZ geißelt (auf der Medienseite) das inzestuöse Feuilleton: "Der Vorgang ist degoutant..." Die taz bringt einen anonymen Text, der annonciert, dass die Walser-Affäre der FAZ schaden werde. Die FAZ bringt Hans-Magnus Enzensbergers Rede zum Ludwig-Börne-Preis, den er an Gabriele Goettle weiterreichte. Die FR sieht in Enzensbergers Börne-Rede eine Anspielung auf die Walser-Affäre. In der NZZ erklärt der indonesische Autor Pramoedya Ananta Toer, warum er schreibt: um der Wahrheit willen.

FAZ, 03.06.2002

Die FAZ publiziert die Dankrede Hans-Magnus Enzensbergers für den Ludwig-Börne-Preis, den er gestern in der Frankfurter Paulskirche entgegennahm. Er zitiert ein Wort Börnes, nach dem es nur "eine kleine Zahl origineller Schriftsteller" gebe und setzt es ins Verhältnis zur großen Zahl von Literaturpreisen im heutigen Deutschland. Und dann findet er eine Außenseiterin, die er Börne an die Seite stellen mag: "Sie heißt Gabriele Goettle und lebt von tausend Euro monatlich in Berlin. Ich denke, dass sie, um ihre Arbeit fortzusetzen, einen gut dotierten Preis brauchen könnte, und Sie werden sicherlich nichts dagegen haben, wenn ich die Summe, die mir zugedacht war, an sie weiterreiche." Goettle (mehr hier) schreibt bekanntlich einmal im Monat ihre unvergleichlichen Reportagen für die taz (aber dass die taz nur tausend Euro zahlt!) Wer sie bisher immer nur zur Seite legte, sei hier nochmal auf ihr Porträt eines forensischen Entomologen vom 27. Mai, auf ihr Porträt eine Wiener Kanalarbeiters vom 29. April und auf ihr Porträt des Direktors der Wiener Wasserwerke vom 25. März verwiesen. Denn sie schreibt immer am letzten Montag eines Monats in der taz, die jetzt sicher sehr stolz auf sie ist.

Michael Hanfeld liest auf der Medienseite eine Studie des American Jewish Committee über die angeblich antisemitischen deutschen Medien und findet sie voreingenommen, weil jede Kritik Israels gleich unter Antisemitismus verbucht werde: "Wenn der israelische Regierungschef Scharon als 'Schlächter' eingeordnet oder auch nur als 'dicker, einsamer Mann' beschrieben wird, erscheint das den Sprachforschern bereits verdächtig..." Nach dem Resümee des Berichts, dass die Berichterstattung einen vorhandenen Antisemitismus verfestige, fragt Hanfeld: "Doch tut das nicht jeder negative Bericht über Israel? Die Vorurteile von Judenhassern bestätigen? Soll sich der Berichterstatter deswegen zurückhalten? Liegt er am Ende ganz falsch? Die Studie fragt nicht, was Scharon selbst dazu beiträgt, dass die Berichterstattung über Israel ist, wie sie ist..."

Weiteres: In einer Meldung bestätigt man sich, dass auch der Rest der Welt Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" antisemitisch findet (siehe unseren ausführlichen Link des Tages zur Affäre). Jürgen Kaube berichtet vom deutschen Lehrertag in Weimar. Andreas Platthaus besucht den zehnten Erlanger Comicsalon. Christian Schwägerl resümiert einen Streit zwischen Gentechnikern und Ökolandwirten in Mayschoß. Michael Althen schreibt zum achtzigsten Geburtstag von Alain Resnais. Gerhard Rohde annonciert ein Treffen zwischen dem Chef des Frankfurter Balletts William Forsythe und der Bürgermeisterin der Stadt Petra Roth, wo es um die Zukunft des Balletts in der Stadt geht.

Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit dem Arte-Präsidenten Jobst Plog, der die neulich vom französischen Schriftsteller Patrick Demerin geäußerte Kritk am Sender zurückweist. Auf der letzten Seite versucht Roland Kany der Wahrheit über jenen Kurt Gerstein auf die Spur zu kommen, der als SSler an der Judenvernichtung beteiligt war, aber auch Diplomaten und die Kurie über den Judenmord informieren wollte - und der Rolf Hochhuth für seinen "Stellvertreter" inspirierte. Rainer Hermann beklagt die Umtriebe des Rektors der Universität Istanbul, der aus politischen Grpünden eine ganze Bibliothek des Hauses einpacken und in den Keller verbringen ließ, wo sie nun vermodert. Und Arnold Bartetzky porträtiert den in New York lehrenden Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel, der sich so dezidiert für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, aber auch der Dresdner Synagoge und er Universitätskirche in Leipzig einsetzt.

Besprochen werden ein "grandioser" "Turandot" in der Vervollständigung durch Luciano Berio in Amsterdam, das Stück "Direktoren" von Daniel Besse mit Harald Schmidt in Bochum, eine Ausstellung über die Ursprünge des ungarischen Katholizismus uin Budapest und Albert Ostermaiers Stück "99 Grad" in München.

Abgedruckt wird schließlich auch die Hymne des Poete Laureate der Queen, Andrew Motion zu ihrem fünfzigsten Kronjubiläum:

"In every town
And every city, village, single home
That knows the Crown
Let time stand still: No, no, instead let time
Repeat, return

To celebrate
This fifty years of constancy through change?"

NZZ, 03.06.2002

Brigitte Schneebeli unterhält sich mit dem indonesischen Autor Pramoedya Ananta Toer (mehr hier), den die NZZ als Gewissen seiner Nation und Nobelpreiskandidaten vorstellt. Er spricht über seine Gefängniserfahrungen, und auf die Frage, warum er schreibt gibt er eine schlichte Antwort: " Es sind im Grunde einfache Gedanken: Wahrheit, Gerechtigkeit und Parteinahme für die Schwachen. Ich versuche, etwas zur Aufklärung und politischen Bildung meiner Landsleute beizutragen. Das klingt hier in Europa vielleicht ziemlich verstaubt, und man mag es belächeln. Aber Indonesien hat eben keine Tradition der Demokratie wie die europäischen Staaten. Wenn die Politiker nicht die Interessen des Volkes wahrnehmen, müssen es die Schriftsteller tun. So sehe ich das nach wie vor."

Heribert Seifert möchte der Kleinstadt Oerlinghausen einen Ehrenplatz in der intellektuellen Topographie Deutschlands geben. Denn Nicht nur Niklas Luhmann lebte hier: "Der 1998 gestorbene Soziologe, der an der benachbarten Bielefelder Universität lehrte, hatte seit den siebziger Jahren seinen Wohnsitz in Oerlinghausen. Seine Adresse, Marianne-Weber- Straße, verweist zugleich auf zwei weitere Namen, die den kleinen Ort mit großer Geistesgeschichte verbinden: Hier wurde 1870 als Tochter eines Landarztes Marianne Schnitger geboren, die 1893 ihren Vetter, den Soziologen Max Weber, heiratete. Beide stammten aus einer verästelten Familie, deren unternehmerisch tätiger Zweig seinen Sitz in Oerlinghausen hatte."

Weiteres: Philipp Blom meldet, dass das Erscheinen der britischen Satirezeitschrift Punch nach 161 Jahren eingestellt wird. Thomas Christen gratuliert dem Regisseur Alain Resnais zum Achtzigsten. Besprochen werden Puccinis "Turandot" mit dem Finale von Berio in Amsterdam, "Golem" nach Gustav Meyrinks Roman am Theater Basel und ein Konzert mit Sofia Gubaidulinas Violakonzert in Zürich.

FR, 03.06.2002

Christoph Schröder schreibt über die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Hans Magnus Enzensberger, die sich als eindeutiger Kommentar zur aktuellen Debatte lesen lasse, obwohl der Name Martin Walsers nicht ein einziges Mal gefallen sei. "Michael A. Gotthelf, der Vorsitzende der Ludwig-Börne-Stiftung, sprach von der Gefahr, sich mit einem Preisträger zu blamieren, der die Jury durch peinliche Aktionen bloß stellt. Reich-Ranickis zurückhaltender Auftritt und die kommentarlos vorgetragenen Passagen aus Heines Denkschrift Ludwig Börne erinnerten daran, dass in jüngster Zeit mit Begriffen und Haltungen gedankenlos umgegangen wird, die nicht erst im 20. Jahrhundert ideologisch fundierte Ressentiments erzeugten." Und Enzensberger soll seine Dankesrede mit dem Börne-Zitat beendet haben: "Nicht an Geist, an Charakter mangelt es den meisten Schriftstellern."

Weitere Artikel: Times Mager liefert eine kleine Anleitung, wie man dummes Fusballgerede vermeiden kann. Gerhard Midding gratuliert dem Regisseur Alain Resnais zum Achtzigsten und der Zeitschrift Positif zum fünfzigsten Geburtstag. Weiter gibt es auf den politischen Seiten einen Kommentar von Stephan Hebel zu Walser und Möllemann: "Sie missachten die für eine demokratische Debatte notwendigen Maßstäbe und das Gebot eines öffentlichen Minimalkonsenses, ohne den die Gesellschaft in ihre Einzelteile zerfällt." Deshalb dürfe man beide "als Gefahren für die Demokratie titulieren".

Besprochen werden Leos Janaceks Oper "Das schlaue Füchslein" und Alberts Ostermaiers Stück "99 Grad", beide in München, und politische Bücher, darunter Eric A. Johnsons Studie über den nationalsozialistischen Terror, ein Porträt Joschka Fischers und eine deutsche Übersetzung von Guy Debords "Potlatsch" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 03.06.2002

Auf der Meinungsseite der taz erklärt Detlef Gürtler als "Stimme der Kritik", dass die Walser-Debatte ganz sicher eine Folge haben wird: die Demontage Frank Schirrmachers. "Die FAZ wird durch die Vertrauensbrüche, die sie sich Verlag und Autor gegenüber leistete, nachhaltig beschädigt werden."

Im Feuilleton verteidigt Heide Oestreich Katja Kullmann und ihr viel geschmähtes Buch "Generation Ally": "Was die Autorin - versteckt unter einigem Lifestyle-Klimbim - liefert, ist eine ruhige und unpolemische Erklärung dafür, warum zwischen den Frauengenerationen ein kommunikativer Graben liegt. Die nachgeborenen Profiteurinnen der gesellschaftlichen Modernisierung und der Frauenbewegung fanden die Welt nicht so schlecht eingerichtet, wie die alten Kämpinnen es zwecks Aufrechterhaltung ihres Lebenssinnes immer noch postulierten. In ihrer Jugend war die Geschlechterdoktrin nach Kullmanns Wahrnehmung eher umgekehrt: Machte Doris Dörrie sich über Männer lustig, tanzten die Mädchen zu "Material Girl" Pogo. In der 80er-Pop-Kultur gab es keinen sexistischen HipHop und keinen Eminem, dafür androgynen New Wave, den kajaläugigen New-Romantic-Limahl und Boy George, der vielleicht doch lieber eine Frau sein wollte."

Besprochen werden ein Konzert des R&B-Trios Destinys Child sowie die Business-Satire "Die Direktoren" von Daniel Besse mit Harald Schmidt und der örtlichen Sparkasse in den Hauptrollen.

Schließlich Tom.

SZ, 03.06.2002

Der meinungsstarke Text zur Walser-Debatte steht heute auf der Medien-Seite der SZ. Lutz Hachmeister geißelt darin das inzestuöse Feuilleton: "Der Vorgang ist etwas degoutant, so dass man sich schon bei bloßer Beschäftigung mit ihm befleckt vorkommt. Man wünschte sich, der Streit zwischen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem Schriftsteller Martin Walser könnte Sache eines inzestuösen Feuilletons bleiben, eine geschlossene Angelegenheit des kulturpolitischen Tingeltangels, intellektuell niederrangig sowie vollkommen anachronistisch", ereifert sich Hachmeister. "In immer schrilleren Varianten werden die Millionen der Hingerichteten dazu benutzt, öffentliche Erregung herbeizuzündeln. Der Topos Antisemitismus taucht inzwischen auf wie eine Schlammblase im Moorbad oder ein Pop-Up im Internet."

Im Feuilleton fasst Lothar Müller den Stand der Diskussion zusammen und berichtet, dass Martin Walser "im Gespräch mit dieser Zeitung" erklärt habe, "er sei auch deshalb von Schirrmachers offenem Brief überrascht worden, weil ihm der Literaturchef der FAZ, Hubert Spiegel, noch kurz zuvor signalisiert habe, vorbehaltlich der Zustimmung des Herausgebers könne das Manuskript als Vorabdruck in der FAZ erscheinen."

Ulrich Raulff ärgert sich über die eleganten Lügen in der Debatte um Möllemann: "Eine Lüge geht um in Deutschland. Wie alle Lügen wird sie gebraucht von Leuten, die ein Interesse haben, und geglaubt von Leuten, die betrogen sein wollen. Die Lüge sagt: Es ist zwar nicht schön, was Demagogen wie Jürgen Möllemann ans Licht zerren, und es ist nicht gut, was Haider, Fortuyn und andere gesagt haben. Aber vielleicht ist es ein bisschen notwendig. Vielleicht musste einer kommen und sagen, was in Wahrheit viele denken. Dass dieser eine nun dafür Prügel bezieht und öffentlich angeprangert wird - auch das ist nicht schön, aber vielleicht ist es gut. So haben wir beides, die verborgene Wahrheit, die ans Licht gebracht wurde, und die Moral, die die bösen Stimmen wieder zum Verstummen brachte. Das ist, in groben Zügen, die neue Ökonomie des Diskurses, die in diesem Lande herrscht. Oder der gute Gebrauch der Lüge."

Weitere Artikel: Holger Liebs hat mit dem Künstler Matthew Barney (dem laut Liebs Attribute wie "moderner Midas, "soldier of sadism" oder "bewegliche Aminosäure" anhaften, mehr hier) über Sport, Models ohne Beine und seinen neuen Film "Cremaster 3" gesprochen. Astrid M. Eckert blickt zum Jubiläum auf die 50-jährige Geschichte des Bundesarchivs zurück. Fritz Göttler gratuliert dem Regisseur Alain Resnais zum Achtzigsten. Jörg Schallenberg berichtet vom Erlanger Comic-Salon, dass sich die Sehnsucht nach Superhelden gegen die Avantgarde durchgesetzt hat. Verena Auffermann beschreibt die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Hans Magnus Enzensberger, der die Ehre (und das Preisgeld) an Gabriele Goettle weiterreichte.

Besprochen werden: Etienne Chatiliez' Film "Tanguy" (den Anke Sterneborg für eine Attacke auf die Nesthocker-Nation Frankreich hält), Daniel Besses Stück "Die Direktoren" in Bochum und mit Harald Schmidt, eine Inszenierung von Albert Ostermaiers "99 Grad" an den Münchner Kammerspielen, Leos Janaceks Oper "Das schlaue Füchslein" im Münchner Nationaltheater, Eminems neues Album "The Eminem Show", das für Dirk Peitz auf wunderbare Art zeigt, wozu dysfunktionale Familienstrukturen führen können und Bücher, darunter Oskar Lafontaines Anti-Globalisierungs-Schrift "Die Wut wächst" ("Landeskunde für Klippschüler", wie die Rezensentin bemerkt) Geoffrey F. Millers Studie "Die sexuelle Evolution" (nach der Intellektuelle besseren Sex haben) oder Akira Yoshimuras Roman "Unauslöschlich". Joachim Sartorius stellt außerdem Vitali Kalpidis Gedicht "Sieh nicht nachts nach dem Mann" vor (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).