Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2001. In der FAZ erreicht uns ein Hilferuf aus der Schweiz von Thomas Hürlimann. Die NZZ sieht Deutschland im Ernst im Herbst. In der FR findet die Politologin Iris Marion Young, dass es Zeit ist, wieder an soziale Gerechtigkeit zu denken. In der SZ erinnert sich derweil der Kunsthistoriker Max Klimburg an Afghanistan in den fünfziger Jahren, als "Kabul leuchtete".

NZZ, 26.10.2001

Die NZZ reibt sich verwundert die Augen. Die einst "zum Spaßvogeltum bekehrten Germanen" werden wieder ernst: Es hat sich ausgewitzelt. Nach all den Blödelbarden, nach Nussecken und Maschendrahtzäunen haben jetzt wieder Jürgen Habermas, Peter Scholl-Latour und Otto Schily das Sagen, stellt Joachim Günter fest und fragt besorgt: "Kommen jezt wieder bleierne Zeiten?". Selbst die Gegenwartsliteratur sei schließlich gar nicht mehr Pop, sondern wird allen Ernstes als "am Kältepol der Moderne" angekommen gesehen. Und was ist mit dem "Schuh des Manitu"? Der beweist laut Güntner gar nichts. "Komödien florieren ja in ernsten Zeiten besonders gut."

Jörg Huber und Daniele Muscionico loben die Genügsamkeit und das Theater St.Gallen. Dessen Schauspieldirektor Peter Schweiger nämlich habe Wort gehalten mit einem Versprechen, das andernorts oft nur Behauptung bleibt: Er habe nicht nur Autoren gefördert, sondern auch noch die zeitgenössische Dramatik gepflegt.

Besprochen werden Aufführungen von Achternbuschs "Daphne von Andechs" an den Münchner Kammerspielen und Franz Schrekers Oper "Der ferne Klang" in der Berliner Staatsoper. Außerdem eine Retrospektive des spanischen Eisenplastikers Julio Gonzalez, Picassos "genialen Trittbrettfahrers", in Heilbronn und eine Ausstellung über den Tessiner Architekten Rino Tami in Sorengo.

SZ, 26.10.2001

Andrew Krepinevich, Direktor des Center for Strategic and Budgetary Assessments in Washington, D.C., hält die konventionelle Machtpolitik und den amerikanischen Unilateralismus für obsolet. Nachdem die Neunziger hinsichtlich der Arbeit an einem langfristigen Frieden nutzlos verstrichen seien, so der Autor, drängten nun die Veränderungen der geopolitischen und militärtechnischen Lage Amerika dazu, den Beziehungen zu seinen Verbündeten eine andere Qualität beizumessen: "Eine Arbeitsaufteilung ist vonnöten, die die Optionen der militärischen Revolution intelligent nutzt: Präzisionsschläge auf lange Distanz, Weltraumkontrolle, strategischer Informationskrieg, Vorrang der Prävention vor dem Einsatz von Cruise Missiles, Machtvorsprung ohne feste Außenposten."

Der Kunsthistoriker Max Klimburg kennt Afghanistan noch aus den späten fünfziger Jahren, als "ein herrlich orientalisches Land, weitgehend unabhängig von westlichen und islamistischen Einflüssen ... geprägt von einer spezifischen Bazar-, Teehaus-, Reiter- und Teppichkultur und großer Lebenslust. Teppiche waren allgegenwärtig, die Frauen überboten sich im überreichen Schmuck, die Männer konkurrierten mit ihren prächtigen Pferden, deren Zaum- und Sattelzeug oft Meisterwerke darstellten ... Es war eine friedliche und 'heile', von Musik erfüllte Welt." Den Beitrag mit "Kabul leuchtete" zu überschreiben, ist allerdings recht makaber.

Weitere Artikel: Sonja Zekri über das große Comeback der Spione ("ja, wir haben Arschlöcher angeworben," wie es ein CIA-Mann formuliert), Jens Bisky erklärt, warum die Bundeskulturstiftung den Föderalismus nicht bedroht, Hubert Filser berichtet von der Eröffnung des ersten Karikaturmuseums in Österreich, Helmut Mauro beklagt die Finanzlage amerikanischer Orchester, es gibt ein Porträt des Schriftstellers und Essayisten Bernard von Brentano. Und Gustav Seibt fragt: Welchen Nerv trifft Florian Illies?

Besprochen werden: ein Heidelberger (oder Göttinger? die SZ will sich da nicht festlegen) Symposium zum Thema "Das Alte Testament und die Kultur der Moderne", Achternbuschs "Daphne in Andechs" in München, "Richard III." am Schauspielhaus Bochum, ein Konzert der "Tindersticks" in Köln, Achim von Borries Film "England". Schließlich eine desaströse Fassung von "Hoffmanns Erzählungen" an der Leipziger Oper sowie ein Buch über Coltrane, die jungen Wilden und die Entstehung des New Jazz (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 26.10.2001

Bei der FR ist Post eingegangen. Zu lesen ist ein kritischer Brief der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Iris Marion Young. Young staunt nicht schlecht, "wie bereitwillig meine Mitbürger sich von der Demokratie verabschieden und sie gegen das Versprechen von Sicherheit eintauschen. Ich fange an zu verstehen, wie sich autoritäre Regierungen etablieren - schleichend, einen Schritt nach dem anderen." Der Widerspruch, den Young durchaus auch feststellt ("Unzählige Teach-Ins ... Nachtwachen, Versammlungen"), reicht ihr nicht aus: "Dies ist der Zeitpunkt, meine ich, zu dem bescheidenen Geschäft zurückzukehren, über soziale Gerechtigkeit nachzudenken."

Ein weiterer Brief kommt von Michael Wildt, der sich zur Zeit als Stipendiat in Jerusalem aufhält. Und auch er ist von Erstaunen geprägt. Obwohl Krieg herrsche, gehe der Alltag weiter. "Man fährt mit dem Bus, geht zur Arbeit, kauft ein, sitzt in der noch warmen Oktobersonne im Cafe ... Diese Diskrepanz ist das wirklich Unheimliche. Ich lebe so nah am Tatgeschehen und bin doch so weit weg. Ich beschäftige mich im Archiv der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit der Gewalt gegen Juden in Deutschland vor mehr als einem halben Jahrhundert, und wieviel Gewalt geschieht hier in meiner Nähe."

Weitere Artikel: Jochen Stöckmann sucht Orientierung in einem vergessenen Buch von Willy Brandt ? der Strategiefibel "Guerillakrieg", Christian Holl dokumentiert das Ringen um Stuttgarts Galerieneubau und Petra Kohse porträtiert den diesjährigen Träger des Mühlheimer Dramatikerpreises, Rene Pollasch.

Besprochen schließlich werden: Herbert Achternbuschs "Daphne von Andechs" in München, Cages "Europeras" in Hannover, Shakespeares "Richard III" in Bochum und "Wie es euch gefällt" im Schlosstheater Moers sowie Vanessa Jopps Kino-Punkerromanze "Engel & Joe".
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TAZ, 26.10.2001

Weil das taz-Feuilleton heute bloß bespricht, klicken wir uns auf die Medienseite, wo Arno Frank den neuen Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung ausruft: ein zeitgemäßes Kompendium aus pubertärem Übermut, spielerischem Sadomasochismus, unterdrückter Homosexualität und debiler Freude am Fäkalen. Gemeint ist die MTV-Sendung "Jackass", in der jeder Idiot zeigen darf, was er kann. Und das ist so mies, dass der Sender selbst davor warnen muss: Nicht zur Nachahmung empfohlen. Bitte zuhause keine "Eier essen, bis alle Beteiligten nur noch gelbe Dotter erbrechen. Oder gleich die Zutaten eines Omeletts runterschlingen, hochwürgen, in die Pfanne kotzen und braten."

Weitere Artikel: Bei den Themen des Tages findet sich ein Interview mit Andy Müller-Maguhn, der an Otto Schilys Sicherheitspaket so einiges auszusetzen hat. Und besprochen werden in der taz: "We Love Life" ? das neue Album von Pulp, das allerdings schon als Alterswerk gehandelt wird, Kool Savas' "Haus und Boot EP" gegen den Backlash im deutschen Rap, Souliges von Mary J. Blige, Syleena Johnson und Sunshine Anderson. Und was die Münchner Neuintendanten so als Vorspeisen zur Theaterspielzeit servieren (Achternbuschs "Daphne von Andechs", Handkes "Spiel vom Fragen" und Shakespeares "Kaufmann von Venedig").

Schließlich Tom.

FAZ, 26.10.2001

"Himmelsöhi, hilf!" Ein verzweifelter Ruf erreicht uns aus der Schweiz. Thomas Hürlimann, Autor von "Fräulein Stark" schildert die Verzweiflung in der Schweiz, seit das "weiße Kreuz im roten Feld vom Himmel fiel". Die Schweizer Schizophrenie ist am Ende, meint er: "Die zweifache Schweiz, die große und die kleine, hatte sich im Griff. Während die Trust-Türme wuchsen, blieb die Kirche im Dorf. Nein, wir drehten nicht durch, höchstens hielten wir, auch darin den Verrückten ähnlich, einzig uns für normal. Dann passierte es. Der Eiserne Vorhang fiel, die alte Ordnung stürzte ein, und die bis anhin blockierte West-Ost-Welt warf sich in eine rasante Beschleunigung hinaus. So bekamen wir Doppelraumbewohner ein Problem mit der Zeit, genauer: mit zwei Zeiten. Denn im Schweizerhaus galt nach wie vor das Postkutschentempo, da ging der Bürger im sonntäglichen Spazierschritt. Die andere Welt jedoch, die große, worin wir mit unseren Geldern und Marken ja ebenfalls zu Hause waren, drehte sich immer schneller..."

Verzweiflung in der Schweiz, Hoffnung in Irland. Der irische Autor John Banville schreibt, nach dem Bschluss der IRA, die Waffen abzugeben: "Neinsager gibt es auf allen Seiten, und manche von ihnen sind extrem verbitterte, gefährliche Leute. Doch selbst eine von mehr als dreißig Jahren mörderischen Blutvergießens genährte Unruhe vermag die meisten von uns nicht davon abzuhalten, sich wenigstens für ein paar Tage echten Hoffnungen hinzugeben."

Wilfried Wiegand feiert Mohsen Makhmalbafs Film "Kandahar" (man betrachte das Foto), der bereits in Cannes lief und die verzweifelte Lage der afghanischen Frauen schildert. Präsident Bush hat ihn sich zeigen lassen, heißt es. In Paris läuft er jetzt in zehn Kinos an. Die "eindrucksvollste Szene des ganzen Films... zeigt Beinprothesen, die an Fallschirmen abgeworfen werden. Oben schweben die Beine am Himmel, unten humpeln mit ihren Krücken die durch Landminen verkrüppelten Männer um die Wette herbei." In Deutschland wird dieser Film ja wohl keinen Verleih finden, oder? Wer Näheres über Makhmalbaf wissen will und im Internet sucht, findet auf der sehr interessanten Adresse Iranian.com (Motto: "Nothing is sacred") einen sehr langen Text Makhmalbafs vom Juni 2001: "Limbs of no body - World's indifference to the Afghan tragedy".

Weiteres: Auf einer ganzen Seite voller verzweifelt blickender Kinskis, annonciert Andreas Platthaus eine Ausstellung über Kinski in Frankfurt. Der Germanist Frederick A. Lubrich findet die Doktrinen des internationalen Terrors bereits in der Figur des Leo Naphta aus dem "Zauberberg" wieder. Tilman Spreckelsen stellt das das international renommierte Puppentheater aus Halle vor. Gina Thomas berichtet, dass Masaccios zerstreuter Pisaner Altar für eine Ausstellung in London wieder zusammengefügt wurde. Timo John stellt Richard Meiers Modell für das Burda-Museum in Baden-Baden vor. Siegfried Stadler berichtet, dass das Herzoghaus Anhalt nun nach verschollenen Gemälden forschen lässt. Auf der Medienseite beschreibt Anne Scheppen das Versagen der japanischen Medien angesichts des Terrors - eine japanischer Fernsehsender bekam das einzige Einzel-Interview mit dem Botschafter der Taliban in Pakistan und fragte ihn nach der Zahl seiner Kinder und seinem Lieblingssport (Volleyball). Und Michael Hanfeld fragt: "Was passiert, wenn Wolfgang Clement die ZDF-Wahl torpediert?"

Besprechungen gelten einer Malewitsch-Ausstellung im Wiener Kunstforum, Achternbuschs "Daphne von Andechs" an den Münchner Kammerspielen, Shakespeares "Richard III." am Schauspielhaus Bochum, Marco di Baris Kammeroper "Camera obscura" in Venedig, einer Ausstellung mit tschechischer Fotokunst in Regensburg und dem Tanz-Festival von Montreal.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite werden CDs mit Werken von Max Reger, mit der "Macbeth"-Oper des Schweizers Ernest Bloch, mit geistlicher Musik von Johann Nepomuk Hummel und mit Jazz von Gary Burton und Christopher Dell vorgestellt.