Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2001. In der FAZ kritisiert Günter Grass erstens Klaus Wowereit, zweitens die Amerikaner und drittens V.S. Naipaul. In der taz fragt Matthias Politycki, ob wir eine neue deutsche Literatur brauchen. Die NZZ spricht mit Friederike Mayröcker und würdigt nochmals V.S. Naipaul. Die SZ bringt ein Reisejournal von Raoul Schrott: von Teheran nach Afghanistan und zurück.

NZZ, 27.10.2001

Fünfzig Jahre Georg-Büchner-Preis. Beatrix Langner schreibt: "Die Ausgezeichneten sind im Schnitt doppelt so alt, wie der Namensgeber geworden ist, und trifft es doch einmal einen unter dreißig, so wird er argwöhnisch als 'Langhaarklassiker' (Peter Handke) oder emporgehievter Ostdeutscher (Durs Grünbein) tituliert. Das Fußvolk der Prosaisten hat bei diesem Preis ohnehin nichts zu gewinnen. Noch immer hält er sich hoch oben im Gebälk formstrenger Ästhetizisten."

Besprochen werden eine Ausstellung über Ferdinand Hodler in Madrid, Lea Pools Film "Lost and Delirious", der Steirische Herbst (mehr hier) und einige Bücher, darunter Richard Herzingers "Republik ohne Mitte" und der Roman "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" des chinesischen Autors Dai Sijie.

Um den Büchner-Preis geht's denn auch in der Samstagsbeilage Literatur und Kunst. Paul Jandl und Andreas Breitenstein unterhalten sich mit der diesjährigen Preisträgerin Friederike Mayröcker. "Ich bin ein Augenmensch. Wenn ich in einer großen Finsternis von der Aussenwelt abgeschnitten wäre, dann könnte ich auch nichts mehr arbeiten. Alles geht über das Auge bei mir. Ich renne durch die Straßen mit offenen Augen, schaue den Leuten in die Augen. Ein einzelner Baum kann schon ein Erlebnis für mich sein. Aber ich bin auch ein Ohrenmensch. Ohne die deutsche Sprache könnte ich nicht leben und auch nicht schreiben. Ich könnte anderswo nicht existieren."

Michael Lentz, selbst Lyriker, würdigt die Preisträgerin: "Hier hat jemand sein Bewusstsein ausgeschrieben und entdeckt während des immer wieder als solches thematisierten Schreibens unterschiedliche Materie, unterschiedliche Aggregatzustände, so will es scheinen."

Weiteres: Peter Hughes meint, dass man V.S. Naipaul (mehr hier) den Nobelpreis ohne den 11. September wohl nie gegeben hätte: "Ohne den Einsturz des Turmbaus zu New York und die apokalyptische Rückkehr eines Terrors, dem Naipaul schon seit einem halben Lebensalter nachspürt - zum Zorn und zum Unbehagen so mancher seiner Kritiker." Andreas Gaile stellt den australischen Autor Peter Carey vor, der als einziger nach J.M. Coetzee den Booker-Preis zum zweiten Mal bekommen hat. (Hier ein Text von ihm zum 11. September.) Eberhard Jüngel reflektiert "bioethische Aporien". Und Ludger Lütkehaus erinnert an den Arzt und Nietzsche-Freund Paul Ree, der vor hundert Jahren ums Leben kam.

SZ, 27.10.2001

Die SZ druckt ein Reisejournal von Raoul Schrott. Es geht von Teheran nach Afghanistan und zurück. Und nach Alamut hinauf, Hassan Sabahs Burg: "Der Alte Mann vom Berg hatte dort im elften Jahrhundert seine Assassiyun um sich geschart ... Von dieser Basis schickte er seine Anhänger in Selbstmordkommandos, Fedayin, aus, weniger gegen die Kreuzritter, als um die bestehenden Herrschaftsverhältnisse der seljukischen Türken durch öffentliche Anschläge
zu untergraben. Die Attentate fanden meistens Freitag mittags in der vollen Moschee statt, als politisches Statement, bei dem sich auch der Mörder hinrichten ließ als Martyrium, das ihm das Paradies verhieß."
In einem anderen Artikel befasst sich Johannes Willms mit den eilig geschnürten Sicherheitspaketen des Bundesinnenministers. Etwas zu eilig geschnürt vielleicht. Die sogenannte biometrische Vermessung erinnert Willms fatal an "jene rassenbiologische Typologisierung," mit der einst fälische, ostische und semitische Schädelformen unterschieden wurden. Und was die geplanten Einschränkungen der Grundrechte betrifft, so empfiehlt Willms dem Innenminister das Studium einer historischen Analogie: "Die Legisten der Französischen Revolution, die mit
der Folgerichtigkeit ihres juristischen Sachverstands die Diktatur des Wohlfahrtsausschusses politisch vorbereiteten."

Weiteres: Der Historiker Moshe Zimmermann analysiert das gefährliche Denken des in der vergangenen Woche ermordeten israelischen Ministers Rechavam Seewi, Holger Liebs erklärt,
wie die neue "Carchitecture" Mensch und Automobil zu versöhnen gedenkt, Christoph Bartmann über Pläne für ein neues Opernhaus in Kopenhagen, Henning Klüver über den Architekten Tadao Ando, der in Mailand für Armani baut, Petra Steinberger hat Edward Said in Wien zugehört, Heiko Krebs sagt, wie sich Prag der tschechisch-deutsch-jüdischen Literatur besinnt. Und es gibt ein Interview mit Stephan Sulke (der mit Uschi).

Besprochen werden: eine Ausstellung über den Literaten und Filmemacher Guy Debord im ZKM in Karlsruhe, Chris Nahons Martial-Arts-Film "Kiss of the Dragon", eine Studie über den Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus sowie ein Buch über den Punk und die Neue Deutsche Welle (auch in unserer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).
In der SZ am Wochenende liefert Andrzej Stasiuk sehr schöne Impressionen aus Transkarpatien, Gerhard Rühm rühmt die heilsame Anarchie der Sprache, Martin Rasper schreibt über den Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy und Andrian Kreye schildert eine Begegnung mit Osama bin Laden 1994 in Khartum: "Bin Laden war keine sonderlich auffällige Erscheinung, hoch gewachsen und schlank, wie viele im Saal. Er trug Kaftan, Turban und Bart wie die meisten der Gäste ... als der sudanesische Islamistenführer Hassan al-Turabi die Zerstörung der Monarchien und weltlichen Regierungen im arabischen Raum prophezeite,
sagte er: 'Richtig! Bald wird es geschehen!'"

FR, 27.10.2001

Das Theater, das Drama in Zeiten des Krieges, was macht es? Peter Iden staunt ein wenig über das augenblickliche "Schweigen im Walde unserer Stadt- und Staatsbühnen," wo doch bereits Aischylos mit den "Persern" ein politisches Theater schuf, das auf einen Krieg zu reagieren vermochte. Solches Material, "es lohnt die Beschäftigung, gerade in der veränderten Situation ... Nicht um Kunststücke der Regie allerdings kann es dabei gehen, sondern um Durchlässigkeit für die Sachen der Welt. Um Wahrheitsfindung. Nicht um den nur originellen Einfall, sondern um politischen Verstand." Nur so, meint Iden, wird's auch weiter Subventionen geben.

"Eine Beat-Phase (hat er) gehabt, Reggae-Platten gemacht, sich für Rock erwärmt und ihn in den Achtzigern mit Hilfe von Synthesizern selbst wieder zerlegt, war parallel Schauspieler und Regisseur und Werbeträger, Alkoholiker und Kettenraucher" ? Serge Gainsbourg, dem Adam Olschewski anlässlich seines zehnten Todesjahrs eine Huldigung hinterherschickt.

Ferner im Blatt: Eva Schweitzer begutachtet den neuen Wolkenkratzer der Nachrichtenagentur Reuters am Times Square, Caroline M. Buck berichtet vom Stummfilmfestival im norditalienischen Pordenone, Ulrich Horstmann erinnert an den Philosophen Philipp Mainländer und sein nach wie vor aktuelles Opus magnum "Die Philosophie der Erlösung", Rolf-Bernhard Essig schreibt über Thomas Mann und seine "Buddenbrooks", die vor hundert Jahren erschienen. Und das FR-Magazin bringt ein Gespräch zwischen einem Schriftsteller und einer Lektorin, wie es so oder ähnlich jüngst in Frankfurt stattgefunden haben wird.

Besprochen werden Bellinis "Sonnambula" an der Staatsoper Wien, ein Sammelband zur Wiederbelebung früherer Kulturleistungen sowie eine Bildgeschichte der Frauen-Photographie (auch in unserer Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).
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TAZ, 27.10.2001

Brauchen wir nach dem 11. September eine andere deutsche Literatur? Das damit in Aussicht gestellte Ende der Popliteratur hat für Matthias Politycki jedenfalls schon mal was Verlockendes. Was Politycki freilich bedenklich findet, "ist die gleichzeitig erhobne Forderung nach deren Gegenteil, nach genereller Verernstung des Erzählens, nach Büchern, die uns mit ihren gesellschaftskritischen Analysen und einem politisch korrekten Wertekanon quälen sollen ... Gewiss, Terroristen sind humorlos und ironieresistent; muss es Literatur in Zeiten des Terrorismus aber deshalb auch sein?"

Anderes: ein Artikel behandelt ein schwer verschnupftes Westberlin angesichts rot-roter Aussichten, es gibt ein Interview mit Joshua Sobol zur Frage, warum Islamisten den Westen so hassen (es ist die Monogamie!), Andreas Hergeth schreibt über die Abrafaxe, Comichelden der DDR, und ihr Kinodebüt, Gerrit Bartels befasst sich mit dem Pockenvirus und Diemut Roether porträtiert die Büchner-Preisträgerin Friederike Mayröcker.

Im tazmag plaudert der Star-Ausstellungsmacher Harald Szeemann über sein Ideal: ein imaginäres Museum der Obsessionen, Susannne Knaul besucht ein "Friedensdorf" zwischen Tel Aviv und Jerusalem, das seit dreißig Jahren das Zusammenleben der Religionen übt, Katharina Koufen erklärt NGOs. Und es gibt ein Wein-Spezial, in dem wir u.a. lernen, wie Geschmack
"gemacht" wird.
Und Tom.

FAZ, 27.10.2001

Hubert Spiegel hat ein langes Gespräch mit Günter Grass (mehr hier) geführt, der unter anderem Klaus Wowereit empfiehlt, eine Koalition mit der PDS einzugehen: "Das Votum fast der Hälfte der Bürger, die in Ost-Berlin leben, zu ignorieren wäre regelrecht verhängnisvoll." Er kritisiert Amerika: "Es ist eine Anmaßung, jetzt auch noch die Welt teilen zu wollen in eine zivilisierte Hälfte und eine andere, die unausgesprochen die 'unzivilisierte' Welt heißt." Und er äußert sich recht lauwarm zu V.S. Naipaul: "Naipaul ist ein bemerkenswerter Schriftsteller, dessen politische Äußerungen zur Dritten Welt in mir jedoch einen Gegner finden."

Nicht Amerika, sondern die Juden sind das eigentliche Ziel der Terroristen, meint David Gelernter (mehr hier)? der Computerwissenschaftler wurde selbst einst durch einen Anschlag des Una-Bombers schwer verletzt: "Ohne Zweifel hassen die Terroristen Amerika um seiner selbst willen. Ohne Zweifel würden sie Amerika auch dann hassen, wenn es Israel niemals gegeben hätte. Aber das fanatische Böse, das wahllos Männer, Frauen und Kinder mordet und diese Morde dann feiert, trägt die blutigen Merkmale des Judenhasses." Mit seinem Argument, Frankreich oder England würden schließlich trotz ihrer kolonialen Vergangenheit nicht zu Zielen der Terroristen, beweist Gelernter dann aber wieder die Ignoranz der Amerikaner. In Paris gab es bekanntlich schon vor Jahren wahllose Anschläge auf S-Bahnzüge.

Weitere Artikel: Jürg Altwegg schildert die französische Debatte um Michel Houellebecq nach dem 11. September ? sein neuer Roman "Plateforme" endet in einer von Islamisten zu verantwortenden Apokalypse. Michael Hanfeld hat Heinrich Breloers neue Fernseharbeit "Die Manns ? Ein Jahrhhundertroman" gesehen, die vor Weihnachten in der ARD gezeigt wird, und ist sehr angetan. Thomas Weber bespricht Simon A. Coles Buch "Suspect Identities", das zeigt, wie zweifelhaft biometrische Messmethoden (also zum Beispiel Fingerabdrücke) sind und empfiehlt diese Lektüre unserem Innenminister. Wolfgang Sandner bringt auf der letzten Seite eine Recherche über den Musikverlag C.F. Peters in Leipzig ? der Verlag ist in der DDR enteignet worden, jetzt verschleppen Bürokraten die Rückgabe. Dieter Bartetzko erzählt die Geschichte der Nachfahren des gestürzten Aztekenkönigs Montezuma, die tatsächlich heute noch in Spanien leben und jetzt gegen Mexiko klagen, das ihnen 1933 eine Pension aberkannte, die ihnen im 16. Jahrhundert von den Spaniern zugesprochen worden war.Ferner erklärt Mark Siemons die PDS zur idealen Opposition der Berliner Republik: "Wenn das auch im Westen vorhandene, aber bis jetzt kaum artikulierte Unbehagen an der 'uneingeschränkten Solidarität' stärker werden sollte, könnte sich die PDS mit ihrer Doppelstrategie als eine Art außerparlamentarische Opposition innerhalb des Parlaments einrichten." Verena Lueken hat sich die Stellenbörse der durch die Anschläge vom 11. September arbeitslos gewordenen New Yorker angesehen ? bis zu 100.000 Arbeitnehmer sollen ihren Job verloren haben. Doris Meierheinrich berichtet über Fortschritte des Genomprojekts in Estland. Joseph Hanimann meldet, dass der Architekt Tadao Ando das Gebäude für die Kunstsammlung von Francois Pinault auf der Pariser Ile Seguin bauen wird. Renate Schostak bilanziert eine Tagung über Winckelmann in Tutzingen.

Besprochen werden die Ausstellungen "Abbild" im Grazer Joanneum, der Film "Kiss of the Dragon", die Istanbul-Biennale, Opern von Bellini in New York, eine Otto-Ubbelohde-Ausstellung in der Kunsthalle in Darmstadt, Ralf Huettners Film "Mondscheintarif" und ein Auftritt der Popcellistin Caroline Lavelle bei ihrer Deutschlandtournee.

In Bilder und Zeiten begibt sich Rüdiger Bubner auf die Suche nach der vermissten Verfassung für Europa. Jürgen Schmidt erinnert an die preußische Agrarreform vor 200 Jahren. Der Kunsthistoriker Martin Warnke schreibt über Luther-Porträts und Karikaturen. Dietmar Dath erinnert an die Schriftstellerin Ayn Rand und ihr Verhaltnis zum Atombombenbauer Robert Oppenheimer. Und Heinrich Wefing besucht die Alte Nationalgalerie Berlin kurz vor ihrer Wiedereröffnung (mit wunderbaren Fotos von Barbara Klemm).

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Hinck ein Gedicht von Ilse Aichinger vor ? "Winterantwort":

Die Welt ist aus dem Stoff,
der Betrachtung verlangt..."